10.01.2015

Jan Fleischhauer Der Schwarze KanalLicht aus!

Wir wären in Deutschland ein ganzes Stück weiter, wenn wir nicht immer alles gleich so negativ sehen würden. Warum kann man die Dinge nicht mal von zwei Seiten betrachten? Wer das Glas immer nur halb leer sieht, übersieht, dass es auch halb voll ist.
Nehmen wir die Aufregung über Pegida. Alle hacken auf den Menschen herum, die montags durch ihre Stadt ziehen, um Politik und Medien Bescheid zu stoßen. Die Kommentatoren machen sich darüber lustig, dass viele, die dort mitlaufen, nur mit Mühe erklären können, was sie eigentlich vorhaben. Ich finde das nicht ganz fair. Auch im Fernsehen treten oft Leute auf, die unüberlegte Sachen sagen oder schlechtes Deutsch sprechen, ohne dass sie jemand gleich als "Schande für Deutschland" bezeichnet. Außerdem verhelfen die Demonstranten in Dresden vielen Menschen, die politisch ganz anders denken, zu einem guten Gefühl.
Wann war es in Deutschland schon einmal so leicht, in die Rolle des unbeugsamen Antifaschisten zu schlüpfen? Man muss nicht mal einen Flüchtling aufnehmen oder an einem der Gegenmärsche teilnehmen, um zu den Menschen zu zählen, die das Land vor einem Rückfall bewahren. Es reicht völlig aus, dass man bei Facebook alle entfreundet, die Sympathien für die Protestmärsche äußern. Für die ganz Eiligen bieten sie bei Stern.de den Link zu einer Website an, mit der man "im Handumdrehen eine Suchmaske basteln" kann, wer unter den Bekannten zu den Pegida-Freunden gehört.
Selbst die "Bild"-Zeitung ist auf den letzten Metern noch ins Lager der Anständigen gerutscht. Seit dort 50 Prominente ein "Zeichen gegen Pegida" setzten, indem sie wiederholten, was vorher schon die Kanzlerin in ihrer Neujahrsrede gesagt hatte, gilt nun auch "Bild" als ein Sturmgeschütz der Demokratie. Dass nicht Kolonnen in Fackelmärschen durch das Brandenburger Tor ziehen, sondern sich ein paar Tausend auf einer Wiese am Rande der Republik die Beine in den Bauch stehen - geschenkt.
Ein anderer Punkt, auf dem ständig herumgeritten wird, ist das Vorstrafenregister des Pegida-Anführers. Bevor er sich dazu entschloss, Dresden vor der Umwidmung in ein Kalifat zu retten, war der Mann immer wieder mit den heimischen Gesetzen im Konflikt. Statt den Demonstranten vorzuhalten, dass sie einem ehemaligen Strafgefangenen folgen, sollte man ihnen lieber zu ihrer Vorurteilslosigkeit gratulieren. Während in den Medien unnachsichtig die Delikte heruntergebetet werden, beweisen die Dresdner, dass es auch für einen Einbrecher und Drogenhändler einen Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft geben kann.
Die Frage ist jetzt, wie es weitergeht. Nachdem schon der Kölner Dom und das Brandenburger Tor ohne Licht blieben, kommt als Nächstes eigentlich nur die Komplettverdunkelung der Innenstädte in Betracht. Das wäre auch gut für die Ökobilanz. Auf einen Schlag ein Zeichen gegen Klimawandel und Pegida setzen: Mehr geht nicht.
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 3/2015
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