10.01.2015

BriefeEine zweite Welt

Nr. 2/2015 Nachts im Gehirn - Warum wir träumen
"Heinrich Heine hat in ,Deutschland, ein Wintermärchen' auch schon geträumt: ,Franzosen und Russen gehört das Land / Das Meer gehört den Briten / Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / Die Herrschaft unbestritten.'"
Winfried Kretschmer, Wiesbaden
Die Behauptung, Träume hätten keine sinnvollen Inhalte, hat eine ehrwürdige Geschichte in der Psychologie. Aber wie kann eine Psychologin wie Ursula Voss so etwas wissenschaftlich nachweisen? Die Mathematik kennt kein Verfahren, das die Anwesenheit verschlüsselter Inhalte in einer scheinbar sinnlosen Botschaft ausschließen kann; wieso kann das die Psychologie? Den Schlüssel zum Traum - so sagt die Psychoanalyse - hält letztendlich der Träumer, und das, so scheint es mir, lässt sich kaum widerlegen.
Bruce Mayo, Konstanz
Frau Voss hat recht. Ich, 73, versuche seit über 50 Jahren, meine sehr intensiven Träume zu deuten. Es gelingt mir nicht, einen Zusammenhang zum täglichen Leben zu finden. Nur eines stelle ich fest: Im Gehirn scheint noch gewaltig viel Platz zu sein. Wenn man doch nur diesen Speicher auch anderweitig nutzen könnte.
Friedel Bertram, Neunkirchen (Siegerland), NRW
In einer Forschungsstudie mit 18-jährigen Gymnasiasten habe ich seinerzeit den PAL-Traumtest von Walter Toman verwendet, der den Schlaf, die Passivitäts-, Aktivitäts- sowie Liebesträume erfasst. Dabei wurde das Traumverhalten mit dem Wachverhalten verglichen, was bisher wohl selten gemacht wurde. Neurotische SchülerInnen schliefen schlechter und erinnerten in allen Testbereichen mehr Träume. Je mehr Freundschaften jemand hatte, umso aktiver und liebesbetonter waren seine Trauminhalte. Wenn Lehrer einen Schüler als ehrgeizig beurteilten, hatte er weniger Aktivitätsträume, je schlechter aber seine Schulleistungen waren, umso mehr Aktivitätsträume hatte er - ein Beleg für die wunscherfüllende Funktion des Traums. Von Lehrern als aggressiv oder unzuverlässig eingestufte Schüler träumten mehr Passivitätsträume. Schülerinnen, die einen festen Freund hatten, träumten öfter Liebesträume. Schüler, die Lust hatten, mehr abzutanzen, es aber nicht taten, träumten öfter Liebesträume. Es zeigte sich, dass Träume sowohl den befriedigenden als auch den frustrierenden Alltag behandeln, wobei die wunscherfüllende Funktion durchaus für den befriedigenden Alltag gelten kann, denn man kann ja bekanntlich nie genug kriegen. Freud hatte recht.
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt, Bonn
Meine Träume sind für mich eine zweite Welt, die mir mit Erlebnissen, Einsichten und Visionen die Tageswelt bereichert. Im Gewimmel meiner Bilder gab es zwei klar zu deutende Träume, die meinen Lebensweg entscheidend bestimmen konnten.
Heinrich Benjes, Hellwege (Nieders.)
Zwei meiner Träume wiederholen sich ständig: Der eine ist, dass mir die Zähne ausfallen, der andere, dass bei meinem Auto die Bremsen versagen. Sowohl mein Zahnarzt als auch ein Autohändler erklärte sich bereit, mir die Albträume gegen Zahlung von 18 000 Euro zu nehmen. Ein Psychologe meinte, es könnten bis zu 200 Sitzungen nötig sein. Garantie des Zahnarztes: unbegrenzt (ich bin 71). Der Autohändler: vier Jahre. Ich habe etwa 20 000 Euro auf dem Sparbuch. Was würden Sie tun?
Volker Tulipan, Thalgau bei Salzburg
Früher hätten Sie mit einer ironisch-süffisanten Bemerkung abgeschlossen, etwa in der Art: "Und so stellen sie weiterhin widersprüchlichste Hypothesen auf, träumen davon, die Gehirne besser zu verstehen und manipulieren zu können."
Dr. Michael Graw, Lübeck

DER SPIEGEL 3/2015
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