05.01.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksUnter Ungleichen

"Von all dem Neuen, das während meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, hat mich nichts so lebhaft beeindruckt wie die Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen. Alsbald wurde mir der erstaunliche Einfluss klar, den diese bedeutende Tatsache auf das Leben der Gesellschaft ausübt." Der französische Publizist Alexis de Tocqueville schrieb das 1835, und der "erstaunliche Einfluss", den er meinte, war dieser: In der freien Gesellschaft erwächst aus der Gleichheit das Vertrauen und aus dem Vertrauen der Erfolg.
Der hellsichtige Reisende hatte einen Zusammenhang beobachtet, der noch immer gültig ist: Gemeinschaft und Gleichheit bestärken sich gegenseitig - und beides ist Bedingung für die gelingende Gesellschaft. Für die USA hat der Politologe Robert Putnam diese These in seiner bedeutenden Studie "Bowling Alone" bestätigt. Die Deutschen erleben zurzeit den umgekehrten Beweis: den Verfall des sozialen Kapitals. Der kalte Erfolg der AfD, die unsinnige Zustimmung für Pegida - das sind Krankheitszeichen einer wachsenden Ungleichheit.
Was treibt sie denn um, die Selbstgerechten, die Beleidigten, die Furchtsamen unter den Bürgern? Doch nicht der Islam! Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich verweist zu Recht auf Angela Merkel - mithin die Regierungspolitik - als wahre Urheberin dieses Winters unseres Missvergnügens. Aber aus dem falschen Grund. Friedrich findet, Merkel habe die konservativen Wurzeln der Union vernachlässigt "in einer Zeit, in der die Menschen wieder nach kultureller Identität, Heimat und Zusammenhalt fragen". Aber warum stellen die Leute solche Fragen? Weil ihr Vertrauen in dem Maße schwindet, wie die Ungleichheit zunimmt. Was der Soziologe Émile Durkheim "mechanische Solidarität" nannte, die Sehnsucht nach der homogenen Gruppe, ist ein Krisenzeichen. Mit derselben Deutschlandfahne kann man Fußballfröhlichkeit ebenso demonstrieren wie Fremdenfeindlichkeit.
In Zahlen: Mitte der Achtzigerjahre verdienten die reichsten zehn Prozent der Deutschen fünfmal so viel wie die ärmsten zehn Prozent; heute liegt das Verhältnis bei sieben zu eins. Kein Wunder, dass da ein Murren laut wird. Die Leute ahnen, dass etwas mit dem System nicht mehr stimmt. Aber - und das sind die Früchte der "geistig-moralischen" Wende, die sich nicht unter Helmut Kohl, aber unter Gerhard Schröder vollzogen hat - es fehlen ihnen die Begriffe, das zu benennen. Dabei ist der Weg nicht so schwer, man muss ihn nur gehen: Er heißt Umverteilung. Es sind die Steuern, über die gesteuert wird. Einkommensteuer, Erbschaftsteuer, Vermögensteuer. Nur so wird Deutschland wieder gleicher und solidarischer.
Übrigens schätzt die OECD, dass das deutsche Wachstum zwischen 1990 und 2010 ohne wachsende Ungleichheit um fast sechs Prozentpunkte höher ausgefallen wäre. Tocqueville lässt grüßen.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 2/2015
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