20.12.2014

Verteidigung„Auf Messers Schneide“

Nach 13 Jahren endet der Kampfeinsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Deutschland und die Truppe haben sich in den Jahren verändert - doch Afghanistan versinkt wieder in Gewalt. Von Dirk Kurbjuweit und Gordon Repinski
Der Regierungsflieger gleitet hinab in die Finsternis. Die Berge des Hindukusch liegen noch in tiefer Dunkelheit, als sich der Airbus A340 der deutschen Luftwaffe am frühen Morgen der Landebahn in Masar-i-Scharif nähert. Der Höhenmesser zählt rückwärts. Noch 900 Meter, noch 890, noch 880. Die Durchsage an Bord ist eine Ermahnung. Alle Lichter müssen ausgeschaltet werden, alle Fensterklappen geschlossen. Es droht Beschuss.
Im vorderen Teil der "Theodor Heuss" bereitet sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf ihren letzten Besuch bei der Truppe im Kampfgebiet vor. Sie sitzt im Separee, neben ihr die engsten Berater. Noch 200 Meter. Noch 150 Meter. Dann setzt die Maschine auf. Alle sind erleichtert. Man ist sicher gelandet. 13 Jahre nach dem Beginn des internationalen Einsatzes in Afghanistan ist das keine Selbstverständlichkeit.
Mit dem Ende dieses Jahres zieht Deutschland seine Kampftruppen aus Afghanistan zurück. Der teuerste und verlustreichste Einsatz der Bundeswehr geht zu Ende. Zwar werden auch danach einige Hundert Bundeswehrsoldaten im Land sein, aber nur noch zur Ausbildung von Afghanen. Keine Patrouillenfahrten mehr, keine Gefechte, hoffentlich.
Es ist ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte, das da geschlossen wird. Der deutsche Einsatz war umstritten, und er wurde zunehmend unpopulär. Deutschland wollte helfen, Afghanistan zu verändern, aber der Krieg hat auch Deutschland verändert, seine Politik, die öffentliche Meinung, sein Ansehen in der Welt.
Nach den Attacken des 11. September 2001 rief die Nato den Bündnisfall aus. Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung versprach "uneingeschränkte Solidarität". Später wurde den Politikern mulmig. Ein echter Kriegseinsatz? Taliban jagen? Zunächst fanden sie andere Gründe. Die Bundeswehr sollte im Rahmen der internationalen Schutztruppe Isaf den Afghanen Demokratie und Menschenrechte bescheren, den Frauen ein freieres Leben ermöglichen. Und dann sagte SPD-Verteidigungsminister Peter Struck noch, Deutschlands Sicherheit würde auch am Hindukusch verteidigt. Eine dreifache Begründung legitimierte den deutschen Einsatz: Bündnissolidarität, Demokratie für Afghanistan und die eigene Sicherheit. Eine Menge Ziele.
Mit der Mission wurde der Krieg für die Bundeswehr zur Normalität. Deutsche Soldaten ließen ihr Leben, 55 in 13 Jahren. Und sie töteten. 2009 starben auf deutsche Anforderung in der Nähe von Kunduz mehr als hundert Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten.
Bundespräsident Horst Köhler trat zurück, weil er sich nach einem Besuch in Afghanistan in der Frage verhedderte, ob die Bundeswehr auch wirtschaftliche Interessen durchsetzen soll. Ein Minister, ein Staatssekretär und ein Generalinspekteur stürzten über diesen Auslandseinsatz.
Mit gigantischem militärischem und finanziellem Aufwand haben die westlichen Verbündeten versucht, Afghanistan zu befrieden. Insgesamt starben beim internationalen Einsatz fast 3500 alliierte Soldaten. Allein in den vergangenen fünf Jahren verloren rund 7000 afghanische Zivilisten ihr Leben. Deutschland gab rund 8,7 Milliarden Euro für den Einsatz aus. Aber nur etwas mehr als ein Viertel der Deutschen ist nach einer aktuellen Umfrage von TNS-Infratest für den SPIEGEL der Meinung, dass der Einsatz in Afghanistan den Aufwand wert gewesen sei. 57 Prozent meinen, dass er sich nicht gelohnt habe.
Der afghanische Staat ist fragil, die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch. Der Zustand, in dem die Isaf-Truppen das Land zurücklassen, lässt viele am Sinn des Einsatzes zweifeln. Die Hauptstadt Kabul wird in diesen Wochen immer wieder von Anschlägen und Selbstmordattentaten erschüttert, wenige Tage vor dem Besuch der Verteidigungsministerin starb ein deutscher Entwicklungshelfer. Während einer Theatervorstellung an einer Schule in Kabul sprengte sich ein afghanischer Junge neben ihm in die Luft.
Im Osten und Süden des Landes sind auch kurz vor Ende des Kampfeinsatzes Soldaten der internationalen Schutztruppe dauernd in Gefechte mit den Taliban verwickelt, wöchentlich werden die Meldungen über Tote und verwundete Soldaten von der Isaf gesammelt.
Im März dieses Jahres sitzt Generalmajor Bernd Schütt in einem Dienstcontainer des Bundeswehrlagers Masar-i-Scharif und starrt ungläubig auf den Bildschirm seines Computers. Er will nicht glauben, was er dort liest. Tags zuvor hat Schütt Zeit Online ein Interview gegeben. Er wollte den Menschen in Deutschland die Mission der Bundeswehr erklären. Er wollte erklären, wie es den Afghanen geht und was die Bundeswehr tut, damit alles noch besser wird.
Jetzt wird er im Netz mit Häme und Kritik überzogen. Die Kommentare sind erbarmungslos. Von einem "völkerrechtswidrigen Einsatz" ist die Rede. "Von einem sicheren Umfeld in Afghanistan zu sprechen grenzt an Zynismus", heißt es. Was er liest, sind die moderateren unter den feindlichen Kommentaren. Die anderen wurden erst gar nicht veröffentlicht. 25 von über 40 Beiträgen hätten in seinen Augen sofort gelöscht werden sollen.
"Die Kommentare sind ehrabschneidend und diffamierend", sagt Schütt. Seit vier Wochen ist er Militärchef im Norden, er ist mit großem Optimismus angetreten. Eigentlich glaubt er an das, was er tut. "Das Glas", sagt er, "ist halb voll." Doch in diesem Moment wirkt Generalmajor Schütt, als hätte er ein Gefecht verloren. Er ist jetzt der Feind im eigenen Land.
Die Deutschen haben ein gespaltenes Verhältnis zur Bundeswehr in Afghanistan. Zunächst fand der Einsatz durchaus Zustimmung. Die Streitkräfte übernahmen ab Sommer 2006 das Kommando im relativ sicheren Norden und bauten Brunnen und Straßen. Doch im selben Jahr begann die Zahl der Anschläge und Gefechte im ganzen Land zu steigen - und damit auch die Zahl der Opfer der Bundeswehr. Die Stimmung kippte. Immer mehr Bürger wünschten sich den Abzug der Soldaten.
Zugleich wurde der Kampfeinsatz zur Normalität. Deutschland gewöhnte sich daran, dass seine Soldaten wieder in den Krieg ziehen. Das Wort Veteranen kehrte in den aktiven Sprachschatz zurück, es ist von Gefallenen die Rede. Und dann, sieben Jahre nach Beginn der Mission, wagte der erste deutsche Verteidigungsminister, ihn als das zu bezeichnen, was er ist. Im November 2009 spricht Karl-Theodor zu Guttenberg von "kriegsähnlichen Zuständen". Fortan heißt der Krieg in Deutschland wieder Krieg.
Johannes Clair krallt sich in die Erde. Geschosse zischen über seinen Kopf hinweg, immer näher, verdammt nah. Direkt über ihm knickt ein Ast ab. Die Senke im Boden, in die er sich duckt, ist flach. Die Stellungen der Aufständischen sind kaum hundert Meter entfernt. Jetzt nähern sie sich aus mehreren Richtungen. Das Feuer kommt von allen Seiten.
Direkt vor Clair reißt eine Granate einen Krater in den Boden. Links, rechts, überall spritzt Erde nach oben. Mörserbeschuss. "Sie sind nur noch 50 Meter von mir entfernt", ruft ein Kamerad. "Scheiße, Scheiße", schreit Clair.
Er müsste schießen, aber er kann nicht. Er hat Angst.
Es ist der 1. November 2010, am Rand der Ortschaft Quatliam in Nordafghanistan. Seit dem Vortag rücken 300 deutsche Fallschirmjäger, Panzergrenadiere und Infanteristen in Richtung der Taliban vor. Sie wollen einen ständigen Außenposten im Gebiet des Feindes errichten.
Vier Tage kämpfen die deutschen Soldaten um Quatliam. Jagdflugzeuge donnern durch die Luft. Es sind Bilder, die man nicht mehr kennt in Deutschland. Die Operation "Halmazag", der "Blitz", war die erste Kriegsoffensive Deutschlands nach über 65 Jahren. Die Bundeswehr hatte in jenen Monaten aufgerüstet. Mehr Soldaten waren ins Land gekommen, bessere Waffen, schwerere Artillerie. Es war die Hochphase des Krieges.
Vier Jahre später, an einem sonnigen Tag im August 2014, hat Johannes Clair gerade die Kühe gefüttert. Immensen bei Hannover. Clair sitzt im Esszimmer des Bauernhofs seines Großonkels. Der ehemalige Fallschirmjäger hilft bei der Arbeit im Stall und im Garten, erledigt kleine Reparaturen am Haus.
"Ich war gerne Soldat", sagt Clair, 29. Nach der Operation "Halmazag" beendete er seinen Dienst bei der Truppe. Er begann ein Studium. Aber er ertrug die Vorlesungen nur, wenn er direkt am Ausgang sitzen konnte. Er musste immer einen Fluchtweg sehen. Nach zwei Monaten brach er das Studium ab.
PTBS, die Posttraumatische Belastungsstörung, begleitet ihn seit der Zeit an der Front. Im Herbst dieses Jahres begibt er sich in stationäre Behandlung. Er sucht den Weg zurück ins normale Leben.
Clair hat ein Buch über seine Erfahrungen am Hindukusch geschrieben. "4 Tage im November" handelt von Kameradschaft, das Leben an der Front - und vor allem über Angst. Das Buch wurde ein Bestseller.
Clair findet es richtig, dass Deutschland sich engagiert und global Verantwortung übernimmt. Trotzdem sieht er Afghanistan kritisch. "Der Einsatz ist von vorne bis hinten politisch gescheitert", sagt er, "was wir in den Anfangsjahren erkämpft haben, wurde verschenkt."
Nun zieht die Bundeswehr ab. Nicht weil die Kriegsziele erreicht sind, sondern weil die Verbündeten abziehen, vor allem die USA. Es ist ein geordneter Rückzug. Organisieren kann die Bundeswehr.
Trabzon, im Nordosten der Türkei am Schwarzen Meer, der 17. März 2014. 117-mal ist die Transportmaschine Antonow bisher von Masar-i-Scharif hierhergeflogen, jedes Mal öffnete sich die Heckklappe und rund hundert Tonnen Kriegsmaterial wurden auf den Heimweg geschickt.
Langsam setzt sich der Boxer, eines der mächtigsten Fahrzeuge der Bundeswehr, in Bewegung, rollt die Heckklappe herunter, fährt in einer langen Rechtskurve um das Flugzeug herum auf einen Schlepper. Von dort wird er auf ein Schiff verladen, durchquert den Bosporus, das Mittelmeer, passiert Europas Küsten, bis er in der Heimat in Emden ankommt.
"Wir sind vor der Welle", sagt Walter Ohm, 56. Er organisiert den Abzug aus Masar-i-Scharif. Kampf ist nicht die große Stärke der Bundeswehr, wohl aber die Logistik, Ohms Gebiet. Genauigkeit, Pünktlichkeit.
Doch insgesamt war es ein Irrtum zu glauben, dass sich ein Krieg planen lassen könnte, dass alles geordnet zugeht. Am 4. September 2009 forderte der deutsche Oberst Georg Klein Luftschläge gegen zwei entführte Tanklastwagen in der Nähe des deutschen Lagers in Kunduz an. Er sah in ihnen rollende Bomben. Allerdings steckten die Laster in einem Flussbett fest, und Bewohner eines nahen Dorfes zapften sich eimerweise Benzin ab. Klein machte falsche Angaben, damit die Piloten glaubten, die Einsatzregeln würden gewahrt. Mehr als hundert Menschen starben, darunter Frauen und Kinder.
Der deutsche Ansatz war gescheitert. Krieg lässt sich eben nicht genau planen, nicht von Politikern, nicht von Generälen. Über den Krieg herrscht der Krieg, und er bringt Menschen in Situationen, in denen sie versagen.
Kunduz schüttelte die deutsche Politik kräftig durch. Franz Josef Jung, Verteidigungsminister während des Bombardements, trat später als Arbeitsminister zurück, weil er sich in diesem Gestrüpp verheddert hatte. Sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg entließ seinen Staatssekretär und den Generalinspekteur, weil sie ihn angeblich nicht ausreichend informiert hatten. Gegenüber dem SPIEGEL gab er ein Gespräch mit den beiden so wieder, dass er ihnen die Fakten quasi aus der Nase ziehen musste. Die beiden bestreiten diesen Verlauf.
In jenen Wochen zeigte sich die Politik dem Krieg nicht gewachsen. Die Deutschen wollten es anders machen, aber dann bestätigten sie doch den Satz, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist.
Auf ihrer letzten Reise zur kämpfenden Truppe steht Ursula von der Leyen im Besprechungsraum des Regierungs-Airbus und zieht ihre Bilanz des Einsatzes. Es ist ihre dritte Reise, auch die Ministerin findet plötzlich kritischere Worte. "Wir sehen einen Anstieg der Anschläge", sagt sie, "Sicherheitskräfte werden gezielt attackiert." Die Afghanen, sagt sie, "schlagen sich wacker". Es soll ein positiver Satz sein, aber er ist voller Zweifel am Ergebnis eines langen Einsatzes.
Vor einer wirklich kritischen Bilanz schreckt die Politik bisher zurück. Man will den Soldaten nicht in den Rücken fallen, ihnen nicht das Gefühl geben, ihr Einsatz sei umsonst gewesen.
Auch die Bundeswehr verkauft den Einsatz mit wenigen Abstrichen als Erfolg. Offiziere sprechen von einer "insgesamt positiven Entwicklung" am Hindukusch. Belege dafür gebe es genügend: die hohe Beteiligung an den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr, die Zahl der weiblichen Studierenden, über 80 Prozent eines Jahrgangs besuchen jetzt eine Schule.
Die neue Generation der Afghanen habe iPhones und arbeite an Laptops, sei also mit der Welt verbunden. Das würden diese Menschen nicht mehr aufgeben wollen, hofft die Bundeswehr. Sie baut auf diese junge Generation.
Auf der anderen Seite steht die desolate Sicherheitslage in Afghanistan. Die Macht des gewählten Präsidenten reicht kaum über die Hauptstadt hinaus. Die Taliban sind so stark wie nie seit ihrem Sturz Ende 2001. Nach dem Abzug der Isaf, so wird befürchtet, könnten sie erneut einen Siegeszug durch das Land antreten.
Die Zahl der Gewalttaten hat 2014 Höchststände erreicht. Allein in Kabul gab es im Januar dieses Jahres mehrere Selbstmordattentate mit Dutzenden Toten, am Ende dieses Jahres sieht es ähnlich aus. Der Osten und Süden des Landes werden fast täglich von schweren Gewalttaten oder Explosionen durch Sprengfallen erschüttert. Nur die Bundeswehr bekommt davon nicht mehr viel mit. Sie bleibt in ihren Lagern, die gefährliche Arbeit übernehmen die afghanischen Sicherheitskräfte.
Nie zuvor florierte der Opiumhandel so wie in diesem Jahr. Afghanistan deckt 90 Prozent der weltweiten Produktion. Bis heute wagt die Politik nicht, etwas dagegen zu unternehmen.
An einem Mittwochabend im Juli steht Kommandeur Schütt im Gemeinschaftszentrum der deutschen Truppen in Masar-i-Scharif, dem "Atrium". Es gibt Tischfußballspiele, ein Burger-Restaurant und Fernsehräume. Mehr als vier Monate sind seit dem Interview mit den kritischen Leserkommentaren vergangen, die Einsatzzeit des Generals ist in wenigen Tagen beendet.
"Wahnsinn", sagt Schütt, "Afghanistan steht auf Messers Schneide." Die Situation sei "ganz kritisch". Schütt merkt, dass er das Land in einem unsichereren Zustand verlassen wird, als er es im Februar betreten hat. Das Glas ist nun auch für ihn halb leer.
Afghanistan war ein Projekt der politischen Klasse, in der es stets breite Mehrheiten für die Mandate gab. Union, SPD, FDP und Teile der Grünen regierten über Jahre gegen das Volk. Gleichwohl war es keine mutige Politik, sondern eine verdruckste. Kaum ein Politiker warb leidenschaftlich für den Afghanistan-Einsatz, schon gar nicht die ewig um Wählerstimmen fürchtende Bundeskanzlerin. Man mogelte sich durch.
Nun ist Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin und begleitet den Abzug. Das Thema habe sie schon früh "emotional tief berührt", sagte von der Leyen im August dieses Jahres im Berliner Verteidigungsministerium. Am 11. September sei ihr Mann im Flugzeug in den USA unterwegs gewesen, stundenlang habe sie ihn nicht erreichen können. "Ich habe die These, dass unsere Werte auch am Hindukusch verteidigt werden, immer gut verstanden", sagt sie. Die Deutschen dagegen glauben den Satz nicht mehr. Fast zwei Drittel der Befragten halten ihn in der Umfrage von TNS Forschung für falsch.
Martin van Creveld, Israeli mit niederländischen Wurzeln und einer der führenden Militärexperten der Welt, hält ihn für blanken Unsinn: "Wo ist der Hindukusch? Was hat das alles mit der Verteidigung von Heim und Herd zu tun?", fragt er. Auch der Einsatz für Menschenrechte, Demokratie und Frauen ist für ihn kein guter Kriegsgrund. "Als deutscher Soldat könnte ich sagen: Ich bin freiwillig Soldat und bereit, für die Verteidigung des Vaterlands zu sterben. Aber dass ich mich töten lasse, damit die Leute am Hindukusch einander nicht töten, das ist Blödsinn!"
Das sieht man inzwischen auch in Berlin so. Nach Afghanistan wird es Demokratisierung und Frauenrechte als Missionsziele nicht mehr geben. Mit der Bundeswehr kann man fremde Kulturen nicht umkrempeln. Möglicherweise wird man akut eingreifen, wenn es darum geht, einen Völkermord zu verhindern. Mehr nicht.
"Der Einsatz in Afghanistan hat nicht furchtbar viel gebracht", sagt auch der deutsche Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger. Doch so wie in Afghanistan sollte es nicht noch einmal werden. "Meine Lehre: Ein Auslandseinsatz braucht eine klare militärische Begründung und ein politisches Ziel", sagt Ischinger.
Was die Einsatzziele Sicherheit und Demokratisierung angeht, ist die Bundeswehr in Afghanistan weitgehend gescheitert. Bleibt die Bündnissolidarität, die Frage nach dem deutschen Beitrag. Die Deutschen haben sich - mit Verweis auf ihre Geschichte - militärisch lange rausgehalten. Doch das akzeptieren die Verbündeten nicht mehr. Von den Deutschen, der wirtschaftlich stärksten Nation in Europa, wird Verantwortung eingefordert. Und die Bereitschaft, das Leben ihrer Soldaten zu riskieren. "Wir hätten uns damals nicht heraushalten können", sagt Ischinger. Er war zur Zeit des Anschlags auf das World Trade Center in New York Botschafter in den USA.
Doch Afghanistan hat die Verbündeten nur bedingt zufriedengestellt. "Deutschland hat sich nicht dort engagiert, wo die wirklichen Kämpfe stattfanden, also in Kandahar, in der Provinz Helmand oder entlang der Grenze zu Pakistan", sagt der ehemalige amerikanische Spitzendiplomat Nicholas Burns, heute Harvard-Professor. "Da gab es ein Gefühl gewisser Bitterkeit in den Jahren 2003 bis 2006, dass Deutschland diese Rolle nicht gespielt hat." Die Kritik aus den USA nahm ab, nachdem der Norden gefährlicher geworden war.
Die wichtigste Lehre aus dem Afghanistan-Krieg ist, sich sehr genau zu überlegen, warum man Soldaten einsetzt, wie lange es dauern kann und welche Mittel nötig sind, Ziele zu erreichen. Die Regierung sollte sich nur auf Einsätze einlassen, die sie überzeugend begründen kann. Und das muss sie dann auch tun: erklären, warum das alles notwendig ist.
Der Einsatz in Afghanistan hat die grundsätzliche Skepsis der Deutschen gegen Militäreinsätze nicht beseitigt. Aber die Einsicht, dass sich Deutschland aus dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus nicht heraushalten darf, ist gewachsen. Immerhin 62 Prozent der Deutschen sind nach der Umfrage von TNS-Infratest der Meinung, dass sich die Bundeswehr in Zukunft an Kampfeinsätzen im Ausland beteiligen soll, wenn es um die Bekämpfung des internationalen Terrorismus geht.
Am vergangenen Samstag steht Ursula von der Leyen im Generalkonsulat in Masar-i-Scharif inmitten afghanischer Jura-Studentinnen. Eine Stunde lang hat sie mit ihnen über eine Zukunft im eigenen Land gesprochen. Wieder geht es um Hoffnungen. Dann wendet sie sich zu den Kameras: "Diese Mädchen sind die Zukunft Afghanistans." Es sind gute Wünsche für die jungen Frauen. Aber es drückt auch die Hoffnung aus, dass Deutschland irgendwie gut aus dieser Sache herauskommen soll. Es bleibt eine vage Hoffnung. Afghanistan ist nun ein prekärer Teil der eigenen Geschichte. ■
Von Dirk Kurbjuweit und Gordon Repinski

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