10.01.2015

Gesundheit100 Euro, pauschal

Dietrich Grönemeyer gilt manchem als berühmtester Arzt Deutschlands. Wofür zahlt er dann Geld an Kollegen, die Patienten zu ihm schicken?
Dietrich Grönemeyer, 62, ist Radiologe. Er hat in Bochum ein eigenes Institut mit rund 20 Ärzten und ein weiteres in Berlin. Aber nur den Körper seiner Patienten zu durchleuchten, damit fühlt sich der Mediziner offenbar nicht ausgelastet. Der Mann, der sich gern volksnah in bunten Hemden zeigt, will auch das Herz, den Kopf, die Seele der Menschen erreichen - am besten alles auf einmal.
Dafür schreibt der Professor Bücher wie am Fließband, er predigt in Kirchen, tourt durch Fernsehstudios und leitet zwei Stiftungen - eine für "Weltmedizin", die andere für "Aufklärung und Behandlung von Volkskrankheiten". Unablässig kämpft der "berühmteste Arzt Deutschlands" ("Bild") für seinen Berufsstand. "Auch ein niedergelassener Radiologe muss mehr als 4,83 Euro im Quartal für ein notwendiges persönliches Patientengespräch abrechnen dürfen", schreibt er auf seiner Website, "die Transparenz der Abrechnungen gegenüber den Patienten würde diesem traurigen Zustand schnell ein Ende bereiten."
Transparenz? Der selbst erklärte Reformer des Gesundheitswesens ist selbst ein Meister des Verschleierns - wenn es darum geht, auf welche Weise er an Patienten kommt. Niedergelassene Ärzte, die Patienten in sein Institut schicken, ermuntert Grönemeyer, für ihre Bemühungen Rechnungen zu stellen. Seine Geldgeber, die Krankenkassen, und wohl auch die meisten Patienten wissen davon aber nichts.
Kopfprämien für das Weiterschicken von Patienten sind ein heikles Instrument. Es gilt der Grundsatz, dass die kranken Kunden allein aus medizinischen Gründen an Kollegen überwiesen werden dürfen.
2012 hatten Wissenschaftler im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen herausgefunden, dass sogenannte Fangprämien trotz Verbot üblich sind. Gemeint sind Vergütungen von Krankenhäusern an Mediziner, die ihnen Patienten vermitteln. Die Reaktion von Ärztekammerpräsident Ulrich Montgomery war erwartbar. "Platt wie populistisch" sei die Skandalisierung eines ganzen Berufsstands.
Nordrhein-Westfalens damaliger Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte bereits 2010 ein Landesgesetz auf den Weg gebracht, das jegliches Entgelt für die Zuweisung von Patienten verbietet. "Unser Gesundheitswesen darf nicht zur Kopfgeldbranche werden", erklärte der Christdemokrat. Laumann musste sich allerdings auf die Krankenhäuser beschränken. 2011 erweiterte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) das Verbot auf alle Ärzte, die mit den Kassen abrechnen.
Grönemeyers Privatinstitut liegt am Rande der Bochumer Ruhruniversität. Dort bietet der umtriebige Mann in Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten diagnostische Leistungen und Therapien an - in seinem Haus lassen sich Menschen mit Problemen im Bewegungsapparat, am Herzen, an der Prostata untersuchen. Wie sehr ihn der Geschäftssinn treibt, lässt sich auch auf seiner Website erkennen. Über den "Grönemeyer Shop" bietet er den Massageball für 9,95 Euro und die "Grönemeyer Fitness Tasche" für 139 Euro an.
Anfangs waren es überwiegend Privatpatienten, die zu ihm kamen. Seit einiger Zeit hat das Grönemeyer-Institut auch mit gesetzlichen Krankenkassen Sondervereinbarungen für bestimmte Verfahren abgeschlossen. So zahlen nun auch große Ersatzkassen an den Medikus vom Revier.
Und damit das Geschäft in Schwung kommt, sind Mitarbeiter im Auftrag des Grönemeyer-Instituts unterwegs, um niedergelassene Mediziner im weiten Umkreis zu besuchen - und als kooperierende Ärzte zu gewinnen. Für "unterstützende ärztliche Tätigkeiten", so geht es aus einer Musterrechnung des Instituts hervor, können bei Grönemeyer pro Patient 100 Euro abgerechnet werden - für Privatpatienten gibt es ähnliche Regelungen.
Für die Inhaber einer Praxis ist dies eine lukrative Einnahmequelle. Manche stellen nur Rechnungen über einige Hundert Euro, manche kamen in den vergangenen Jahren aber auch auf vier- oder fünfstellige Beträge.
Grönemeyer und die kooperierenden Ärzte argumentieren, bei den Honoraren handele es sich gar nicht um Zuweisungsprämien. Vielmehr beziehen sie sich in ihren Abrechnungen auf Leistungen "im Vorfeld der Behandlung". Damit wollen sie belegen, dass jeder Rechnung eine medizinische Leistung zugrunde liegt. Mit dem Honorar solle die investierte Arbeitszeit der Ärzte bei der Anamnese unterstützt werden, denn die würde von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht erstattet.
Dem widerspricht allerdings die Techniker Krankenkasse. Die niedergelassenen Ärzte rechnen ihre Leistungen selbst mit der Chipkarte des Patienten ab. Grönemeyers Institut dürfe von den Pauschalen, die die Kasse zahle, "keinen Betrag abzweigen und eine Leistung an einen niedergelassenen Arzt delegieren". Auch die Hanseatische Krankenkasse in Hamburg sagt, es sei nicht vereinbart, den niedergelassenen Medizienern etwas von den Honoraren abzugeben.
Suspekt ist auch, dass die vom SPIEGEL angesprochenen Kassen nichts von den Prämien wissen. Bis zur Anfrage des SPIEGEL, sagt etwa Wolfgang Buschfort von der Knappschaft in Bochum, habe man "keine Kenntnis davon" gehabt, dass es zwischen dem Grönemeyer-Institut und niedergelassenen Medizinern "finanzielle Verbindungen" gebe.
Der SPIEGEL befragte Grönemeyer zu der Abrechnungspraxis. Er antwortete nicht selbst, stattdessen reagierte ein Berliner Anwalt. Dessen Ausführungen dürften aber nicht als offizielle Antwort auf die Fragen verstanden werden; sie dienten, so schrieb der Anwalt, nur als Erklärung dafür, warum der SPIEGEL überhaupt nicht über die Vorgänge berichten dürfe. Wenn man trotzdem etwas veröffentliche, sei mit einer Gegendarstellung Grönemeyers zu rechnen und der SPIEGEL für wirtschaftlichen Schaden haftbar zu machen.
Die Ärztekammer Westfalen-Lippe unterstreicht, dass Zuweisungen, für die ein Arzt Vorteile erhält oder Vorteile gewährt, berufsrechtlich generell verboten sind.
Franz Knieps arbeitete früher im Bundesgesundheitsministerium, heute ist er Vorstand im Dachverband der Betriebskrankenkassen, von denen einige Vereinbarungen mit Grönemeyer haben. Auch er betont, dass Zahlungen immer "eine echte Leistung" gegenüberstehen müsse: "Das Übermitteln von ein paar Patientendaten und die Diagnoseempfehlung reichen nicht aus." Er sieht zudem die Rechte der Patienten in Gefahr, wenn durch Geldflüsse die freie Arztwahl gesteuert wird: "Dann wird nicht der beste Arzt empfohlen, sondern derjenige, der dafür bezahlt."
Von Udo Ludwig und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 3/2015
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