10.01.2015

AffärenFischer siegen gegen Shell

Der Konzern Shell schien gegen Klagen wegen Ölverseuchungen in Nigeria lange immun. Jetzt entschädigt er betroffene Fischer mit 70 Millionen Euro.
Verantwortlich zu handeln, lautet ein Werbespot von Shell, "heißt von der Natur zu lernen". Es bedeute, "auf Menschen aufzupassen".
Auf die Menschen von Bodo etwa, einer Gemeinde mit gut 15 000 Einwohnern in Nigerias ölreichem Süden. Nach zwei Leckagen in den maroden Leitungen der nigerianischen Shell-Tochter SPDC lief dort Ende 2008 über Wochen Öl in die mangrovengesäumten Fischgründe der Gemeinde. Knapp 16 Millionen Liter, schätzte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, waren es am Ende. Viele Fischbecken sind noch immer schwarz verklebt, die Fischer haben auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte ihre Arbeit verloren.
Einige Zeit nach der Katastrophe kamen Konzernabgeordnete nach Bodo und boten eine Entschädigung an. Umgerechnet 4700 Euro sollte die Gemeinde bekommen, selbst Shell bezeichnete diesen Betrag als "möglich". 30 Cent wären das gewesen, für jeden Betroffenen.
Aus den 4700 Euro sind nun 70 Millionen geworden. Nach dreijährigem Rechtsstreit einigte sich der britisch-niederländische Konzern diese Woche mit den Londoner Anwälten, die die Fischer vertreten. Es ist der höchste außergerichtliche Vergleich, der je wegen einer Ölpest in Nigeria ausgehandelt wurde.
Der Konzern, der seit 56 Jahren Öl aus Nigerias Böden saugt, schien gegen Klagen aus seinen Rohstofflieferländern bisher weitgehend immun. Gerade in Nigeria hatte er wenig zu befürchten: Wenn es um geplante Gesetze ging, sprachen Shell-Chefs schon mal persönlich beim Präsidenten vor. Shells langjährige Afrika-Managerin Ann Pickard rühmte sich laut WikiLeaks damit, eigene Leute "in allen Ministerien" sitzen zu haben. Nigeria gilt als eines der korruptesten Länder der Welt: Während jeder Senator über ein Millionensalär verfügt, müssen knapp zwei Drittel der Bevölkerung mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen.
Vor zwei Jahren gelang es vier nigerianischen Fischern erstmals, Shell in Den Haag, der Heimat des Konzerns, vor Gericht zu bringen ( SPIEGEL 5/2013 ). Einer der Fischer kam aus einem Nachbardorf von Bodo, das die Menschen schon vor Jahren wegen der Verseuchung mit Öl verlassen haben. Ob es sich in diesem Fall um schlechte Wartung der Leitungen oder Sabotage handelte, konnte allerdings nicht eindeutig belegt werden.
Allein die Klage galt vielen in den Niederlanden schon als Majestätsbeleidigung: Shell ist dort schließlich nicht irgendeine Firma. Der Konzern ist ein Machtfaktor: 450 Milliarden Dollar Jahresumsatz, 92 000 Beschäftigte, 44 000 Tankstellen in über 80 Ländern. Etwa 1,8 Milliarden Dollar Gewinn verdankte der Multi allein 2012 den nigerianischen Ölquellen.
Dass der nun ein wenig sinken könnte, liegt hauptsächlich an Martyn Day von der Londoner Anwaltskanzlei Leigh Day, die die Fischer in Bodo vertritt.
Day, ehemaliger britischer Greenpeace-Chef und spezialisiert auf Umweltklagen, hatte gerade einen Fall von Giftmüllverklappung vor der westafrikanischen Küste abgeschlossen, als ihn 2010 die Mail eines Fischers aus Bodo erreichte. "Der schilderte mir den Fall und fragte, ob ich helfen könne", so Day. Der Anwalt stieg ein.
Kurz vor Weihnachten war Day das vorerst letzte Mal in Bodo. Er hatte eine Einigung mit Shell in der Tasche, musste sich dazu aber die Einwilligung der Betroffenen holen. Mit 800 Bauern und Fischern sprach der Anwalt in acht Tagen, seine Mitarbeiter trafen 14 600 Menschen. Rund 2800 Euro soll jeder laut Einigung bekommen. Die Gemeinde erhält zusätzlich gut 25 Millionen Euro. "Ich habe noch nie so viele glückliche Menschen gesehen", sagt Day.
Neben der Entschädigung verpflichtete sich die Shell-Tochter SPDC obendrein, das verseuchte Gebiet zu säubern - obwohl der Konzern den Öldiebstahl und illegale Mini-Raffinerien weiter als Hauptursachen für die Umweltprobleme im Delta ansieht. Dennoch habe sich sein Unternehmen von Anfang an der Verantwortung für die "zutiefst bedauernswerte" Verschmutzung gestellt, sagt der nigerianische SPDC-Chef Mutiu Sunmoni.
Martyn Day hält das für "totalen Müll". Shell habe die Katastrophe stets kleingeredet und zahle immer nur die Summe, mit der es "gerade so davonkomme". Laut Amnesty International zeigten Gerichtsdokumente, dass der Konzern "seit Jahren wusste, dass die Pipelines im Niger-Delta alt und marode waren". 9000 Kilometer Leitungen verlegte der Konzern dort in den vergangenen Jahrzehnten - und ließ viele offenbar vor sich hin rotten.
Die Anlagen in Nigeria hätten weder dem eigenen noch internationalem Standard entsprochen, so Bopp van Dessel, einst Shell-Umweltmanager in Nigeria. "Jede Shell-Anlage, die ich sah, war verdreckt. Es stank höllisch, und es war klar, dass hier die Gegend verwüstet wurde."
Während die Londoner Anwälte sich bereits um weitere Klagen in Nigeria kümmern, sind die meisten Menschen in Bodo froh, dass erst mal Ruhe eingekehrt ist. Die "juristische Gymnastik" sei endlich vorbei, sagte einer der örtlichen Chiefs.
Die PR-Schlacht um die Katastrophe scheint Shell hingegen noch nicht verloren zu geben. Die nigerianische Konzerntochter habe "große Anstrengungen" gemacht, die Sensibilität für das Umweltthema zu steigern, ließ ein Sprecher wissen.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 3/2015
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