20.12.2014

Global VillageLektionen des Überlebens

Wie der Tsunami vor zehn Jahren die Grenzen zwischen den Armen und Reichen dieser Welt verwirbelte
Ja, sagt Satian Klian, und Zigarettenasche rieselt auf sein Hemd, er steht bevor, der zehnte Jahrestag des Tsunamis, er denke an praktisch nichts anderes mehr, schließlich muss er die große Erinnerungsfeier organisieren. Der Gouverneur wird kommen, die Notabeln aus der nächsten Kreisstadt, geplant ist außerdem eine Prozession zum Tsunami-Friedhof. Den sie jetzt übrigens herrichten, neu bepflanzen, Satian Klian hat eigens sieben Arbeiter dafür abkommandiert, außerdem soll Musik gespielt werden - nur, welche Musik genau, das ist noch unklar. Schwierige Entscheidung.
Der Mann, der das alles organisieren muss, ist ein Herr von 59 Jahren, klein und mager, verheiratet, Vater zweier Söhne, außerdem glücklicher Besitzer von sieben Hunden und der Pujai von Ban Nam Kem.
Ban Nam Kem ist ein Fischerdorf, gelegen an der Westküste Thailands, 25 Kilometer nördlich des Touristenortes Khao Lak. Pujais sind Ortsvorsteher; Satian Klian verwaltet die Katasterunterlagen, er berät die Fischer bei Krediten, schlichtet Streitereien. Satian Klian liebt sein Dorf. Aber so etwas wie jetzt hat er noch nie gemacht, eine große Erinnerungsfeier auszurichten, und besonders glücklich wirkt er nicht mit diesem Auftrag. "Eigentlich gibt es da nur die Erinnerung in unseren Köpfen, sonst ist ja nichts übrig", sagt Satian Klian.
Die Monate nach dem Unglück, erzählt er, seien die schrecklichste, aber auch die großartigste Zeit seines Lebens gewesen, für ihn, für sein Dorf. "Wir hatten nichts mehr, aber uns wurde geholfen. Wir wurden gerettet", sagt er. "Wir wären sonst nicht mehr hier."
Am 26. Dezember 2004, um 7.59 Uhr Sumatra-Zeit, hatte ein Beben der Stärke 9,1 den Meeresgrund im Indischen Ozean erschüttert. Der Meeresboden riss auf wie ein Reißverschluss. Mit einer Geschwindigkeit von 6000 Stundenkilometern zog der Bruch Richtung Norden. Zur Küste Thailands, wo Ban Nam Kem, das Fischerdorf, und Khao Lak, der nahe gelegene Touristenort, liegen, betrug die Distanz an die 700 Kilometer. Die Welle brauchte dafür etwa zwei Stunden.
In Khao Lak waren die Urlauber, darunter viele Deutsche. Zunächst sah es so aus, als gäbe es ein Naturschauspiel zu bestaunen, das Meer war ja weit zurückgewichen - anfangs. Und so filmten die aufgeregten Urlauber das verschwundene Meer; so kamen jene Aufnahmen zustande, die das Nahen der mörderischen Welle zeigen, eine tosende Wand.
Diese Bilder waren es vor allem, die ihren Weg fanden in die weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer des Westens und eine einzigartige Hilfsbereitschaft auslösten.
Neben Hilfsorganisationen kamen zahllose private Helfer nach Ban Nam Kem, die auf eigene Rechnung anreisten, sie waren zu zweit oder zu zwölft, brachten Kreissägen, Gitarren, Volleybälle mit, hatten Medikamente, Spaten und Kreditkarten dabei. Sie kauften Zement und Ta Kian Thong, Eisenholz, für den Bootsbau. Vor allem gaben sie den Thailändern das Gefühl, dass zwei Welten sich begegnen können.
Sula Che erinnert sich daran. Er ist Fischer, 44 Jahre alt, an der linken Hand fehlt ihm der halbe Mittelfinger, ein Unfall beim Fischen. Auch Sula Che hatte damals alles verloren, Verwandte, Freunde waren tot, er stand vor dem Nichts.
Und so war es auch für ihn, wie für seinen Dorfchef, eine einzigartige Erfahrung, als die Helfer aus Europa, Japan und Amerika anrückten, viele waren blond und bärtig, und sie hatten seltsame Namen. Aber gemeinsam zogen sie Häuser hoch, einfache Bauten, 36 Quadratmeter groß, und gemeinsam bauten sie stabile Boote, Sula Ches eigenes Boot stammt aus der Zeit.
"Vor allem aber gaben sie sich Mühe, uns aufzumuntern." Das berührte Sula Che zutiefst, es war ein Grund für ihn, seine Kräfte zu verdoppeln, zu schuften, zu kämpfen. "So ging es vielen Überlebenden, glaube ich. Irgendwann dachten wir: Es ist eine Pflicht gegenüber den Toten, jetzt nicht aufzugeben, uns gegenseitig zu helfen. Dieses Gefühl war sehr stark, es trug uns durch die schwere Zeit."
Lektionen des Überlebens. So verwirbelte der Tsunami die Unterschiede zwischen den Armen und den Reichen dieser Welt, und mancherorts wurden auch bis dahin schwelende Konflikte beigelegt; etwa in Aceh, wo ein Jahrzehnte währender Bürgerkrieg beendet wurde. Oder in Sri Lanka, wo Häfen, Straßen, Kraftwerke aufgebaut oder modernisiert wurden. In den Jahren nach dem Tsunami rückte Sri Lanka im "Doing Business Index" erkennbar auf.
Sula Che, der Fischer aus Ban Nam Kem, hat heute eine Familie, zwei Kinder, und zwei- bis dreimal in der Woche fährt er zum Fischfang raus. Manchmal fängt er hundert Kilo, manchmal nichts. Aber im Schnitt, sagt er, kommen sie durch. Amolak, seine Frau, betreibt nebenbei eine Garküche, sie frittiert Shrimps-Klöße, außerdem haben sie eine Limonadenmaschine, es gibt drei Geschmacksrichtungen: Waldmeister, Coca-Cola, Zitrone. Manchmal, sagt Sula Che, kommen Touristen oder Rucksackreisende in sein Dorf, meist haben sie sich verirrt. Aber er freut sich, wenn er sie sieht. Er lädt sie dann zu einem Glas Limonade ein.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 52/2014
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