10.01.2015

SyrienAssads Geheimnis

Israelische Jagdbomber zerstörten 2007 eine Fabrik bei Deir al-Sor. Präsident Assad leugnet bis heute, dass er dort eine Atombombe bauen ließ. Geheimdokumente legen jetzt nahe: Er hat den hochgefährlichen Plan nicht aufgegeben.
Gegen 23 Uhr steigen am 5. September 2007 von der israelischen Militärbasis Ramat David südlich von Haifa zehn F-15-Jagdbomber Richtung Mittelmeer auf, offiziell zu einer Notfallübung. Eine halbe Stunde später werden drei der Flugzeuge zurückbeordert, die restlichen ändern die Richtung und fliegen über die Türkei zur syrischen Grenze. Dort schalten sie mit elektronischen Störsignalen eine Radarstation aus und erreichen nach weiteren 18 Flugminuten die Stadt Deir al-Sor am Euphrat. Ihr Ziel ist der Gebäudekomplex Kibar östlich der Stadt. Die Israelis feuern und zerstören mit Maverick-Raketen und 500-Kilo-Bomben die Fabrik bis auf die Grundmauern.
Unbehelligt kehren die Piloten zurück zur Basis, die "Operation Obstgarten" ist erfolgreich abgeschlossen. In Jerusalem gratulieren sich der damalige Premier Ehud Olmert und seine engsten Berater: Sie sind überzeugt, dass Syriens Präsident Baschar al-Assad eine Kernwaffe bauen wollte, dass Kibar eine Nuklearanlage war, die kurz vor der Fertigstellung stand. Sie glauben, mit der gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktion ihr Land - und die Welt - vor einem großen Schaden bewahrt zu haben.
Aber sie wollen zugleich verhindern, dass die Situation eskaliert. Deshalb sind nicht einmal die Amerikaner in das Kommandounternehmen eingeweiht. Olmert ruft erst nach dem Angriff in Washington an. "Operation Obstgarten" soll auch im eigenen Land geheim bleiben, bloß kein israelisches Triumphgeheul. Bloß kein Hinweis darauf, dass in Deir al-Sor nordkoreanische Atomfachleute gesichtet wurden, die am Reaktor mitbauten. So bleibt Assad die Möglichkeit, das Geschehene herunterzuspielen, auf Rache zu verzichten.
Tatsächlich hält Assad still. Es wird zwar eine Verletzung des Luftraums beklagt und auch der Bombenabwurf über einer "Lagerhalle", aber laut der offiziellen Version hat die Luftwaffe alle Angreifer abgedrängt. Was wirklich passiert war, blieb der Öffentlichkeit damals verborgen.
Nun wird die Welt, so legen es neue, bisher geheime Informationen des SPIEGEL nahe, wieder von Assad getäuscht: Syriens Diktator hat seinen Traum von der Bombe nicht aufgegeben und an einem geheimen Ort eine neue Atomanlage gebaut. Es ist eine höchst beunruhigende Nachricht.
Damals ließen sich Gerüchte über den mysteriösen Gebäudekomplex in der Wüste und seine mögliche militärische Nutzung nicht völlig unterdrücken. Syrien hat - anders als etwa Israel und Pakistan - den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben und ist damit verpflichtet, die Kernkraft nur friedlich zu nutzen. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien verlangt Zugang. Im Juni 2008 gibt Assad dem Drängen der IAEA schließlich nach, Experten unter Führung des Finnen Olli Heinonen können den zerstörten Kibar-Komplex überprüfen.
Damaskus hat, wie sie schnell feststellen, alles getan, um Spuren zu verwischen. Die Atomdetektive finden dennoch verdächtige Uranpartikel, die das Regime mit einer möglichen feindlichen Sabotage zu erklären versucht. Die IAEA nennt ihr Recherche-Ergebnis "ohne letzte Beweiskraft". Sie bittet aber wegen der bestehenden Verdachtsmomente dringend um einen Besuch in drei anderen, möglicherweise mit Kibar in Verbindung stehenden Nukleareinrichtungen, vor allem in der mutmaßlichen Anreicherungsanlage Mardsch al-Sultan, 15 Kilometer nördlich von Damaskus. Die Syrer sperren sich, verärgert über die "haltlosen Verleumdungen".
Erst die detaillierte Rekonstruktion des SPIEGEL ( Nr. 45/2009), möglich gemacht durch Recherchen bei damaligen Entscheidungsträgern, Nuklearfachleuten und Geheimdienstexperten, liefert ein klares Bild über die Hintergründe und den Ablauf des israelischen Kommandounternehmens. Zwar leugnete Assad 2009 im SPIEGEL-Gespräch Ambitionen auf die Bombe: "Wir wollen einen kernwaffenfreien Nahen Osten, Israel eingeschlossen." Aber spätestens seit einer Reportage des US-Magazins " New Yorker" und dem Bericht der IAEA vom Mai 2011 muss auch Skeptikern klar sein, dass Syrien mit dem Feuer gespielt hat. "Die Anlage bei Deir al-Sor war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Atomreaktor", heißt es bei der Wiener Behörde, die sonst immer sehr vorsichtig formuliert.
An dem bombardierten Ort wurden anschließend alle Aktivitäten gestoppt, das bewiesen die in regelmäßigen Abständen ausgewerteten Satellitenbilder. Aber bedeutete der israelische Angriff wirklich das Ende aller syrischen Bombenpläne?
Die Fabrik hatte kurz vor ihrer Fertigstellung gestanden, die Vermutung lag nahe, dass es in einem geheimen Depot einsatzbereiten Brennstoff für einen mindestens einjährigen Betrieb gegeben haben könnte. Nach internen Recherchen der IAEA sollen in Syrien 50 Tonnen dieses Natururans existieren, bei entsprechender Anreicherung genug Material für drei bis fünf Bomben.
Auch das Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit in Washington hat Hinweise auf ein solches Arsenal und zeigt sich im September 2013 sehr besorgt: "Das schafft Risiken, weil das Uran an Organisationen wie die Hisbollah oder Qaida oder an Staaten mit einem nicht deklarierten Nuklearprogramm wie Iran weitergegeben werden könnte."
Nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste ist die Gefahr wohl größer, die Lage weit explosiver als bisher angenommen: Die Dienste sind aufgrund von Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen, davon überzeugt, dass Assad seinen Plan vorantreibt, eine Bombe zu bauen.
Der Diktator hat sich alle Möglichkeiten für die ultimative Waffe vorbehalten: Assad führe, so die Analysten, sein Atomwaffenprogramm an einem geheimen, unterirdischen Ort weiter. Dort lagere nach ihren Erkenntnissen der Brennstoff in Form von 8000 Brennstäben. Und dort sei sehr wahrscheinlich ein neuer Reaktor oder eine Anreicherungsanlage entstanden - eine Entwicklung von unabsehbarer weltpolitischer Tragweite.
Ein Teil des Urans war offenbar lange Zeit in Mardsch al-Sultan bei Damaskus versteckt, in dem auch von der IAEA als verdächtig eingeschätzten Ort. Satellitenaufnahmen vom Dezember 2012 und Februar 2013 zeigten verdächtige Aktivitäten in Mardsch al-Sultan. Die Anlage, in der Nähe einer Militärbasis der syrischen Armee gelegen, war zum Schauplatz heftiger Kämpfe mit den Rebellen geworden. Die Regierungstruppen mussten dringend alles Wertvolle wegtransportieren. Sie taten das, wie die Geheimdienstler jetzt rekonstruieren konnten, mithilfe der Hisbollah, der radikalschiitischen libanesischen "Partei Gottes". Die weitgehend von Teheran finanzierte, hochgerüstete Miliz kämpft an der Seite Assads.
Das Material wurde laut Geheimdiensterkenntnissen in ein wegen seiner Bergstollen gut verborgenes Lager westlich der Stadt Kusair geschafft, keine zwei Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Gerade noch rechtzeitig - Mardsch al-Sultan fiel tatsächlich an die Aufständischen, inzwischen wurde es von Regierungstruppen zurückerobert.
Seitdem beobachteten die Experten die Anlage bei Kusair genauer, die sie bis dahin nicht beachtet, eher für eines der konventionellen Waffenlager der Hisbollah gehalten hatten. Die Analysten verglichen frühere Satellitenbilder, registrierten akribisch jede Veränderung. Bald war ihnen klar, dass sie auf eine äußerst beunruhigende Entdeckung gestoßen waren.
Der Bau der Anlage hat nach der Geheimdienst-Rekonstruktion bereits 2009 begonnen. Die Arbeiten in den unzugänglichen Bergen wurden ihren Erkenntnissen zufolge von Anfang an getarnt, Sand an verschiedene Orte weggeschafft - offensichtlich, damit aus der Luft schwerer zu erkennen war, wie tief man in den Stollen hineingrub. Und die Konstrukteure schützten den Zugang zu der Anlage mit militärischen Mitteln. Das war auch nötig: Im Frühjahr 2013 gab es im Bürgerkrieg heftige Kämpfe um Kusair. Die gesamte Umgebung des Projekts aber wurde unter großen Verlusten von Eliteeinheiten der Hisbollah bewacht und konnte durchgehend gegen die Angreifer gehalten werden.
Neueste Satellitenbilder zeigen sechs Strukturen: ein Wachhaus und fünf Schuppen, von denen drei getarnte Eingänge in die Tiefe besitzen. Die Anlage verfügt über einen speziellen Zugang zum Stromnetz, das mit der nahen Stadt Blusa verbunden ist. Ein besonders verdächtiges Detail ist der tief gebohrte Brunnen, der den Komplex mit dem vier Kilometer entfernten Saita-See verbindet - überflüssig für ein Waffenlager, überlebensnotwendig zur Kühlung einer Nuklearanlage.
Aber die deutlichsten Belege dafür, dass es sich um eine nukleare Anlage handelt, hat jetzt der von einem Spionagenetzwerk abgefangene Funkverkehr geliefert. Darin spricht ein als hochrangiges Mitglied der Hisbollah identifizierter Funktionär von der "Atomfabrik", es fällt der Ortsname "Kusair". Der Mann von der "Partei Gottes" kennt sich offensichtlich auf dem Gelände aus. Und er erstattet telefonisch öfter auch einem besonders wichtigen Mann Bericht: Ibrahim Othman, dem Vorsitzenden der syrischen Atomenergiekommission.
Der Abgehörte benutzt meist einen Geheimcode für die Anlage: "Zamzam", ein Wort, das fast jedem Muslim geläufig ist. Nach der Überlieferung handelt es sich bei Zamzam um die Quelle, die Gott für Abrahams Frau und deren gemeinsamen Sohn Ismail aus der Wüste entspringen ließ. Der Originalbrunnen befindet sich in Mekka, jeder Gläubige soll sich bei der Pilgerfahrt einmal im Leben zu dem heiligen Ort begeben. Wer Zamzam nicht ehrt, ist kein richtiger Muslim.
Erwähnt wird in dem mitgeschnittenen Gespräch auch die Mitarbeit iranischer Revolutionswächter an der Anlage. Die Pasdaran, eine paramilitärische Organisation, unterstehen direkt dem religiösen Führer Ali Khamenei, sie kontrollieren große Teile der iranischen Wirtschaft und sind auch an den suspekten Teheraner Atomaktivitäten entscheidend beteiligt. Nicht alle ihre Auslandseinsätze sind mit der Regierung des gemäßigten iranischen Präsidenten Hassan Rohani abgesprochen, die Pasdaran sind ein Staat im Staate.
Dass auch Nordkorea an Zamzam beteiligt ist, darf nach Expertenmeinung als sicher gelten. Ibrahim Othman, der Chef der syrischen Atomkommission, arbeitete schon beim Bau von Kibar eng mit dem Ingenieur Chou Ji Bu zusammen, dem Konstrukteur des Nuklearreaktors Yongbyon.
Chou galt lange als verschwunden. Manche vermuteten, er sei einer Säuberungswelle in der Heimat zum Opfer gefallen. Jetzt glauben die westlichen Spionageexperten zu wissen, dass er in Damaskus untergetaucht ist. Othman hat demnach den Kontakt zu seinem mysteriösen Freund nie abreißen lassen. Ohne nordkoreanisches Know-how hätte nach Überzeugung der Auswertenden die neue nukleare Einrichtung nicht entstehen können. Auch die Verarbeitung der Brennstäbe weise nach Pjöngjang.
Wie geht es nun mit Zamzam weiter? Wie werden der Westen, der Diktator, die Anrainerstaaten auf die Enthüllungen reagieren?
Die Entdeckung der mutmaßlichen Atomanlage kann keinem der politischen Akteure gefallen, sie ist für alle peinlich. Für Syrien und Nordkorea, die ihre Rolle als internationale Parias loswerden wollen und nun mögliche neue Strafmaßnahmen fürchten müssen. Für die Hisbollah, die als legitim gewählte "Partei Gottes" das libanesische Parlament kontrollieren möchte.
Aber auch für die amerikanische Regierung kommt die neue Entwicklung wohl sehr ungelegen: Sie agiert im Moment trotz aller offiziellen Dementis eher gemeinsam mit Assad im Kampf gegen die islamistische Terrormiliz IS. Washington, London und Paris hielten wiederum nach der überwachten und weitgehend reibungslos durchgeführten Zerstörung der syrischen Chemiewaffen die Risiken einer "unkonventionellen" Kriegsführung Assads für beseitigt. Die mögliche Entwicklung einer syrischen Atombombe müsse, wenn bestätigt, zu einer umfassenden Neubewertung der Situation führen.
Ein besonderes Dilemma stellt die Entdeckung für Israel dar, das zwar Hisbollah-Nachschubwege in Syrien bombardiert, aber offenbar nichts von einer möglichen Nachfolge-Nuklearanlage gewusst hat. Und das nun vor der schwierigen Frage steht, ob es sich mit Zamzam abfinden oder einen riskanten Angriff gegen die tief in der Erde versteckte Anlage fliegen soll. Anders als 2007 wären dafür bunkerbrechende Waffen nötig, mit unübersehbaren Risiken für die Umwelt. Es wäre eine unverantwortliche Entscheidung, aber Israels Hardlinern durchaus zuzutrauen.
Auch die internationalen Kontrolleure in Wien stehen nicht gut da. Ihr Chef Yukiya Amano muss sich von Syriens Diktator vorgeführt fühlen. Im September 2014 hatte der Japaner die Regierung in Damaskus noch einmal nachdrücklich "aufgefordert, bei allen ausstehenden, ungeklärten Fragen zu kooperieren". Eine Antwort blieb aus. Ein letztes Sanktionsmittel wäre der Ausschluss Syriens von der IAEA - kaum denkbar, solange Moskau auch in diesem Gremium die schützende Hand über Assad hält.
Die IAEA-Kontrolleure wurden jetzt vom "Islamischen Staat" eingeladen, in dem von ihnen kontrollierten Gebiet tätig zu werden. Die Terrororganisation hat schon vor einigen Monaten die Region um Deir al-Sor in Nordsyrien erobert und bot nun der Internationalen Atomenergiebehörde an, sich noch einmal auf dem Gelände von Kibar umzusehen. Die IAEA lehnte ab - sie will die Terrormiliz durch einen solchen Besuch nicht aufwerten.
Um Deir al-Sor geht es ja auch längst nicht mehr. Die internationalen Experten aus Wien sehen sich jetzt mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Anderswo, an der Grenze zum Libanon, gäbe es weit Brisanteres zu erforschen. ■
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 3/2015
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