29.12.2014

FilmkritikKampfmaschinen

In „Herz aus Stahl“ spielt Brad Pitt einen US-Panzerkommandanten, der 1945 in Deutschland einmarschiert.
Im neuen Jahr werden sie wieder überall zu sehen sein, die alten Bilder von den guten Amerikanern. Von US-Soldaten, die deutschen Kindern Schokolade schenken und mit deutschen "Fräuleins" flirten - Stars and Stripes und Coca-Cola zwischen Ruinen. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs feiern die Amerikaner den Sieg über Nazi-Deutschland, den Triumph der Freiheit über das Böse. Die Erinnerung an die Kriege, die Amerika nach 1945 führte und führt, ist dagegen vergiftet. Vietnam, Irak und Afghanistan, Folter durch die CIA und Exekutionen per Drohne, das ist der Stoff für Untersuchungsausschüsse, nicht für Heldensagen.
Aber waren im Zweiten Weltkrieg wirklich alle amerikanischen Soldaten Helden, edel, hilfreich und gut? Kurz bevor die letzten Zeitzeugen sterben, meldet ausgerechnet Hollywood Zweifel an. Der Actionfilm "Fury", der in Deutschland unter dem Titel "Herz aus Stahl" in die Kinos kommt, versucht, die Rolle der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg neu zu erzählen, differenzierter, selbstkritischer, dreckiger. Ein vermeintlich vertrautes Kapitel aus den letzten Kriegswochen soll mit neuem Realismus aufgeladen werden. Der New Yorker verglich "Herz aus Stahl" mit Steven Spielbergs Klassiker "Der Soldat James Ryan" (1998), der die Landung der Alliierten in der Normandie mit bis dahin ungekannter Härte darstellt.
"Herz aus Stahl", geschrieben und inszeniert von David Ayer ("End of Watch"), porträtiert das Schicksal einer fiktiven Panzerbesatzung der U. S. Army im April 1945. Ihr Kommandant ist ein Sergeant mit dem Spitznamen "Wardaddy", verkörpert von Brad Pitt. Wardaddy ist eine Art Wiedergänger jenes Nazi-Jägers, den Pitt in Quentin Tarantinos Kriegsfilmfarce "Inglourious Basterds" gespielt hatte. In einer der ersten Szenen von "Herz aus Stahl" rammt er einem Gegner ein Messer ins Auge.
Wardaddy trägt die Verantwortung für vier verdreckte, kriegsmüde Kameraden und einen Panzer vom Typ Sherman. "Fury" - Wut, Raserei - steht in weißer Farbe auf dem Kanonenrohr. Die Soldaten wissen, dass die USA diesen Krieg bald gewinnen werden; sie wissen nur nicht, ob sie selbst diesen Sieg erleben werden. Zu Beginn des Films wird die zerfetzte Leiche des Richtschützen aus dem Panzer geborgen. Der Ersatzmann steht schon bereit. Norman (Logan Lerman) ist fast noch ein Kind, bisher hatte er in einer Schreibstube gedient. Wenn er Schüsse hört, zuckt er zusammen.
Regisseur Ayer, 46, kennt das Gefühl, von erfahrenen Soldaten nicht für voll genommen zu werden. Als er in den Achtzigerjahren zur Marine ging, galt er im Navy-Slang anfangs als NUB, Non-Useful Body, ein Nichtsnutz. Er arbeitete als Sonartechniker auf einem Atom-U-Boot, der USS "Haddo".
Im Film wird der Neuling erst einmal zum Putzdienst abkommandiert. Er muss die Reste seines toten Vorgängers aus dem Panzer wischen. Norman wird übel, möglicherweise auch manchem Zuschauer. "Herz aus Stahl", freigegeben ab 16 Jahren, reizt nicht nur in dieser Szene Grenzen aus.
Natürlich versagt der Neue auch im ersten Kampf. Als der Panzer angegriffen wird, bleibt er paralysiert vor dem Maschinengewehr sitzen und bringt seine Kameraden in Lebensgefahr.
Der Junge muss das Töten lernen. Wardaddy befiehlt ihm, einen wehrlosen deutschen Kriegsgefangenen, einen SS-Mann, zu erschießen. Norman weigert sich, er weint, er bittet um Gnade, weniger für den SS-Mann als für sich selbst, am Ende vergebens. Der Deutsche wird erschossen, ein Kriegsverbrechen. "Ideale sind friedlich, Geschichte ist gewalttätig", sagt Wardaddy.
Deutsche Regisseure hätten vermutlich Skrupel, so eine Szene zu drehen, aus Angst, man würde ihnen Antiamerikanismus unterstellen oder gar die Relativierung deutscher Schuld. Und auch für einen Hollywood-Film über den Zweiten Weltkrieg, abgesehen von Grotesken wie bei Tarantino, ist die Szene ein Tabubruch. US-Soldaten als Kriegsverbrecher, das kannte man bisher vor allem aus Filmen über den Vietnam-Krieg wie "Apocalypse Now".
Regisseur Ayer glorifiziert die Aktion nicht. Nach der Lektion entfernt sich Wardaddy von seinen Leuten, um allein mit seinen Gefühlen zu sein. Er zeigt, welchen Preis auch der Kommandant für die Lektion zahlen muss. Außer Sichtweite seiner Männer bricht er nach der Exekution in sich zusammen.
Unzählige Leichen später ist aus dem Neuling dann doch ein brauchbarer Soldat geworden, eine Kampfmaschine für die gerechte Sache. Der Sieg ist jetzt wichtiger als das eigene Überleben.
Kinostart: 1. Januar
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 1/2015
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