20.12.2014

FortpflanzungUnser Kind

Jana aus Georgien verleiht ihren Körper als Mutter. Die Eizelle stammt von einer Spenderin, bestellt hat ein Paar aus Schweden. Hat das Baby drei Mütter? Egal, sagt Jana, am Ende sind doch alle glücklich. Von Barbara Hardinghaus
Jana weiß nicht viel über das Paar. Es kommt aus Schweden. Es hat schon ein Kind, aber die Frau hat bei der Geburt viel Blut verloren und später die Gebärmutter. Das Paar hat einen Brief geschrieben, auf Englisch, den Jana nicht versteht. Jana weiß nicht, wie alt die beiden sind, was sie arbeiten, wo genau sie wohnen, wie sie aussehen. Ende des Monats wird sie mit ihnen zum ersten Mal skypen. Im Januar werden sie sich begegnen, im Kreißsaal, wenn ihr Kind kommt.
Jana glaubt, dass das Paar nett ist. Es schickt ihr Geschenke, wie das Armband an ihrem Handgelenk. Feine rosafarbene Steine, die glitzern. Sie hat noch drei von diesen Armbändern, ein weißes, ein schwarzes, ein goldenes. Als sie alle zusammen ankamen, ist sie gleich von der Post zum Markt, weil sie wissen wollte, was der Schmuck wert ist. Das sei Swarovski, sagte eine Frau.
"Das ist Swarovski", sagt Jana.
Sie steht an einem Vormittag auf einem Gehweg in der Bachtrioni-Straße, im Norden von Tiflis, Georgien. Hinter ihr stellen sich mächtige Hochhäuser mit 20, 30 Etagen auf, alte Männer verkaufen Pflaumen und frische Dahlien. Mit ihrem langen, roten Lack-Portemonnaie fächert sich Jana Luft ins Gesicht. Sie hatte am Morgen gerade kein Geld parat, also musste sie die Marschrutka nehmen, den Kleinbus, den sie eigentlich schon längst nicht mehr nimmt. Sie wäre fast ohnmächtig geworden in dem Ding, so heiß war es schon, so schwanger ist sie. Sie fuhr über die breiten Straßen, an den sattgrünen hohen Pappeln entlang, den alten Fassaden; durch das neue Tiflis, vorbei am Burger-Laden Wendy's, an Mango, an Benetton. Sie fächert, verdreht ihre Augen, fächert.
Janas Augen sind eisgrün, stolz, sie ist klein, zierlich, sie findet sich fett, das hat sie am Morgen vor dem Spiegel noch gedacht. Von ihrem dünnen T-Shirt aus schwarzer Spitze lacht ein pinkfarbenes Smiley. Darunter liegt ihr runder Bauch, das Kind.
Sie ist bei der ersten Begegnung in der 23. Woche, im sechsten Monat. Sie war am Vortag in der Klinik zur Untersuchung und bringt heute das neueste Ultraschallbild in die Agentur, die das Bild gleich zu den Eltern nach Schweden weiterschickt. Vor dem Gebäude trifft sie eine andere Leihmutter, die für ein Paar aus England austrägt, auf ihrem Ultraschallbild liegt der Fötus schief, zu niedrig, und nun hat sie Angst, der Fötus könnte tot sein und sie nicht mehr schwanger. Jana umarmt sie.
Dann geht sie die Treppen hoch zur Agentur, sie liegt in der zweiten Etage, die Tür steht offen, dahinter liegen ein Empfangstresen, Büros, Konferenzräume. Der Boden ist weiß gefliest, das Sofa, auf dem Jana sitzt und wartet, ist mit schwarzem Leder bezogen.
"New Life Georgia" ist darauf spezialisiert, Eizellenspenderinnen und Leihmütter vor allem an ausländische Paare zu vermitteln, es kommt Kundschaft ab 40, bis 55, das ist die Altersgrenze. Zwei von zehn Paaren nehmen gleich zwei Leihmütter und jeweils zwei Eizellen, das erhöht ihre Chancen. 49 Frauen sind im Moment für die Agentur schwanger. Die Agentur ist eine von acht Agenturen im Land. Die Klimaanlage versprüht einen Duft von frischem Flieder.
Als Jana an der Reihe ist, überreicht sie einer Frau hinter einem Schreibtisch das Ultraschallbild wie einen Arbeitsnachweis. Das Kind liegt gut. Muttermund: geschlossen. Gewicht: 552 Gramm. Herzschläge: 158 pro Minute. Geburtstermin: 3. Januar 2015. Die Frau hinter dem Schreibtisch sagt nie "Janas Kind", sie spricht immer vom Kind der Eltern aus Schweden. Das soll helfen, dass Jana keine zu große Verbindung zum Kind aufbaut. Sie soll das Kind mögen, aber nicht lieben.
Die Agentur schickt dem Paar in Schweden auch alle zwei Monate ein Foto von Jana, mit Bauch. Das Paar weiß viel über Jana. Sie ist 29, verheiratet seit zwölf Jahren, sie hat schon zwei Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, ihr Vater ist früh gestorben, mit 51 an einem Leberschaden. Sie hat keine Ausbildung, ihr Rhesusfaktor ist positiv, sie hat nie getrunken oder geraucht. Das Paar weiß alles. Jana ist das egal. Ihr Leben ist viel besser jetzt.
Sie fährt, normalerweise, nicht mehr Marschrutka mit den anderen. Fast die Hälfte von Janas Freunden sind arbeitslos, sie nicht. Ihre Theorie zu dem, was sie tut, lässt sich schnell erklären: Die eine Familie, die arm ist, hilft der anderen, die kinderlos ist, ein einfaches System. Die eine Familie macht die andere glücklich.
Seit 1997 sind Leihmutterschaften in Georgien erlaubt. In 13 der 28 EU-Mitgliedstaaten sind sie erlaubt, in 15 verboten. Jana findet, dass Leihmutterschaften überall erlaubt sein sollten, auch in Deutschland, wo sich jemand, der eine Leihmutter vermittelt, strafbar macht. Weshalb vielleicht seit Jahren deutsche Paare in die Welt aufbrechen, um das Verbot zu umgehen und jedes Jahr Hunderte Kinder nach Hause bringen. Schwule und Singles können nach Nepal oder Mexiko reisen, wo Janas Agentur auch Filialen hat. Allein Indien setzt auf diesem Markt mit Kindern im Jahr ein bis zwei Milliarden Dollar um.
Jana lacht über die alten Zeiten, in denen ihre eigenen Kinder klein waren und sie im Winter Mais aßen und sie das Meer noch nie gesehen hatte. Ihre Tante, die 46 ist, frage sie laufend, ob Jana nicht mit der Agentur, die bei 35 Schluss macht für Leihmutterschaften, reden kann. Damit auch sie, die Tante, hinzuverdienen könnte.
Jana hat vor fünf Jahren begonnen, als Eizellenspenderin, eine Freundin hatte ihr von der Agentur erzählt. Viermal fuhr sie deshalb nach Indien, zusammen mit Mädchen aus der Ukraine. Sie schlief in guten Hotels in Neu-Delhi, in Mumbai. Sie sah das Taj Mahal, sie ging in eine Disco und schwamm im Ozean.
Sechsmal hatte sie vor dieser Schwangerschaft schon versucht, für die Agentur ein Kind zu bekommen, und immer, wenn es wieder nicht geklappt hatte, lag sie lange im Bett und weinte.
Sie wohnt mit ihren Kindern, dem Mann, der Mutter, dem Stiefvater und den drei kleineren Geschwistern. 400 Dollar überweist das Paar aus Schweden jeden Monat, 100 mehr, als es müsste. Wenn bis zum Ende alles gut geht, bekommt sie 15 200 Dollar. Jana will eine kleine Wohnung kaufen, nur für sich, ihren Mann und ihre Kinder. Sie ist ein Mensch mit Plan.
Die Familie lässt sie jetzt schlafen, wenn sie es will. Sie versorgt Jana mit Essen, pflegt sie, damit nichts mehr schiefgeht. Sie wiegt schon 67 Kilogramm. Als sie damals mit den Jungs schwanger war, hat sie mit 60 Kilo entbunden. Damals war sie einfach schwanger, sie wusste es, weil ihre Regel ausblieb. Einen Arzt sah sie zum ersten Mal zur Geburt. Sie aß, was sie essen wollte, an einem Tag, mit dem Ältesten im Bauch, zwölf Gurken. Der isst heute auch gern Gurken, sagt sie.
Jana isst zurzeit zu Hause am liebsten Joghurt, den selbst gemachten mit viel Fett. "Das Kind in Schweden wird den Joghurt sicher auch mögen", sagt sie, lächelnd. Während dieser Schwangerschaft geht sie alle vier Wochen zur Untersuchung, sie isst keine Wassermelone, weil der Arzt sie verbietet, wie auch Sex in den ersten drei Monaten. Sie nimmt jeden Tag acht Tabletten, Vitamine, Eisen, Fischölkapseln und etwas, von dem sie nicht weiß, was es ist.
In einem Restaurant in der Innenstadt bestellt sie eine Suppe. 16 Eizellen hat sie auf ihrer ersten Reise nach Indien zurückgelassen. Sie weiß von einem Kind in Kalifornien, das müsste drei sein. Ihre Jungs sagen, sie hätten ein Geschwisterchen in Amerika. Jana sagt, der Vater sei blond, groß, gut aussehend. Sie schwärmt.
Der Vater zum Kind in ihrem Bauch ist der schwedische Mann. Die Eizelle stammt nicht von Jana, das wäre verboten und käme Menschenhandel gleich. Die Eizelle gehört zu einem Mädchen aus Tiflis. Jana kannte es schon vorher aus der Stadt. Als sie zur Ärztin gegangen war, weil sie mit der Antibabypille ihren Zyklus an den des Mädchens anpassen musste, begegneten sie sich im Wartezimmer, aber sie redeten nichts. Die Spenderin ist blond. Blondinen sind beliebt, die Kunden, meist Europäer, suchen sich ihre Mädchen über eine Datenbank der Agentur im Internet aus.
Leihmütter gehen zu einer Ärztin, die ihnen nachweist, dass sie gesund sind. Sie gehen zu einem Psychiater, der ihnen innere Stabilität bescheinigen muss. Sie sind beliebt, wenn sie im Erdgeschoss wohnen, weil Stufen Schwangeren schaden können.
Die ausländischen Paare buchen Pakete. Das günstigste liegt bei 29 000 Dollar für eine Leihmutter ohne Eizellenspende, das teuerste kostet 58 300 Dollar, für zwei Leihmütter, plus Eizellenspende und zwei bestätigte Schwangerschaften. Eine Schwangerschaft gilt als bestätigt, wenn der Herzschlag des Kindes im Ultraschall sichtbar wird.
Die Paare unterschreiben den Vertrag in der Agentur. Die Regeln sehen vor, dass die werdenden Eltern nicht beide behindert sein oder Krebs haben dürfen. Das Paar muss verheiratet sein, es zahlt in drei Raten, die letzte nach der Geburt, die immer ein Kaiserschnitt ist. Eine Zwillingsschwangerschaft kostet 1000 Euro extra, eine Fehlgeburt auch, der Verlust der Gebärmutter einer Leihmutter: 2000 Dollar. Wenn das Paar es sich anders überlegt und absagt, bekommt es sein Geld nicht zurück. Aber einen derartigen Fall habe es noch nicht gegeben, behauptet die Agentur.
Sie berichtet von den guten Fällen. Von einer Frau aus Norwegen, die 30 In-vitro-Versuche hinter sich hatte, dreimal schwanger war mit Zwillingen, sie alle verlor und dann mit ihrem Mann nach Tiflis reiste, das große Paket wählte und mit vier Kindern wieder zurückfuhr. Sie berichtet von Paaren, die Waschmaschinen schicken, Geschirrspüler und Fresspakete. Sie berichtet davon, dass die Eltern dauernd anrufen und die Agentur eine Frau eingestellt hat, die den ganzen Tag ihre Anrufe regelt. Sie fragen aus der westlichen Ferne nach der Leihmutter: "Wie geht es ihr?", "Wie ist ihre Laune?", "Isst sie zu viel Süßes?"
Die Agentur hat auch Jana vorgeschickt für diese Geschichte, sie ist ein gutes Beispiel. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit einem Kreuz. Die hat sie selbst gekauft, die soll mal auf dem Grab des Erzengels Gabriel gelegen haben. Die Kirche ist stark in Georgien nach 70 Jahren Kommunismus. Für die Kirche sind künstliche Befruchtungen eine Sünde. Jana ist das aber egal. Sie verehrt Gott, aber auch die Agentur und ihre Gründerin, die als Ärztin begann und nun als Businessfrau mit rot gemalten Lippen um die Welt reist.
Jana redet über alles ausführlich. Es sitzen noch andere Gäste im Restaurant, sie geniert sich nicht, gerade ist sie an der Stelle, wie ihr der Arzt die Embryonen, die er vorher aus den Eizellen des Mädchens aus Tiflis und dem Samen vom Mann aus Schweden gemischt hatte, mit einer riesigen Pipette in die Gebärmutter spülte. Auf dem Monitor des Ultraschallgeräts konnte Jana alles beobachten. "Die sahen aus wie Glühwürmchen. Sie leuchteten. Sie fanden ihren Platz und erloschen", sagt sie.
Als sie wieder zu Hause war, nahm sie Hormone, ein Gelbkörperhormon und das Hormon hCG, die die Bereitschaft ihres Körpers für die Schwangerschaft erhöhen sollten, sie hat sich hingelegt und sich vier Tage lang fast nicht bewegt. "Das ist eine lang anhaltende Hoffnung", sagt sie. Als sie 14 Tage später zum Bluttest ging und hörte, dass es geklappt hat, brachte ihr Mann, der Metzger ist, ein Paket Quark mit vom Supermarkt, weil Jana so gern Quark isst. Sie feierten. Und als Janas Bruder fragte, von wem sie schwanger sei, doch hoffentlich von ihrem Mann, antwortete sie: "Frag lieber, von was ich schwanger bin!" Sie betonte das Wort "was" und meinte damit den Auftrag, den sie erfüllt. Sie war aufgekratzt, sie fühlte sich frei und fuhr von nun an nicht mehr in das Restaurant an der Grenze, in dem sie jeden Tag 15 Lari verdient hatte, sechs Euro.
Ihr Mann ist selbstständig, er schlachtet jeden Morgen zwei Schweine und verkauft sie auf dem Markt. Mit dem Geld aus Schweden konnte er einen neuen, besseren Stand mieten, der näher am Eingang liegt.
Jana wuchs auf dem Land bei ihren Großeltern auf, ihre Mutter arbeitete in der Stadt in einem Kiosk. Sie hatte eine Freundin, die Nachbarin. Sie lief zwei Kilometer zur Schule. Sie nähte Kleider, weil sie selbst keine Kleider kaufen konnte. Sie erfüllte sich ihre Wünsche, schon als Kind.
Sie träumte von einer Hochzeit in Weiß, die hatte sie. Die Tante ihrer Freundin reiste manchmal nach Indien, dorthin wollte sie auch. Manchmal lief Jana auf die Felder, höhlte die großen Heuballen aus und spielte darin Mutter, Vater, Kind. Es fehlt jetzt also nur noch diese Wohnung, sie sagt, dann habe sie alles erreicht.
Und das Baby?
Sie sieht auf ihren Bauch.
Was macht es?
"Es ist satt", sagt sie.
Was hat es für Eigenschaften?
"Es ist sehr lebendig."
"Es sitzt nie still."
"Es lässt mich nachts nicht schlafen."
Am nächsten Tag steht sie vor ihrem Haus und wartet schon. Sie hat sich schön angezogen, ein knallrotes T-Shirt, sie trägt ein Samtband mit Perlen im Haar. Das Haus, in dem sie, im Erdgeschoss, in einer kleinen Wohnung lebt, liegt im Tifliser Ortsteil Digomi, an der Schnellstraße in Richtung Westen. An der blassbraunen Fassade hängt eine Satellitenschüssel, sie bittet in die Küche, wo die gesamte Familie schon sitzt und wartet. Sie hören alle zu.
Die Jungs sitzen auf der Couch mit neuen blauen Fußballschuhen. Hinter ihrem Kopf hängen die Kabel an der Wand über dem Putz. Janas Mutter kocht Kaffee über einer offenen Flamme und Fleisch und Auberginen. Ihre jüngeren Schwestern, die 16 und 17 sind, kichern. Sie wollen Polizistinnen werden oder Detektivinnen, jedenfalls keine Leihmütter, weil sie zwischen den türkischen Soaps im Fernsehen manchmal einen Spot sehen, der vor Kriminellen warnt, die sich mit falschen Dokumenten auch Kinder kaufen.
Und Janas Baby?
"Es schläft", sagt sie.
Jana fühlt sich ruhiger, wenn das Baby wach ist. Sie weckt es manchmal. Oder die Jungs wecken es und rufen: aufwachen! Aufwachen! Auch sie wollen, dass die Geschichte ein gutes Ende hat. Über ihrem Bett im Schlafzimmer kleben neben den Holzkreuzen Abziehbilder von Fußballspielern. Sie lagen mit im Paket aus Schweden. Manchmal beten sie alle gemeinsam für das Kind. "Möge Gott dich einen großen Jungen werden lassen!" Wenn er jetzt sterben würde, hätte sie nicht mal die Hälfte des Geldes.
Manchmal, sagt Jana, tue ihr das Kind leid, weil es nicht bei seiner neuen Mutter sein kann. Manchmal vergesse sie aber auch, dass sie überhaupt schwanger ist. Dann wiederum, an anderen Tagen, vergesse sie sogar, dass es nicht ihr Kind ist.
In Deutschland regelt ein Paragraf, dass immer die Frau die Mutter eines Kindes ist, die es austrägt, weil das Gesetz von einer starken Bindung zwischen beiden ausgeht. In Georgien ist das anders. Da ist immer die Frau die Mutter, bei der es aufwächst. Es ist auf der Welt nicht geklärt, wer die Mutter eines Kindes ist.
In Deutschland schreibt die Regierung in ihrem Koalitionsvertrag: "Die Leihmutterschaft lehnen wir ab, da sie mit der Würde des Menschen unvereinbar ist." Der Europäische Gerichtshof hat aber gerade beschlossen, dass ein Land, das "die Bestelleltern" nicht als Eltern anerkennt, gegen die Menschenrechte verstößt. Es ist auf der Welt auch nicht geklärt, wer die Eltern eines Kindes sind.
Trotzdem fahren viele Tausende Menschen hin und her und überschreiten Grenzen, biologisch, geografisch, moralisch. Die deutsche Botschaft in Kiew etwa warnt auf ihrer Website davor, dass sie ausländische Geburtsurkunden, aus denen die Wunschmutter als rechtliche Mutter hervorgeht, nicht übernehmen könne. Sie zeigt aber gleichzeitig auf, wie es doch gehen würde: wenn die Leihmutter ledig ist und somit ein möglicher Gatte nicht automatisch der Vater des Kindes ist. Der Wunschvater kann dann, unter bestimmten Voraussetzungen, die Vaterschaft beantragen, damit ist das Kind deutsch und bekommt einen deutschen Reisepass. Die Wunschmutter adoptiert das Kind, später.
Jana trägt in ihrem Bauch das Kind eines Mädchens aus Tiflis, der Eizellenspenderin, für eine Frau aus Schweden. Hat das Baby drei Mütter?
Wie wird sich das anfühlen, später?
Jana weiß es nicht.
Aber in der Agentur, an der Bachtrioni-Straße, gab es noch eine andere Leihmutter, auch sie wartete auf dem schwarzen Sofa. Sie hat schon ein Kind bekommen, für ein Paar aus England. Sie sagt, sie werde es wieder versuchen, zweimal darf sie als Leihmutter arbeiten. "Ist keine große Sache", sagt sie, "wirklich nicht."
Jana sagt, auch sie wisse, worauf sie sich eingelassen habe. Aber als sie vor zwei Tagen in der Klinik war für neue Ultraschallbilder, musste sie plötzlich weinen. Sie saß mit den anderen Schwangeren im Warteraum. Auf einem Fernseher in der Ecke zeigt die Klinik die Nachrichten und das Wetter, und manchmal überträgt sie auch ihre Erfolge, wenn Ärzte gerade ein Kind entbinden. Sie zeigt keine Gesichter, nur einen kleinen Ausschnitt, vom Bauch, für ein paar Sekunden. Das passiert nicht oft, zwei-, vielleicht dreimal am Tag, aber es passierte ausgerechnet, als Jana gerade hinschaute.
In diese Klinik wird sie am 3. Januar gehen. Sie wird am Morgen aufbrechen, sie wird ein Taxi nehmen. Die Klinik ist ein einfaches Geburtshaus mit 23 Betten, über einer der Türen hängt Pu der Bär, in Kästen aus Holz liegen die Neugeborenen. Jeden Monat stammen drei der Babys aus der Klinik von einer Leihmutter.
Jana wird eine Spritze bekommen, die Ärzte werden das Kind auf die Welt holen, das Paar aus Schweden wird bereitstehen.
Manche Leihmütter wollen das Kind nicht sehen, den Kaiserschnitt machen die Ärzte in diesen Fällen hinter einem Vorhang. Jana hat sich anders entschieden, sie möchte wissen, ob das Kind gesund ist und, das sagt sie so, ob es ihr ähnlich sieht.
In jenem Moment wird die Frau aus Schweden schon eines der 23 Betten belegt haben. Sie wird einen Morgenmantel tragen und das Baby kurz darauf nehmen und mit ihm in den Armen über den Flur spazieren, wie die anderen Mütter. Sie wird nervös sein und das Baby zu oft, zu viel füttern, das kennen die Ärzte schon.
Das Paar wird, in den Tagen darauf, das Formular 100 erhalten mit den Ergebnissen der ersten Untersuchungen, Größe, Gewicht, Motorik. Die beiden werden einen Namen für das Kind wählen und ihn in die Geburtsurkunde eintragen lassen, zusammen mit ihrem eigenen Namen, dem Namen der Eltern. Sie werden in der Botschaft vorsprechen und einen schwedischen Reisepass für das Kind beantragen. Sie werden Fotos machen und sie an die Verwandtschaft schicken.
Jana wird ihre Tasche packen und die Klinik ohne ein einziges Dokument verlassen. Sie wird nach Hause fahren und auf die Überweisung warten.
Aber wird sie das Kind vermissen?
"Das kann sein", sagt sie, kurz.
Ihre Jungs sehen sie besorgt an, die Schwestern. In Janas eisgrünen Augen steigen Tränen auf. Sie hält sie zurück. Sie ist eine stolze Frau.
Was macht es gerade?
"Es spielt", sagt sie und lächelt wieder, und als Jana wieder lächelt, lächeln alle anderen auch wieder.
Sie steht auf, streckt sich und holt einen Zettel aus einer Schublade. Darauf hat sie ein paar Sätze geschrieben, die sie unbedingt noch sagen möchte. Sie bleibt stehen, um sie zu verlesen: "Mir tun alle kinderlosen Paare leid. Es sollte ihnen klar sein, wie gut es sein kann, wenn sie eine Leihmutter einbeziehen. Es ist etwas Gutes und sollte überall erlaubt sein. Manche Leihmütter sind an der Grenze der Armut und können mithilfe einer anderen Familie einen Neustart schaffen." In Janas System sind am Ende alle glücklich, auch sie.
Eine Forschungsgruppe in England hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Kinder, die durch Leihmutterschaft entstanden sind, Nachteile haben in ihrem Leben, die andere Kinder nicht haben, und sie kam zu dem Schluss: nein. Die Autoren fanden auch keinen Hinweis darauf, dass sich die Leihmutterschaft und der fehlende genetische Hintergrund negativ auf das Verhältnis zwischen Kind und Eltern ausprägen.
Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass 90 Prozent der Kinder bis zum Alter von zehn Jahren wissen, wie sie auf die Welt gekommen sind, und deshalb keine Schwierigkeiten haben, ihre Identität zu finden.
Die auftraggebenden Mütter jedoch sind am Anfang oft ängstlicher als andere, was sich aber nach den ersten drei Jahren legt. Und: Etwa ein Drittel der Leihmütter zeigte "leichte bis mäßige Schwierigkeiten", das Kind abzugeben. Knapp zehn Prozent besuchten nach der Geburt einen Hausarzt wegen psychischer Probleme oder einen Psychologen. Die Studien besagen also, dass es tatsächlich allen recht gut geht, beinahe allen.
Jana behauptet, sie wisse, dass das Kind später einmal ein gutes Leben haben werde, bei den Schweden. Sie stellt sich vor, dass es in einem Garten spielen und rennen und in einem großen Haus schlafen wird, mit schönen Bettbezügen, und dass die Mutter schön ist, denn Janas Mann sagt, dass alle Frauen in Schweden schön sind.
Auf dem Tisch in der Küche liegt die Tüte mit Janas Medikamenten für die Schwangerschaft. Daneben liegt das Beutelchen mit den Armbändern, dem weißen, dem schwarzen, dem goldenen. Das schwarze hat sie ihrer Mutter geschenkt, das in Rosa und das goldene sind ihren Söhnen versprochen, für deren Frauen, eines Tages. Das weiße behält sie.
Sie sucht in der Zeitung jetzt schon nach der Wohnung. Sie sagt, es sei ihr egal, wie sie geschnitten ist oder ob sie einen Balkon hat oder nicht. Sie wünscht sich einfach nur eine Wohnung, sauber, zwei Zimmer.
Sie läuft deshalb manchmal schon mit ihrem runden Bauch durch die Nachbarschaft und sucht und sieht durch die Baumwipfel die hohen Fassaden hoch, sieht in die Wohnungen und stellt sich vor, wie sie da einmal wohnen wird, glücklich.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 52/2014
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