20.12.2014

Der AugenzeugeIn Quarantäne

Kai-Peter Siemsen, 52, betreibt in Hamburg die Neue Eilbeker Apotheke. Seit bekannt wurde, dass ein indisches Unternehmen Studien für die Zulassungen von Medikamenten gefälscht hat, muss er viele Fragen beantworten.
"Jeden Tag kommen bis zu zehn Kunden zu mir und sind verunsichert. Sie haben gehört oder gelesen, dass viele Medikamente derzeit nicht mehr verkauft werden dürfen, weil bei der Zulassung geschummelt wurde. Ich habe deshalb intern die Anweisung erteilt, dass wir mindestens einmal täglich die Internetseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte kontrollieren und mit unserem Bestand abgleichen. Die Liste ändert sich täglich, weil einige Hersteller juristische Mittel ergreifen oder zusätzliche Studien für ihre Produkte vorlegen, um deren Unbedenklichkeit zu beweisen. Wir nehmen die Präparate, die auf der Liste stehen, aus dem Lager und geben sie in Quarantäne. Für uns ist das eine schlimme Sache, denn die Menschen vertrauen darauf, dass in einer deutschen Apotheke nur geprüfte Qualität verkauft wird. So sollte es ja auch sein. Wir sind stolz auf unsere hohen Qualitätsstandards. ,Hergestellt in Bangladesch' und ,Getestet in Indien' ließe sich in Deutschland sicher nicht so gut verkaufen. Wobei die Kassen mit ihrem Preisdruck ja nicht ganz unschuldig sind. Qualitätskontrolle lässt sich eben nicht so leicht in Billiglohnländer übertragen. Bei den Mitteln handelt es sich hauptsächlich um Antibiotika, Psychopharmaka und Kreislaufmittel. Manche Leute wollen einfach nur wissen, ob ihr Präparat auch davon betroffen ist, anderen müssen wir erklären, dass sie auf ein Ersatzprodukt ausweichen sollten. Ich muss viel reden, denn manchen fällt es schwer, sich auf eine ungewohnte Packung oder Pillenform umzustellen. Hinzu kommt, dass die Kassen mit bestimmten Händlern Rabatte ausgehandelt haben und ich nur deren Präparate herausgeben durfte. Das kontrollieren die Kassen auch knallhart. Mittlerweile aber haben sich der Bundesverband der Apotheken und die Kassen geeinigt, dass wir in diesem Fall Alternativprodukte aushändigen können. Wobei ich davon ausgehe, dass selbst die Produkte, die auf der Liste stehen und die die Patienten noch zu Hause haben, in pharmazeutisch-medizinischer Hinsicht in Ordnung sind. Es handelt sich ja meist um sogenannte Generika, also Nachahmerprodukte von Medikamenten, deren Patente ausgelaufen sind. Der Wirkstoff ist also seit Jahren erprobt und bewährt. Aus formalen Gründen muss aber auch jedes Generikum erneut überprüft werden, bevor es in Deutschland verkauft werden darf. Womöglich hat sich das betroffene Unternehmen in Indien einfach nur die teuren Studien erspart."
Von Aufgezeichnet von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 52/2014
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