10.01.2015

FinanzmärkteUnsicherer Hafen

Die Kunden der Moskauer BPF-Bank wurden um ihre Ersparnisse betrogen. Der Skandal zeigt, wie korrupt das russische Bankensystem ist.
Als ihre Wut noch nicht in Lethargie umgeschlagen war, setzte Olga Lebedewa einen Brief an Präsident Putin auf. "Hochverehrter Wladimir Wladimirowitsch", schrieb sie, dann schilderte sie auf zwei Seiten, wie kriminelle Banker sie um ihr Erspartes gebracht hatten.
Lebedewa ist Mitte vierzig. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und sechs Kindern in einem 56-Quadratmeter-Apartment im Norden Moskaus. Ihr Mann arbeitet in der IT-Branche und kommt auf ein Monatseinkommen von 80 000 Rubel, umgerechnet sind das 1100 Euro. Bis vor Kurzem zählte sich die Familie zu Russlands neuer Mittelschicht, eine größere Wohnung war ihr Traum und Ziel. 15 Jahre hatten sie gespart, insgesamt 70 000 Euro. Nur 15 000 Euro hat sie von der staatlichen Einlagensicherung nach der Pleite ihrer Hausbank BPF zurückbekommen.
Lebedewa hat sich mit anderen geprellten Sparern zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen, nachdem immer mehr Details über dubiose Praktiken ihres Geldinstituts bekannt geworden waren. Die BPF war Ende 2013 in die Zahlungsunfähigkeit geschlittert.
Die Zentralbank hatte sie unter Aufsicht gestellt, dennoch gelang zwielichtigen Hintermännern das Kunststück, rund 250 Millionen Euro ins Ausland zu schleusen, praktisch unter den Augen der Aufseher. Schon die Suche nach den Eigentümern der Bank ist eine Herausforderung: Die Sparer sind auf zwölf Gesellschafter gestoßen, darunter Firmen mit fantasievollen Namen wie Invest Project Oil. Ein anderer Teilhaber, die Russische Kredit-Bank, soll schon vor Jahren die Lizenz verloren haben. Hinter dem Geflecht soll sich ein nebulöser Geschäftsmann aus der Kaukasus-Republik Dagestan verbergen.
Der Fall der BPF-Pleite zeigt, wie korrupt und marode das intransparente Bankensystem des Landes ist. Sanktionen und fallende Öleinnahmen verstärken nun die Krise. Um eine Anlegerpanik zu verhindern, musste die Trust-Bank Ende Dezember mit rund zwei Milliarden Euro gerettet werden. Das Geldinstitut war beliebt bei vielen Kleinsparern, die Bank hatte Werbung mit Hollywood-Star Bruce Willis gemacht. Der Staatsbank VTB - Nummer zwei im Markt - sprang der Kreml Ende Dezember mit 1,5 Milliarden Euro bei, im März sollen zwei weitere Milliarden folgen.
Die Lage bei vielen Instituten sei "katastrophal", heißt es in einer E-Mail eines hohen Beamten der Regierung, die von Hackern im Internet veröffentlicht wurde. Dabei hatte der Kreml eigentlich das Ziel ausgegeben, Moskau zu einem Weltfinanzplatz zu machen, auf Augenhöhe mit New York und London.
Wladimir Putin hatte sein Land auch zu einem "sicheren Hafen" ausgerufen; 2008 war das, auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise. Während der Bankenkrise auf Zypern 2013 dann warb er bei den Russen dafür, Geld nicht länger im Ausland zu bunkern, sondern bei heimischen Banken. Die Schuld für die aktuelle Krise gibt Putin dem Westen. Russlands Bankenkrise aber schwelt seit Langem. Seit Anfang 2013 hat die Zentralbank mehr als hundert Banken die Lizenz entzogen, vielen wegen des Verdachts auf Geldwäsche.
Das Beispiel der BPF-Pleite zeigt aber auch, dass man bei manchen Aufsehern der Zentralbank nicht sicher sein kann, ob sie den Sumpf wirklich trockenlegen wollen oder selbst Teil davon sind.
Die Hintermänner der BPF-Bank jedenfalls wurden offenkundig gewarnt, dass die Zentralbank sie am 13. Dezember 2013 schließen wollte. In der Nacht vor dem Lizenzentzug verschafften sich Einbrecher Zugang zur Bankzentrale in Moskau. Die Tresore interessierten sie nicht, stattdessen verwischten sie Spuren. Sie zerstörten Server, über die das Bankhaus seine Transaktionen abgewickelt hatte.
Mit einer Anzeige hatten es die Opfer des Einbruchs nicht eilig: Statt die Polizei anzurufen, schickten sie einen Brief mit Russlands notorisch langsamer Post, sagen die Kundenaktivisten. Der stellvertretende Vorstandschef kommentierte lapidar, die Lage sei "nicht kritisch". Das traf zumindest auf seinen eigenen Fall zu: Er wurde noch rechtzeitig vor der Pleite mit zwei Millionen Euro in bar abgefunden.
In der Selbsthilfegruppe der Sparer sind sich viele sicher: "Die Zentralbank hat mit den Bankern gemeinsame Sache gemacht." Die Kunden haben Dokumente gesichtet und Hinweise darauf gesammelt, dass ihr Geld ins Ausland geschafft wurde: ein Großteil über die lettische Norvik Bank, 50 Millionen Euro aber auch über Konten bei der Deutschen Bank.
Die Sparer leiteten ihre Erkenntnisse den Behörden weiter, hörten aber stets ähnlich lautende Antworten: Den Ermittlern seien die Hände gebunden, leider lägen keine elektronischen Daten der Bank vor. Die Zentralbank schickte ein steifes Schreiben: Die Verfassung garantiere "die unternehmerische Freiheit" auch von Sparern, die ihr Geld bei Banken anlegen. Selbst schuld, heißt das.
Für die russische Volkswirtschaft ist die BPF-Pleite unbedeutend, für die Betroffenen ist sie eine Tragödie. Olga Lebedewa hat den Glauben verloren, ihr Schicksal selbst in der Hand zu halten. Aus dem Kreml bekam sie eine knappe Mitteilung: Man habe ihren Brief weitergeleitet - an die Zuständigen in der Zentralbank.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 3/2015
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