10.01.2015

Journalismus„Einseitig orientiert“

Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Fabian Virchow, 54, ist Mitautor einer von der Otto Brenner Stiftung geförderten Studie zur Berichterstattung über den rechtsterroristischen NSU.
SPIEGEL: Herr Virchow, Sie haben die Berichterstattung über die Taten des NSU analysiert. Wie lautet Ihr Befund?
Virchow: In einem großen Teil der Veröffentlichungen wurden die ermordeten Menschen nicht nur als Opfer gesehen, sondern auch mit den Verbrechen in Verbindung gebracht.
SPIEGEL: Wie geschah das?
Virchow: Man unterstellte ihnen, selbst in kriminellen Strukturen verwoben gewesen zu sein. Da es sich bei den meisten Opfern um türkischstämmige Menschen handelte und die Täter in diesen Kreisen vermutet wurden, schien für viele nahezuliegen, beide hätten etwas miteinander zu tun.
SPIEGEL: Gab es auch davon abweichende Darstellungen?
Virchow: Lokale Medien haben teilweise anders berichtet. Dort wurden die Opfer als Individuen sichtbar, um die nicht nur Angehörige trauerten, sondern auch Nachbarn und Kunden. Der oft und gern gebrauchte plakative Begriff der Döner-Morde wurde hier zumindest teilweise offenbar bewusst vermieden und durch andere Begriffe ersetzt.
SPIEGEL: Haben Journalisten, unter anderem auch vom SPIEGEL, zu unkritisch übernommen, was ihnen Ermittler präsentierten?
Virchow: In beträchtlichem Umfang war das so. Natürlich ist die polizeiliche Ermittlungsarbeit immer eine wichtige Quelle. Aber in diesem Fall hatte sie sich einseitig in Richtung organisierte Kriminalität orientiert. Das wurde kaum infrage gestellt.
SPIEGEL: Obwohl zeitweise Hinweise auf einen möglicherweise rassistischen Hintergrund aufgetaucht waren.
Virchow: Es ist tatsächlich bemerkenswert, dass diese Spur nicht weiterverfolgt wurde. Die Vorstellungskraft, dass es da eine Gruppe gibt, die gezielt Migranten ermordet, haben Journalisten, Ermittler und Experten offenbar nicht aufgebracht.
SPIEGEL: Lässt sich etwas aus Ihrer Studie lernen?
Virchow: Man sollte in ähnlichen Fällen Kollegen mit Migrationsbiografie stärker einbeziehen.
Von Ldt

DER SPIEGEL 3/2015
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