10.01.2015

SPIEGEL-Gespräch„Alles kann uns um die Ohren fliegen“

Michail Gorbatschow erklärt, warum er Wladimir Putins autoritären Kurs und die konservative Agenda des Kreml für falsch hält. Und er spricht über sein schwieriges Verhältnis zu Angela Merkel.
Dicke Schneeflocken treiben vor dem Fenster des Büros am Leningrader Prospekt im Nordwesten Moskaus. Seit 23 Jahren ist hier Michail Gorbatschows Stiftung untergebracht, mit der er politische Forschungsprojekte und Wohltätigkeitsinitiativen unterstützt, Konferenzen veranstaltet und Bücher herausgibt. Drei- bis viermal die Woche kommt der letzte Generalsekretär der KPdSU noch her, ein Dutzend Mitarbeiter gehören zur Stiftung.
An den Wänden hängen Bilder aus vergangenen Zeiten: Gorbatschow mit George Bush senior, mit François Mitterrand, mit Helmut Kohl, mit Schimon Peres. Und immer wieder Raissa, seine 1999 an Leukämie gestorbene Frau - in Öl über seinem Schreibtisch, als großformatige Fotografie auf dem Flur gegenüber, es ist eine der letzten Aufnahmen von ihr. Gorbatschows Stimme stockt, wenn er von ihrem Tod erzählt.
Der 83-Jährige hat drei schwere Operationen hinter sich, an der Wirbelsäule, der Prostata, der Halsschlagader. Eine vierte steht ihm demnächst bevor. Medikamente haben sein Gesicht verändert, er lässt sich nicht mehr gern fotografieren: "Ich sehe jetzt auf Fotos immer aus wie eine Bulldogge." - "Herr Gorbatschow, Sie sehen doch nicht aus wie eine Bulldogge." - "Natürlich tue ich das, reden Sie doch nicht."
Er schickt seinen Pressereferenten los, um ein in einer russischen Zeitung erschienenes Foto zu holen. Minuten später kommt dieser damit zurück. Wenn man will, könnte man tatsächlich leichte Ähnlichkeiten mit einer Bulldogge erkennen. Zweieinhalb Stunden gewährt Gorbatschow dem SPIEGEL - und ist dabei so kampfeslustig wie nie.
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, Sie haben wie kaum ein anderer dazu beigetragen, den Kalten Krieg zu beenden. Nun kehrt er mit der Ukraine-Krise zurück. Wie schmerzhaft ist das für Sie?
Gorbatschow: Man hat das Gefühl eines Déjà-vu dabei. Vielleicht wäre das ja sogar eine gute Überschrift für unser Gespräch: Alles scheint sich zu wiederholen. Es gab eine Zeit, eine Mauer zu bauen, und eine Zeit, sie einzureißen. Nicht nur ich habe einen Anteil daran, dass es diese Mauer nicht mehr gibt. Willy Brandts Ostpolitik war wichtig, und die Proteste in Osteuropa waren es. Nun werden neue Mauern hochgezogen, die Lage droht zu eskalieren. Ich sehe tatsächlich alle Anzeichen eines neuen Kalten Krieges. Alles kann uns jederzeit um die Ohren fliegen, wenn wir nicht handeln. Der Vertrauensverlust ist katastrophal. Moskau glaubt dem Westen nicht mehr, und der Westen glaubt Moskau nicht. Das ist fürchterlich.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass es wieder einen großen Krieg in Europa geben könnte?
Gorbatschow: Daran darf man nicht einmal denken. Ein solcher Krieg würde heute wohl unweigerlich in einen Atomkrieg münden. Allerdings, die Verlautbarungen auf beiden Seiten und die Propaganda lassen mich Schlimmes befürchten. Wenn angesichts dieser angeheizten Stimmung einer die Nerven verliert, werden wir die nächsten Jahre nicht überleben.
SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht etwas?
Gorbatschow: Ich sage so etwas nicht leichtfertig. Ich bin ein Mann mit Gewissen. Aber so ist es. Ich mache mir wirklich allergrößte Sorgen.
SPIEGEL: Die neue russische Militärdoktrin stuft die Nato-Osterweiterung und die "verstärkten Angriffskapazitäten der Nato" als eine der größten Gefahren für Russland ein. Sehen Sie das auch so?
Gorbatschow: Die Nato-Osterweiterung hat die europäische Sicherheitsordnung zerstört, so wie sie in der Schlussakte von Helsinki 1975 festgelegt worden war. Die Osterweiterung war eine 180-Grad-Kehrtwende, die wegführte vom Beschluss der Pariser Charta 1990, zusammen mit allen europäischen Staaten den Kalten Krieg endgültig hinter uns zu lassen. Russische Vorschläge wie der des damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew, sich zusammenzusetzen und an einer neuen Sicherheitsarchitektur zu arbeiten, wurden vom Westen arrogant ignoriert. Das Resultat sehen wir jetzt.
SPIEGEL: Der Ukraine-Konflikt geht Ihnen nahe, nicht nur aus politischen Gründen.
Gorbatschow: So ist es, und alles andere wäre eigenartig. Ich bin ja ein halber Ukrainer: Meine Mutter war Ukrainerin, und meine Frau Raissa war eine. Meine allerersten Worte habe ich auf Ukrainisch gesagt, die ersten Lieder, die ich hörte, waren ukrainische Lieder. Das südrussische Gebiet Stawropol, aus dem ich stamme und dessen Parteichef ich einst war, hatte zu Sowjetzeiten eine Partnerschaft mit dem ukrainischen Gebiet Donezk, wo heute dieser schreckliche Krieg tobt. Damals halfen wir uns gegenseitig. Wir waren Freunde und lebten in einem Staat. Auch heute habe ich in der Ukraine noch Freunde und Verwandte - so wie die meisten Russen.
SPIEGEL: Sie haben als Generalsekretär der Kommunistischen Partei für Veränderungen gekämpft, für Glasnost und Perestroika in Ihrem Land. Fällt nun unter Putin alles in Scherben, wofür Sie sich in Ihrem Politikerleben eingesetzt haben?
Gorbatschow: Das sehe ich ganz anders. Glasnost ist nicht tot, und auch die Demokratie ist es nicht. In Russland ist eine neue Generation unter vollkommen anderen Bedingungen herangewachsen, sehr viel freier als in der Sowjetunion. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, es liegt nichts in Scherben.
SPIEGEL: Russland wird aber so autoritär regiert wie lange nicht.
Gorbatschow: Was meinen Sie mit lange nicht?
SPIEGEL: Seit den Vor-Gorbatschow-Zeiten in der Sowjetunion. Es gibt wieder Einschränkungen von Meinungs- und Pressefreiheit, die Wahlen sind nicht frei.
Gorbatschow: Dann haben wir das gleiche Verständnis von den Dingen. Ich bin mittlerweile ein alter Mann, hinter mir liegt ein langer Weg. Als ich in die Kommunistische Partei eintrat, schrieb ich einen Aufsatz: "Stalin, unser Kriegsruhm, Stalin beflügelt uns, die Jugend." Heute unterstütze ich diejenigen, die gegen die Stalin-Verehrung kämpfen.
SPIEGEL: Putin schränkt die Demokratie ein, einer Mehrheit scheint sein Regierungsstil dennoch zu gefallen. Warum?
Gorbatschow: Als Putin in den Kreml einzog, trat er ein schweres Erbe an. In allen Bereichen herrschte Chaos. Die Wirtschaft lag danieder, ganze Regionen wollten sich abspalten. Es drohte der Zerfall Russlands. Putin hat diesen Prozess aufgehalten. Das wird als großes Verdienst seiner Amtszeit bleiben. Selbst wenn Putin sonst nichts erreicht hätte, würde ihm das immer noch angerechnet. Ja, er greift mitunter zu autoritären Methoden. Dagegen habe ich mich oft ausgesprochen. Deshalb war ich auch dagegen, dass er eine dritte Amtszeit antritt.
SPIEGEL: Braucht Russland eine neue Perestroika von oben, wie sie der ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin vor Kurzem gefordert hat, ein auch im Westen hoch angesehener Putin-Vertrauter?
Gorbatschow: Richten Sie Alexej Kudrin gern aus, dass ich ihm zustimme. Russland hat erst den halben Weg zur Demokratie hinter sich, der Rest des Weges liegt noch vor uns. Leider setzt der Kreml jetzt auf eine konservative Agenda. Ich halte das für einen Fehler.
SPIEGEL: Was treibt Putin an? Vor Jahren schon schrieben Sie, es gehe ihm nur noch um Machterhalt.
Gorbatschow: Ich kann nicht in Putins Inneres schauen, ich weiß es nicht. Aber ohne Demokratie und Beteiligung des Volkes werden wir nicht vorankommen. Wir brauchen freie Wahlen und die Teilnahme der Menschen am politischen Prozess. Es kann nicht sein, dass, wie bisher, morgens erstmals über ein Gesetz diskutiert wird und es abends schon beschlossen ist.
SPIEGEL: Sind die Russen denn bereit für mehr Demokratie?
Gorbatschow: Das müssen Sie unsere nicht sehr schlagkräftige Opposition fragen.
SPIEGEL: Wir fragen aber Sie.
Gorbatschow: Es ist schlicht nicht in Ordnung, wenn Andersdenkende unterdrückt werden. Wenn jemand wie der Antikorruptionsblogger und Politiker Alexej Nawalny unter Hausarrest gestellt wird, nur weil er den Mund aufgemacht hat. Es ist nicht gut, wenn Regierungsämter oder Spitzenposten von Staatsunternehmen auf der Grundlage von Freundschaftsbeziehungen vergeben werden, wie es bei uns geschieht.
SPIEGEL: Trauen Sie Putin eine Kursänderung zu, während die Wirtschaft und der Rubel dramatisch abstürzen?
Gorbatschow: Eigentlich braucht er keine Angst zu haben, denn er ist immer noch sehr populär. Wenn Putin das Gefühl hat, dass er nicht mehr anders kann, dann wird er auch entsprechend handeln.
SPIEGEL: Im November haben Sie bei der Vorstellung Ihres neuen Buches gesagt, dass Putin an einer Krankheit leide, die Ihnen selbst während Ihrer Zeit im Kreml nicht fremd war: übergroßes Selbstvertrauen. Putin, so sagten Sie, sehe sich gleich hinter Gott.
Gorbatschow: Vielleicht sieht er sich sogar gleich neben Gott ( lacht). Aber natürlich ist Putin nicht Gott. Wer hohe Verantwortung trägt, braucht jedoch Entschlossenheit und Entscheidungsfreudigkeit, also ein gesundes Selbstbewusstsein.
SPIEGEL: Ihnen hat man oft vorgeworfen, ein unentschlossener Zauderer zu sein.
Gorbatschow: Wie eigentlich soll dann dieser angeblich unentschlossene Gorbatschow die Perestroika gegen unzählige Widerstände durchgesetzt haben? Wie hat er Glasnost verkündet, die Freiheit des Wortes und der Religion gewährt? Warum hat er dann Reisefreiheiten zugelassen, wo doch zuvor jeder Sowjetbürger, der ins Ausland fahren wollte, eine langwierige Prozedur durchlaufen musste? Und warum hat dieser angebliche Zauderer sich plötzlich entschieden, das nukleare Wettrüsten zu beenden, die Mittelstreckenraketen vollständig abzubauen und die Langstreckenraketen zur Hälfte? Wenn das alles nicht mutig und entschlossen war, was dann?
SPIEGEL: Trotzdem, kränkt es Sie, wenn Sie im eigenen Land als der Mann gelten, der die Sowjetunion zerstört hat?
Gorbatschow: Viele wissen heute, dass dem nicht so ist. Leider höre ich sogar von Präsident Putin solche Anspielungen, ganz zu schweigen von den sogenannten Patrioten. Die würden mich und die Kommunistische Partei am liebsten wegen Hochverrats vor Gericht zerren.
SPIEGEL: Wäre es besser gewesen, die Sowjetunion wäre erhalten geblieben?
Gorbatschow: Sicher. Im handstreichartig herbeigeführten Zerfall der Sowjetunion liegt ja auch der tiefere Grund für den derzeitigen Ukraine-Konflikt.
SPIEGEL: Sie reden vom Jahr 1991, in dem die Sowjetunion an ihren Nationalitätenkonflikten und der Wirtschafts- und Versorgungskrise im Land zerbrach.
Gorbatschow: Im offenen politischen Kampf hatten die Gegner der Perestroika schon verloren, deswegen setzten sie auf Eskalation und zettelten einen Putsch an. Sie wollten die Macht, aber sie zerstörten die Sowjetunion. Und sie schwächten die Reformer. Mein Nachfolger Boris Jelzin verordnete dem Land eine Schocktherapie, unter der Russland bis heute leidet. Ich hatte ein Reformprogramm. Obwohl die Sowjetunion das Wort Union im Namen trug, war es ja keine wirkliche Union. Die Republiken hatten nur sehr eingeschränkte Souveränität und Zuständigkeiten. Deshalb hatte ich einen reformierten Unionsvertrag vorgelegt, der am 20. August 1991 hätte unterzeichnet werden sollen. Die Nomenklatura aber fürchtete die neue Zeit.
SPIEGEL: Ehe Sie Ende 1991 den Kreml verließen, betonten Sie in einer Abschiedsrede die Erfolge Ihrer Politik und sagten, niemand müsse mehr russische Truppen in den Nachbarländern fürchten. Nun ist diese Angst wieder da.
Gorbatschow: Leider vergessen wir, was uns die Geschichte lehrt.
SPIEGEL: Wer ist daran schuld?
Gorbatschow: Sie kommen mir jetzt mit der uralten Frage, ob die Ehefrau oder die Schwiegermutter schuld ist ( lacht). Im Ernst: Russland und der Westen tragen Verantwortung, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Keiner hat sich der Ernsthaftigkeit der Situation gewachsen gezeigt.
SPIEGEL: Wer trägt die größere Verantwortung für den Ukraine-Konflikt?
Gorbatschow: In dieser hochgefährlichen Krise helfen Schuldzuweisungen nicht weiter. Einige Dinge jedoch möchte ich deutlich sagen: Im November 1990, bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) in Paris, war vom Aufbau einer neuen friedlichen Weltordnung die Rede. Vor allem George Bush senior und ich haben dafür geworben. Aber daraus wurde nichts, eine Demilitarisierung der Politik fand nicht statt. Stattdessen hat sich in Amerika eine gefährliche Siegermentalität breitgemacht. Ich kritisiere diese Haltung, wann immer ich in den Vereinigten Staaten bin. Ich erinnere dann an John F. Kennedy, der sich gegen die Dämonisierung der Menschen in der Sowjetunion gewandt und gesagt hat, dass ein wirklicher Friede keine Pax americana sein kann, kein von Amerika diktierter Friede. Entweder gibt es Frieden für alle oder keinen Frieden.
SPIEGEL: Aber ist Amerika nicht als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgegangen?
Gorbatschow: Hätte Amerika ohne Moskau, ohne uns diese gewaltigen Veränderungen erreichen können? Nein! Wir haben damals gezeigt, was zusammen möglich ist: Wir haben regionale Konflikte gelöst, die deutsche Wiedervereinigung erreicht, den Abzug der sowjetischen Truppen aus Osteuropa, die atomare Abrüstung. Dann hat Amerika leider angefangen, ein Weltreich zu errichten, ein Mega-Imperium.
SPIEGEL: Seit wann verfolgt Amerika die Politik, die Sie anprangern?
Gorbatschow: Das wissen Sie doch selbst. Als die Sowjetunion zerfiel, haben diejenigen, die es nicht gut mit uns meinen, Krokodilstränen geweint, sich unter dem Tisch aber die Hände gerieben. Die Amerikaner begannen damit, Russland mit angeblichen Verteidigungsringen zu umgeben, der Nato-Osterweiterung. Ohne Zustimmung der Vereinten Nationen griff die Nato militärisch in den jugoslawischen Bürgerkrieg ein. Das war ein Präzedenzfall. All das hat in Russland eine Gegenreaktion hervorgerufen. Kein Kremlchef kann so etwas ignorieren.
SPIEGEL: Es fällt auf, dass eine ältere Politikergeneration - Henry Kissinger, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher - in der Ukraine-Krise zu mehr Besonnenheit rät. Auch Sie haben sich an die Präsidenten Putin und Obama gewandt.
Gorbatschow: Ja, und zwar bereits vor einem Jahr, am 23. Januar. Ich habe beide zu Verhandlungen aufgefordert, weil der Ukraine-Konflikt nicht nur die Ukraine und ihre Nachbarn, sondern die ganze Welt bedroht. Mein Brief war ein Schrei aus der Tiefe meiner Seele.
SPIEGEL: Bekamen Sie eine Antwort?
Gorbatschow: Ich stieß auf taube Ohren.
SPIEGEL: Ähnlich ist es Ihnen im November in Berlin ergangen. Ihre Mahnungen anlässlich der Feierlichkeiten zum Mauerfall wurden als die eines alternden Politikers abgetan. Die Deutschen kritisieren Sie nun wegen Ihrer Putin-freundlichen Haltung. Ärgert Sie das?
Gorbatschow: Die Deutschen lieben Angela Merkel. Deshalb kritisiert man Merkel nicht, sondern mich. Eine kluge Nation wie Deutschland sollte sich aber nicht auf Stammtischniveau begeben.
SPIEGEL: Sie haben dann Angela Merkel im Kanzleramt getroffen, wie verlief das Gespräch?
Gorbatschow: Freundlich, wir haben etwa eine Stunde miteinander gesprochen. Allerdings waren die Kräfte ungleich verteilt: Eine Beraterin der Bundeskanzlerin war dabei, ich hatte also gleich zwei Frauen gegen mich. Ich habe deutlich gespürt, dass die Bundeskanzlerin unter Druck steht, innen-, aber auch außenpolitisch. Und ich habe ihr erklärt, dass man sich so lange hinsetzen muss, bis eine Lösung gefunden ist. Mit übereilten Verlautbarungen übereinander herzufallen bringt nichts. Angela Merkel hat mir zugestimmt, auch wenn sie anders handelt.
SPIEGEL: Haben Sie im Gespräch mit der Bundeskanzlerin die Sanktionen des Westens gegenüber Russland kritisiert?
Gorbatschow: Fragen Sie Angela Merkel. Ich könnte Ihnen ja einen Bären aufbinden.
SPIEGEL: Wir würden aber gern von Ihnen eine Antwort bekommen.
Gorbatschow: Ich habe schon wieder alles, was dazu gesagt wurde, vergessen ( lacht). Sie müssen da die Bundeskanzlerin fragen. Ich habe von diesem Gespräch im Übrigen auch Putin nichts verraten. Umso weniger werde ich es jetzt dem SPIEGEL erzählen. Und Sie können mich jetzt gern noch ein drittes Mal fragen, es hat keinen Sinn, mich hier aufs Glatteis führen zu wollen.
SPIEGEL: Warum halten Sie die Sanktionen für falsch?
Gorbatschow: Sie schaden der Wirtschaft beider Länder. Es war auch falsch, Russland aus der G 8 auszuschließen. Das erinnert an Blutrache und führt ins Nichts. Sanktionen sind kein Instrument, wenn wir unsere mustergültigen Beziehungen bewahren wollen.
SPIEGEL: Es sieht so aus, als ob diese der Vergangenheit angehörten.
Gorbatschow: Nach dem Fall der Mauer hat das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland gewaltige Fortschritte gemacht. Wir haben einzigartige, gute Beziehungen aufgebaut. Das darf man jetzt auf keinen Fall zerstören. Der Westen schließt Russland zurzeit von der Lösung globaler Probleme weitgehend aus: vom Kampf gegen Terrorismus und den "Islamischen Staat", vom Klimaschutz. Wozu soll das gut sein? Wir müssen unsere Beziehungen wieder "enteisen", wir brauchen dringend ein neues Tauwetter. Wir Russen werden alles dafür tun. Ich denke, dass Russland seine Politik danach ausrichtet. In Deutschland aber gibt es anscheinend einen Wettbewerb, wer härter gegenüber Russland auftritt.
SPIEGEL: Es gibt aber auch viele, die anders argumentieren. Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck hat vorgeschlagen, unter der Ägide der OSZE eine neue Volksabstimmung über die Krim abzuhalten, um die Annexion völkerrechtlich zu legitimieren. Was halten Sie davon?
Gorbatschow: Das neue Deutschland will sich überall einmischen. Welche Legitimation braucht es für die Krim? Auch wenn die Volksabstimmung Unzulänglichkeiten hatte, kann an einem kein Zweifel bestehen: Die Menschen dort haben klar und eindeutig gesagt, dass sie zu Russland gehören wollen.
SPIEGEL: Sie sind erstaunlich milde, was das Referendum betrifft, sogar Putins Menschenrechtskommission hat Wahlfälschungen festgestellt. Sind Sie enttäuscht von den Deutschen?
Gorbatschow: In Deutschland möchten anscheinend viele bei der neuen Teilung Europas mitmachen. Ich höre an dieser Stelle besser auf. Provozieren Sie mich nicht weiter. Ich bin ein Russe und sollte zu den inneren Angelegenheiten Deutschlands nicht so viel sagen.
SPIEGEL: Die inneren Angelegenheiten Deutschlands betreffen aber ganz Europa.
Gorbatschow: Wie es zwischen Deutschland und Russland steht, hat Auswirkungen auf das politische Klima weltweit. Das dürfen wir nie vergessen, auch in der Ukraine-Krise nicht.
SPIEGEL: Wie könnte eine Lösung dieser Krise denn aussehen?
Gorbatschow: Sofortiger Waffenstillstand. Dann eine internationale Aktion zum Aufbau der zerstörten Gebiete. Notfalls müssen wir Otto von Bismarck wieder einladen, der gesagt hat, dass Deutschland mit Russland niemals Krieg führen darf. Deutschland hat im Zweiten Weltkrieg schon einmal versucht, seinen Machtbereich nach Osten zu erweitern. Welche Lektion braucht es noch? In meinem Land ist das nicht vergessen: die ungeheuren Zerstörungen, die Frauen, die auf Männer warteten, die nie heimkehrten. Es ist gut, dass unsere Völker sich miteinander versöhnt haben.
SPIEGEL: Und dennoch sagt Merkel über Putin heute, er lebe in einer anderen Welt. Können Sie das nachvollziehen?
Gorbatschow: Nein, nicht ganz. Und nicht nur ich verstehe das nicht. Erinnern Sie sich bitte an Präsident Putins Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Putin hat damals deutlich gesagt, wo Russlands rote Linien liegen und dass Russland mit dem Vordringen der Nato an seine Grenzen nicht einverstanden ist. Für uns Russen übrigens hat Putin da überhaupt nichts Neues gesagt. Warum eigentlich waren unsere Partner so erstaunt? Ich habe den Eindruck, dass das deutsche Volk Putin damals recht gut verstanden hat, jedenfalls besser als die politische Elite in Deutschland. Es ist ein Fehler zu versuchen, Putin loszuwerden.
SPIEGEL: Warum wäre es einer?
Gorbatschow: Es wäre saudumm und höchst gefährlich. Putin sollte nach dem Ende seiner Amtszeit den Platz freimachen. Leider ist das deutsche Konzept wohl ein anderes. Da sollen die Sanktionen noch weiter verschärft werden, bis die Russen auf die Straße gehen und Putin stürzen.
SPIEGEL: Sie scheinen nicht sehr viel von Angela Merkel zu halten.
Gorbatschow: Im Gegenteil, sie gefällt mir als Mensch und Politikerin. Das heißt aber nicht, dass ich kein Recht habe, sie zu kritisieren, so wie sie das Recht hat, mich zu kritisieren. Das Gleiche gilt für mein Verhältnis zu Putin. Er ist ein gestandener Präsident, der viel für Russland getan hat und tut. Manche Sachen aber muss man ihm offen sagen.
SPIEGEL: Sind Sie heute ein glücklicher Mensch?
Gorbatschow: Ich habe vor einigen Jahren mal geschrieben, dass es eigentlich keine glücklichen Reformer gibt. Da war ich nicht gerade bester Stimmung und habe mich zu diesem Satz hinreißen lassen. Ja, wenn ich zurückschaue, bin ich ein glücklicher Mensch. Große Projekte anzugehen und einen wichtigen Staat zu führen, das war natürlich großartig.
SPIEGEL: Wie sehen jetzt Ihre Tage aus, was machen Sie in Ihrer freien Zeit?
Gorbatschow: Meine Frau Raissa und ich hatten eine gemeinsame Leidenschaft. Wir haben jeden Tag lange Spaziergänge gemacht, fünf bis sechs Kilometer. Das hat mir gegen den Stress geholfen. Leider spielen meine Beine heute nicht mehr mit. Aber so geht es ja nicht nur mir. Vor Kurzem war ich bei Helmut Schmidt, er hat mich zwar im Stehen empfangen, mir dann aber erzählt, dass er oft im Rollstuhl sitzen muss. Auch Helmut Kohl und George Bush senior sind inzwischen auf technische Hilfsmittel angewiesen. Ich fürchte, es kommt die Zeit, dass auch ich mich motorisieren muss.
SPIEGEL: Fällt es Ihnen schwer zu akzeptieren, dass die Kräfte schwinden?
Gorbatschow: Bis 75 habe ich mich gesundheitlich sehr gut gefühlt und bin noch durch die ganze Welt gejettet. Der Tod meiner Frau Raissa 1999 war ein schwerer Schlag für mich. Die vergangenen anderthalb Jahre ging es mir nicht besonders gut. Ich musste drei schwere Operationen hinter mich bringen, im Übrigen alle drei in Deutschland. Die ganze Welt kämpft gegen das Altern, aber da kann man nichts machen. In manchem fühle ich mich alt, in anderen Dingen noch jung. So bin ich.
SPIEGEL: Was ist Ihnen wichtig in den Jahren, die noch bleiben?
Gorbatschow: Zu leben und nicht nur zu überleben oder dahinzuvegetieren und auf den Tod zu warten. Im Februar will ich wieder zu Vorträgen nach Amerika. Sie sind neben den Büchern meine einzige Einnahmequelle. Ich habe noch Ziele, und das hält mich aufrecht.
SPIEGEL: Welche Ziele sind das?
Gorbatschow: Mich weiter einzumischen in die Diskussion um die Zukunft Russlands, den Weltfrieden, den Umweltschutz. Bücher schreiben, Vorträge halten, Konferenzen, Interviews geben.
SPIEGEL: Um noch einmal die Welt zu ändern und zu verbessern?
Gorbatschow: Das ist nicht mehr nötig. Glasnost und Perestroika leben weiter und sind nicht mehr zu stoppen.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Gorbatschow: Absolut nicht. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich habe keine.
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit den Redakteuren Matthias Schepp und Britta Sandberg sowie Übersetzer Wladimir Schirokow (2. v. l.) in seinem Büro in Moskau.
Von Matthias Schepp und Britta Sandberg

DER SPIEGEL 3/2015
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