10.01.2015

TerrorWie ich meine Freunde verlor

Autor Mohamed Sifaoui über den Anschlag von Paris
Der Journalist, Filmemacher und gebürtige Algerier Mohamed Sifaoui, 47, beschreibt seit Jahren die Islamistenszene in Frankreich. Sifaoui hat als freier Mitarbeiter für "Charlie Hebdo" gearbeitet. Mit dreien der beim Anschlag ermordeten Zeichner war er befreundet.
Ich saß in einem Restaurant im 6. Arrondissement, als ich gegen zwölf Uhr am Mittwoch einen Anruf bekam, auf "Charlie Hebdo" sei ein Anschlag verübt worden. Ich habe das am Anfang gar nicht so ernst genommen, es gab immer wieder mal Drohungen. Dann habe ich versucht, meine Freunde bei "Charlie Hebdo" auf ihren Handys anzurufen, den Herausgeber Stéphane Charbonnier, genannt Charb, und den Zeichner Tignous. Niemand ging ran. Und dann kam die Nachricht: zwölf Tote. Zwölf Tote! Ich habe schon einmal einen Anschlag auf eine Redaktion erlebt, am 11. Februar 1996, damals arbeitete ich in Algier für die Tageszeitung "Le Soir". Fünf Minuten zuvor hatte ich das Büro verlassen, sonst würde ich heute vielleicht nicht mehr leben. Damals starben drei Freunde von mir. Seit 1999 lebe ich in Frankreich, ich habe immer gedacht, Anschläge auf Zeitungsredaktionen könne es hier nicht geben. Und wieder verliere ich drei Freunde: Charb, Tignous und Cabu. Mit Charb und Tignous bin ich regelmäßig essen gegangen, ich habe beide vor Weihnachten noch gesehen.
Sicherlich, der Anschlag ist keine Überraschung. Alle bei "Charlie Hebdo" waren sich dieser Gefahr bewusst. Sie haben sie in Kauf genommen. Sie wollten einfach ihren Beruf ausüben, zeichnen, was sie zeichnen wollten, ohne Zensur, ohne Angst. Das hatten alle gemeinsam, so verschieden sie waren. Wir alle haben denselben Kampf geführt, gegen Rassismus, gegen Hass. Und natürlich haben sie provoziert und daran ihren Spaß gehabt. Wenn ich mich mit Charb traf, hat er mich oft mit "Allahu akbar" und den drei Wörtern Arabisch, die er kannte, begrüßt. Die Leute haben sich dann erschrocken nach uns umgedreht. Er hat die Islamisten imitiert, die ihn bedrohten. Das war seine Methode, die Angst kleinzuhalten, sich über die Bedrohung zu erheben, sie ins Lächerliche zu ziehen. Natürlich hat das viele schockiert, vor allem jene, die sie bei "Charlie Hebdo" die "cons", die "Arschlöcher", nannten.
Aber sie haben es sich nicht leicht gemacht, wussten in der Redaktion sehr wohl zu unterscheiden zwischen Islam und Islamisten. Ich bin Muslim, aber wir waren bei diesen Themen immer einer Meinung. Sie hielten es für ihre Verantwortung, auf die Verbohrtheit der Extremisten aufmerksam zu machen. Sie wollten die Radikalen mit ihren Zeichnungen stigmatisieren. Charb und ich hatten ein gemeinsames Projekt, wir wollten einen Comic über den Propheten Mohammed machen, er die Zeichnungen, ich den Text. Aber der Verleger hat abgelehnt, es war ihm zu gefährlich.
Ich erinnere mich noch genau an die Diskussionen über die dänischen Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005. Es ging sehr schnell, sie haben gar nicht lange überlegt. Für sie war selbstverständlich: Man musste sich solidarisch zeigen, also die Karikaturen drucken.

DER SPIEGEL 3/2015
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