10.01.2015

KommentarZwischen Hysterie und Vergessen

In den Rückblicken auf das Krisenjahr 2014 wurde Ebola, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt. Vergessen war die Hysterie, die den Ausbruch der Epidemie begleitet hatte. Dabei hatte die Angst, das gefährliche Virus könne auf Amerika und Europa überspringen, zunächst weltweit geradezu irrationale Abwehrreaktionen ausgelöst. In den USA wurde eine Schülerin, die Nigeria besucht hatte, vom Unterricht ausgeschlossen. In Bayern weigerten sich Sanitäter, einen an der Autobahn gestrandeten Afrikaner zu versorgen. Medien berichteten von der "Ebola-Hölle", dem "viralen Inferno" in Liberia und Sierra Leone. US-Seuchenexperten warnten, dass sich bis Januar 2015 bis zu 1,4 Millionen Menschen angesteckt haben könnten, wenn Ebola nicht entschlossen bekämpft werde.
Nun ist es Januar, doch wo sind die über eine Million Ebola-Infizierten? Nach den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation haben sich fast 21 000 Menschen angesteckt, 8200 sind bisher gestorben. Das ist für die betroffenen Länder eine Katastrophe, aber das vorhergesagte apokalyptische Szenario ist nicht eingetreten.
Damit ist nun aber auch die Angst der Welt gesunken - und die Bereitschaft zu helfen. Die internationale Hilfe sei "zu langsam und zu bruchstückhaft", es fehle vor allem an Isolierstationen und qualifiziertem Personal, klagt "Ärzte ohne Grenzen". Das ist der eigentliche Skandal: Der wohlhabende Teil der Welt hilft halbherzig, fühlt sich nicht mehr bedroht - und geht zur Tagesordnung über. Ebola? War da was? Sollen doch die Afrikaner selbst sehen, wie sie mit dem Problem fertig werden.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 3/2015
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