10.01.2015

KarrierenMutter aller Schlachten

Angelina Jolie war einst ein ziemlich wildes Mädchen. Das ist lange her. Heute spielt sie ihre größte Rolle: als Überfrau, die alles kann - Hollywood-Star, Sex- Ikone, Filmregisseurin, sechsfache Mutter, Frau von Brad Pitt und Uno-Botschafterin.
Sie sitzt auf dem Boden, zieht ihren Strohhut in die Stirn und betrachtet die Wellen. Auf dem Gelände der Village Roadshow Studios nahe dem australischen Brisbane dreht Angelina Jolie ihren zweiten Spielfilm als Regisseurin: "Unbroken". Er beruht auf der Lebensgeschichte eines amerikanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg über dem Pazifik abstürzte und in japanische Gefangenschaft geriet. Es ist einer der letzten Drehtage.
In einem großen Bassin filmt Jolie eine Szene, die auf dem offenen Meer spielt. Louis Zamperini, der Held von "Unbroken", und zwei Kameraden haben den Absturz ihres B-24-Bombers mit knapper Not überlebt. Jolie beobachtet, wie drei junge Schauspieler zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig in gelbe Rettungsboote klettern. Sie spricht nur von "den Jungs".
Eigentlich wollte sie heute an der Küste drehen, in Airlie Beach, doch ein Sturm ist dazwischengekommen. Von einem Tag auf den nächsten musste sie umdisponieren. Jolies Arme ruhen auf einer Stahlstrebe am Rande des Bassins, während sie ihr Team beobachtet. Man sieht die Tätowierungen auf ihren Armen, ihre schwarze Hose ist fleckig vom Staub.
Fast 50 Tage lang hätten die Männer auf dem Meer überlebt, in gleißender Sonne, erzählt sie. "Erst wurde ihre Haut rot, dann schlug sie Blasen." Jolie zeigt Fotos von den Gesichtern der Schauspieler und kommentiert sie so nüchtern wie eine Dermatologin. "Erstaunlich, was der Mensch so alles aushält."
Jolie, Hollywoods größter Star, hat ein düsteres Lieblingsthema: den Krieg und das Leiden, das er verursacht. Wie er Menschen dazu bringt, einander auf schlimmste Weise zu quälen. Und wie es dennoch möglich ist, diesen Wahnsinn zu überleben. "Ich hoffe", sagt sie neun Monate später, als der Film fertig ist, ",Unbroken' ist so gut, dass man mir noch weitere Regiejobs anbieten wird." Das ist reine Koketterie.
"Unbroken", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, ist zu Weihnachten in den USA gestartet und hat schon über 100 Millionen Dollar eingespielt. Dieser Erfolg ist der Höhepunkt eines triumphalen Jahres 2013 für Angelina Jolie, die im Juni 40 Jahre alt wird.
Der Märchenfilm "Maleficent", in dem sie eine Fee spielt, kam im Frühsommer in die Kinos und brachte weltweit rund 750 Millionen Dollar ein, mehr als jeder andere Film in Jolies Karriere. Über fünfeinhalb Milliarden Dollar haben all ihre Filme zusammen eingespielt.
Dass nicht jeder in Hollywood gut auf sie zu sprechen ist, wurde im November offenkundig, als Hacker interne E-Mails des Filmstudios Sony Pictures veröffentlichten. Der Produzent Scott Rudin beschimpfte Jolie in einem dieser Memos als "Egomanin" und "verzogenes Kind".
Jolie sollte die Hauptrolle in einem Epos über die ägyptische Königin Kleopatra spielen. Sie wollte David Fincher ("Sieben", "Gone Girl") als Regisseur. Rudin steckte mit Fincher in den Vorbereitungen zu einer Filmbiografie über den Apple-Gründer Steve Jobs. Jolie versuchte offenbar, Sonys Studiochefin Amy Pascal zu überzeugen, einen anderen Regisseur für den Jobs-Film einzusetzen, sodass Fincher für "Cleopatra" frei gewesen wäre. Rudin fühlte sich hintergangen und polterte, Jolie "habe wohl den Verstand verloren", sie sei bloß eine Schauspielerin, nicht Kleopatra.
Nein, Jolie ist nicht bloß eine Schauspielerin. Zeigt sie mit dem Daumen nach unten, ist ein Blockbuster wie "Cleopatra" erledigt. Das Projekt scheint zurzeit nicht voranzukommen. Wer sollte diese Rolle auch sonst spielen?
Jolie ist eine Frau, die alles, was sie in Angriff nimmt, in furchterregender Weise durchzieht: die Planung ihrer Karriere, die Gründung ihrer Familie mit inzwischen sechs Kindern, darunter drei adoptierten, die Ehe mit Brad Pitt, den sie im vergangenen August heiratete. Sie ist ein ebenso schillerndes wie befremdliches Wesen, das in ständiger Transformation begriffen zu sein scheint: vom Punkmädchen über den Filmstar zur Philanthropin mit Heiligenschein. Das hat auch etwas Monströses.
"In meinem Leben bin ich sicher viel öfter vorangegangen, als dass ich jemandem gefolgt bin", sagte sie vor Jahren dem SPIEGEL. In Zukunft werde sie weniger vor der Kamera stehen und lieber Regie führen, erzählte sie zuletzt. Sie hat bereits einen weiteren Film abgedreht, das Ehedrama "By the Sea" an der Seite von Brad Pitt. Drehbuch, Regie, Hauptrolle: Jolie.
Ihr Leben ist ein Epos mit mehreren Erzählsträngen, vielen Schauplätzen und einer Geschichte voller Wendungen. Und natürlich schreibt und inszeniert und kontrolliert sie alles selbst.
Seit 2001 reist Jolie als Uno-Sonderbotschafterin in Länder wie Sierra Leone, Tansania, Syrien oder den Irak und setzt sich für Bürgerkriegsopfer ein. In einigen dieser Länder hat sie Kinder adoptiert, ihr ältester Sohn Maddox Chivan stammt aus Kambodscha, ihr zweiter Sohn Pax Thien aus Vietnam, ihre Tochter Zahara Marley aus Äthiopien. Ihr erstes eigenes Kind Shiloh Nouvel brachte sie 2006 in Namibia zur Welt.
Wie eine moderne Nomadin zieht Jolie durch die Welt, an der Spitze einer immer länger werdenden Karawane, mal macht die Familie auf Jolies und Pitts Schloss in der Nähe von Aix-en-Provence halt, mal in Los Angeles, mal in Kambodscha. Nebenher schreibt sie Drehbücher, führt Regie, sitzt im Schneideraum und versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Jolie ist eine Art übergroße Ikone der modernen Frau geworden, im Privatleben wie im Beruf gleichermaßen erfolgreich, von großer Schönheit und Klugheit, so sexy wie mächtig, eine Frau, die alles ist, alles kann, alles will, alles bekommt. Jolie vermittle den Eindruck, dass Frauen in unserer Gesellschaft alles erreichen könnten, was sie sich vornähmen, schrieb die Feministin Naomi Wolf über sie. Für die meisten Frauen ist das allerdings ein nahezu unerreichbares Ideal.
"Ich habe einen Mann, der mich liebt, und finanzielle Mittel", sagt Jolie. "Ich weiß, dass ich privilegiert bin."
Im Mai 2013 legte sie in einem offenen Brief in der "New York Times" dar, warum sie sich einer Mastektomie unterzogen hatte, einer Entfernung der Brustdrüsen. Aufgrund einer erblichen genetischen Vorbelastung hatten Ärzte für Jolie ein Brustkrebsrisiko von über 80 Prozent ermittelt, sollte sie sich nicht operieren lassen. Ihre eigene Mutter war 2007 mit Mitte fünfzig an Eierstockkrebs gestorben.
Das Magazin "Time" widmete Jolie daraufhin eine Titelgeschichte: "The Angelina Effect". Die Entscheidung, mit der Operation an die Öffentlichkeit zu gehen, ermutigte Frauen in der ganzen Welt, sich auf ihr Brustkrebsrisiko testen zu lassen und über ähnliche Eingriffe nachzudenken.
"Ich versuche, eigene Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen", sagte sie in einem Telefoninterview mit dem SPIEGEL im November. "Das tun Sie als Journalist doch auch. Nachdem mir klar geworden war, dass ich mein Krebsrisiko beträchtlich verringern konnte, war ich glücklich. Ich wollte, dass auch andere Frauen wissen: Sie haben eine Wahl. Bin ich ein Vorbild?", fragt sie. Natürlich weiß sie die Antwort. "Richtig wohl fühle ich mich dabei nicht."
Tatsächlich war Jolie, diese heldenhafte Mutter aller Schlachten, einst ein ziemlich wildes Mädchen. Die Tochter des Hollywood-Stars Jon Voight und der Schauspielerin Marcheline Bertrand wuchs in Los Angeles und New York auf. Mit 20 heiratete sie den britischen Schauspieler Johnny Lee Miller, trennte sich mit 22 von ihm, hatte eine Affäre mit dem Model Jenny Shimizu und deutete an, bisexuell zu sein.
2000 heiratete sie den 20 Jahre älteren Billy Bob Thornton, wieder einen Schauspieler. Mit ihm zusammen tätowierte sie sich Liebesschwüre auf den Körper. Sie hätten einander sogar Blut abgezapft, behauptete sie. Während einer Tätowierungssession ließ sie sich gefesselt und geknebelt fotografieren und sagte dem Magazin "Time": "Bei SM kapierst du, was Überleben heißt. Es ist eine bizarre Art der Selbstreinigung."
Im Rückblick wirkt das alles ein wenig zwanghaft, diese ständigen Beteuerungen der jungen Jolie, jede Droge zu nehmen und jede sexuelle Spielart auszuprobieren. Da wollte jemand die Welt mit aller Kraft davon überzeugen, dass er nichts auslässt, was Spaß macht und schockiert.
Jolie war schon damals geschickt darin, ein Image von sich zu entwickeln, eine öffentliche Persona zu kreieren. 2000 bekam sie einen Oscar für die Darstellung einer psychisch kranken jungen Frau in dem Film "Durchgeknallt". Man hätte glauben können, Jolie habe ihr eigenes Leben auf die Leinwand verlängert.
Sie gibt ihrer Figur eine eigenartige Mischung aus Selbstbewusstsein, Aufsässigkeit und Verletztheit. Immer wieder kommt in der Rebellin das kleine Mädchen zum Vorschein. Zärtlich und im nächsten Augenblick brutal, wütet sie gegen jeden, der ihr im Weg steht, vor allem gegen sich selbst.
Jolies Kindheit soll nicht allzu glücklich gewesen sein. Sie wurde gehänselt, wegen ihrer Brille. Ihr Vater verließ die Familie, als sie noch ein Kleinkind war. Sie hat es ihm nie verziehen. Den Vietnam-Film "Coming Home", für den Voight 1979 seinen einzigen Oscar gewann, hat sie bis heute nicht gesehen.
"Ich weiß, ich müsste ihn mir mal anschauen", sagt Jolie, während sie am Bassin in Brisbane beobachtet, wie Kameramann Roger Deakins die nächste Einstellung einrichtet. "Eines Tages. Vielleicht. Aber ich bin nicht besonders gut im Vergeben. Als mein Vater diesen Film gedreht hat, hat er meine Mutter mit einer anderen Frau betrogen." Sie wendet den Kopf: "Wollen wir uns nicht die Fotos von ,Unbroken' ansehen?"
Der Streit zwischen Jolie und ihrem Vater ist eine dieser erbitterten Familienfehden Hollywoods. Immer wieder hat Jolie ihrem Vater verantwortungsloses Verhalten vorgeworfen, auf gegenseitige öffentliche Beschimpfungen folgten Versöhnungen. Sie strich "Voight" aus ihrem Namen.
Voight, inzwischen 76, ist ein Mann, der beim Interview einen lausbubenhaften Naturburschen-Charme ausstrahlen kann. Ein früher blonder, nun ergrauter All-American Boy. In der TV-Serie "Ray Donovan" spielt er gerade den Vater des Titelhelden, einen Kriminellen, der das Leben seines Sohnes zu zerstören droht.
2000 drehten Jolie und Voight zusammen die Computerspiel-Adaption "Tomb Raider", sie in der Rolle der Heldin Lara Croft, er als deren Vater. In der fantastischen Welt dieses Film leben diese beiden Figuren allerdings in Paralleluniversen, in verschiedenen Zeiten.
Der Film entstand großteils in Kambodscha. Das Land ist bis heute von einem Bürgerkrieg gezeichnet, der zwischen 1975 und 1979 vermutlich 1,7 Millionen Menschenleben kostete. Die Zeit in Kambodscha wurde für Jolie zum Schlüsselerlebnis, vielleicht sogar zum Wendepunkt ihres Lebens. Es war ein sehr heftiger Culture Clash. Bei SM kapierst du, was Überleben heißt? Hier traf sie auf Menschen, die gefoltert und verstümmelt worden waren. "Vor einer Szene sagte man mir, dass ich auf keinen Fall den Weg verlassen solle, weil da möglicherweise Minen liegen würden", erzählte sie vor drei Jahren im SPIEGEL. "Ich dachte: Wow, wovon redet ihr? Das ist doch nur ein Film."
Plötzlich stand sie auf dem Boden der Tatsachen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Er war hart und gefährlich. Die Begegnung mit dem Krieg, sagt sie heute, habe ihr "den Kopf einmal umgedreht".
Jolie nahm Kontakt mit dem UNHCR auf, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, und reiste im Februar 2001 erstmals im Auftrag der Organisation nach Sierra Leone und Tansania. Es folgten Besuche in Krisengebieten wie Libyen, Pakistan, Syrien oder dem Sudan.
"Ich habe über die Uno viele Menschen getroffen, die ein ganz normales Leben geführt haben, die ein Haus, einen Garten und eine Familie hatten. Wie die meisten von uns. Jetzt sitzen sie in irgendeinem Flüchtlingslager in einem Zelt, ohne Chance, je wieder ein Zuhause zu finden. Niemand von ihnen hat das kommen sehen."
Ihr Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey" drehte Jolie 2011 über den Bosnien-Krieg. Von diesem Krieg, erzählte sie, habe sie so gut wie nichts mitbekommen, als er sich in den Neunzigerjahren ereignete, weil sie in der Zeit zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sei. Der Film beginnt mit einem Tanz, dann detoniert ein Sprengsatz, alles ist mit Blut bespritzt und mit Splittern übersät.
Diese Sequenz, sagt Jolie, spiegele ihr eigenes Lebensgefühl wider. Sie lebe in dem Bewusstsein, dass alles, was sie glücklich mache, von einer Sekunde auf die nächste vorbei sein könne.
Natürlich schreibt sie mit Sätzen wie diesen auch kräftig mit an ihrer Legende, der Rolle der gereiften Angelina Jolie, die sich mit Mitte zwanzig neu erfand. Der Krieg, so glaubte man früher, mache aus Jungen Männer. Aus dem Mädchen Jolie, so legt ihre Selbstinterpretation nahe, hat er die Frau Jolie gemacht.
In kurzer Zeit entkräftete sie das Vorurteil, ihr humanitäres Engagement sei nur die Marotte eines Stars, der an akutem Sinndefizit leide und mal eben aus Mitleid ein kambodschanisches Waisenkind adoptiere. Sie sprach sogar vor dem Plenum der Vereinten Nationen. "Zurzeit gibt es auf der Welt rund 50 Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden", sagt sie. "Mehr als nach dem Zweiten Weltkrieg. Das macht mich wütend. Was erzählt das über uns? Über das, was wir aus der Geschichte gelernt haben?"
Wer die bewaffneten Konflikte der Gegenwart verstehen wolle, müsse sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. "Nach 1945 gab es das große Ziel, eine friedliche Welt zu erschaffen. Warum sind wir so weit davon abgekommen?" In ihrem neuen Film "Unbroken" will sie "zurück in diese Zeit, als die Menschen glaubten, einen Krieg zur Beendigung aller Kriege zu führen".
"Unbroken" beruht auf der Lebensgeschichte des Italoamerikaners Louis Zamperini, der 1917 zur Welt kam und im kalifornischen Torrance aufwuchs. In seiner Jugend hatte er oft Ärger, weil er ständig klaute. Er lernte, schneller zu laufen als seine Verfolger. Doch eines Tages erkannte er, dass sein wahres Talent nicht im Sprint lag, sondern auf den längeren Distanzen.
Zamperini wurde einer der besten Langstreckenläufer seiner Zeit, nahm 1936 an den Olympischen Spielen teil und schüttelte später Hitler die Hand. "Für mich war er nur ein Clown mit einem komischen Haarschnitt", erinnert sich Zamperini. "Wir ahnten nicht, dass er unsere Vorstellung vom Bösen völlig verändern würde."
1941 meldete sich Zamperini zur Air Force, wurde auf Hawaii stationiert und stürzte im Mai 1943 bei einem Rettungseinsatz im Pazifik ab. Mit zwei Kameraden trieb er fast 50 Tage lang auf offener See, nur einer von den beiden war noch am Leben, als sie von japanischen Soldaten aufgegriffen wurden.
Es begann ein Leidensweg durch mehrere japanische Gefangenenlager, in denen er misshandelt und gefoltert wurde. Doch er überlebte, kehrte in seine Heimat zurück, setzte sich nach dem Krieg für die Versöhnung zwischen Japan und den USA ein und war bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano Fackelträger.
Schon in den Fünfzigerjahren hatte Zamperini seine Autobiografie veröffentlicht. Das Filmstudio Universal wollte sie mit Tony Curtis in der Hauptrolle verfilmen, doch das Projekt kam nie zustande. 2010 veröffentlichte die Autorin Laura Hillenbrand das Buch "Unbroken" über Zamperini.
"Ich habe überlebt, Angelina hat den Film gemacht, alles eine Frage der Ausdauer", schrieb Zamperini dem SPIEGEL im April vorigen Jahres, knapp drei Monate bevor er im Alter von 97 Jahren verstarb. "Angelina tauchte wie aus dem Nichts auf, und auf einmal ging alles sehr schnell. Wir sind beide hart und entschlossen. Überlebenskünstler. Und natürlich sehen wir beide blendend aus."
Es gibt ein Foto von den beiden, das 2013 entstanden ist. Zamperini guckt verschmitzt in die Kamera, während Jolie den Kopf an seine rechte Schulter lehnt und ihre Augen geschlossen hat. Jolie wirkt, als fühlte sie sich aufgehoben, zur Ruhe gekommen. Glücklich. Wie ein kleines Mädchen, das sich an seinen Vater anlehnt. Man könnte es auch für kitschig halten. Jolie hat es ausgewählt für die PR von "Unbroken", es wurde vielfach gedruckt.
Jolie erzählt, wie prägend die Begegnung mit Zamperini für sie gewesen sei. In Los Angeles wohnte er in Sichtweite von ihr, vom Dach ihrer Villa konnte sie ihm zuwinken. "Trotz allem, was man ihm angetan hat, konnte er vergeben", sagt sie, "weil er sich auf das konzentriert hat, was er selbst für richtig hält, und nicht auf das, was andere falsch machen."
Vielleicht ist sie ein Mensch, der diesen inneren Frieden immer noch sucht. Von außen betrachtet, wirkt Jolies Leben jedenfalls gehetzt. Als versuchte sie wettzumachen, was sie in jungen Jahren versäumt hat, und als wäre sie des Tempos dann irgendwann nicht mehr Herr geworden.
Sie war schon immer eine sehr schlanke, zierliche Frau, heute wirkt sie fast mager. Berückend schön, aber herber, ausgezehrter. Sie führt ein Leben, in dem es keinerlei vergeudete Zeit gibt. Vielleicht kann man auch daran kranken, dass man zu viel Sinn in seinem Leben findet. Wenn Jolie über Figuren oder Menschen spricht, geht es oft darum, ob sie "in der Balance sind" oder nicht. Wie findet man sie, wie verliert man sie?
Zamperini habe diese Balance gefunden, sagt sie. Dabei sei sein Leben voller unglaublicher Wendungen gewesen. Dieb, Olympiateilnehmer, Kriegsheld. Ein Mann, "der im rechten Moment die Kurve kriegt, bevor er sein Leben gegen die Wand fährt", erzählt "Unbroken"-Produzent Matthew Baer, Angelina Jolie sei völlig fasziniert von diesem Menschen.
Anderthalb Stunden lang habe sie der Studiochefin von Universal, Donna Langley, ihr Konzept für den Film vorgestellt. "Sie pinnte eine ganze Wand voll, mit Kriegsfotos und Standbildern aus anderen Filmen. Jeder im Raum spürte: Da ist jemand, der die Power hat, dieses Ding zu stemmen."
Jolie hat während des Drehs ein Buch mit Aufnahmen des Set-Fotografen David James anfertigen lassen. Es ist prachtvolles Daumenkino, eine Kurzfassung von "Unbroken". Jolie komplettierte das Buch Tag für Tag, bis der Film abgedreht war.
"Hier, das ist der junge Louie. Er war ein wirklich schöner Mann." Sie blättert um zum nächsten Foto, eine Szene aus dem Berliner Olympiastadion, das sie für den Film digital nachbauen ließ. "Die Eröffnungsfeier muss grandios gewesen sein. Die positive Energie, die es bei den Spielen auch gab, wird oft unterschlagen."
Mit jeder neuen Seite des Buchs, die sie aufschlägt, wird klarer: "Unbroken" ist wie Jolies Leben, prall, überbordend, viel zu viel Stoff für einen einzigen Film.
Jolie blättert einige Seiten weiter. "Das ist die Szene nach dem Absturz, die drehen wir heute weiter. Sehen Sie, das Gelb des Bootes ist noch kräftig, mit der Zeit bleicht es immer mehr aus. Wir haben fünf verschiedene Sets von Rettungsbooten, in fünf verschiedenen Gelbtönen."
Das Team ist nun drehfertig, Jolie geht in Richtung des Kamerakrans, setzt sich auf eine kleine Holzkiste einige Meter hinter den Videomonitoren, auf denen das Team die Einstellungen laufend überprüft. Wie ein Gast, der zufällig zu Besuch ist und nicht auffallen möchte.
Dann beginnt die Szene. Zamperini, gespielt von dem Briten Jack O'Connell, beschwört seine beiden Kameraden, nicht die Hoffnung zu verlieren. Als einer von ihnen verzweifelt schreit, dass sie alle sterben werden, stemmt er sich aus dem Boot hoch und schlägt ihm mitten ins Gesicht.
Nach dem zweiten Versuch ist Jolie mit der Einstellung zufrieden. O'Connell klettert aus dem Boot, setzt sich erschöpft hin und steckt sich eine Zigarette an. Jolie habe den Film in einem einzigen Satz zusammengefasst, sagt er: "Er handelt von der Geburt eines Mannes."
Ihrem ältesten Sohn Maddox habe sie schon ein paar Szenen gezeigt, erzählt sie. Er habe sie gefragt, ob sie eine Komödie drehe. Vor einiger Zeit ist Brad Pitt nach Australien gekommen. Er hat gerade den Film "Fury - Herz aus Stahl" abgedreht, in dem er einen amerikanischen Panzerkommandanten am Ende des Zweiten Weltkriegs spielt. Nun kümmert er sich um die Kinder, wenn Jolie am Set ist.
Normalerweise dreht immer nur einer der beiden. "Wir konnten nicht füreinander da sein wie sonst, das war ungewohnt", sagt Angelina Jolie. "Aber wir haben uns oft geschrieben. Wir haben darüber nachgedacht, was diese jungen Männer im Zweiten Weltkrieg alles mitgemacht haben."
Die beiden Filme könnten kaum unterschiedlicher sein: "Herz aus Stahl", der seit zwei Wochen in den deutschen Kinos läuft, erzählt von Rache, Blutrausch und davon, wie der Krieg Männer zu Tieren macht. "Unbroken" dagegen ist ein großes Leidensepos, das den Durchhaltewillen feiert und von der Hoffnung getragen ist, dass die Menschlichkeit selbst die schlimmsten Qualen überleben kann.
Die Leute sollen sich besser fühlen, wenn sie aus dem Kino kommen, sagt Jolie. Von "Fury" kann man das nicht unbedingt behaupten. "Unbroken" dagegen wirkt wie eine Passionsgeschichte, die damit endet, dass der Held die Kreuzigung überlebt.
In der entscheidenden Szene wird Zamperini von einem japanischen Soldaten gezwungen, einen Holzbalken hochzustemmen und sich über den Kopf zu halten. Zamperini zittert am ganzen Körper, man hat das Gefühl, dass er jeden Moment zusammenbricht. Endlos dauert diese Szene, die eine einzige Qual ist.
Man wartet als Zuschauer ständig auf den Moment, in dem das Bild zur Christus-Pose gefriert, aber er kommt nicht, Jolie und Kameramann Deakins filmen immer knapp daran vorbei. Es dürfe keine Rolle spielen, ob der Zuschauer Christ sei oder Muslim, sagt Jolie, der Film müsse unabhängig vom Glauben funktionieren.
"Vor Menschen mit einem starken Glauben habe ich großen Respekt. Ich selbst würde mich eher als spirituell bezeichnen. Ich bin überzeugt, dass da draußen etwas Unerklärbares, Großartiges, Wärmendes existiert, was einem Vertrauen in die Welt gibt."
Sie erzählt von ihrer Mutter, die religiös war, katholisch, die allein zwei Kinder großgezogen habe, sie und ihren älteren Bruder James Haven. Das sei wahres Heldentum. Die Mutter sei jeden Abend völlig erledigt gewesen, Zeit für Muße habe sie nicht oft gefunden.
"Es gibt etwas, das ich noch lernen muss", sagt Jolie. "Einfach nur sein."
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 3/2015
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