10.01.2015

Global VillageDie Rolle des Lebens

In Beirut spielen Flüchtlinge die Tragödie „Antigone“ und erzählen dabei vom modernen Drama eines ewigen Bürgerkriegs.
Fadwa Aweti spielt die Rolle, die niemand will. Sie ist Kreon, der Tyrann, und die Nähe zu einem anderen Herrscher ist nicht zu übersehen, in diesem Theaterstück, das sie "Antigone von Syrien" genannt haben. Es ist die schwierigste Rolle, aber Fadwa Aweti sagt: "Ich spiele diese Rolle nicht, weil ich alles billige, was Kreon tut, aber weil ich ihn verstehen kann. Wir alle müssen harte Entscheidungen treffen."
Sie spricht diese Worte auf der Bühne des Madina-Theaters in Beirut, im Licht der Scheinwerfer, eine Frau von 58 Jahren, ganz in Schwarz. Ihre beiden Söhne sind gestorben, der eine in Syrien, der andere im Mittelmeer, und die Tochter wagte die Reise mit dem Boot nach Europa. Aweti weiß, was harte Entscheidungen sind, dass es einfache Kompromisse selten gibt.
Zusammen mit 20 anderen Flüchtlingsfrauen führt Fadwa Aweti ein antikes Drama auf, sie spielen zusammen die Tragödie der Antigone, die ihren verstoßenen Bruder bestatten will - und ihr Aufbegehren gegen die Herrschaft des Onkels am Ende selbst mit dem Leben bezahlt. Aber was heißt, sie spielen? Das griechische Drama ist nur die Rahmenhandlung; der Inhalt, das ist ihr Leben. Die Frauen erzählen, zögerlich am Anfang, ihre eigenen Geschichten, als sprächen sie vor, welche der Rollen die ihre wäre in dieser Tragödie. Sophokles schrieb "Antigone" vor rund 2400 Jahren. Doch das Aufbegehren gegen die Macht, die Aufrechterhaltung der Ordnung um den Preis ihrer Zerstörung, all das findet in Echtzeit statt, nicht weit weg von diesem Theater.
Und wie in der antiken Tragödie sind es auch in der syrischen Tragödie die Frauen, die mutig sein müssen, die die Toten beerdigen, die Familien zusammenhalten, das Überleben sichern, und die doch kaum Gehör finden. Verlust, Trotz, Verzweiflung, all diese Gefühle der Figuren aus "Antigone", kennen sie gut.
Der Krieg hat die Syrer in alle Richtungen verstreut, mehr als eine Million leben im Libanon, Tausende davon in den palästinensischen Flüchtlingslagern, wo die Ärmsten der Armen wohnen - und wo das Team um den syrischen Dramaturgen Mohammad al-Attar nach Frauen suchte, die sich auf das Wagnis Theater einlassen. Er fand 21 Frauen, und am Anfang hatten sie Angst: vor Theater, vor den anderen, davor, laut zu sprechen vor so vielen Menschen. Und schließlich auch Angst davor, es ihren Männern beizubringen. Doch am Ende siegte die Neugier.
"Mein Herz war verbrannt", sagt Fadwa Aweti, die älteste der Frauen. Vor über zwei Jahren hat sie mit Mann, Kindern und Enkeln Damaskus verlassen und kam nach Beirut, sie hoffte, es würde nur für kurze Zeit sein. An einem Junitag 2013 ertrank ihr Sohn Bassem, als er seine Tochter retten wollte, die beim Baden aufs Meer hinausgetrieben war. Ihr anderer Sohn Ahmed war als Einziger zurückgeblieben, in Jarmuk, dem Lager in Damaskus, wo seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge lebten. Doch dann wurde Jarmuk vom Regime abgesperrt, und Ahmed aß Katzen, Hunde und Gras. Bis zu jenem Junitag 2014, als der Anruf kam: Dein Sohn ist tot.
Fadwa Aweti hörte und verstand, doch sie log, als ihr Mann und ihre Töchter fragten, was passiert sei.
"Ahmed ist verletzt", sagte sie. Ihre Tochter glaubte ihr nicht, sie suchte und fand im Internet ein Foto von Ahmeds Leiche. "Da habe ich den Laptop genommen und im Arm gehalten, als wäre er mein Sohn." Aweti dachte, nie mehr lachen zu können. Aber im Theater die Geschichten der Frauen zu hören, "das war erleichternd, ein Schritt heraus aus der Trauer". Knapp drei Monate lang erzählten sich die Frauen ihre Erlebnisse, sie verglichen ihre Schicksale mit denen der griechischen Helden, daraus entstand ihr Stück. Es war die zeitlose Tragik der Antigone, die ihnen half, eine Rolle für sich zu finden, im Stück und im Leben.
Antigone war die Heldin, "aber das bin ich nicht", sagt da Isra'a, die sich in Ismene wiederfand, der Schwester, die versucht, zwischen Antigone und Kreon zu vermitteln, weil sie nicht noch mehr Menschen sterben sehen will.
Wafa wollte den Hämon verkörpern, Antigones Verlobten, der sich lieber umbringt, als ohne sie weiterzuleben. Auf der Bühne sagt sie: "Meine Familie hat mich verheiratet, als ich 15 Jahre alt war. Als ich mein erstes Kind bekam, habe ich mit ihm geweint. Wir waren doch beide Kinder. Keiner hat je nach meinem Leben gefragt, nach meinen Wünschen. Ich bin eine Frau, aber ich wäre gern wie Hämon: konsequent bis zum Letzten, wenn man einen Menschen liebt."
War es falsch, fragt Wesam aus Damaskus, dass sie ihre goldene Halskette nicht verkaufen wollte, um die Flucht der Verwandten zu finanzieren? War sie schuld, dass Wochen später ihre Schwiegermutter von einer Kugel getroffen wurde? Und war es richtig, fragt Mona, dass sie ihren an Leukämie gestorbenen Sohn allein auf dem Friedhof verscharrte, im Schusswinkel der Scharfschützen, hastig und ohne Grabstein?
"Was würde Antigone tun, hätte sie Kinder gehabt? Hätte sie dann auch so entschieden, ihr Leben für ihre Überzeugung zu opfern? Wir sind doch nur normale Menschen, wir leben unsere kleinen Leben. Unser Tod wäre so leise."
Auf der Bühne aber, an diesen drei Abenden im Dezember vergangenen Jahres, rufen die Frauen ihre Zweifel, Wut und Ängste ins Publikum, vor Hunderten Zuschauern. Sie hoffen, dass das Stück bald wieder aufgeführt wird.
"Mein Leben ist ein anderes, 40 Jahre lang hat sich mein Dasein nur um meinen Mann und die Familie gedreht. Kochen, putzen, waschen, sonst nichts", sagt eine heitere Fadwa Aweti, die den Kreon in sich gefunden und zugleich viele kleine Kreons besiegt hat. "Jetzt habe ich eine Fadwa wiederentdeckt, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert. Eine, die liest und schreibt, die nur Ich ist."
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 3/2015
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