15.12.2014

Eine Meldung und ihre GeschichteDie eiserne Nonne

Warum eine 84-jährige Ordensschwester unbedingt am Ironman auf Hawaii teilnehmen will
Der Apriltag, an dem sich das Leben von Schwester Madonna für immer veränderte, war sonnig und warm, an die Küste Oregons schwappte träge der Pazifik. Zum ersten Mal seit langer Zeit war die damals 48-jährige Nonne an einen Strand gefahren, nun zog sie die Schuhe aus und spürte den Sand. Fast kam es ihr vor, als hätte sie vergessen, wie schön die Welt außerhalb von Klostermauern war. Und wie entbehrungsreich die Eintönigkeit ihres Lebens. Sie lief.
Sie rannte über den Strand, im Sand, bis sie keine Luft mehr bekam. Das Kloster war mit einem Mal ganz weit weg, und Schwester Madonna, so erinnert sie sich, fühlte sich zum ersten Mal seit ihrer Kindheit wieder frei.
36 Jahre sind seit jenem Apriltag vergangen, 84 Jahre ist Schwester Madonna Buder heute alt. Sie sitzt in der Küche ihres kleinen Hauses in Spokane, im Bundesstaat Washington, und erzählt die Geschichte, die ihr Leben ist, am Telefon. Sie erzählt sie gut; sie hat sie schon oft erzählt. Nur auf eine Frage hat sie keine Antwort: Warum läuft sie noch immer? Schwester Madonna überlegt. Ihre Stimme klingt wie die einer jungen Frau. Sie höre erst auf, wenn Gott ihr ein Zeichen gebe, sagt sie. Aber bislang habe er sich noch nicht gemeldet.
Ihre Geschichte ist die einer Nonne, die anfing, Marathons und Triathlons zu laufen, weil sie sich befreien wollte. Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die nicht aufhören kann zu laufen, weil sie Angst hat, ihre Freiheit wieder einzubüßen.
Schwester Madonna stammt aus St. Louis, sie war ein eigensinniges Mädchen mit langen kastanienbraunen Locken, das es liebte, im Mississippi zu schwimmen, seilzuspringen und auf Bäume zu klettern. Als die Kleine 10 war, ließ ihre Mutter sie taufen und schickte sie auf ein katholisches Mädcheninternat. Als sie 14 war, beschloss sie, Nonne zu werden. Als sie 23 war, schnitt sie sich die Locken ab und zog ins Kloster.
Sie nannte sich Schwester Mary Madonna und kümmerte sich um Mädchen aus kaputtem Elternhaus; ihr Konvent schickte sie nach Kansas, San Francisco, New York und irgendwann nach Spokane.
In all den Jahren im Dienst Gottes stand sie um 4.45 Uhr auf und ging um 21 Uhr ins Bett. Dazwischen arbeitete und betete sie und betete und arbeitete. Eine Stunde am Tag durfte sie fernsehen. Sie war zufrieden. Das Leben im Kloster bestand aus klaren Regeln. Ihr gefielen die Regeln, sie gaben ihr Halt. Doch manchmal, wenn Schwester Madonna abends in ihrem Bett lag und keinen Schlaf fand, erinnerte sie sich an das Mädchen, das sie einmal war. Die Schwimmerin, die Seilspringerin. Dann kam der Tag am Pazifikstrand von Oregon.
Von da an lief sie jeden Tag. Sie besorgte sich ein Paar ausgetretener Tennisschuhe und rannte ums Sportfeld vor dem Kloster in Spokane, sie rannte durch den Wald und auf dem Bürgersteig. Sie begann zu trainieren. Erst lief sie Marathons, doch weil ihr Talent und ihre Ausdauer für noch mehr reichten als für 42 Kilometer, nahm sie bald darauf an Triathlons teil - und dann sogar am wohl härtesten Wettbewerb der Welt, dem Ironman auf Hawaii. Sie verabschiedete sich von den Mitschwestern und zog aus dem Kloster in eine eigene Wohnung. Nachts lag sie nun nicht mehr wach. Sie lief und schlief.
Sie reiste zu Rennen nach Australien, Neuseeland und Kanada. Mit 60 überholte sie 50-Jährige und mit 70 60-Jährige. Die Menschen bewunderten Madonna. Sie begannen, sie "Iron Nun" zu nennen. Eiserne Nonne. Zeitungen und Fernsehsender interviewten sie. Sie schrieb ein Buch: "The Grace to Race". Aus der Nonne wurde ein Medienstar. Ihr Leben war noch immer entbehrungsreich; aber nicht mehr eintönig.
Im Frühjahr dieses Jahres stürzte Schwester Madonna mit dem Fahrrad und brach sich die Hüfte. Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen um aufzuhören. Doch sie wollte unbedingt am Ironman auf Hawaii teilnehmen: 3,86 Kilometer schwimmen, 180,2 Kilometer Fahrrad fahren, 42,195 Kilometer laufen.
Das ist, als würde man an einem Tag 154 Bahnen schwimmen, anschließend von Berlin nach Leipzig mit dem Fahrrad fahren und zum Abschluss noch 105 Runden um den Sportplatz laufen. Beim Ironman geht es nicht ums Gewinnen; es geht darum, nicht aufzugeben.
Schwester Madonna ist 1,70 Meter groß und 52 Kilogramm schwer. Frauen hohen Alters haben normalerweise einen Körperfettanteil von 35 Prozent. Sie kommt auf 7 Prozent.
Als sie am Pier von Kailua-Kona an den Start ging, trug sie ihre Halskette mit dem goldenen Kreuz; ansonsten hatte sie an, was alle anderen Triathleten auch tragen: einen Schwimmanzug, eine Badekappe und eine Schwimmbrille.
Es war ein windiger Tag. Um 7 Uhr tauchte Schwester Madonna ins Wasser. Sie begann zu kraulen. Es kam ihr vor, als bewege sie sich keinen Zentimeter.
Um 9.18 Uhr wankte sie aus dem Wasser. Sie sprach mit Gott oder mit sich selbst, so genau, sagt sie, wisse sie das auch nicht mehr. Sätze wie: Ich bin so müde. Ich kann nicht mehr. Sie sagte: Ich möchte ins Bett. Sie sagte: Oh nein! Du hast es angefangen. Halte durch.
Um 9.31 Uhr stieg Schwester Madonna aufs Fahrrad.
Gib auf! Nein! Mach weiter!
Nach 120 Kilometern auf dem Fahrrad nahmen die Schiedsrichter sie aus dem Rennen. Es fühlte sich für sie an, als habe man sie begnadigt.
Schwester Madonna sagt, das Leben sei Schmerz, die Erlösung komme erst, wenn es vorbei sei. Im Grunde sei das Leben wie ein Ironman. Ihre Stimme klingt müde.
Wenn sie aus dem Fenster ihres Hauses blickt, sieht sie eine Straße, gesäumt von Kiefern und Kastanien. Jeden Morgen, um kurz vor sieben Uhr, rennt sie diese Straße entlang, um ins Kloster zur Morgenmesse zu laufen. Es ist das Kloster, in dem sie einst lebte. Es ist vier Kilometer entfernt. Es kommt ihr heute viel weiter vor.
Von Björn Stephan

DER SPIEGEL 51/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Die eiserne Nonne

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil