05.01.2015

Kriminalität„Terror ist ein gutes Geschäft“

Die Amerikanerin Louise Shelley untersucht die ökonomischen Grundlagen von Gruppen wie dem „Islamischen Staat“. Sie sieht in ihnen Profiteure der Globalisierung.
Shelley, 62, ist Gründerin und Direktorin des Instituts für Terrorismus, internationale Kriminalität und Korruption an der George Mason University im amerikanischen Arlington, Virginia.
SPIEGEL: Frau Shelley, wenn man von den Opfern für einen Moment absieht, was kostet ein Terroranschlag eigentlich die Täter?
Shelley: Nun, auf den ersten Blick weniger, als man denkt. Waffen zu beschaffen oder eine kleine Gruppe von Terroristen auszubilden ist nicht übermäßig teuer. Nehmen Sie die Anschläge vom 11. September 2001: Da schätzt man die Kosten auf gerade mal 500 000 Dollar. Aber ich denke, so zu rechnen ist der falsche Ansatz. Die entscheidende Frage ist doch, was es kostet, eine terroristische Organisation zu unterhalten. Dafür brauchen Sie eine gewaltige Logistik, Sie müssen alle Kämpfer bei Laune halten, die Hinterbliebenen getöteter Terroristen versorgen und so weiter. Dafür benötigen Sie sehr viel Geld.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Dirty Entanglements" sagen Sie, jede terroristische Erfolgsgeschichte beginne wie eine erfolgreiche Unternehmensgründung: mit dem Sammeln von Startkapital(*). Bei al-Qaida stammte es aus dem Vermögen von Osama Bin Laden. Woher hat der "Islamische Staat" sein Startkapital?
Shelley: Aus zwei Quellen. Zum einen gab es in der Anfangszeit Spenden aus den Golfstaaten. Zum anderen waren es Einnahmen auf zunächst niedrigem Niveau aus Schmuggelgeschäften - mit Zigaretten und Pornografie.
SPIEGEL: Pornografie?
Shelley: Ja, ich war auch überrascht. Inzwischen finanziert sich der IS zum Gutteil über den Ölhandel, aber sein Businessmodell ist diversifiziert. Er betreibt viele schmutzige Geschäfte.
SPIEGEL: Welche?
Shelley: Nehmen Sie etwa die geraubte Kunst aus den besetzten Gebieten. Sie wird über Ebay verkauft, auf Kunstmessen oder über Edelantiquariate in Europa. Aber damit lässt sich nicht wirklich viel Geld machen; die Terroristen denken da sehr ökonomisch, die Anzahl der potenziellen Kunden für so teure Waren ist klein. Mit der Besteuerung von Handel, Verkauf von Pässen ausländischer Kämpfer, mit Entführung und Menschenschmuggel, mit Mobiltelefonen, mit illegalen Zigaretten und Drogen lässt sich einfach mehr Geld verdienen. Und natürlich mit Waffenhandel.
SPIEGEL: Wie funktionieren die Handelswege bei diesen illegalen Geschäften?
Shelley: Sie nutzen einfach traditionelle Handelsbeziehungen für neue Geschäfte. Die Verbindungen zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei sind Hunderte Jahre alt. Die Länder waren in der Geschichte Bestandteile gemeinsamer Imperien.
SPIEGEL: Bedeutet dies, dass terroristische Organisationen schon in ihren Ursprüngen mit der organisierten Kriminalität verbunden sind?
Shelley: Ich würde nicht sagen, sie sind mit der organisierten Kriminalität verbunden - sie sind an organisierter Kriminalität beteiligt. Manchmal werden die kriminellen Aktivitäten von Terrororganisationen outgesourct, manchmal werden sie in Eigenregie durchgeführt. Bei Letzterem bestechen die Islamisten dann Beamte und führen die Operationen selbst aus. Der IS ist maßgeblich in den irakischen Gefängnissen nach der US-Invasion entstanden. Diese Orte waren entscheidend für die Ausprägung von Beziehungen zwischen den Terroristen und den oft kriminellen Mitgliedern der Baath-Partei aus Saddam Husseins Regime.
SPIEGEL: Ist es für Dschihadisten nicht eigentlich "haram", also ein Tabu, mit gewöhnlichen Kriminellen zu paktieren?
Shelley: Eine interessante Frage. Viele Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, sagen, für die Islamisten gelten Kriminelle als nutzbar. Sie sind nicht unberührbar. Aus dieser Gruppe kann man Personal für den Dschihad rekrutieren, gegen das Versprechen, dass sie dadurch von ihren Sünden gereinigt werden. Das ist durchaus ein attraktives Angebot für Muslime. In den Reihen des IS sind viele Kämpfer mit krimineller Vergangenheit.
SPIEGEL: Solange es einem höheren Ziel dient, ist es für Gotteskrieger in Ordnung, Pornos zu schmuggeln?
Shelley: Das ist nicht die Lehre des Islam. Geistliche in der Türkei und Saudi-Arabien versuchen Aussteigern zu erklären, dass dies nichts mit dem Koran zu tun hat. Der IS missdeutet islamische Werte für seine Zwecke.
SPIEGEL: Das klingt alles viel mehr nach Konzern- als nach Kalifatsinteressen.
Shelley: So ist es, ja. Inzwischen wurden viele Unterlagen des IS sichergestellt. Wenn man sie analysiert, stellt man fest, dass die Gruppe wie ein normales Unternehmen geführt wird. Es gibt eine ordentliche Buchführung, da werden penibel die Einnahmen, etwa aus dem Zigarettenschmuggel, aufgeführt und die Ausgaben für Bestechung oder Waffen gegengerechnet. Terror ist auch ein Geschäft - ein gutes. Weil die Terroristen wie Geschäftsleute denken und handeln, ist es unabdingbar, ihnen mit den unterschiedlichsten gesetzlichen Mitteln beizukommen und nicht nur mit dem Strafrecht. Deutschland hat große Erfahrung mit regulatorischer Gesetzgebung im Wirtschaftsbereich. Diese kann dabei helfen, die Geschäftsmodelle der Terroristen mit gesetzlichen Mitteln einzuschränken.
SPIEGEL: Das soll nicht nostalgisch klingen, aber was ist aus dem Terrorismus alter Schule geworden? Hatten Terrorgruppen früher nicht vor allem ideologische Ziele?
Shelley: Gehen wir einen Schritt zurück. Ja, seit dem Ende des Kalten Krieges gab es eine große Transformation im internationalen Terrorismus. Aber auch Gruppen wie die IRA waren tief in kriminelle Geschäfte verwickelt und waren irgendwann eher Kriminelle als Terroristen. Wenn Sie bestimmte Dinge immer wieder tun, werden sie alltäglich, und sie verlieren ihre ideologische Reinheit. Und wenn Sie ständig Geld für Ihre Operationen beschaffen müssen, steht das irgendwann im Mittelpunkt Ihres Denkens. Dennoch unterscheiden sich die alten Bündnisse zwischen Terror und organisierter Kriminalität von den jetzigen.
SPIEGEL: Nämlich?
Shelley: Nehmen Sie die Mafia als traditionelle Form der transnationalen Kriminalität. Die Mafia ist so machtvoll geworden, weil sie die Strukturen des Staates in Italien benutzt und ihn bis in Regierungskreise hinein unterwandert hat. Sie ist mit dem Staat gewachsen und reich geworden.
Ebenso sind die Yakuza in Japan vorgegangen. Sie waren Teil des Systems. Das ist auch der Grund, warum sie den Staat nicht angegriffen haben, wie es Terroristen tun. Heute gibt es außerhalb von Staaten globale Netzwerke, und deshalb können kriminelle Organisationen und Terroristen viel einfacher außerhalb staatlicher Strukturen und global handeln.
SPIEGEL: Hat der globalisierte Kapitalismus den Terrorismus korrumpiert?
Shelley: Es ist komplizierter. Gruppen wie der "Islamische Staat" entspringen eher der Handelstradition des Mittleren Ostens als der des industriellen Kapitalismus. Deshalb geht es ihnen darum, durch den Handel mit Erdöl, anderen Rohstoffen oder Waren Geld zur Finanzierung ihrer Terrororganisation zu bekommen.
SPIEGEL: Anscheinend zählen Terrorgruppen und die internationale Kriminalität zu den Profiteuren der Globalisierung.
Shelley: In der Tat. Wir denken noch immer in staatlichen Strukturen. Und auf der anderen Seite stehen diese Gruppen, die die Möglichkeiten der Globalisierung für ihre Zwecke nutzen und damit Geld verdienen.
SPIEGEL: Die Erlöse aus all diesen Geschäften müssen auch von einem Ort an den anderen transferiert werden. Wie wichtig ist dafür das Hawala-System, also der Geldtransfer über Vertrauensleute ohne die Nutzung von Banken?
Shelley: Natürlich gehört Hawala zum System. Aber es ist zu kurz gedacht, wenn man glaubt, der Ölschmuggel werde nur durch kriminelle Gruppen organisiert. Schon im Irak Saddam Husseins beteiligten sich daran Mitglieder seiner Baath-Partei. Manche von ihnen tun es bis heute. Es ist ein schmutziges Miteinander von Terroristen, kriminellen Organisationen, Kriminellen in den Staatsapparaten und legalen Handels- oder Finanzstrukturen - nicht nur im Irak, sondern weltweit.
SPIEGEL: Gehört Computerkriminalität auch zu den Geschäftsfeldern der Terrorgruppen?
Shelley: Ein interessanter Punkt, denn darüber redet niemand. Wenn ich mit Regierungsvertretern spreche, dann sagen sie, wir müssen das Gebiet des IS bombardieren, um den Islamisten die Möglichkeit zu rauben, mit Ölhandel weiterhin Geld zu verdienen. Dann sage ich: Und Sie glauben, damit beenden Sie die Terrorfinanzierung? Das ist einer der grundsätzlichen Fehler in der Terrorbekämpfung: Die Ermittler folgen der Geldspur und schauen sich an, womit diese Gruppen früher ihr Geld verdient haben. Aber Terroristen denken wie Geschäftsleute. Sie fragen sich: Womit kann ich heute und morgen Geld verdienen? Und dazu gehört natürlich die Computerkriminalität. Die Hintermänner des verheerenden Bombenanschlags auf Bali 2002, bei dem 202 Menschen getötet wurden, kamen in Indonesien ins Gefängnis. Von dort haben sie Geld für ihre Organisation über das Internet eingetrieben.
SPIEGEL: Gilt das auch für den IS?
Shelley: Im Moment verdient die Gruppe so viel Geld mit Öl, dass sie Computerkriminalität nicht nötig hat. Aber natürlich verfügt sie über die Fähigkeiten. Sie müssen sich nur anschauen, wie professionell sie Computertechnologien, das Internet und die sozialen Netzwerke für ihre Öffentlichkeitsarbeit oder Personalrekrutierung nutzt. Die terroristischen Gruppen haben zudem weltweit Kontakt untereinander, tauschen sich aus und lernen voneinander.
SPIEGEL: In Deutschland redet jeder über Terrorismus, aber wenige über organisierte Kriminalität. Wird die Gefahr unterschätzt, die von der Vermischung beider Felder ausgeht?
Shelley: Ich habe festgestellt, dass in Deutschland auf dem Gebiet genau dieser Verstrickungen offenbar wenig geforscht wird. Ebenso gibt es nur wenige grundlegende Analysen zu den neuen Herausforderungen für die Sicherheit, denen sich Deutschland gegenübersieht. Dabei ist es umgeben von Regionen, wo genau diese Verstrickungen gedeihen: dem Balkan, dem Mittleren Osten, Nordafrika. Ich habe bei meinen Gesprächen mit der Bundesregierung über Gabun in Afrika berichtet, das niemand auf dem Radarschirm hat, aber in dem wegen des Rohstoffreichtums Dutzende transnationale Verbrecherorganisationen aktiv sind. Daraufhin bin ich gefragt worden: Woher wissen Sie das? Und ich: weil ich forsche. Deutschland war mal bekannt für seine Forschertradition. Daran sollte es sich erinnern.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt Deutschland bei den Geschäften der internationalen Terrorgruppen?
Shelley: Denken Sie an den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Er wurde auch in Hamburg geplant und vorbereitet. Deutschland hatte das Problem des internationalen Terrorismus nicht im Blick, dieses Land war ein gutes Rückzugsgebiet für solche Gruppen. Heute rekrutiert der IS hier zu Hunderten Freiwillige zur Unterstützung des Terrors. Ein Teil der vielen Millionen an Geldern, die bei der afghanischen Bank veruntreut wurden, sind über Deutschland gelaufen. Das Heroin, von dem die Taliban profitieren, kommt auch nach Deutschland. Es besteht kein Zweifel: Das Problem der internationalen Kriminalität und des transnationalen Terrorismus betrifft auch Ihr Land.
Interview: Markus Dettmer, Jörg Schindler
* Louise Shelley: "Dirty Entanglements: Corruption, Crime and Terrorism". Cambridge University Press 2014; 380 Seiten; 26,95 Euro.
Von Markus Dettmer und Jörg Schindler

DER SPIEGEL 2/2015
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