05.01.2015

TourismusUpgrade für eine Insel

Die Dominikanische Republik wurde jahrelang als „Ballermann der Fernstrecke“ geschmäht. Nun lockt sie auch Urlauber, die es gern edler haben.
Frank Rainieri ist kein Mann der leisen Töne. Auch der dezente Auftritt ist seine Sache nicht. Wenn der dominikanische Hotelbesitzer im Klubhaus seiner Anlage empfängt, stehen fünf Mitarbeiter Spalier und warten darauf, ihn zu bedienen. Rainieri thront auf einem grünen Sofa, auf dem Hemd prangen seine Initialen. Mit großer Geste zeigt er auf das Land um das Klubhaus herum. "Ich habe diese Gegend erschaffen", sagt er.
Zwei Tische weiter sitzt ein Grüppchen Golftouristen und nippt Jahrgangs-Champagner aus hauchdünnen Gläsern.
Das Areal im Osten der Dominikanischen Republik, auf das Rainieri zeigt, hat er 1969 gekauft und aus einer Laune heraus Punta Cana genannt. Es ist größer als Manhattan. Damals war das Ganze bloß ein Kokosnussdschungel, in den man nur per Helikopter vordringen konnte. Heute ist die Gegend ein Fünf-Sterne-Reisekatalog-Traum mit eigenem Flughafen, E-Werk, Feuerwache und 27-Loch-Golfplatz mit Meerblick.
Pro Nacht kostet der Spaß etwa in den Suiten der Prestigeherberge Tortuga Bay meist mehr als tausend Euro, doch dafür schläft man auf italienischen Luxusbettlaken und darf am acht Kilometer langen Privatstrand spazieren gehen.
Luxusurlaub in der Dominikanischen Republik? Dem "Ballermann der Fernstrecke", der "Karibik für Arme", wie das Reiseziel lange geschmäht wurde? Von der deutschen Öffentlichkeit kaum bemerkt hat die übel beleumundete Insel einen spektakulären Wandel vollzogen. Zwar gibt es nach wie vor günstige Pauschaltrips, doch in deren Windschatten sind Angebote auf ganz anderem Niveau entstanden. Das einstige Schnäppchenparadies, zwischendurch fast in Vergessenheit geraten, erlebt ein Comeback als angesagte Destination für Menschen mit Geld.
Die schlimmsten Auswüchse des Billigreiseziels "DomRep" liegen zwar fast zwei Dekaden zurück. Doch das Negativimage hält sich hartnäckig. Jahrelang war die 7500 Kilometer von Deutschland entfernte Karibikdestination Synonym für Urlauber mit großem Fernweh, aber kleinem Budget.
Der Billigboom hatte viele Ursachen. Der Ölpreis lag bei rund 20 Dollar je Barrel. Die Grundstücke waren günstig, zudem lockte die Republik mit großzügigen Steuervorteilen. Statt in 12 bis 15 Jahren, wie andernorts üblich, rechneten sich Investitionen oft schon in nur 3 Jahren.
Der Chef des viertgrößten deutschen Reiseveranstalters FTI Touristik, Dietmar Gunz, nutzte damals die Gunst der Stunde und tat sich mit der britischen Charterfluglinie Britannia Airways zusammen. Die packte in ihre eng bestuhlten Maschinen vom Typ Boeing 767 bis zu 328 Feriengäste. FTI konnte zwei Wochen Urlaub in der Dominikanischen Republik so schon ab 450 Euro anbieten - inklusive Speisen und Getränken, also "all inclusive", wie das zu der Zeit verstärkt Mode wurde.
Doch als der Kurs des Dollars und der Kerosinpreis stiegen, war die Party vorbei. Es gab immer mehr eilig hochgezogene Billighotels, die recht bald vor sich hin bröckelten. Denn die geringen Einnahmen reichten nicht einmal für notwendige Renovierungen. Der Ruf des Touristikziels litt.
Der Fremdenverkehr dort hätte einen schnellen und schmerzhaften Tod sterben können, doch es kam anders. Die erstaunliche Metamorphose der Dominikanischen Republik begann.
Der Mann, der den Masterplan dafür verwaltete, heißt Félix Jiménez. Er sitzt in einem schmucklosen Büro in der Hauptstadt Santo Domingo. Heute ist er Verwaltungsratschef der staatlichen Ölraffinerie, doch in den vergangenen 19 Jahren war er zweimal Tourismusminister des Landes und am Upgrade der Region beteiligt. Wenn er über die Entwicklung des Tourismus redet, ist er noch immer aufgekratzt. Er rutscht unruhig auf seinem Ledersessel knarzend nach vorn und ballt manchmal die Faust. Hat er eine Zahl nicht parat, reißt er den Telefonhörer hoch und lässt sie sich von seinen Mitarbeitern raussuchen. "Mehr als 400 000 Deutsche sind Ende der Neunziger pro Jahr gekommen. Dann wurden es immer weniger", erinnert sich Jiménez.
Die Regierung versuchte, den Rückgang aufzuhalten, und wandelte die Branche vom Jahr 2000 an grundlegend: Ökologischer Tourismus wurde unterstützt, das Land vermarktete sich als Luxusreiseziel.
Jiménez holt Notizblock und Taschenrechner. "1996 lag mein Budget für den Fremdenverkehr bei 2,5 Millionen Dollar. Ein absoluter Witz! In meiner zweiten Amtszeit 2008 waren es 120 Millionen. Damit konnte man schon mehr machen." Er klatscht in die Hände und grinst.
Fast eine halbe Milliarde Euro investierte das Land in den vergangenen acht Jahren in den Ausbau der Infrastruktur. Wo früher Schotterpisten abenteuerlustige Urlauber an die Grenzen ihres fahrerischen Könnens führten, erstrecken sich heute komfortable Autobahnen. Vielerorts wurde die Fahrzeit so deutlich gesenkt - und nebenbei auch die Gefahr für die Insassen. Über eine neue Autobahn erreicht man die Hauptstadt Santo Domingo von Punta Cana aus neuerdings schon in gut zwei Stunden. Früher brauchte man für den Abenteuertrip oft mehr als doppelt so lang.
Jiménez hat für die Dominikanische Republik ein besonderes Vorbild. Der Karibikstaat soll einmal so werden wie das spanische Mallorca. Das Einzige, was ihm auf der Mittelmeerinsel nicht gefiel, waren die Hotels. "Die waren riesig und hatten oft nur einen sehr kleinen Strand. Ich dachte mir: Das können wir besser", sagt Jiménez. Er glaubt: "Läge die Dominikanische Republik im Mittelmeer, hätten wir heute Mallorca längst den Rang abgelaufen."
Die Investitionen haben sich auch so gelohnt. Der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen des Landes. Jährlich bringen die Touristen 5,1 Milliarden US-Dollar in die Karibikregion, über 200 000 Arbeitsplätze hängen an der Reisebranche. 100 Dollar durchschnittlich gibt ein Tourist pro Tag aus.
Die Zahl der Hotelzimmer hat sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten mehr als verdreifacht, auf gut 70 000 Einheiten. Allein rund um Puerto Plata im Norden sollen in den kommenden Monaten nochmals über 1400 neue Hotelzimmer fertiggestellt werden. Und: Über 90 Prozent der Urlauber wohnen in Vier- oder Fünf-Sterne-Häusern der Landeskategorie.
Doch die deutschen Urlauber bleiben eher weg. Ihre Zahl hat sich von ehemals über 450 000 Gästen auf weniger als die Hälfte reduziert. Gerade mal vier Prozent aller Touristen sind Bundesbürger. Denen, die jetzt kommen, steht der Sinn weniger nach Alkoholexzessen oder Intimkontakten mit der örtlichen Bevölkerung. Viele der neuen Gäste bevorzugen Gesundheits-, Öko- oder Aktivurlaub. Statt sich per All-inclusive-Paket kostengünstig volllaufen zu lassen, betrachten sie lieber historische Gebäude, weshalb in Santo Domingo derzeit für rund 200 Millionen Euro die Fassaden von 160 Bauten aus der Kolonialzeit restauriert werden. "Alles in allem", resümiert der Münchner Reiseunternehmer Gunz, "ist die Dominikanische Republik ein tolles Beispiel, was man mit anspruchsvollem Tourismus an Positivem bewirken kann."
Ausgerechnet Ex-Tourismusminister Félix Jiménez ist weniger optimistisch. "Wir sind sehr abhängig von der Wirtschaftslage auf der Welt", sagt er. Auf dem Luxuslevel, auf dem die Dominikanische Republik mancherorts mittlerweile angekommen ist, muss sie mit anderen Edelzielen wie den Seychellen oder Hawaii konkurrieren. Und die ehemalige Geiz-Destination fällt dabei durch zum Teil unverschämte Preise auf. 80 Dollar kostet eine 25 Kilometer lange Fahrt im Privattaxi, die Preise für den Ausschank in Rainieris Flughafen können an der Weltspitze mithalten.
Auch für die Bewohner der Dominikanischen Republik hat sich durch die Umwandlung zum Prestigeziel nicht alles zum Guten verändert. Zwar verdienen viele Einheimische mehr Geld als zuvor, doch die Preise sind explodiert. Billigarbeiter strömen aus dem benachbarten Haiti ins Land, um in Hotelzimmern die Betten zu machen oder in Restaurantküchen zu Niedrigstlöhnen zu schuften. Das Comeback der DomRep nutzt vor allem wenigen, die reich geworden sind. Für die Masse der Dominikaner blieb der Lebensstandard bescheiden.
Erfolgshotelier Rainieri ist schon wieder im Reich der Superlative. Sein Punta Cana sei heute mit 36 000 Hotelbetten eine der großen Destinationen der Welt, sagt er. Das Einzige, was er sich vorwirft, sei, dass er sich Punta Cana nicht als Markennamen hat schützen lassen. Seine Wortschöpfung, klagt er, werde heute auch von größeren Pauschalhotels in der Gegend benutzt. Doch auch die hätten sich ja weiterentwickelt und seien heute vorzeigbar. "Es ist für jeden etwas dabei. Wir Hoteliers haben uns entschieden, keine großen Bettenburgen zu bauen. Kein Gebäude darf höher als 18 Meter sein", sagt Rainieri.
Wie viel Geld er in die Entwicklung von Punta Cana gesteckt hat, will er nicht sagen. Das Herzstück ist ohnehin der Flughafen, der mittlerweile von seinem Sohn geführt wird. "Wir sind der zweitgrößte Flughafen der Karibik, und wir werden zum Hub für Verbindungen nach Südamerika", sagt er. Auch als Zentrum für Kongresse habe Punta Cana gute Chancen.
Das scheint inzwischen auch die Lufthansa erkannt zu haben. Die Manager der deutschen Linie überlegen derzeit, ob sie demnächst auch Punta Cana ansteuern sollen - mit ihren günstig operierenden Langstreckenjets unter dem neuen Markennamen Wings. Entschieden sei allerdings noch nichts, sagt ein Sprecher.
Rainieri denkt währenddessen schon weiter. Gerade hat er sich mit dem Tourismusminister von Haiti getroffen. "Vielleicht", sagt er, "bauen wir so etwas wie Punta Cana auch in Haiti auf." Es wäre ein gewagtes Experiment. Haiti gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. "Wir müssen das gut durchdenken", sagt Rainieri. "Immerhin haben wir einen Ruf zu verlieren."
Von Dinah Deckstein und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 2/2015
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