10.01.2015

GeschichteKönig unter Altöl

Lange galt er als Schurke, jetzt wird er verehrt: Die Briten bereiten die feierliche Wiederbestattung von Richard III. vor.
Wenn je Tränen für ihn flossen, dann versiegten sie schon vor über 500 Jahren. Von seiner sterblichen Hülle sind nur noch mürbe Knochen übrig. Doch um die machen die Engländer nun mächtig Tamtam.
Am 26. März will der Erzbischof von Canterbury die Gebeine des Königs Richard III. in geweihter Erde beisetzen. Die Geistlichen versprechen eine "unvergessliche Zeremonie". Sitzplätze in der Kirche kosten 2500 Pfund. Ein Requiem soll erklingen, vorgetragen von einem Schauspieler, der sonst in griechischen Tragödien brilliert. Ein "historisches Ereignis von weltweiter Bedeutung", juchzte die Zeitung "Leicester Mercury".
Und das, obwohl der Bursche stets mit einem Fuß in der Hölle stand. Seine Neffen, zwei hübsche Knaben, hielt er im Tower wie Vieh. Er soll sie gemeuchelt haben. Als der Fiesling 1485 auf dem Schlachtfeld starb, schnallte man die nackte Leiche auf ein Pferd und verscharrte sie wie einen räudigen Hund - "like a dogge", wie es in einer alten Chronik heißt.
Im September 2012 Jahr wurde das Skelett des Bösewichts in Leicester unter einem Parkplatz entdeckt. Da riefen noch alle: Geschah ihm recht, dass er unter Altöl lag.
Doch seither hat sich der Wind gedreht. Richard, so der Verdacht, wurde Opfer einer Rufmordkampagne, losgetreten von der nachfolgenden Dynastie der Tudors. Grund für diese Annahme liefern zahlreiche medizinische Untersuchungen, die an dem geborgenen Skelett vorgenommen wurden. So erstellten Forscher Isotopenanalysen der Zähne und durchleuchteten selbst kleinste Knochenkratzer mit Röntgenstrahlen.
Besonders lang zog sich die DNA-Analyse zur Identifizierung des Toten hin. Schon vorher hatte sich ein Stammbaumforscher bemüht, einen direkten Nachfahren aufzuspüren. Er fand schließlich einen Großneffen in der 17. Generation. Dafür brauchte er volle drei Jahre.
Jetzt weiß man: Der König war blauäugig und mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent blond. Seine Kindheit verbrachte er im Osten Englands. Nach der Krönung aß er oft Süßwasserfische und Wildbret, darunter viele Schwäne. Wegen einer starken Verkrümmung der Wirbelsäule ("Skoliose") trug er die linke Schulter niedriger als die rechte.
Die Nachgeborenen verzerrten den Makel allerdings ins Monströse. Maler stellten ihn als Buckligen dar. Bei Shakespeare tritt Richard "entstellt und verwahrlost" auf die Bühne: Er ist so hässlich, "dass Hunde bellen". In einem Drama von Hans Henny Jahnn sperrt er als brüllender Irrwisch seine Feinde lebendig ins Grab.
Im Alter von nur 32 Jahren, in der Schlacht von Bosworth, fiel der reale Richard seinen Widersachern zum Opfer. Wahrscheinlich blieb sein Ross im Sumpf stecken. Im Shakespeare-Drama jammert er die berühmten Worte: "Mein Königreich für ein Pferd!"
Kaum ein Theaterbesucher hat sich je darüber geärgert, dass keines herantrabt, um dem Mistkerl zur Flucht zu verhelfen. In Wahrheit jedoch verlief Richards Todeskampf heldenhaft. Das Skelett weist elf Verletzungen auf, neun davon am Schädel. Zwei Wunden klaffen besonders tief. Der Gepanzerte hatte offenbar seinen Helm verloren.
Die Arme sind unversehrt, zur Abwehr hob er sie nicht. Vielmehr war er bewaffnet und focht gegen eine Übermacht. "Er kämpfte tapfer bis zum Tod", erläutert die Mitautorin der Knochenstudie, Sarah Hainsworth.
Auch andere Laborergebnisse tragen zur Ehrenrettung jenes Mannes bei, der neben Heinrich VIII. bislang als dunkelster Fleck in der britischen Monarchie galt. Ein dreidimensionales Kopfmodell - es basiert auf dem Schädelfund - zeigt den Herrscher mit edlem Blick und prominentem Kinn.
Entsprechend gehoben ist die Stimmung im traditionsversessenen Britannien. Im kommenden Februar sollen die besten Jugendblaskapellen des Landes einen Wettstreit austragen. Gekürt wird die beste Musikshow über Leben und Sterben des angeblichen Ekels aus dem Spätmittelalter.
Jeder will plötzlich dem Verfemten nahestehen - was gar nicht so schwer ist. Genetiker schätzen, dass bis zu 17 Millionen Briten (über mehrere Ecken) mit ihm verwandt sind.
Als Höhepunkt des wiedergewonnenen Ruhms steht nun die geplante Bestattung des Toten an. Zunächst soll der Bleisarg nach Bosworth ans alte Schlachtfeld geleitet werden. Vier Tage später wird er dann in die kirchliche Gruft von Leicester herabgesenkt. Bis zu 50 000 Besucher werden erwartet, darunter Leute aus Saudi-Arabien und Japan.
Schönheitsflecken auf dem neuen Glanzbild vom "Guten König Richard" (so der Titel eines Buchs) drückt die Nation derweil weg. Das US-Fachblatt "Archaeology" meldete jüngst, dass der Regent täglich ein "ungeheures Quantum" an Alkohol in sich hineinschüttete.
Aber ist das ein Wunder? Wegen der vielen Kränkungen, die ihm seine Gegner zufügten, so verteidigen die Anhänger den Saufkopf, habe sich der Arme eben pausenlos betäuben müssen.
Ein Quantum Trost reichte ihm dabei allerdings nicht aus. Die neuen Laborwerte ergaben: Über ein Viertel der gesamten Flüssigkeit, die Richard III. täglich trank, bestand aus importiertem Wein.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 3/2015
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