05.01.2015

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtDas Gute des Lästigen

Nun, kurz bevor der Weihnachtsbaum auf dem Bürgersteig landet, ein vorletztes Wort zu Problemen: Sie können hochwillkommen sein. Gerade dann, wenn die Welt, die wir uns basteln, auf vollendetes Wohlwollen abgestimmt ist, auf gemeinsame Wanderungen durch Komfortzonen aller Art, ist ein reales Problem die Rettung vor der Enttäuschung. Denn nichts ist so gewiss wie diese, wenn wir es mal richtig schön haben wollen, vor allem mit Menschen, die wir und die uns zu gut kennen, um dem illusionären Zauber allseitiger Harmonie länger als eine Adventskerzenlänge (und ich denke an kleine Kerzen!) zu erliegen. Die Rettungsdienste, die Telefonseelsorge und die psychiatrischen Abteilungen der deutschen Krankenhäuser können ihr Lied davon singen, aber niemand hört ihnen zu, bevor die Neujahrskracher verkohlt sind: Der Mensch ab elf ist nicht dafür gemacht, durch Geschenkpapier zu waten und in Liebe zu baden. Er muss etwas zu kritisieren haben, um sein inneres Gleichgewicht zu halten, und Perfektion fordert ihn heraus - zu Unmut, Langeweile oder Selbstkritik, was im Ergebnis gleichermaßen düster ist. Nichts geht also in diesen schweren schönen Tagen über eine ganz kleine Naturkatastrophe, einen leichten Autounfall oder eine defekte Spülmaschine: Schon muss man improvisieren und sich über Realien verständigen, schon muss gebastelt und gewerkelt werden, lassen sich Konkurrenzgefühle und Besserwisserei, Nervosität und Aggression unanstößig ausleben.
Aus diesem Blickwinkel sind Gespräche unter Verantwortungsträgern schlecht geplant. Abrüstungsverhandlungen, Umweltkonferenzen, Finanz- und Krisengipfel: Verlässlich ist die Kulisse märchenhaft und die Küche in Höchstform, sind alle Wege von touristischen Nörglern befreit, und ein Heer von gut geschulten Bediensteten steht mit warmen Badetüchern an jeder kühlen Ecke des Dachpools bereit. Da kann gar nichts schiefgehen, und das ist schade. Denn wenn es wirklich große Probleme zu lösen gibt, muss man da nicht mit kleinen beginnen - und zwar mit solchen, die abseits vom Wege liegen, lästig, störrisch, scheinbar unproduktiv? Ein ordentlicher Wasserrohrbruch, bei dem Putin mit der Rohrzange werkelt und Obama ihm assistiert - der würde vermutlich mehr Fortschritt in der Weltpolitik generieren als ein Sechs-Gänge-Menü im klimatisierten Rokokosaal. Auch ein Komplettausfall des Personals, der David Cameron dazu brächte, mit Angela Merkel ein Dinner zu improvisieren, mit François Hollande an der Soßenfront und Shinzo Abe an der Salatschleuder: Da würde zwanglos jene unkomplizierte Nähe gestiftet, die in der störungsfreien Atmosphäre eben nicht entstehen kann, da jeder damit beschäftigt ist, keinen Fehler zu machen und seine Idiosynkrasien zu pflegen. Beim Zwiebelschneiden lässt sich besser reden, weil das Reden nicht die Hauptsache ist; gibt es nicht aus diesem Grund überhaupt noch Gerichte mit Zwiebeln?
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Dirk Kurbjuweit an der Reihe, danach Claudia Voigt.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 2/2015
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