15.12.2014

Galápagos„Dieser Ort hat Magie“

Der deutsche Börsenexperte Swen Lorenz, 39, seit 2011 Chef der Charles-Darwin-Gesellschaft, über den drohenden Bankrott der Organisation
SPIEGEL: Herr Lorenz, eine hoch angesehene, 1959 gegründete Forschungsgesellschaft könnte pleitegehen, weil ihr Andenkenladen dichtmacht - können Sie das erklären?
Lorenz: Die Charles Darwin Foundation hatte schon immer finanzielle Probleme. Ich habe vor drei Jahren als neuer Geschäftsführer millionenschwere Altlasten vorgefunden, unter anderem, weil viel zu viele Leute eingestellt worden sind, als wegen einiger internationaler Konferenzen auf den Galápagosinseln vor 15 Jahren mal Geld da war. Die Forschungsstation hat hohe Kosten, etwa für den laufenden Betrieb oder für die Unterhaltung einer Sammlung wissenschaftlicher Präparate, aber für die finden Sie keine Sponsoren. Geldgeber finanzieren lieber die Rettung der Riesenschildkröten als unsere Stromrechnung.
SPIEGEL: Haben Sie denn keine Rücklagen?
Lorenz: Eben nicht - mir war klar, dass wir Geld verdienen müssen. Es gab bereits einen Souvenirshop, aber der hatte die Größe einer Würstchenbude. Daraus habe ich ein Unternehmen gemacht, das uns einen Gewinn von rund 500 000 Dollar pro Jahr gebracht hätte. Unser Budget beträgt 3,5 Millionen, das ist also viel Geld.
SPIEGEL: Was haben Sie denn in dem Laden verkauft?
Lorenz: Am besten liefen T-Shirts, Jacken und Mützen mit dem Logo der Forschungsstation, aber auch ecuadorianische Schokolade, Bücher, Schmuck, Drucke einheimischer Künstler, Sonnenbrillen und Outdoorkleidung. Die Leute wussten ja, dass der Gewinn der Forschung auf den Galápagosinseln zugutekommt. Die wollten Geld ausgeben.
SPIEGEL: Was ist dann schiefgegangen?
Lorenz: Einige der einheimischen Betreiber von Andenkenläden haben sich beschwert, weil wir ihnen Konkurrenz machten. Die Stadtverwaltung von Puerto Ayora hat uns dann den Betrieb untersagt.
SPIEGEL: Können Sie Ihre Mitarbeiter noch bezahlen?
Lorenz: Wir sind mit den Gehältern zwei Monate im Rückstand. Die Gesellschaft hat schon immer von der Hand in den Mund gelebt, auch deswegen, weil den Wissenschaftlern alles suspekt war, was nach Kommerz aussah. Das sehen die inzwischen anders. Wenn wir jetzt keine Lösung finden, kann es sein, dass wir noch diesen Dezember schließen müssen
SPIEGEL: Wird sich dann niemand mehr um den Schutz der Inseln kümmern?
Lorenz: Es gibt inzwischen auch andere Naturschutz- und Forschungsorganisationen auf dem Archipel. Aber nur die Darwin Foundation ist unabhängiger wissenschaftlicher Berater der Regierung Ecuadors. Wir sind die Stimme von Galápagos, die auf der ganzen Welt ernst genommen wird. Keine andere Organisation betreibt Wissenschaft speziell zum Erhalt der einzigartigen Natur der Inseln. Dass Touristen zum Beispiel heute noch die berühmten Galápagos-Riesenschildkröten bestaunen können, genau wie Charles Darwin vor 180 Jahren, verdanken sie dem Nachzuchtprogramm der Forschungsstation. Die Wissenschaftler mussten erst einmal herausfinden, wie man die Schildkröten überhaupt dazu bringt, dass sie sich vermehren.
SPIEGEL: Das war in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ...
Lorenz: Aber können Sie sich die Galápagosinseln ohne Darwin-Finken vorstellen? Auf dem Archipel ist noch nie eine Vogelart ausgestorben, doch gegenwärtig sind mehrere akut bedroht. Wir haben Riesenprobleme mit einer eingeschleppten Fliege. Sie heißt Philornis downsi und legt ihre Eier in Vogelnestern ab, die Larven saugen das Blut der Jungvögel. Oft stirbt der gesamte Nachwuchs im befallenen Nest. Wir leiten ein internationales Forscherteam, das nach Wegen sucht, diesen Eindringling in Schach zu halten.
SPIEGEL: Für solche Projekte gibt es doch sicher Forschungsgelder?
Lorenz: Ja, aber die decken eben nicht die ganzen Verwaltungskosten. Ich bin sicher, dass die Gesellschaft genug Geld verdienen kann, um überleben zu können. Aber dafür braucht sie noch Zeit. Seit Kurzem zum Beispiel können Besucher oder andere Interessierte Mitglied der Charles Darwin Foundation werden. Das gab es bis jetzt noch gar nicht. Und wir bieten Studienaufenthalte in der Forschungsstation an. Aber diese Programme sind gerade erst gestartet.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Zeit überbrücken, bis diese Ideen genug abwerfen?
Lorenz: Ich treffe mich in den nächsten Tagen mit möglichen Geldgebern. Wir hoffen, dass wir wieder Kapital aufbauen können und dass auch der Shop irgendwann wieder öffnen kann. Uns fehlen ja nicht nur die Einnahmen des Ladens - wir haben auch Lieferverträge, ein Warenlager, Angestellte.
SPIEGEL: Früher waren Sie Börsenexperte und haben Anlegern Tipps gegeben - haben Sie sich jetzt verkalkuliert?
Lorenz: Überhaupt nicht. Galápagos ist ein magischer Ort. Wen er einmal gepackt hat, den lässt er nie mehr los. Wenn ich dort in meinem Büro sitze, kann es passieren, dass ein Leguan hereinspaziert. Und ich muss nur aus dem Fenster schauen, um zu wissen, wofür ich das alles mache.
Interview: Julia Koch
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 51/2014
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