10.01.2015

HomestoryIm Schraubstock

Warum für manche im Wort „Hobbykeller“ eine Verheißung steckt - und für andere eine Bedrohung
Vor Kurzem bin ich zurückgereist in meine Kindheit. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch, ich begleitete meine Mutter in den Keller, die Tür zum Hobbyraum meines Vaters stand offen. Ich knipste das Licht an.
"Guckst du dir die Hölle deiner Kindheit an?", fragte meine Mutter. Es sollte ein Scherz sein, aber wir wussten beide, dass es keiner war.
Der Raum schien unverändert. Vor dem Fenster die solide Werkbank, an den Wänden die Werkzeuge, nach Größe geordnet, auf dem Boden die Farbflecken, alles war noch da. Sogar der Schraubstock, in den ich früher alles einspannte, was geschmirgelt, gesägt oder gehobelt werden musste. Und was ich hasste.
Ich habe in diesem Raum meinen ersten Schlauch geflickt, die Kette meines Fahrrads gekürzt, das Kugellager ausgebaut, wenn das knackende Geräusch beim Fahren nicht länger zu überhören war; ich habe es gehasst. Ich hasste es, hier unten zu ölen und zu fetten, zu malen und zu lackieren; ich hasste es, Zeugs mit der Laubsäge auszusägen.
Mein Vater schenkte mir ein braunes Büchlein. Anhand von Zeichnungen wurde darin erklärt, wie man ein Fahrrad repariert. Ich habe das Buch gehasst, weil ich nicht einmal die Zeichnungen verstand. Ich spüre den Umschlag noch heute, auf dem rauen Papier schwarze Fingerabdrücke, vom Kettenfett.
Ich hatte, seit ich mich erinnern kann, noch nie Lust zum Basteln. Als ich klein war, reparierte mein Vater, was zu reparieren war; ich schaute zu. Ich heuchelte Interesse und hoffte, dass ich bald entlassen werde, dass ich zurückkehren konnte zu meinen Büchern, zum Fußball. Als ich älter wurde, ermutigte er mich, einen Wecker auseinanderzunehmen. Oder eine Hinterradnabe.
Irgendwann ließ er mich mit dem braunen Büchlein allein. Wollte ich mein Fahrrad wieder benutzen, so musste ich fluchend reparieren lernen.
Das Gehirn, das weiß man inzwischen, will lernen. Es ist praktisch unmöglich, nicht zu lernen. Am leichtesten lernen wir, was mit Freude zu tun hat. Auch Relevanz hilft: Das Gehirn saugt auf, was ihm wichtig ist. Im limbischen System werden Dinge als wichtig erkannt, im limbischen System wird Lernen dann zu einer beglückenden Erfahrung.
Um meine Leidenschaft für das Handwerken zu wecken, schenkte mein Vater mir Fischertechnik. Er kippte die Teile auf den Wohnzimmerteppich und baute eine Ballmaschine. Dann ließ er mich allein. Ich verbrachte ein paar Minuten vor den Bauanleitungen, dann schaufelte ich die Teile in den Karton zurück und schob ihn unters Bett.
Bestimmt hätte sich mein Vater gefreut, wenn ich ihn irgendwann mit einem selbst gebauten Auto überrascht hätte. Oder einem motorgetriebenen Kran. Er hat, das kann ich sagen, sein Ziel nicht erreicht.
Bei meinen eigenen Kindern repariere ich heute nur, was unbedingt nötig ist. Alles andere lege ich erst mal beiseite. Irgendwann landet es im Müll.
Seit zehn Jahren wohnen wir nun in unserem Haus. Im Bad oben sind Halogenlampen in der Decke, die Lampen blenden meine Frau. Ein Dimmer, da sind wir uns einig, wäre eine Lösung.
Ich fuhr ein paarmal in den Baumarkt.
Welchen Dimmer ich denn brauche, fragte der Verkäufer. Ich zuckte die Schultern.
Ich solle nachschauen, ob es im Bad irgendwo einen Trafo gebe, sagte der Mensch im Baumarkt. So endete das Projekt "Dimmer".
Vor zwei Jahren zogen neben uns neue Nachbarn ein. Er sei handwerklich eher unbegabt, sagte der Mann, als ich mich vorstellte. Er war mir sofort sympathisch.
Kurz darauf beobachtete ich durchs Küchenfenster, wie er sich daranmachte, einen Unterstand für das Kaminholz zu zimmern: ein stabiles Gerüst aus Holz, ein kleines Dach mit Neigung, eine perfekte Holzgarage. Später errichtete er hinter dem Haus einen Schuppen, mit Fundament, Oberlichtern, mit elektrischem Strom.
Vor Jahren hatte ich selbst versucht, einen Schuppen zu bauen, mit Material, das ich mir aus dem Baumarkt kommen ließ. Ich war fast fertig, als ich ihn noch einmal komplett abbauen und von vorn beginnen musste, weil ich die Wandbretter falsch herum aufeinandergesetzt hatte. Die Tür schließt nicht, weil sich Schloss und Klinke nicht befestigen ließen; die Dachpappe flog im Herbst davon. Abgesehen davon ist der Schuppen zu klein.
Als ich im Hobbykeller meines Vaters stand und auf den fleckigen Fußboden starrte, kam mir ein Gedanke. Reparieren heißt: verstehen. Wer die Welt verstehen will, muss begreifen, wie großartig ein Kugellager funktioniert. Für den einen ist ein kaputter Stuhl ein kaputter Stuhl - für den anderen ein perfekter Zusammenklang von Form, Material und Funktion, Ausdruck einer Idee. Ein Stück Kulturgeschichte.
Vielleicht hat mein Vater den Zusammenhang damals nicht gesehen. Vielleicht schien es ihm aber auch zu plump, mich auf etwas hinzuweisen, was er für selbstverständlich hielt.
Einen Moment dachte ich daran, den Hobel zu nehmen und ein Stück Holz in den Schraubstock einzuspannen. Meine Kinder tobten im Garten, ich hätte für sie ein Schiff bauen können, eine Kiste, irgendwas. Ich hätte sie überraschen können.
Aber dann fiel mein Blick auf das Schraubenregal. Jede Schale war beschriftet: Kl. Krampen, Holzschr., Gr. E.Schr., U.Scheiben, Muttern. Für einen Moment hatte ich wieder den Geruch von Kettenfett in der Nase.
Ich ließ den Hobel, wo er war, löschte das Licht und schloss leise die Tür.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 3/2015
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