20.12.2014

Kino„Vermählung von Raum und Zeit“

Der Wissenschaftler als Weltstar: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ zeigt das Leben des britischen Astrophysikers Stephen Hawking. Seine Krankheit und sein Liebesleben werden nun noch bekannter als seine Theorien.
Schon von Weitem hörte er die berühmte Stimme, den elektronischen Klang, erzeugt von einem Sprachcomputer, eine Stimme wie aus einer anderen Welt. Und natürlich hat auch er damals geguckt, es gucken immer alle, wenn der Mann mit der Computerstimme auftaucht. Es war ein Auftritt, so erinnert sich Eddie Redmayne, "wie bei einem Rockstar. Er war umgeben von einer Menschentraube".
Der Rockstar war Stephen Hawking, ein Physikprofessor auf dem Weg zur Arbeit. Redmayne beobachtete, wie Hawking in seinem Elektrorollstuhl über den Campus der Universität Cambridge fuhr, ein dürrer Herr mit schiefem Lächeln, die Beine seltsam verdreht, der Körper zusammengesunken und regungslos. Ein Mensch wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hat.
Eddie Redmayne hat Hawking damals nicht angesprochen, das wäre seltsam gewesen, für beide. Was hätte Redmayne auch sagen sollen? "Wie geht's?" Small Talk ist nicht Hawkings Stärke, seit er auf den Sprachcomputer angewiesen ist. Außerdem war er schon damals ein Star, eine nationale Ikone, fast wie die Queen, ein Bestsellerautor, vielleicht sogar "der klügste Mensch der Welt", wie es in einer jener Episoden der "Simpsons" heißt, in denen Hawking als Trickfilmfigur verewigt wurde. Redmayne dagegen war seinerzeit Student in Cambridge, Kunstgeschichte, nebenbei sang er im Chor des Trinity College und spielte in der Theater-AG.
Vergangenes Jahr haben sie dann doch miteinander gesprochen. Hawking hatte Redmayne in sein Haus eingeladen, sie saßen in der Küche. Ihr Leben ist jetzt miteinander verknüpft. Redmayne, 32, verkörpert Stephen Hawking in dem Film "Die Entdeckung der Unendlichkeit", der am 25. Dezember in die Kinos kommt. Redmayne spielt Hawking als jungen Mann, der eine große Karriere als Wissenschaftler vor sich hat und die Liebe seines Lebens trifft. Und er spielt, wie Hawking erkrankt und nach und nach die Gewalt über seinen Körper verliert, aber trotzdem versucht, die Kontrolle über sein Leben zu behalten.
Es ist eine erstaunliche Darstellerleistung, ein Kraftakt für Redmaynes Körper und Seele. Der Schauspieler, der vor zwei Jahren in der Verfilmung des Musicals "Les Misérables" zu sehen war, ist für einen Golden Globe nominiert, und auch im Rennen um die Oscars gilt er als einer der Favoriten.
Auch Stephen Hawking wird durch den Film noch ein bisschen berühmter werden. Nicht unbedingt als Wissenschaftler, das ist kaum möglich, seit er 1988 das Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" veröffentlichte, den Versuch, auch Laien Urknalltheorie, schwarze Löcher und Quantenphysik zu erklären. Das Werk wurde in rund 40 Sprachen übersetzt, Gesamtauflage: mehr als zehn Millionen Exemplare.
In "Die Entdeckung der Unendlichkeit" geht es nur am Rande um schwarze Löcher, der Film konzentriert sich auf den privaten Hawking, sein Liebesleben und seine Krankheit. Er war Anfang zwanzig und Doktorand der Physik an der Universität Cambridge, als bei ihm ALS diagnostiziert wurde, Amyothrophe Lateralsklerose, eine tückische Erkrankung des motorischen Nervensystems. ALS lähmt nach und nach alle Muskeln, bis man keinen Finger mehr rühren kann, bei vollem Bewusstsein, denn das Gehirn arbeitet ansonsten ganz normal weiter.
Damals sagten ihm die Ärzte, er habe noch zwei Jahre zu leben. Das ist jetzt über fünfzig Jahre her, Hawking wird am 8. Januar 73 Jahre alt. Woher er die Kraft genommen hat, alle ärztlichen Prognosen zu widerlegen, auch dafür liefert "Die Entdeckung der Unendlichkeit" Indizien.
Der Film beruht auf dem Buch "Die Liebe hat elf Dimensionen", den Memoiren von Hawkings Exfrau Jane, erschienen 2007. Im Film sehen sich die beiden zum ersten Mal auf einer Party. Es sind die frühen Sechzigerjahre, Studentinnen tragen lange Röcke, Studenten Krawatte. Nur Hawking, der Exzentriker, macht den Dresscode nicht mit: Er hat sich eine Fliege umgebunden. Noch ahnt er nichts von seiner Krankheit.
Die Blicke von Stephen und Jane, gespielt von Felicity Jones, begegnen sich, die gegenseitige Anziehung ist offensichtlich. Jetzt geht es nur darum, die Schüchternheit zu überwinden. "Hallo", so stellt er sich schließlich vor, "Naturwissenschaften." "Hallo", sagt Jane, "Geisteswissenschaften."
Später, bei einem Ball auf dem Uni-Gelände, am Nachthimmel explodieren Feuerwerksraketen, beeindruckt er Jane mit Erklärungen über fluoreszierendes Licht, mit seinem beiläufigen Selbstbewusstsein, mit dem Charme und Humor eines Intellektuellen, der sich damit abgefunden hat, stets der Schlaueste zu sein. "Ich bin Kosmologe", sagt Hawking, "ich studiere die Vermählung von Raum und Zeit."
Eines Tages stolpert Hawking im Hof des College über seine eigenen Füße, ein Aussetzer, er schlägt der Länge nach hin. Neurologen ermitteln ALS als Ursache. "Das wird kein Kampf gegen eine Krankheit", sagt Stephens Vater, "das wird eine schwere Niederlage."
Hawking wird depressiv, er zieht sich in sein Wohnheimzimmer zurück. Statt seine Doktorarbeit zu schreiben, hört er Richard Wagner. Die berühmte "Todesverkündigung" der Brünnhilde aus der "Walküre", läuft in voller Lautstärke. "Als ich die ,Todesverkündigung' das erste Mal hörte, hat mich das sehr beeindruckt. Ich konnte mich gut damit identifizieren, und ich kann es auch heute noch", sagt der echte Hawking in "Hawking", einem neuen Dokumentarfilm über sein Leben.
Jane hält zu ihm. Die Liebe gibt Hawking neuen Lebensmut, 1965 heiraten die beiden. Die Filmemacher haben die Zeremonie detailgetreu nachgestellt: Hawking stützt sich mit der rechten Hand auf eine Krücke, mit der linken hält er Janes Hand. Es kostet ihn Mühe, das Gleichgewicht zu wahren. Die Hochzeitsreise geht in die USA, wo ein Wissenschaftlertreffen stattfindet. Die Befriedigung, die ihm eine wissenschaftliche Erkenntnis bereite, scherzt Hawking später, "will ich nicht mit Sex vergleichen. Sie hält länger an".
Das Paar bekommt drei Kinder. Die Arbeit bleibt an Jane hängen, auch die immer aufwendigere Pflege ihres Mannes. Seit Ende der Sechzigerjahre sitzt Hawking im Rollstuhl. Fremde Hilfe lehnt er lange ab. "Die Krankheit hat uns manchmal in ein eigenes schwarzes Loch gezogen", sagt Jane Hawking.
Eddie Redmayne stellt den körperlichen Verfall mit verstörender Präzision nach, den Trotz, die Hilflosigkeit schon beim Versuch, einen Stift zu halten. Obwohl er am Ende fast nur noch seine Augen bewegt, behält die Figur ihr Charisma, ihre Würde.
Zur Vorbereitung auf die Rolle hatte Redmayne schon vor seinem Besuch bei Hawking ALS-Patienten in einer Spezialklinik getroffen. Mit einem Bewegungstrainer übte er Hawkings Körperhaltung zu imitieren, er lernte, einzelne Muskeln quasi auf Knopfdruck lahmzulegen. Rückenschmerzen während der Dreharbeiten waren die Folge. Sein Osteopath, erzählt Redmayne, wolle über ihn einen Fachaufsatz schreiben.
Für einen Film über einen Mann, der sich mit revolutionären Theorien über Raum und Zeit beschäftigt, ist "Die Entdeckung der Unendlichkeit" konventionell erzählt, chronologisch nämlich. Regisseur James Marsh, der für seinen Dokumentarfilm "Man on Wire" über einen Hochseilartisten einen Oscar gewann, stellt Hawkings Arbeit in eher banalen Bildern nach. Dass Hawking als Wissenschaftler Herausragendes geleistet hat, muss man als Zuschauer wissen; der Film zeigt es jedenfalls nicht. Hawking selbst kennt das Dilemma: "Manchmal frage ich mich, ob ich nicht eher für meine Krankheit und für meinen Rollstuhl bekannt bin als für meine intellektuellen Erfolge."
"Die Entdeckung der Unendlichkeit" wird zu einem Ehedrama. Jane entwickelt Gefühle für einen Chorleiter. Der Mann zieht mit ins Haus der Hawkings, er hilft Jane bei der Pflege. Stephen Hawking akzeptiert die Ménage à trois.
Seit einem Luftröhrenschnitt kann er gar nicht mehr sprechen, er kommuniziert nun mithilfe eines Computers. Anfangs kann er den Cursor der Sprach-Software noch mit einer Hand steuern, dann mit dem Kinn. Seit auch dort die Muskeln versagen, registriert ein Sensor an Hawkings Brille jede Augenbewegung, jedes Blinzeln; ein Programm formt daraus Wörter und Sätze, ähnlich wie bei der Texteingabe beim Smartphone. In der Originalfassung des Films hört man übrigens Hawkings echte Computerstimme, mit freundlicher Genehmigung von Hawking.
Das Ende der Ehe kommt mit dem Erfolg des Buchs. "Eine kurze Geschichte der Zeit" verwandelt den Wissenschaftler in einen Weltstar. Hawking trifft sich jetzt mit Hollywood-Stars und wird im Weißen Haus empfangen, er reist zu einer Papstaudienz und tritt im Fernsehen auf. "Wir wurden weggerissen von der Welle des Ruhms", erinnert sich Jane Hawking. Ihre Aufgabe habe nur noch darin bestanden, ihm zu sagen, "dass er nicht Gott ist". Stephen Hawking hört in jenen Jahren wieder viel Wagner.
Im Jahr 1995 ließen sich die Hawkings scheiden. Jane Hawking heiratete später ihren Chorleiter, Stephen Hawking heiratete Elaine Mason, eine seiner Pflegerinnen - das Happy End des Films.
In Wahrheit ging das Ganze weniger harmonisch aus. 2006 wurde auch Hawkings zweite Ehe geschieden. Zuvor hatte es Ermittlungen der Polizei gegeben und Berichte in Boulevardzeitungen. Hawking soll körperlich misshandelt worden sein, vermutete seine Familie. Er selbst erstattete keine Anzeige.
In der Öffentlichkeit genießt Hawking weiterhin seinen Rockstar-Status, ein Halbgott mit Selbstironie. Er trat bei der Eröffnung der Paralympics in London auf, bei "Raumschiff Enterprise" und in "The Big Bang Theory", der Comedyserie über sozial gestörte Physiker. Beim Comeback der Komikertruppe Monty Python vergangenen Sommer intonierte sein Sprachcomputer den "Galaxy Song" aus dem Python-Film "Der Sinn des Lebens".
2007 nahm Hawking an einem Parabelflug teil, bei dem für ein paar Minuten Schwerelosigkeit simuliert wurde. Ohne seinen Rollstuhl schwebte er durch den Raum, glücklich wie ein kleines Kind. Neben populärwissenschaftlichen Werken schreibt er gemeinsam mit seiner Tochter Lucy Kinderbücher, das neueste, "George and the Unbreakable Code", ist im Sommer erschienen. Und natürlich warb Hawking auch für die Ice Bucket Challenge, das PR-Spektakel zugunsten von ALS-Kranken.
Man darf vermuten, dass ihn nicht nur gute Pflege am Leben hält, sondern auch die Aufmerksamkeit der Welt. "Wenn Erfolg sich messen lässt an der Anzahl der Champagner-Empfänge, zu denen man eingeladen wird", sagt Hawking, "dann habe ich es geschafft."
Den Champagner flößt ihm bei solchen Anlässen eine Pflegerin mit dem Suppenlöffel ein. Die Hälfte tropft daneben, aber Hawking scheint zu lächeln.
* Bei der Erstaufführung von "Die Entdeckung der Unendlichkeit" am 9. Dezember in London.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 52/2014
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