15.12.2014

SPIEGEL-Gespräch„Schrei nach Freiheit“

Der in Syrien geborene Dichter Adonis zieht eine Bilanz des Arabischen Frühlings. Im Zentrum der Tragödie sieht er die Unvereinbarkeit von Religion und Demokratie.
Das Café de Flore im Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés ist ein fast schon mythischer Ort mit einer Tradition von mehr als hundert Jahren, ein legendärer Treffpunkt von Geist, Kunst und Politik. Der Dichter Guillaume Apollinaire redigierte dort seine Artikel, André Breton begründete den Surrealismus, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir wärmten sich während der deutschen Besatzung am großen Ofen im Saal. Im Flore verkehrten die Revolutionäre Leo Trotzki und Zhou Enlai. Die Brüder Giacometti, Pablo Picasso, die Sängerin Juliette Gréco und die Schauspielerin Simone Signoret fühlten sich wie zu Hause. Im ersten Stock, wo es inmitten des Touristengetümmels etwas ruhiger zugeht, wartet ein kleiner alter Herr in der Ecke auf einer der roten Sitzbänke: Adonis, vielleicht der bedeutendste lebende Dichter der arabischen Welt, schon mehrmals Kandidat für den Literaturnobelpreis. Zum Auftakt des Gesprächs bestellt er eine Poire Williams im Schwenkglas, den duftenden Birnenschnaps (Grappa, seine erste Wahl, hat der Kellner nicht), und beklagt den kulturellen Niedergang der französischen Hauptstadt wie des Genius Loci von Saint-Germain: "Kein Vergleich mit den Sechzigerjahren!"
Adonis, die mythologische Figur, die für Schönheit, Liebe, Tod, Wiedergeburt und Fruchtbarkeit steht, ist das Pseudonym von Ali Ahmad Said Esber. 1930 in Syrien nahe der Hafenstadt Latakia in einer alawitischen Familie geboren, ging er nach dem Philosophiestudium in Damaskus nach Beirut, wo er als Dozent, Journalist und Literat arbeitete und die libanesische Staatsbürgerschaft annahm. Seit 1985 lebt er in Paris.
Bekannt wurde er mit dem 1961 veröffentlichten Gedichtband "Die Gesänge Mihyars des Damaszeners". Schon darin klang sein Leitmotiv der schöpferischen - und ketzerischen - Zerstörung des Alten an, des Individuums, das sich den traditionellen islamischen Herrschaftsformen und dem Diktat der Gemeinschaft widersetzt. Als "leidenschaftlicher Rebell gegen die geistige Erstarrung der arabischen Kultur" wurde er 2011 mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. Seine verschlüsselte Bildersprache mit ihrem mystischen Einschlag erneuerte die arabische Dichtkunst, die in der Überlieferung vor allem eine Lobpreisung Gottes und der Herrschenden ist, auf hintergründig subversive Weise. Adonis wurde ein Dissident im Namen des Humanismus, 1995 schloss man ihn aus der syrischen Sektion des arabischen Schriftstellerverbands aus.
Seine Gedanken, Artikel und Essays zum Arabischen Frühling sind in diesem Jahr im Sammelband "Printemps Arabes. Religion et Révolution" auf Französisch erschienen (Editions de la Différence). Darin rechnet der 84-jährige Poet mit der Illusion ab, es könne in seiner arabischen Heimatwelt eine fortschrittliche Revolution ohne einen radikalen Bruch mit dem Islam geben.
SPIEGEL: Adonis, als der Arabische Frühling vor vier Jahren begann, sah es so aus, als stünde der Nahe Osten vor einer Zeitenwende. Die Völker schienen sich anzuschicken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Warum ist die Revolution fast überall so schrecklich gescheitert, vor allem in Ihrer Heimat Syrien?
Adonis: Auch ich hatte mir zunächst große Hoffnungen gemacht, als ich die Massen auf die Plätze strömen sah. All die jungen Leute, die Frauen - sie schienen einen neuen Horizont zu erschließen, den der Demokratie mit einer Zivilgesellschaft, einer Gesellschaft des Rechts, der Gleichheit und der Freiheit. Ein Aufbruch in Freude, Liebe und Freundschaft. Eine Bewegung des Lebens und der Menschlichkeit. Ein Überwinden der Trägheit, der Starre und der Bewegungslosigkeit. Ein Ruf aus dem Innersten des Menschen - der Schrei nach Freiheit. Freiheit noch vor Brot und Arbeit, denn was ist das Brot wert, wenn es dem Knecht gereicht wird? Was ist die Arbeit wert, wenn sie nicht Kreativität und Schöpfung ist, die Geist und Körper entspringt?
SPIEGEL: Sie beschreiben eine sehr poetische Vision der Revolution.
Adonis: Sie hätte der Prolog eines neuen Zeitalters der Aufklärung in der arabischen Welt werden können. Stattdessen ist sie zum Kampf um die Macht degeneriert. Der Weg zum Humanismus führt über ein Paradox, das Gandhi uns vorgeführt hat: Revolution durch Nicht-Revolution, ohne Gewalt und Zerstörung. Ich stehe an der Seite Gandhis, nicht an der von Che Guevara.
SPIEGEL: Gegen einen entschlossenen Diktator kann gewaltloser Widerstand in der Regel wenig ausrichten.
Adonis: In jedem Diktator steckt ein zu feiger Flucht bereiter Angsthase. Das haben Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten gezeigt. Ich bin ein entschiedener Gegner jeder Form von Gewalt, auch dann, wenn sie sich auf das Recht zum Widerstand beruft. Das Übel lässt sich nicht mit dem Übel bekämpfen. Der Zweck rechtfertigt nicht die Mittel, denn die Mittel verändern den Zweck, und schlechte Mittel verderben den besten Zweck.
SPIEGEL: Assad ist nicht aus Damaskus geflohen. Was bleibt einem Volk übrig, wenn es mit der Gewalt des Unterdrückers konfrontiert wird?
Adonis: Man muss die Verzweiflung eines umstellten, eingesperrten Volkes verstehen. Aber die Gewalt bringt keine schöpferische Lösung hervor. Töten ist leicht, es ist barbarisch, unmenschlich, nutzlos. Mein Widerstandsheld ist der junge Mann, der sich in Peking dem Panzer in den Weg stellte. Das ist die Erhebung in ihrer reinsten Form: Kommt her, tötet mich oder redet mit mir.
SPIEGEL: Der Aufstand der Studenten in Peking wurde blutig niedergeschlagen. Auch Assad ließ als Erster feuern.
Adonis: Es liegt mir fern, Assad und sein Regime zu verteidigen. Er muss gehen. Aber er ist jetzt sicherer verschanzt als am Anfang. Die syrische Revolution ist keine Revolution mehr. Bewaffnete Gruppen von innen und außen bekriegen eine tyrannische Regierung, indem sie die gleiche Gewalt wie jene anwenden. Was ist gewonnen, wenn das eine Regime durch das nächste ersetzt wird? Was bedeutet eine Revolution, die sich darauf konzentriert, die Macht zu erobern, ohne die sozialen, kulturellen und mentalen Strukturen zu verändern?
SPIEGEL: Sie können doch nicht einfach die Gewalt des Diktators gegen die der Aufständischen aufrechnen. Damit lässt sich jeder Freiheitskampf diskreditieren.
Adonis: Syrien hat das Stadium des Freiheitskampfes längst hinter sich gelassen. Der Griff zu den Waffen und der Ruf nach Waffenhilfe des Auslands waren der Sündenfall der Opposition. Sie ist heute nur noch die andere Seite des Regimes, das sie stürzen will. Das war die Frage, die mich von Anfang an beunruhigte: Kündigt sich im Arabischen Frühling eine wirkliche Befreiung an oder eine Wiederkehr der Unterdrückung in anderer Form? Die Gesellschaft ändert sich nicht automatisch, wenn die Macht die Seite wechselt.
SPIEGEL: Woran liegt das? Gewalt, Despotismus und Unterentwicklung sind doch keine historische Fatalität. Die Völker Ost- und Mitteleuropas haben es geschafft, sich gewaltlos vom Kommunismus zu befreien.
Adonis: In den arabischen Gesellschaften ist Demokratie nur ein leeres Wort. Die Forderung nach Demokratie bedeutet nicht, dass diejenigen, die sie stellen, wirkliche Demokraten sind. Die Araber haben nie einen demokratischen Prozess kennengelernt, weder in ihrer Geschichte noch in ihrem gegenwärtigen Leben. Der Begriff der Demokratie bleibt ein Fremdkörper in ihrem kulturellen Erbe. Wir Araber haben durch unsere gesamte Geschichte hindurch nie einen Staat freier und gleicher Bürger, einen Staat von "citoyens", errichten können. Die Demokratie gründet auf einer Kultur, die wir Araber nicht haben.
SPIEGEL: Läuft nicht die globale Entwicklung auf eine Ausbreitung der Demokratie hinaus?
Adonis: Die Zeithorizonte des Fortschritts sind verschieden. Die Moderne ist in die arabische Welt wie ein Ding von außen gekommen, als technisches Objekt. Für die reichen arabischen Staaten ist sie ein Gegenstand des Konsums: Autos, Flugzeuge, Architektur, Elektronik - aber die Kreativität hinter der Technik, die Autonomie der Vernunft, der Intellekt als schöpferische Kraft bleiben draußen. Die Araber konsumieren die Modernität, ohne ein Teil von ihr zu sein. Sie verinnerlichen sie nicht.
SPIEGEL: Sie meinen, das Zeitalter der Aufklärung sei an ihnen vorbeigegangen? Als Behauptung eines Europäers könnte das als kulturelle Arroganz aufgefasst werden.
Adonis: Der Islam und seine Gesetze haben nichts mit dem zu tun, was man Demokratie nennt. Renaissance, Reformation, Aufklärung sind historische Wegmarken der humanistischen Revolution des Westens. Sie fehlen in der arabischen und islamischen Geschichte. Es kommt darauf an, aus der himmlischen, kollektiven und göttlichen Zeit heraus- und in die irdische, individuelle und menschliche Zeit einzutreten. Diese Bedingung der Demokratie wird nur erfüllt, wenn sich verwirklicht, was ich wie so viele arabische Denker und Dichter erhoffe und verlange: die radikale Trennung des Religiösen vom Politischen.
SPIEGEL: Das ist auch für das christliche Abendland ein langer und schmerzhafter Prozess gewesen.
Adonis: Wir reden jetzt von der Moderne, nicht vom Mittelalter. Die Christen haben die innere Revolution vollzogen. Ohne diese gibt es keine Demokratie und keine Menschenrechte. Sie beruht auf der Anerkennung des anderen in seinem Anderssein, im Recht auf Differenz.
SPIEGEL: Individualismus statt Panislamismus?
Adonis: Im Islam schickt der Himmel seine Armeen gegen die Erde. Das Himmlische, das nur im Imaginären existiert, ist das alles beherrschende Gesetz. Dabei stirbt der Mensch, an seine Stelle rückt die Doktrin. Der heilige Krieg wird zum obersten Sinn der menschlichen Existenz: Sei so wie ich, oder ich lösche dich aus. Die Religion unterwirft die Menschen ihrem Text, ihrem heiligen Buch, bis hin zur Vernichtung des Menschen: Mal tötet man seine Gedanken, mal seinen Körper. Am Anfang steht der Mord, nicht das Wort.
SPIEGEL: Eine monotheistische Religion kann nie wahrhaft demokratisch sein. Aber sie lässt Toleranz zu. Das hat auch die Geschichte des Islam bewiesen.
Adonis: Sicherlich, doch die Toleranz bleibt eine zwiespältige Tugend. Wenn eine Gemeinschaft eine andere toleriert, dann um sie unterschwellig zu beherrschen. Die Toleranz ist eine Gnade, welche die herrschende Macht als Inhaberin der Wahrheit dem anderen gewährt, ohne ihn in seiner Verschiedenheit wirklich anzuerkennen. Mit Toleranz allein lässt sich keine Demokratie errichten, denn diese setzt die Gleichheit aller voraus.
SPIEGEL: Fast überall haben sich religiöse Kräfte des revolutionären Elans bemächtigt. Statt in der Öffnung auf die Zukunft sucht man das Heil in der Rückwendung zur Vergangenheit. Wie erklären Sie diese verkehrte Dialektik der Geschichte?
Adonis: Die Zukunft kann niemals in der Reproduktion der Vergangenheit liegen. Der verklärende Blick zurück, die Beschwörung dessen, was die Vorfahren geleistet haben, schafft die falsche Utopie eines vermeintlich goldenen islamischen Zeitalters. Die Wiedererrichtung des Kalifats ist eine Ausgeburt des Obskurantismus. Unglücklicherweise fängt sogar die Türkei unter Erdoğan an, von einer Rückkehr zum Osmanischen Reich zu träumen. Die religiösen Kräfte lagen immer auf der Lauer. Sie setzen sich an die Spitze der revolutionären Bewegung und entführen sie in Richtung eines religiösen Faschismus, der gefährlicher ist als der militärische. Der Nahe Osten ist ein Theater der Grausamkeit und des Terrors geworden, auf dessen Bühne die Ruinen und die Massaker die furchtbaren Kulissen eines Pseudoheroismus bilden.
SPIEGEL: Assad in Damaskus, aber auch das Militärregime in Kairo erscheinen dagegen wie das kleinere Übel?
Adonis: Assad kann sich heute auf die gemäßigten Reste der zerfallenen syrischen
Gesellschaft stützen, sie bilden seine verbliebene Stärke. Der militärische Faschismus lässt einen vielleicht in Ruhe, wenn man nicht aufmuckt. Der religiöse Faschismus aber ergreift das ganze Leben bis in den privaten Alltag hinein. Er schafft eine geschlossene Welt, in der der andere nicht existiert außer als todeswürdiger Renegat. Gott selbst hat nichts mehr zu sagen, weil er sein letztes Wort zu seinem letzten Propheten bereits gesprochen hat. Jeder Mord an einem "Ungläubigen" wird für den Gläubigen ein Akt der Katharsis, jede Enthauptung eine religiöse und ästhetische Inszenierung. Der Selbstmordattentäter ist darin ein mythischer Held, dessen vorgebliches Märtyrertum zur Nachfolge aufruft. Ich kann dagegen nur wiederholen: Die arabische Revolution wird eine kulturelle sein, oder sie wird gar nicht sein.
SPIEGEL: Woher soll sie kommen? Wo sind die arabischen Intellektuellen, die ihre Stimme erheben? Stattdessen hören wir auch in Europa immer wieder muslimische Wortführer, die ihr Islamverständnis auslegen und anpreisen. Existiert eine arabische Kultur außerhalb des Islam?
Adonis: Es gibt mich!
SPIEGEL: Sie leben seit 30 Jahren im Exil in Paris, Sie haben Syrien vor einem halben Jahrhundert verlassen.
Adonis: Viele stehen auf derselben Seite wie ich. Sonst würde eine totale Geistesfinsternis über der arabischen Welt herrschen. Aber sie dringen nicht durch. Sie werden an den Rand gedrängt, zum Verstummen gebracht, als Apostaten verfolgt und mit dem Tod bedroht. Schriftsteller, Dichter, Intellektuelle haben nichts als das Wort. Finden sie kein Gehör, existieren sie nicht. Der Westen hört sie nicht, weil er nicht auf sie hört. Er sieht nur den bewaffneten Widerstand, in dem revolutionäre und kriminelle Ziele nicht mehr zu unterscheiden sind. Er betrachtet den arabischen Raum als islamischen Block, nicht als kulturelle und zivilisatorische Schichtung. Ihn interessiert nur die horizontale Perspektive, nicht die vertikale.
SPIEGEL: Alle großen Revolutionen, von der französischen 1789 über die russische 1917 und die chinesische 1949 bis zu den osteuropäischen, hatten ihre intellektuellen und programmatischen Vordenker: Mirabeau und Danton, Lenin, Mao, Václav Havel und viele andere. Wo sind die arabischen Sinngeber?
Adonis: Die arabische Ideologie hat kein spekulatives Denken wie etwa den deutschen Idealismus hervorgebracht. Sie hat vielmehr Mittel und Werkzeuge bereitgestellt, welche die ständige Wiederholung der Dinge feststellen und rechtfertigen. Sie hat den Intellektuellen als Herold des Regimes eingemauert und seiner geistigen Vitalität entleert. Die kulturelle Dimension ist zum Zierrat der Machtapparate verkommen. Der Islam ersetzt in dieser platonischen Höhle mit ihrem Schattenspiel die Vision der Welt und des Menschen. An die Stelle von "Arabertum" oder "Nationalismus" rückt der Islam, an die Stelle der arabischen Öffentlichkeit die Gemeinschaft der Gläubigen. Doch das ist der Tod des freien, selbstständig denkenden Individuums: Es hat nicht das Recht, nicht gläubig zu sein. Diese Unkultur, auf der geistigen Ebene dargestellt durch den orthodoxen Islam, auf der materiellen symbolisiert durch den Ölreichtum, beherrscht und leitet die arabische Kultur.
SPIEGEL: Das klingt, als würden Sie Saudi-Arabien als das Zentrum der arabischen Finsternis identifizieren.
Adonis: Die Syrer mögen die Saudis nicht. Sie lehnen den Wahhabismus ab. Die Mehrheit der syrischen Muslime hat einen mehr oder weniger mystischen Glauben, geprägt durch die Tradition des Sufismus, in der Gott nicht als Person existiert, sondern Gott das Universum ist. Der strenge Islam der Sunniten, das ist das Gesetz und die Macht, nicht das Denken, nicht die Poesie, nicht die Kunst. Der moderne Mensch muss sich aber immer wieder neu erfinden, er darf sich nicht durch seine vergangene Zugehörigkeit definieren. Sonst bleibt er im ethnischen und religiösen Tribalismus gefangen. Leider hat der Westen die saudische Sichtweise des Islam weitgehend übernommen. Die westlichen Staats- und Regierungschefs verneigen sich vor dem saudischen König, dem Herrscher über ein Land, das nicht einmal eine Verfassung hat!
SPIEGEL: Die Saudis haben Teile des bewaffneten Widerstands in Syrien finanziert. Hätte der Westen militärisch eingreifen sollen, um Assad zu Beginn des Bürgerkriegs zu stürzen?
Adonis: Auf keinen Fall! Eine Revolution, die diesen Namen verdient, muss unabhängig und frei von Einmischung bleiben. Der Revolutionär ist das Volk. Eine Intervention von außen verfälscht alles. Man kann keine Revolution mit Söldnern machen. Hat der Westen Demokratie im Irak und in Libyen etabliert? Der mündige arabische Bürger darf nicht fremde Regierungen - oft die früheren Kolonialmächte - umwerben, um Schutz vor seiner eigenen Regierung zu erheischen. Sonst macht er sich zum Spielball fremder strategischer Interessen. Hilfe, Obama! Hilfe, Cameron! Hilfe, Hollande! Welche Schmach! Begreift die arabische Öffentlichkeit das Ausmaß dieser Erniedrigung?
SPIEGEL: Der Westen kann der arabischen Welt die Kulturrevolution, die Sie herbeiwünschen, nicht abnehmen?
Adonis: Er kann sie ihr noch nicht einmal predigen. Der Westen ist kein Vorbild mehr. Ich glaube, dass der Westen keine Ethik mehr hat.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Adonis: Vielleicht liegt es an der Wirtschafts- und Finanzkrise, ich weiß es nicht, aber der Westen redet von Werten und denkt an seine Interessen. Er verkündet die Menschenrechte und duldet, dass den Palästinensern die Menschenrechte vorenthalten bleiben. Er propagiert Demokratie und begnügt sich mit Ordnung und Stabilität. Er verspricht Emanzipation und steckt Einflusszonen ab. Er geht Kompromisse mit der religiösen Macht ein, die sich immer mehr in die Macht der Religion verwandelt. Israel sollte einmal der demokratische Modellstaat im Nahen Osten sein. Er entwickelt sich immer stärker zum religiösen Judenstaat. Die Spirale der religiösen Gewalt dreht sich weiter. Jude gegen Muslim, Muslim gegen Jude: Das ist ein ewiger Krieg. Jerusalem ist die Stadt der drei monotheistischen Religionen. Sie müsste also die schönste, die leuchtendste Stadt der Welt sein. Sie ist in Wahrheit die unmenschlichste Stadt der Welt. Die Macht ist im Nahen Osten untrennbar mit der Religion verbunden. Das Grundübel ist die institutionalisierte Religion. Der Glaube muss dem Einzelnen zurückgegeben werden. Er darf nicht Sache des Staats und der Gemeinschaft sein.
SPIEGEL: Sehen Sie nirgendwo Licht? Wo wird der Bürgerkrieg in Syrien enden?
Adonis: Ich weiß es nicht. Vielleicht in der völligen Zerstörung des Landes, bestimmt nicht in der Durchsetzung der Demokratie nach dem Sturz des Regimes. Ich habe im Juni 2011, wenige Monate nach Ausbruch der Rebellion, einen offenen Brief an Präsident Assad gerichtet. Tenor: entweder der Mensch, seine Rechte, seine Freiheit - oder der Abgrund.
SPIEGEL: War Syrien nicht immer dem Abgrund näher als der Freiheit?
Adonis: Ich bin für diesen Brief heftig angegriffen worden. Ich habe Assad darin aufgefordert, die Initiative zu ergreifen, den politischen Dialog zu eröffnen und Reformen anzupacken ...
SPIEGEL: Waren Sie naiv?
Adonis: Er hat wie ein Diktator gehandelt, als er zum Staatsmann hätte werden können. Wahrscheinlich hat er nur die Herausforderung seiner Herrschaft gesehen, nicht die historische Gelegenheit. Er hätte die Baath-Partei als regierende Staatspartei auflösen müssen, um den syrischen Staat vom Parteiregime zu lösen. Er hätte dem Volk das Wort und die Entscheidungsgewalt, also die wahre Souveränität, zurückgeben müssen.
SPIEGEL: Sehr ehrenwert, aber haben Sie je daran geglaubt?
Adonis: Man kann natürlich sagen, auf der einen Seite weht der Mantel der Geschichte, auf der anderen steht der bornierte, starrsinnige Geist der Unvernunft. Und der Intellektuelle macht sich lächerlich, wenn er beides zu versöhnen trachtet. Aber bis heute hat der bewaffnete Widerstand nichts erreicht. Assad kann sich sicher fühlen.
SPIEGEL: Syrien versinkt im Blut, seine Bevölkerung flieht in alle Richtungen. Was können Appelle und Diplomatie noch ausrichten?
Adonis: Die wahre Revolution ist der Horizont, der den Arabern verschlossen bleibt. Das ist heute leider die arabische Realität unter der Herrschaft der Diktatoren und der Fahne des Islam: eine Wüste, in der man Menschen jagt und Völkermord sakralisiert. In dieser Realität gibt es für die Araber kein friedliches Miteinander, sondern nur den geteilten Tod. Ich gestehe: Die arabische Geschichte, diese Geschichte von Despotie und Eroberung, brennt wie Feuer in meinen Eingeweiden.
SPIEGEL: Adonis, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit dem Redakteur Romain Leick im Café de Flore in Paris.
Von Romain Leick

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