29.12.2014

RohstoffeSchwarze Schwemme

Die niedrigen Ölpreise entlasten die Verbraucher und beleben die Konjunktur - zugleich schaffen sie Gefahren für das Weltklima und die Stabilität der Finanzmärkte. Experten fordern einen neuen Anlauf für eine europäische Energiepolitik.
Für Detlev Freudel kam die Bescherung dieses Jahr schon lange vor dem Fest. Von einem "Gottesgeschenk" spricht der Berliner Taxiunternehmer, wenn er in diesen Tagen durch seinen roten Ordner mit den Tankrechnungen der vergangenen Wochen blättert.
Ende November zahlten seine Fahrer noch 1,21 Euro für den Liter Diesel. Mitte Dezember war der Preis schon auf 1,12 Euro gefallen, kurz vor Weihnachten lag er bei nur noch 1,10 Euro. Dabei hatte die Taxibranche 2014 bereits als Jahr der schlechten Nachrichten abgebucht: der Carsharing-Boom, die Konkurrenz der Taxi-Apps, der Mindestlohn. Doch nun schöpft Freudel wieder Hoffnung, seit seine Chauffeure beinahe täglich von neuen Schnäppchen an den Tankstellen berichten. "Jetzt", sagt Freudel, "können wir erst einmal durchatmen."
Deutschland erlebt einen Ölpreisschock der anderen Art. Um mehr als 40 Prozent ist der Preis des Rohstoffs im vergangenen Quartal gesunken, und nichts spricht dafür, dass er schon bald wieder auf sein vorheriges Niveau von gut hundert Dollar je Fass steigen könnte. Im Gegenteil: Weil sich die Machtverhältnisse auf dem globalen Energiemarkt grundlegend gewandelt haben, sei mit "einer lang anhaltenden Phase niedriger Ölpreise zu rechnen", heißt es in einem Vermerk des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi).
Zur "neuen Ökonomie des Öls", wie sie der Londoner Economist beschreibt, haben vor allem die US-amerikanischen Fracking-Unternehmen in Texas und North Dakota beigetragen, die den Rohstoff mit einem Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien aus dem Boden pressen. Früher konnten Saudi-Arabien und die übrigen Scheichtümer am Persischen Golf mit ihren riesigen Vorkommen den Preis beinahe beliebig steuern. Heute rollen die US-Unternehmen den Markt auf, die bei einem Preis von 60 bis 70 Dollar je Fass rentabel fördern können - und der Branche damit einen neuen Schwellenwert vorgeben.
Entsprechend sei auch künftig mit einer "globalen Angebotsausweitung" und "bis zum Jahr 2018 nur mit einem leichten Anstieg der Ölpreise auf etwa 80 Dollar zu rechnen", geht aus der BMWi-Analyse hervor. Allein im kommenden Jahr werde die deutsche Wirtschaft deshalb rund zwölf Milliarden Euro weniger an die Ölförderländer überweisen, ein Minus von fast 25 Prozent.
Die Folgen sind fast überall in der Wirtschaft spürbar. Deutschlands Airlines sparen Treibstoffkosten in Millionenhöhe. Stahl- und Grundstofffabriken können billiger produzieren, Pharmahersteller machen mehr Gewinn. Und nahezu alle Unternehmen profitieren davon, dass die Verbraucher weniger für Heizen und Tanken ausgeben müssen und mehr Geld für den Konsum in der Tasche haben. Im kommenden Jahr, so die BMWi-Prognose, werde das Wachstum deshalb zwischen 0,2 und 0,3 Prozentpunkten höher ausfallen.
Von einem "Plus" spricht Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (siehe Seite 62) wenn auch nur von einem "kleinen". Der Effekt für die deutsche Konjunktur sei spürbar, aber "begrenzt", weil die Wirtschaft bereits "auf regenerative Energien" umgestellt sei und Öl für die Unternehmen "nicht mehr diese große Rolle spielt wie früher".
Zudem birgt die weltweite Ölschwemme auch Risiken. Der Preissturz ist schlecht fürs Klima, weil er den Einsatz fossiler Energieträger lukrativer macht. Und er kann eine neue Wirtschaftskrise auslösen, wenn wichtige Förderländer wie Russland in den Bankrott getrieben und neue Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst werden. "Wenn der Ölpreis weiter fällt und auf niedrigem Niveau verharrt", sagt Snower, könne dies zu einem "Schock" für zahlreiche Schwellenländer werden.
So kommt es, dass der Jubel über die neuen Verhältnisse auf dem globalen Energiemarkt in den deutschen Konzernzentralen verhalten ausfällt. Viele Unternehmen registrieren Vor- und Nachteile gleichermaßen.
Der Chemieriese BASF beispielsweise ist ebenso Profiteur wie Opfer des weltweiten Preisverfalls. Auf der einen Seite sinkt der Gewinn der konzerneigenen Förder-Tochter Wintershall um etwa 15 Millionen Euro im Jahr, wenn die Ölnotierungen um einen Dollar pro Fass nachgeben. Auf der anderen Seite profitiert der Konzern von den fallenden Bezugskosten für Öl und Gas, den beiden wichtigsten Rohstoffen für die Chemieproduktion. Entsprechend gelassen blickt Vorstandschef Kurt Bock ins neue Jahr. BASF verdiene sowohl bei einem hohen wie bei einem niedrigen Ölpreis, erklärte er kürzlich, er könne mit beiden Entwicklungen gut leben.
Auch für Johannes Teyssen, Chef des Energieriesen E.on, ist die Zeit der Ölschwemme eine Zeit der gemischten Gefühle. Mit Bangen sieht er, wie der sinkende Ölpreis die russische Wirtschaft ins Schlingern bringt, wo er rund acht Milliarden Euro in Kraftwerke und Stromnetze investiert hat. Anlass zur Hoffnung bietet ihm dagegen Deutschland; hier profitiert E.on, wenn mit dem sinkenden Ölpreis auch die Preise der meisten anderen fossilen Energieträger fallen.
Der Gaspreis etwa ist mit einem Abstand von einigen Monaten an den Ölpreis gekoppelt. Somit dürften auch die Tarife für Gas demnächst kräftig fallen. Moderne Gaskraftwerke, die in den vergangenen Jahren wegen der hohen Rohstoffkosten nicht rentabel waren, könnten demnächst möglicherweise wieder zum Einsatz kommen.
Und was noch wichtiger ist: In den vergangenen Wochen hat die Stromnachfrage der großen Industriekunden spürbar angezogen. "Besonders in der chemischen Industrie, aber auch bei den Eisen- und Stahlherstellern ist eine deutlich höhere Nachfrage nach Strom zu verzeichnen", heißt es bei E.on. Das bedeutet nicht nur eine bessere Auslastung des Kraftwerkparks, sondern tendenziell auch steigende Preise. Sollte der Trend anhalten, wäre das nicht nur für die durch Energiewende und Atomausstieg gebeutelten Großkonzerne, sondern auch für Hunderte Stadtwerke ein Lichtblick.
Für den Münchner Siemens-Konzern dagegen kommt die Entwicklung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Unternehmenschef Joe Kaeser hatte sich Ende September nach einem harten Bieterkampf den Zuschlag für den US-Öl- und Gasindustrieausrüster Dresser Rand gesichert - für stolze 5,8 Milliarden Euro.
Sollte der Preis des Rohstoffs aber dauerhaft unter 60 Dollar pro Fass sinken, könnte sich die bislang teuerste Akquisition in der Unternehmensgeschichte als gewaltiger Bumerang erweisen. Schon jetzt denken manche Fracking-Unternehmer ans Aufgeben, weil sich ihre Bohrprojekte nicht mehr rechnen. Hält der Trend an, brechen Siemens die Kunden weg, und damit wären auch die erhofften Umsätze und Gewinne im US-Energiegeschäft weitgehend perdu.
Auch die Chefs der deutschen Autokonzerne runzeln neuerdings die Stirn, wenn sie die Nachrichten von den globalen Rohstoffmärkten hören. Früher haben sie sinkende Ölpreise bejubelt, weil das die Stimmung der Autokäufer verbesserte. Mittlerweile sind niedrige Spritpreise für den Volkswagen-Konzern, für Daimler und BMW ein Fluch.
Bis zum Jahr 2020 müssen sie in Europa die weltweit strengsten Abgasvorschriften einhalten. Im Durchschnitt dürfen die verkauften Fahrzeuge eines Konzerns dann nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, was einem Benzinverbrauch von knapp vier Litern auf 100 Kilometer entspricht. "Kein Premiumhersteller kann mit Verbrennungsmotoren allein die gesetzten 95-Gramm-Ziele erreichen", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW bieten deshalb Hybrid- und Elektromodelle an.
Bei niedrigen Benzinpreisen aber lohnt es sich für die Autokäufer kaum, mehr Geld für einen alternativen Antrieb auszugeben. Die Folge: Unter den neu zugelassenen Fahrzeugen in der EU sind gerade mal 0,5 Prozent Elektroautos. Der Anteil der Geländewagen liegt dagegen bei über 12 Prozent. Auch in den USA werden Spritfresser gekauft wie lange nicht mehr.
"Die Verbraucher sind nicht gezwungen, eine CO2-Quote einzuhalten", sagt VW-Chef Martin Winterkorn, "wir sind dazu gezwungen." Und wenn ein Hersteller die Vorgaben nicht erreicht, drohen ihm hohe Strafen, nicht nur in der EU, sondern auch in den USA.
Die Klagen der Konzernchefs zeigen, wie sehr sich die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Früher war die hiesige Industrie einseitig vom Rohstoff Öl abhängig. Drosselten die Scheichs die Fördermengen, stürzte die Wirtschaft in die Rezession. Heute sind die deutschen Unternehmen nicht zuletzt bedeutende Anbieter von Umwelttechnologien, für die oft die genau entgegengesetzte Logik gilt: Je niedriger der Ölpreis, desto weniger rechnet sich alles.
Das ist das Neue in der neuen Welt der Fracking-Revolution: Sie bringt nicht nur die Kalkulation vieler Unternehmer durcheinander, sondern auch die der Klimaschützer. Jahrelang dachten die Strategen der Umweltbewegung, dass ihre Sparappelle schon deshalb langfristig Erfolg haben würden, weil fossile Energieträger immer knapper und damit immer teurer werden würden. So würde sich Klimaschutz am Ende quasi von selbst rechnen.
Doch die Kalkulation des Club of Rome, wonach der schwindende Vorrat an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen dem Wachstum enge Grenzen setzt, habe sich mittlerweile "als Irrtum herausgestellt", sagt Ottmar Edenhofer, Chefvolkswirt des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. Zurzeit sei sogar die "größte Renaissance der fossilen Energieträger in der Industriegeschichte zu beobachten".
Edenhofers Rechnung geht so: Damit sich die Erde in diesem Jahrhundert nicht gefährlich erwärmt, dürfen nur noch 1000 Gigatonnen CO2 ausgestoßen werden. Unter der Erdoberfläche lagern derzeit aber noch mindestens 11 000 Gigatonnen fossile Energieträger. Mit anderen Worten: Soll das Weltklima gerettet werden, müssen 80 Prozent der bekannten Kohle-, 50 Prozent der bekannten Gas- und 30 Prozent der bekannten Ölreserven im Boden bleiben.
So verschärfen die neuen Verhältnisse auf den Energiemärkten das derzeit gravierendste Umweltproblem auf dem Globus. Die niedrigen Ölpreise sind gut für die Weltwirtschaft, weil sie die Konjunktur beleben. Aber sie sind schlecht fürs Klima, weil sie den schädlichen Einsatz fossiler Energieträger befördern.
Umso größer sind die Aufgaben für die Politik. Der Preissturz auf den Ölmärkten macht es noch dringlicher, dass sich die Welt auf ein Abkommen zur Begrenzung der Treibhausgase einigt. Und er zwingt Europas Politiker dazu, endlich jenes Instrument zu reformieren, das sie einst zum Schutz des Weltklimas erfunden haben: den Handel mit CO2-Emissionszertifikaten. Denn so gut die Idee war, der Industrie für jede Tonne des Treibhausgases eine Art Deponiegebühr abzuverlangen, so sehr leidet das Projekt an seinen Geburtsfehlern.
Weil zum Start zu viele Verschmutzungszertifikate ausgeteilt wurden, drückt das Überangebot nun den Preis. Es lohnt sich für die Industrie kaum, weiter in klimaschonende Technologien zu investieren, wenn die klimaschädliche Alternative, nämlich der Einsatz von Verschmutzungsrechten, so viel billiger kommt.
Umweltexperten drängen deshalb schon lange darauf, ein Gutteil der Zertifikate aus dem Markt zu nehmen, um das Überangebot zu beseitigen. Doch solange der Ölpreis hoch war, konnten sie sich damit nicht durchsetzen. Die Industrie machte, durchaus glaubhaft, geltend, dass man ihr nicht noch mehr Kosten aufbürden dürfe.
Nun könnte ausgerechnet der aktuelle Ölpreisverfall das Projekt befördern. Zum einen, weil er das CO2-Problem verschärft. Zum anderen, weil die anziehende Konjunktur Verbrauchern und Unternehmen den finanziellen Spielraum verschaffen könnte, mehr Energie zu sparen.
Es wäre der Einstieg in eine Politik, mit der sich die Belange von Ökonomie und Ökologie versöhnen ließen, eine Politik, die aus einem kurzfristigen Konjunkturaufschwung nachhaltiges Wachstum machte. "Wenn die Risiken des Klimawandels begrenzt werden sollen", sagt Edenhofer, "brauchen wir einen CO2-Preis, der den Einsatz sauberer Technologien wirtschaftlich macht."
Von Dinah Deckstein, Frank Dohmen, Dietmar Hawranek, Alexander Neubacher, Simon Pfanzelt und Michael Sauga

DER SPIEGEL 1/2015
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