29.12.2014

SozialesKinder zweiter Klasse

Die Mütterrente der Großen Koalition benachteiligt oft Frauen, die ihr Kind adoptiert haben. Betroffene Familien fühlen sich diskriminiert.
An Heiligabend vor genau 35 Jahren wartete Elke Mertens am Frankfurter Flughafen auf eine Maschine aus Indien. In ihre Tasche hatte sie frische Windeln und einen gestrickten Bären gesteckt, und während sie Ausschau nach den Ankömmlingen hielt, umklammerte sie das Bündel - schon um etwas weniger zu zittern. Denn das Kind, das kurz darauf auf einem Gepäckwagen in die Ankunftshalle geschoben wurde, sollte ihr Sohn werden.
Ein Waisenjunge, drei Jahre alt, mit dunkler Haut, so hatte es in dem Brief der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes gestanden. Viel mehr hatten Mertens und ihre Familie nicht gewusst, viel mehr war auch nicht wichtig. Sie hatten sich noch ein Kind gewünscht, nun war es angekommen. Alles war neu an diesem Tag. Auch für Niklas.
Der Junge aus Indien sah zum ersten Mal Menschen mit heller Haut. Er hörte eine Sprache, die er nicht verstand. Ihren Job als Lehrerin gab Elke Mertens auf, um immer bei Niklas sein zu können. "So ein kleines Menschenwesen braucht viel Zuwendung", sagt sie. Auch als sie ihre leibliche Tochter ein paar Jahre zuvor zur Welt gebracht hatte, war sie eine Weile beruflich kürzergetreten. Zwischen ihrer Tochter und Niklas haben Elke Mertens und ihr Mann nie einen Unterschied gemacht.
Dass aber der Staat durchaus zwischen leiblichen und adoptierten Kindern unterscheidet, hat Elke Mertens jüngst als Ruheständlerin erfahren - mit inzwischen 72 Jahren. Es genügte ein Blick in ihren Rentenbescheid. Schließlich hatte die Große Koalition allen Müttern, deren Kinder vor 1992 zur Welt gekommen sind, höhere Ruhegelder versprochen. Wegen ihrer beiden Kinder müsse die monatliche Rente daher um 57,22 Euro erhöht werden - hatte Elke Mertens gedacht. Doch in dem Schreiben der Rentenkasse fand sich nur der Hinweis auf ein einziges Kind, entsprechend niedriger fiel die Rentenerhöhung aus. "Die haben Niklas vergessen", dachte Elke Mertens.
Ein Anruf bei der Rentenversicherung brachte Klarheit: Nein, da könne man leider nichts tun, sagte die Sachbearbeiterin. Weil der Junge bei seiner Adoption älter als zwei Jahre gewesen sei, zähle er bei der Berechnung der Mütterrente schlicht nicht mit. So sei nun einmal das Gesetz. "Ich empfinde das als Diskriminierung", schimpft Elke Mertens nun.
Mit ihrer Wut steht sie nicht allein. Schließlich adoptieren die wenigsten Familien ein Kind im Säuglingsalter. Der Blick in die Statistik der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass mehr als die Hälfte aller Kinder bei ihrer Adoption so alt wie einst Niklas oder älter waren - und damit vor dem Sozialrecht schon zu groß, um heute bei der Mütterrente berücksichtigt zu werden.
Dabei hatte vor allem die Union mit ihrem Wahlkampfversprechen gezielt um grau melierte Damen geworben. Sie seien für ihre Sprösslinge häufig aus dem Beruf ausgestiegen, so argumentierten CDU und CSU, Möglichkeiten zur Kinderbetreuung habe es damals nicht gegeben. Die Altersversorgung vieler Frauen falle daher oft bescheiden aus und müsse erhöht werden. Dringend. Auch heute schreibt die Bundesregierung offiziell auf ihrem Internetportal, die Mütterrente sei "eine Anerkennung für die erbrachte Erziehungsleistung". Aber ist die Erziehung eines Kindes weniger wert, nur weil man es nicht selbst zur Welt gebracht hat?
Schuld trägt das komplizierte Rentenrecht: Einen Zuschlag erhalten seit Juli Rentnerinnen, die sich um ein vor 1992 geborenes Kind in dessen ersten beiden Lebensjahren gekümmert haben. Für den Zeitraum direkt nach der Geburt schreibt ihnen die Sozialkasse rechnerisch nun zwei Jahre Kindererziehungszeit gut (statt wie bislang eins) und erhöht damit ihre Altersversorgung. Wer aber wie Elke Mertens ein Kind adoptiert hat, das bereits älter als zwei Jahre war, geht leer aus.
Schon als die Mütterrente und das erste Erziehungsjahr im Jahr 1986 eingeführt wurden, hatten Experten geklagt, die Reform benachteilige Adoptivfamilien mit älteren Kindern. 2006 hatte auch die Kinderkommission des Bundestags empfohlen, "aktiv zu werden". Es sei nicht gerechtfertigt, diese Eltern auszugrenzen. Nun hat die Rentenreform die Ungleichbehandlung noch verschärft.
"Viele Adoptivmütter haben nichts von der Mütterrente", klagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Die derzeitige Regelung müsse "überdacht und differenziert" werden. Im Januar will auch der Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD) eine Aufforderung an die Abgeordneten des Bundestags senden. "Wir müssen diese Benachteiligung beseitigen", sagt PFAD-Vorsitzende Dagmar Trautner. Dutzende Seniorinnen haben den Verband um Hilfe gebeten, weil sie sich um die Mütterrente betrogen fühlen - und weil sie ihren Einsatz nicht wertgeschätzt sehen. In ihren Mails schreiben viele Frauen darüber, dass ihr angenommenes Kind Schrammen mitgebracht habe, auch solche an der Seele, und dass es manchmal mehr Liebe gebraucht habe als das leibliche. Warum man das nicht anerkenne?
Geschrieben haben nicht nur Eltern, die etwas ältere Sprösslinge adoptierten. Gemeldet haben sich auch Familien, die ein vernachlässigtes Kind aufnahmen, kaum dass es den ersten Geburtstag gefeiert hatte, die jedoch vom Rentenzuschlag nicht profitieren. Denn im jüngsten Reformgesetz versteckt sich eine besondere Paradoxie.
Um den Verwaltungsaufwand zu schrumpfen, hat die Bundesregierung eine neue Pauschalregel beschlossen: Seither prüft die Sozialkasse für die Mütterrente bei Seniorinnen lediglich, wer das Kind in seinem 12. Lebensmonat erzogen hat. Lebte es zu diesem Zeitpunkt etwa noch bei der leiblichen Mutter, geht der Rentenzuschlag für die gesamte Erziehungszeit an sie - auch wenn sie ihr Kind kurz darauf für immer in eine andere Familie gab. Nach Hochrechnungen des Verbandes PFAD führt das Verfahren dazu, dass rund 30 000 Adoptivmütter im Rentenalter von der Neuregelung nun nicht profitieren. Das Sozialministerium aber kann an dem Passus nichts Unrechtes entdecken. Eine Ausnahmeregelung sei "verfassungsrechtlich unter Gleichbehandlungsgesichtspunkten problematisch", schrieb die zuständige Staatssekretärin kürzlich an die Linksfraktion. Die Sorge des Ministeriums: Würde man die Pauschalregelung aufgeben, müsste man auch über andere Problemfälle reden - über Eltern etwa, die ihre Kinder in den ersten Lebensjahren im Ausland erzogen haben. Denn auch die fühlen sich derzeit benachteiligt, wenn sie keine Mütterrente erhalten.
Von den Politikern der Großen Koalition jedenfalls ist Elke Mertens enttäuscht. "Mir ist es völlig unverständlich, warum Adoptivmütter schlechtergestellt werden", sagt sie. "Es ist doch kein Unterschied, ob man ein Menschlein selbst geboren hat oder nicht, wenn man es ein Leben lang begleitet."
Von Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 1/2015
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