15.12.2014

KarrierenLaborratten auf Kokain

Die Band Fleetwood Mac hat Hits produziert und ihren Liebeskummer öffentlich zelebriert. Schlagzeuger Mick Fleetwood zieht jetzt die Bilanz seiner Zeit als Anführer der Rock-Bohemiens.
Im Februar 1970 versetzten ein paar in Großbritannien unbekannte Münchner Hippies der britischen Bluesrockband Fleetwood Mac einen harten Schlag. Nach einem Konzert im Münchner Deutschen Museum verschleppten Uschi Obermaier und Rainer Langhans den damaligen Bandleader Peter Green in ihre sogenannte Highfisch-Kommune, in ein kleines Schloss vor den Toren der Stadt. Green ging bereitwillig mit und nahm mit seinen Gastgebern allerlei Drogen. Nach anderthalb Tagen fanden ihn seine Bandkollegen: schwer verstört und zornig herumbrüllend, dass er bei seinen neuen deutschen Freunden bleiben wolle.
"Wir haben getrippt, gejammt, sind auf LSD durch die Räume gefloated", erinnert sich Langhans an den Gast, Peter Green habe er als "weichen, verletzlichen und sehr liebesfähigen Menschen" wahrgenommen. "Mit Uschi hatte er keine besondere Verbindung. Er war ihr zu stark behaart, meinte sie." Green sei anders nützlich gewesen: "Er war es, der uns den Kontakt zu den Stones verschafft hat, und Uschi konnte sich ihren Traum erfüllen und ihre Affäre mit Mick Jagger beginnen."
"Diese Deutschen nutzten ihn nur aus", schreibt Mick Fleetwood nun über jene Tage vor fast 45 Jahren. Einige von ihnen "folgten Peter bis nach London, zogen bei ihm ein und schmissen weiter Trips mit ihm. Peter wurde immer launischer und fing an, über sein ,unreines Geld' zu reden. Er wurde langsam verrückt."
Es sind halsbrecherische Zeiten, die der Musiker Fleetwood in seinem jetzt erschienenen Buch mit dem Titel "Play on" beschwört, Zeiten voller Nervenkrisen, Liebesaffären und Drogentrips(*). "Es geht mir bei dem, was ich erzähle, nicht um die Abrechnung mit irgendwelchen Leuten", sagt er. "Ich bin auch diesen Deutschen, die übrigens wahnsinnig schöne Menschen waren, nicht wirklich böse. Ich suche nur nach einer Antwort auf die Frage: Wie habe ich das alles überlebt?"
Fleetwood ist ein großer, schlaksiger Mann, sein weißer Bart ist akkurat gestutzt, sein Gesicht gebräunt, er trägt Hemd und Weste und ist mit Sorgfalt als britischer Landedelmann gekleidet, seine blauen Augen strahlen. Mit dem Gitarristen Peter Green hat er 1967 die Band Fleetwood Mac gegründet. Die wurde zweimal
in fast völlig unterschiedlicher Besetzung sehr berühmt. Ende der Sechziger in Großbritannien mit Songs wie "Albatross" und Green als kreativer Führungskraft. Und dann Mitte der Siebziger in Kalifornien durch Songs wie "Say You Love Me" oder "Dreams", in denen die Sängerinnen Christine McVie und Stevie Nicks sowie Gitarrist Lindsey Buckingham die Band dominierten. Nicks und Buckingham sind Amerikaner.
"Ich singe nicht. Ich schreibe keine Songs. Und ich spiele nur ganz okay Schlagzeug", sagt der 67-jährige Fleetwood, während er im Frühstücksraum eines Hotels in Manchester sitzt, wo er am Abend zuvor in einer Fernsehsendung aufgetreten ist. "Aber mein Talent war es, den Laden Fleetwood Mac mehr als vier Jahrzehnte lang zusammenzuhalten."
Fleetwoods Autobiografie "Play on" ist die Bilanz eines Geschäftsmanns, der sich um eine sehr britische Zurückhaltung bemüht. Das unterscheidet das höchst unterhaltsame Buch, das er zusammen mit einem Journalisten über eine selbst für Popverhältnisse extrem kurvenreiche Karriere verfasst hat, von anderen Musikerbüchern: Hier werden akkurat Gewinne und Verluste aufgelistet. Auch menschliche.
Über die Seelenkrankheit Peter Greens, der nach der Zeit mit Fleetwood Mac Jahre in Kliniken und Therapie verbrachte, heißt es darin: "Vielleicht war sie nur ein Symptom seiner inneren Suche."
Über Jeremy Spencer, einen anderen Musiker der Band, der 1971 während eines Gastspiels in Los Angeles im Meskalinrausch an die Jünger einer christlichen Sekte verloren ging, die ihm erst mal die Haare schoren, notiert Fleetwood nüchtern: "Ich befürchtete, die Psychodrogen hatten dauerhaften Schaden bei ihm angerichtet."
Über seine Sex-Eskapaden mit der Sängerin Stevie Nicks, die 1977 nach den Aufnahmen zu dem Fleetwood-Mac-Album "Rumours" begannen, schreibt Fleetwood: "An Intensität war es eine richtiggehende Hollywood-Affäre, auf einer Stufe mit Richard Burton und Elizabeth Taylor."
Man merkt: Fleetwood, Sohn eines britischen Offiziers mit unerfüllten schriftstellerischen Neigungen, zeichnet sich durch eine Robustheit aus, die man mitunter für Rohheit halten kann. Immerhin huldigt er ausgiebig seiner ersten Ehefrau Jenny Boyd, die er damals mit Stevie Nicks betrog. Jenny, seinerzeit berühmt als Model und Schwester der George-Harrison- und Eric-Clapton-Ehefrau Pattie Boyd, sei bis heute eine "Seelenverwandte".
Entschieden dementiert Fleetwood die Legende, er habe so viel Kokain geschnupft, dass man daraus eine Linie legen könnte, die von der Erde bis zum Mond reichen würde. "Totale Übertreibung. Es war eine Menge, gut. Aber es würde höchstens dafür reichen, dass man eine Linie einmal rund um den Hyde Park baut."
Nicht die feinsinnige Erinnerungsarbeit macht die Kraft der Autobiografie "Play on" aus, sondern die plastische Beschreibung zweier kulturhistorisch magischer Orte: des Swinging London der Sechzigerjahre und des Kalifornien der Siebziger.
1963 landete der gerade 16-jährige Fleetwood nach abgebrochener Schulausbildung im Londoner Stadtteil Notting Hill, wo seine große Schwester Sally Bildhauerin war. Bald wurde er Drummer einer Band namens The Cheynes, die als Vorgruppe der Yardbirds und der Rolling Stones spielte. In jenen "Tagen der Boheme", von denen er in "Play on" erzählt, rauchte Fleetwood mit dem Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones Haschisch, feierte Partys mit schrillen Aristokraten und war erfüllt vom Gefühl, Akteur eines Umbruchs zu sein, der "die kulturelle Identität Englands und der ganzen Welt veränderte".
Im Umkreis von John Mayall und dessen Band The Bluesbreakers fand Fleetwood 1967 mit Peter Green und dem Bassisten John McVie zusammen. Green dachte sich den Bandnamen Fleetwood Mac aus. Als sie mit ihrem Debütalbum Erfolg hatten, tourten sie 1968 erstmals in den USA. "In Amerika wurde in einem völlig anderen Ausmaß gekokst, gekifft oder mit Halluzinogenen experimentiert", berichtet Fleetwood. Die Band trat mit Grateful Dead auf und wohnte mit deren Chefs Jerry Garcia ("ein warmherziger Mensch") und Phil Lesh unter einem Dach. Durch einen Grateful-Dead-Tontechniker kamen sie später an LSD, das Green zum Verhängnis wurde.
Als Green sich 1970 verabschiedete, hielt Mick Fleetwood das Unternehmen Fleetwood Mac mit McVie am Leben. Das Anheuern und Feuern immer neuer Musiker wurde zur Routine. Doch dann kam es 1973 mitten in einer US-Tournee zum Bruch: wegen einer bandinternen Liebesaffäre. Für öffentlich zelebrierte Beziehungsdramen wurde Fleetwood Mac später berüchtigt; zunächst führte Mick Fleetwoods Verbitterung über eine Affäre seiner Ehefrau Jenny Boyd mit dem Gitarristen Bob Weston dazu, dass der damalige Manager der Band frech den Bandnamen klaute. Während Fleetwood sich zur Liebes-Trauerarbeit nach Afrika verzog, schickte der Manager ein paar Mietmusiker als Ersatzband unter dem Namen Fleetwood Mac auf Tour. Zweieinhalb Jahre lang wurde prozessiert, bis Fleetwood und McVie den Bandnamen zurückerhielten.
Auch wegen dieses Rechtsstreits lebten die Briten mittlerweile in Los Angeles. Dort lernten sie das Musikerpaar Lindsey Buckingham und Stevie Nicks kennen und nahmen mit ihnen ein erstes, schon sehr erfolgreiches Album auf - in einem Studio, in dem Kokain als "weißes Pulver von den Wänden zu rieseln" schien, so Fleetwood. "Kokain war neu und nichts Böses damals." Es habe sogar einen Drogenexperten im Studio gegeben, der mit chemischen Tests die Reinheit des Stoffs prüfte.
Während es in den Liebesbeziehungen praktisch sämtlicher Bandmusiker kriselte, machte man sich dann in der Nähe von San Francisco an ein Projekt namens "Rumours". "Wir hatten so eine Hippie-Idee vom gemeinsamen Leben und Arbeiten", sagt Fleetwood. "Wir wussten nicht, dass wir uns das Leben zur Hölle machen würden." Er hüstelt nervös. "Ich meine, wir haben uns betäubt, weil wir alle unglücklich verliebt waren. Aber wir waren jung, wir waren keine Junkies, denen die Spucke aus dem Mund hing. Wir waren eher wie Menschen im Paris der Zwanzigerjahre: gesunde, verrückte junge Leute, die nicht an die Gefahr dachten. Wir haben uns mit unserer Musik im Studio eingesperrt. Wir waren Laborratten auf Kokain, die sich voller Hoffnung einem Experiment widmeten."
Das "Rumours"-Album mit Hits wie "Go Your Own Way" wurde bis heute rund 40 Millionen Mal verkauft, ein Superseller, übertroffen erst 1982 von Michael Jacksons "Thriller". Fleetwood nennt das Dokument radikal öffentlich inszenierten Liebeskummers ein "Tagebuch unseres Schmerzes".
Es folgten weitere Trennungen und Wiedervereinigungen, Hitparadenerfolge und Durststrecken auf den "Rumours"-Triumph. Mindestens zweimal ging Mick Fleetwood in Konkurs. Seit September sind die McVies, Stevie Nicks, Buckingham und Fleetwood wieder gemeinsam auf Konzerten in aller Welt unterwegs.
Wohl ihren schönsten Auftritt hätten sie 1993 bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Bill Clinton gehabt, sagt Fleetwood. Damals sangen sie für Clinton "Don't Stop", jenes berühmte Lied, in dem es heißt, man solle stets an morgen denken.
Mick Fleetwood lebt heute auf der Hawaii-Insel Maui. Er hat seit Kurzem eine neue junge Frau an seiner Seite und ist stolz auf sein gutes Verhältnis zu sämtlichen Exgefährtinnen und den vier Kindern. Er sagt: "Ich habe nie an das Morgen gedacht. Vielleicht war das ein Fehler. Aber ich wollte immer nur, dass am Abend der Vorhang hochgeht."
Das Album "Rumours", ein Superseller der Popgeschichte, ist für Fleetwood ein "Tagebuch unseres Schmerzes".
* Mick Fleetwood mit Anthony Bozza: "Play on". Wilhelm Heyne Verlag, München; 400 Seiten; 22,99 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 51/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Laborratten auf Kokain

Video 03:13

Extreme Trockenheit Die Mini-Sahara von Brandenburg

  • Video "Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen" Video 00:50
    Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen
  • Video "Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft" Video 00:53
    Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft
  • Video "Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer" Video 01:02
    Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer
  • Video "Videoanalyse: Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu" Video 02:35
    Videoanalyse: "Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu"
  • Video "Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn" Video 01:38
    Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Video "Amal Clooney vor der Uno: Dies ist Ihr Nürnberg-Moment" Video 01:29
    Amal Clooney vor der Uno: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg" Video 03:13
    Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg