20.12.2014

LobbyistenAlte Freunde, gute Freunde

Die deutsch-arabische Handelsvereinigung Ghorfa will Thomas Bach zum Ehrenpräsidenten küren - und bringt den IOC-Chef in Bedrängnis.
Der 10. September 2013 war der Tag, an dem der deutsche Sportfunktionär Thomas Bach sein Karriereziel erreicht hatte: Er wurde zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt. Seine neue Anschrift: Château de Vidy, Lausanne.
Da war es zu verschmerzen, dass Bach, ein promovierter Wirtschaftsanwalt, eine Handvoll lukrativer Posten in Aufsichts- und Beiräten aufgeben musste. Schließlich erwarten die IOC-Mitglieder von ihrem Chef wirtschaftliche Unabhängigkeit und politische Neutralität. Bach selbst hat dies seit seiner Wahl immer wieder bekräftigt. "Das IOC muss politisch neutral sein, ohne apolitisch zu sein", sagte er kürzlich vor Wirtschaftsvertretern in Baden-Baden.
Der einflussreichste Posten, den Bach drangab, war der des Präsidenten der deutsch-arabischen Handelsvereinigung Ghorfa - mit Schreiben vom 16. September 2013 trat Bach von diesem Amt zurück. Der Verein gilt als Interessenvertretung der arabischen Welt in Deutschland und ist so mächtig wie umstritten. Die Ghorfa steht im Verdacht, die antiisraelische Politik einiger arabischer Länder zu befördern.
Vertrauliche Protokolle der Ghorfa, die dem SPIEGEL vorliegen, lassen jedoch Zweifel an Bachs erforderlicher Distanz zu seiner arabischen Connection aufkommen. Die Dokumente belegen, dass die Ghorfa ihren früheren Frontmann zurückhaben möchte. Als Ehrenpräsidenten. Der Vorgang könnte zur ersten Bewährungsprobe in der Amtszeit des IOC-Präsidenten werden: Wie ernst meint es Thomas Bach mit der politischen Neutralität?
Die Ghorfa ist eine Organisation mit zweifelhaftem Ruf. Den wichtigsten Teil ihrer Einnahmen, knapp 850 000 Euro, erzielte sie auch im vorigen Geschäftsjahr mit dubiosen "Vorlegalisierungen": Firmen, die Waren in arabische Staaten ausführen, werden von deren Botschaften aufgefordert, ihre Dokumente gegen Gebühr erst der Ghorfa vorzulegen, ehe diese nochmals von den Empfängerländern geprüft werden. Das Bundeswirtschaftsministerium, Wirtschaftsvertreter und zahlreiche Exporteure empören sich über die Abzocke. Trotzdem arbeiten sie weiter mit der Ghorfa zusammen - niemand will auf die Kontakte des Vereins in die arabische Welt verzichten.
Geradezu fatal für das Image der Ghorfa ist der immer wieder geäußerte Verdacht, sie würde den Boykott israelischer Waren unterstützen, den einige Staaten der Golfregion aufrechterhalten. Bei der Vorlegalisierung wird auch die Herkunft der Waren geprüft. Jüdische Organisationen wie das Simon-Wiesenthal-Zentrum oder das American Jewish Committee kritisieren,
auf diese Weise würden Produkte aus Israel ausgeschlossen. Bach hat diesen Vorwurf stets zurückgewiesen.
Nun könnte der IOC-Chef wieder näher an die Ghorfa heranrücken. Um dem alten Freund erneut Zutritt zu den wichtigsten Gremien zu verschaffen, winkte das Präsidium der Ghorfa bei einer Sitzung am 4. Juni im Berliner Hotel Ritz-Carlton eine Satzungsänderung durch. Demnach kann künftig "aus dem Kreise der Ehrenmitglieder, die sich um die Belange der Ghorfa besonders verdient gemacht haben, ein Ehrenpräsident durch das Präsidium ernannt werden". Weiter heißt es in dem Protokoll: "Der Ehrenpräsident kann an Sitzungen der Gremien der Ghorfa teilnehmen. Er hat beratende Funktion."
Diesen Vorstoß organisierte ein Vertrauter Bachs: der kuwaitische Geschäftsmann Ali Al-Ghanim, Vizepräsident der Ghorfa. Beide Männer arbeiten auch heute noch eng zusammen bei der Weinig International AG in Bachs Heimatstadt Tauberbischofsheim. Bach ist Aufsichtsratsvorsitzender des Maschinenbauers, Al-Ghanim sitzt ebenfalls in dem Kontrollgremium.
Al-Ghanims Winkelzug mit der Satzungsänderung bei der Ghorfa ist eine Verbeugung vor Bach. Laut dem vertraulichen Protokoll sagte der Kuwaiter am 4. Juni, die "großen Leistungen" des früheren Ghorfa-Präsidenten hätten "die Idee eines Ehrenpräsidenten auf den Plan gerufen". Er, Al-Ghanim, gehe davon aus, "dass Einigkeit im Präsidium bestehe, dass Dr. Thomas Bach die Voraussetzungen für das Amt des Ehrenpräsidenten erfülle".
Die Sache nahm ihren Lauf: Das Ghorfa-Präsidium stimmte dem Antrag zu, den Posten des Ehrenpräsidenten zu schaffen. Anschließend tagte die Generalversammlung, die das Konzept auch abnickte. Dort wurde Bach umgehend zum Ehrenmitglied ernannt - die Vorstufe vor seiner Beförderung zum Ehrenpräsidenten.
Die Personalie könnte bald entschieden werden. Bach spielt offenbar mit dem Gedanken, den Posten anzutreten. Auf Nachfrage erklärte er, ein solches Amt beeinträchtige seine politische Neutralität als IOC-Chef "in keiner Weise". Die Ghorfa sei eine "Handelskammer, die zu politischen Themen keine Stellung bezieht". Eine Ghorfa-Sprecherin behauptete, die Satzungsänderungen seien "explizit nicht auf Dr. Thomas Bach ausgerichtet". Die Organisation sei unpolitisch.
Unpolitisch? Bachs Nachfolger als Ghorfa-Präsident wurde der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer - der CSU-Politiker ist derzeit Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Deutschen Bundestag.
* Mit dem kuwaitischen Geschäftsmann Ali Al-Ghanim und Franz Beckenbauer in Bachs Heimatstadt Tauberbischofsheim am 10. Januar.
Von Sven Becker und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 52/2014
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