29.12.2014

Udo Jürgens

1934 bis 2014 Ein Nachruf von Oliver Polak
Polak, 38, ist Comedian und lebt in Berlin. Zuletzt erschien sein autobiografisches Buch "Der jüdische Patient".
Ich habe meine Mutter, außer auf der Beerdigung ihrer eigenen Mutter, nie weinen sehen. Sie war ihr Leben lang stark, sie wollte immer stark sein, keine Schwäche zeigen. Heute ist der vielleicht dunkelste Dezembertag meines Lebens. Gestern ist Udo Jürgens gestorben.
Ich stehe nach einer schlaflosen Nacht auf dem Alexanderplatz im Regen zwischen den Weihnachtsmarktbuden. Mein Telefon klingelt, Vorwahl 04961, Papenburg, meine Eltern. Mein Vater ist dran, er ist 89, seine Stimme klingt rauer als sonst. Er fragt mich, ob ich es schon gehört habe. Ich breche in Tränen aus. Mein Vater bricht in Tränen aus und sagt: "Oliver, ich kann das ja nicht haben. Mama hat ihn noch vor vier Wochen in Oldenburg gesehen."
Kids laufen an mir vorbei, ich geniere mich. Ein 38-jähriger Typ, der mitten auf dem Alex in Tränen ausbricht. Wenn sie nur wüssten. Mein Vater gibt den Hörer an meine Mutter weiter. Sie spricht mit leiser Stimme, ich höre sie ausatmen. Da ist sie wieder: die Angst vorm Tod der eigenen Eltern, etwas, das immer über den Dingen schwebt. Aber da war ja immer noch Udo, ein Leben lang. Aber was, wenn er mal stirbt?
Ich habe ihn das letzte Mal vor ungefähr fünf Wochen in Leipzig getroffen. Wir haben bis in den späten Abend gesprochen, er wirkte fitter als ich. Vital. Getrieben. Wach. Voller Kraft und Vorfreude auf die kommenden Auftritte. Gin Tonic, Hendrick's, Gurke, Pfeffer und Fever-Tree. Wir haben gelacht, nachgedacht, geschwiegen. Beim Abschied streckte ich ihm meine Hand entgegen, aber er drückte mich an sich.
"Mama, der SPIEGEL hat mich gefragt, ob ich einen Nachruf schreiben kann. Ich will das versuchen."
"Natürlich schreibst du den, Oliver. Dieser Mann hat dein Leben geprägt."
Mama, will ich ihr sagen, er hat nicht nur mein Leben geprägt. Er hat die Menschen in diesem Land geprägt, die Seele eines kaputten Landes mit Musik therapiert, über fünf Jahrzehnte lang. Es brauchte wahrscheinlich erst wieder einen Österreicher, der den Menschen die Erlaubnis zu fühlen zurückgab.
In einer Anmoderation zu dem Song "Der gekaufte Drachen" hat Udo bei einem Konzert in der Semperoper in Dresden 2014 gesagt: "Dieses Lied erzählt eine kleine Geschichte, das tun ja sehr viele Lieder von mir. Das mag eine Geschichte sein, die auch etwas nachdenklich stimmt, und ich bin mir ganz sicher, dass heute Abend einige hier sind, recht viele sogar, die so eine Geschichte ähnlich oder fast genauso erlebt haben." Das Lied handelt von einem Vater, der das Leben seines Sohnes schon im jungen Alter festzurren will, aus Angst.
Daran erinnere ich mich jetzt, und die Zeilen, die ich jetzt schreiben werde, erzählen eine kleine Geschichte von Udo Jürgens. Das mag eine Geschichte sein, die nachdenklich stimmt, und ich bin mir sicher, dass einige von euch, recht viele sogar, auch so eine Udo-Geschichte ähnlich oder fast genauso zu erzählen haben.
Als ich elf Jahre alt war, legte mir meine Mutter Kleidung heraus und sagte mir, dass wir morgen Abend auf ein Konzert nach Oldenburg fahren. Die Kleidung, die sie mir rausgelegt hatte, war besonders schick. Eine weiße Hose, weißer Gürtel, schwarze Lackschuhe, weißes Lacoste-Poloshirt. Auf dem Weg nach Oldenburg sträubte ich mich im Auto, da ich schon ein paarmal mit meiner Mutter auf klassischen Konzerten gewesen war, die ich unerträglich fand. Meine Mutter beruhigte mich. Sie sagte, dass wir zu Udo Jürgens führen und dass das anders sei. Ich vertraute ihr, was nicht oft vorkam. In der Halle setzten wir uns auf unsere Plätze irgendwo in den ersten acht Reihen.
Obwohl ich sehr jung war, fand ich es cool, mit meiner Mutter auf so einem Konzert zu sein. Kurz nach acht, das Licht wurde abgedunkelt, das Orchester betrat die Bühne und spielte leise auf. Udos Stimme erklang aus dem Off. Dann betrat er die Bühne. Ich war überwältigt. So viele Lieder, so viele Worte, so viel Gefühl. Zweieinhalb Stunden Musik, seine damals aktuelle Platte "Deinetwegen". Es war 1987. Bei dem Song "Hautnah" riss es die Zuschauer von den Plätzen. Sie rannten nach vorn. Meine Mutter schleifte mich mit nach vorn, setzte mich vor sich auf den Bühnenrand. Als Finale kam der Song "Deinetwegen" mit den Zeilen:
Wie ein Clown ohne Zirkus / Trotzdem ist mir bis heut' fast jedes Lachen geglückt! / Wer auf mich baut, ist verlor'n, wer mit mir tanzt, ist nie allein / Auf dem Seil ohne Halt / Ich werde nie wiedergeboren, bin nie der, den ihr meint / Und vor allem, wer spinnt, wird nie alt.
Ich musste weinen, ich weiß nicht, warum, da war ein Punkt, den dieser Typ in meinem Kinderherzen berührte - es umarmte, es verstand, mich verstand. Ich verliebte mich. Bei seinem Abgang klatschte Udo die zur Bühne hochragenden Hände ab. Auch meine kleine Kinderhand hielt er kurz in seiner großen verschwitzten Popstar-Hand. Ich saß versteinert auf dem Bühnenrand.
Wir gingen zum Hinterausgang der Weser-Ems Halle. Dort standen wir im Regen, doch meine Mutter gelang es tatsächlich, noch ein Autogramm zu bekommen, auf meinem Kinderausweis und auf ihrem Führerschein. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen.
Stattdessen baute ich mit Playmobil und Lego deine Show nach, Udo, und ließ dazu die "Deinetwegen"-Kassette laufen. "Wach sein im Traum, Wirklichkeit spüren, hautnah."
Deine Musik wurde mein Soundtrack fürs Leben. Ein Leben ohne dich, deine Musik, deine Texte unvorstellbar. Dein Publikum war mehr als dein Publikum. Freunde, so hast du uns oft angesprochen.
Deine Musik ist alles, nur nicht "Schlager". Sie ist Chanson! Pop! Du warst ein Ausnahmemusiker, ein echter Weltstar. Du hast Lieder geschrieben für Shirley Bassey. Sammy Davis Jr. hat dein Stück "If I Never Sing Another Song" oft live gespielt. Dein Bademantel war niemals Ironie. Deine Songs waren Melodien von dir für uns, für mich. Sie waren Trost, sie waren Halt.
Man konnte mit dir fühlen. Dein Song an deinen verstorbenen Vater, "Mein Baum", hat mich mit elf zum Weinen gebracht, er rührt mich bis heute. Deine Zeilen, die Worte, die du benutzt, sind liebevoll, sie sind frei von jeglicher Ironie, solidarisieren sich mit der Emotion. Du versteckst dein Ich nicht hinter der Indifferenz des Herzens. Auf deiner vorletzten Tournee waren auf Leinwänden Szenen aus dem Film "Der Mann mit dem Fagott" zu sehen, die dich als kleinen Jungen in der Hitlerjugend gezeigt haben. Ich glaube, ich habe noch niemals so viele weinende deutsche Männer in einem Saal gesehen.
Nachdem ich diesen Gedankenfluss zusammengeschrieben hatte, stieg ich in ein Taxi und ließ mich zur Friedrichstraße fahren. Als der Taxifahrer kassierte, bat ich ihn, ihm eine Frage stellen zu dürfen. Der um die 45 Jahre alte Mann nickte.
"Was haben Sie gedacht, als sie gehört haben, dass Udo Jürgens gestorben ist?"
Er dreht sich um zu mir und sagt, das sei jetzt interessant, dass ich ihn das frage. "Ich habe Udo Jürgens vor zwei Jahren von Tegel hier nach Mitte gefahren. Wir kamen in einen Stau, er war ein sehr höflicher Herr. Ich sagte ihm, dass er noch so jung wirke, und fragte ihn, wie lange er das denn noch machen will. Udo Jürgens entgegnete: So lange, wie ich kann."
Seine letzte Tournee, die auch noch "Mitten im Leben" hieß, begann mit einem älteren Song. Er heißt "Die Welt braucht Lieder". Darin gibt es die Textzeile: "Leben gegen den Tod".
Ein Manager würde sagen, Udo Jürgens ist auf dem Gipfel seiner Karriere gegangen. Ein Kind würde sagen, ich hätte gern noch ein paar Tage mit meinem Vater verbracht. Sogar jetzt, wo du nicht mehr da bist, Udo, tragen uns deine Worte, deine Gedanken, deine Lieder über unsere Trauer hinweg. Danke. ■
Von Oliver Polak

DER SPIEGEL 1/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Udo Jürgens

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser
  • Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer