10.01.2015

EssayDer vergessene Gottesstaat

Der Aufstand der christlichen Taiping-Sekte im China des 19. Jahrhunderts ist einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte. Eine Parabel. Von Hans Magnus Enzensberger
Die chinesische Zentralregierung war marode und zerstritten. Einst hatte das Reich der Mitte als Wiege der menschlichen Zivilisation gegolten. Dort waren große Erfindungen gemacht worden. Die Wissenschaften, die Künste und das Handwerk hatten geblüht; doch seit dem 19. Jahrhundert war das Land zum Spielball ausländischer Mächte geworden. Das britische Empire hatte schon den Ersten Opiumkrieg gegen China geführt, Hongkong zur Kronkolonie gemacht und wichtige Häfen des Landes für den Handel geöffnet. Auch Frankreich und die Vereinigten Staaten erwarben sogenannte Konzessionen in Shanghai und anderen Städten, wo sie nach eigenem Recht schalten und walten konnten. Diese Demütigungen blieben nicht ohne Folgen. Den Bauern ging es schlecht, die despotische Regierung in der Hauptstadt war korrupt und ohne Perspektive.
Niemand sah kommen, was sich in Guangxi, einer Bergprovinz im Süden, zusammenbraute. Ein keine 40 Jahre alter arbeitsloser Dorflehrer namens Hong Xiuquan, der nie durch besondere Leistungen hervorgetreten und bei allen Prüfungen durchgefallen war, hatte den einsamen Beschluss gefasst, einen Krieg gegen die herrschenden Machthaber zu führen. Er war ein Hakka und gehörte damit einer benachteiligten Volksgruppe an. Doch sein Ziel war höhergesteckt, als eine Hungerrevolte oder einen lokalen Bauernaufstand anzuzetteln. Er wollte einen neuen Staat errichten, den er "Taiping Tianguo" nannte, das "Himmlische Reich des Großen Friedens". Wo die Grenzen dieses Gottesstaates liegen sollten, stand nicht fest; das konnte nur der Allmächtige wissen.
Ein Gedicht, das dieser Unbekannte im Jahre 1837 schrieb, sagt viel über seinen Geisteszustand aus:
In meinen Händen halte ich das Universum / und kann angreifen und töten, wen ich will. / Ich erschlage die Bösen, beschütze die Guten / und lindere die Leiden des Volkes. / Meine Augen durchschauen West und Norden, / Flüsse und Berge. / Meine Stimme erschüttert Ost und Süden, / Sonne und Mond. / Das glorreiche Schwert der Macht / hat mir der Herr anvertraut.
Dass es dem Führer an Zulauf nicht fehlte, hatte einen einfachen Grund. Er gründete seinen Plan nicht auf das ökonomische Elend der Massen, sondern auf die religiöse Energie, die in ihnen schlummerte. Er hatte verstanden, dass ein Funken genügen würde, um das Land in Brand zu setzen.
Das Fundament, auf dem sein Gottesstaat beruhen sollte, trug Hong bereits in der Tasche. Es war ein heiliges Buch, in dem ein für alle Mal gesagt war, wie eine menschliche Gesellschaft auszusehen hatte. Dieses Buch war die Bibel. Christliche Missionare, darunter viele Baptisten, hatten es nach China gebracht und für seine Übersetzung in die Landessprache gesorgt. Englische und amerikanische Protestanten, aber auch deutsche Evangelikale waren ausgeschwärmt, um das Reich der Mitte zu bekehren. In Hong fanden sie einen Schüler, der ihre Lehren begierig aufnahm. Doch kaum wandten sie ihm den Rücken zu, erkannten sie nicht mehr wieder, was sie ihm beigebracht hatten. Seine Version des Christentums war fremdartig, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und fanatisch. Der Charismatiker, den sie an ihrem Busen genährt hatten, entwickelte eine eigene Theologie, die den ausländischen Missionaren geradezu wahnsinnig vorkam. Aus den Visionen, die ihn heimsuchten, schloss er nämlich, dass er direkt von Gott abstammte, somit der leibliche Bruder Christi und zum himmlischen König Chinas bestimmt war, der alle Macht auf sich vereinigte.
Die kaiserliche Dynastie der Qing, die aus der Mandschurei kam und das Reich seit zwei Jahrhunderten beherrschte, war in seinen Augen von Dämonen besessen. Um China zu befreien, galt es, den Kaiser zu entthronen und seine Beamten zu vertreiben.
Nach einigen Jahren unermüdlicher Agitation hatte Hong ein Heer um sich geschart, das er auf den Namen Taiping taufte. Mit diesen 40 000 armen Bauern, Arbeitslosen, fahnenflüchtigen Soldaten der kaiserlichen Armee begann er eine Guerilla in der Provinz. Als er 1851 seinen theokratischen Staat ausrief, waren es bereits Hunderttausende, die ihm folgten. Unter ihnen gab es nicht nur Flusspiraten und Landstreicher, sondern auch studierte und gebildete Söhne aus begüterten Schichten, enttäuschte Patrioten, die bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und in den "heiligen Krieg" zu ziehen.
Bald gelang es den Taiping, die demoralisierten kaiserlichen Truppen in die Flucht zu schlagen und ein Drittel des Reichs mit 600 Städten in ihre Gewalt zu bringen. 1853 eroberten sie das mächtige Nanjing. Der selbst ernannte König machte es zu seiner neuen Hauptstadt und ließ in diesem "Neuen Jerusalem" den alten Palast abreißen und sich einen neuen, prächtigeren erbauen.
Schreckensnachrichten über seine Herrschaft drangen in die Außenwelt. Das Heerzeichen, das er auf seine Fahne schrieb, war das Schwert. Buddhistische Tempel wurden abgerissen oder in Brand gesteckt. Die Taiping stellten die Bewohner der Dörfer, die sie eingenommen hatten, vor eine einfache Wahl: Taufe oder Tod. Ungläubigen, die sich dem neuen Glauben nicht unterwerfen wollten, drohte Hong damit, sie öffentlich zu enthaupten.
Alle Regeln des Gemeinwesens, dekretierte er, müssten sich nach dem Willen Gottes richten. Der Konsum von Alkohol, Tabak und Opium, alle Glücksspiele, die Verkrüppelung der Frauenfüße, die Wahrsagerei und alle anderen Praktiken des Aberglaubens, Sklaverei, Unzucht, Homosexualität, Ehebruch, Prostitution und "Götzendienerei" wurden verboten. Frauen und Männer durften sich in der Öffentlichkeit nur noch streng voneinander getrennt sehen lassen. Fahnenflüchtige, Überläufer und angebliche Spione wurden ohne Gerichtsurteil hingerichtet. Die Häuser der Gutsherren und der Ungläubigen und ihr übriger Besitz wurden enteignet.
Man hat Hong Xiuquan vorgeworfen, dass sein Krieg zum Rückfall in ein "finsteres Mittelalter" führe und China ins Chaos stürze. Aber das war nur die halbe Wahrheit; denn ganz im Gegenteil war er bestrebt, ein funktionierendes Staatswesen aufzubauen. In seiner Hauptstadt umgab er sich mit einem Stab von Ministern, Beratern und Bürokraten. In den eroberten Provinzen ernannte er Statthalter, Heerführer und Gouverneure. Einer effizienten und gut ausgebildeten Geheimpolizei galt sein besonderes Augenmerk.
Doch Buch und Schwert waren nicht Hong Xiuquans einzige Waffen. Auch auf alte Vorstellungen des Urchristentums griff er zurück und erklärte: "Das Land soll von allen bebaut, der Reis von allen gegessen, die Kleidung von allen getragen und das Geld von allen ausgegeben werden." Das sind Töne, wie sie erst hundert Jahre später von den Kommunisten angeschlagen wurden. Während der Kulturrevolution tat die Parteiführung den Glauben der Taiping allerdings als bloße Fassade ihres Machtstrebens ab. In einer Propagandaschrift aus dem Staatsverlag in Peking erklären die anonymen Verfasser: "Es handelte sich um eine revolutionäre Organisation, deren Botschaft klar ist: Die Staatsmacht kann nur durch das Schwert gesichert werden und das Glück des Volkes nur durch die Arbeit. Der Weltfrieden ist nur dadurch zu erreichen, dass die Dämonen gefesselt, die Verräter und die Blutsauger ausgerottet werden."
Der himmlische König bediente sich, ebenso wie die Kommunistische Partei Chinas, der modernsten Techniken, um seine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Am kaiserlichen Hof wollte niemand etwas von solchen Innovationen wissen. Hong Xiuquan knüpfte zur Verbreitung seiner Botschaft ein engmaschiges Netz von Kurieren und gründete Druckereien, um Flugschriften und Anweisungen unter das Volk zu bringen. Für die Kranken ließ er Spitäler bauen. Um für den Nachschub zu sorgen, legte er Straßen an. Sogar den Bau von Eisenbahnen soll er geplant haben. Alle neuen Erfindungen wollte er nutzen, auch wenn sie von Ausländern stammten. Die waren zwar der Ketzerei verdächtig, aber als Überläufer oder Söldner jederzeit willkommen. Obwohl Plünderungen ihnen verboten waren, fielen seine Truppen über die Dörfer her. Sie konfiszierten das Vieh und nahmen die Vorräte der widerspenstigen Bauern in Beschlag. Doch Beutezüge und Lösegeldzahlungen reichten nicht hin, um Hongs Kriegskasse zu füllen. Dazu war er auf Geschäfte mit fremden Waffenhändlern, Schmugglern, Abenteurern und Schiebern angewiesen. Und was die Frauen betraf: So streng er sie zum Gehorsam anhielt, so gern brauchte er sie als Hilfstruppen und setzte sie als Attentäterinnen ein.
Es dauerte geraume Zeit, bis die vor sich hin dämmernden Generäle in der alten Hauptstadt Peking anfingen, die Bedrohung durch den Krieg der Taiping ernst zu nehmen. Lange hielt man den Himmlischen König für einen der vielen lokalen Machthaber und Banditenhäuptlinge, die das Land unsicher machten. Nicht nur im eigenen Land, sondern auch in London, Washington, Paris, Berlin und anderen fernen Metropolen wurde er derart unterschätzt, dass sich die Großmächte erst mit großer Verspätung dazu aufrafften einzugreifen.
Erst nach Jahren stellten die Briten eine Art Fremdenlegion auf, die Ever Victorious Army. Sie bestand aus kaum mehr als 5000 Söldnern, darunter viele Chinesen und Inder, doch sie wurde von Offizieren aus Europa und den USA geführt und trainiert. Dieses Expeditionskorps war gut bewaffnet und verfügte sogar über Kanonenboote. Einer ihrer Oberbefehlshaber war der berühmte und berüchtigte Major Charles Gordon, der sich bereits im Krimkrieg ausgezeichnet hatte.
Anfang der Sechzigerjahre wagten die Taiping einen Angriff auf Shanghai. Obwohl sie den Truppen Gordons zahlenmäßig weit überlegen waren, wurden sie zurückgeschlagen. Das war der Anfang vom Ende ihrer Herrschaft. Der Himmlische König Hong Xiuquan erkrankte und starb 1864 mit 50 Jahren in seinem Nankinger Palast an einer Vergiftung. Ob er sich das Toxin selbst beigebracht hat oder ob er ermordet wurde, ist ungewiss.
Seriöse Historiker halten den Taiping-Konflikt für den größten Bürgerkrieg der Weltgeschichte. Selbst den amerikanischen Sezessionskrieg, der die Welt etwa zur gleichen Zeit in Atem hielt, hat er an Grausamkeit und Zerstörungskraft weit übertroffen. Er hat 20 bis 30 Millionen Todesopfer gefordert. Genauere Zahlen gibt es nicht, weil die kaiserlichen Behörden mit der Aufgabe einer Volkszählung gänzlich überfordert waren. Fest steht hingegen, dass der Bürgerkrieg in China 15 Jahre gedauert, das Kaiserreich ins Wanken gebracht und die Entwicklung des Landes um Jahrzehnte zurückgeworfen hat.
Klar ist auch, dass das Reich der Taiping nicht von außen besiegt worden, sondern an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gegangen ist. Der Keim der Niederlage lag schon in seinem Ursprung. Der Größenwahn und die Halluzinationen des selbst ernannten Königs Hong stellten für die Gründung eines Staates keine dauerhafte Grundlage dar. Je erfolgreicher und selbstsicherer die Taiping anfangs waren, desto brüchiger wurde ihre Herrschaft. Ihr Anführer ernannte immer mehr Vizekönige, "Prinzen", "Minister" und "Gouverneure", die miteinander rivalisierten und ihm die Herrschaft streitig machten. Zerwürfnisse, Niederlagen und Hungersnöte häuften sich. Vetternwirtschaft, Bestechlichkeit, Gier und Grausamkeit der Kämpfer taten ein Übriges. Hong selbst zog sich von seinen Anhängern zurück und setzte sich über seine eigenen Regeln hinweg, indem er sich einen Harem von 88 Beischläferinnen hielt und einem absurden Luxus frönte. So zerfleischte das "Himmlische Reich des Großen Friedens" sich selbst und nahm ein klägliches Ende.
Doch auch die kaiserliche Qing-Dynastie war in einer verzweifelten Lage. Xianfeng, der junge Herrscher auf dem Himmelsthron, hatte nicht nur die Taiping am Hals. Auch andere Aufstände in Yunnan und in Nordchina machten ihm zu schaffen. In der Außenpolitik ging sein Realitätsverlust so weit, dass er sich aus Hochmut weigerte, mit den ausländischen Mächten zu verhandeln. Daraufhin besetzten die Engländer und die Franzosen im Zweiten Opiumkrieg Peking, plünderten den Sommerpalast des Kaisers und brannten ihn nieder. Auch die Russen griffen ein, mit der Folge, dass China Gebiete in der Mandschurei, am Usuri und am Amur an das Zarenreich verlor.
1860 floh der Kaiser mit seinem Gefolge aus seiner Hauptstadt und ließ sich in einem weit entfernten Sommersitz im Nordosten des Landes nieder. Dort beschäftigte er sich lieber mit Operninszenierungen als mit der Rettung Chinas. Gesundheitlich angeschlagen, gab er sich seinen zahlreichen Mätressen, dem Alkohol und dem Opium hin. Im folgenden Jahr starb er in seinem Refugium; die Völlerei soll dem 30-Jährigen den Garaus gemacht haben.
Mit einer formidablen Nebenfrau namens Cixi hatte er einen Sohn gezeugt. Dieser ehrgeizigen und hochintelligenten Frau gelang es durch einen kühnen, geschickt eingefädelten Coup, ihrem unmündigen Kind im Alter von fünf Jahren die Thronfolge zu sichern und selbst die Regentschaft anzutreten. Noch jahrzehntelang konnte sie die Qing-Dynastie vor dem Untergang bewahren. Man fragt sich, wie sie das alles überstanden hat: immer neue Intrigen, Revolten in der Provinz, den japanisch-chinesischen Krieg, der mit einer schweren Niederlage und dem Verlust Taiwans endete, den Boxeraufstand und den Verlust des chinesischen Einflusses in Vietnam, Korea und Burma. Auch die Kolonisierung durch ausländische Mächte nahm kein Ende. Frankreich sicherte sich seinen Anteil an der Beute, Port Arthur fiel an Russland und Qingdao, damals Tsingtau, an das Deutsche Reich.
Die Kaiserinwitwe überlebte mehrere Putschversuche und Anschläge auf ihr Leben. Sie hat China 47 Jahre lang beherrscht. Nach ihrem Tod war die Dynastie endgültig gescheitert. Im Reich der Mitte ist nie wieder Ruhe eingekehrt.
Dass dem Nahen Osten ein ähnliches Los bevorsteht, ist zu befürchten. Schon deshalb ist es rätselhaft, warum im Westen vom Staat der Taiping und von ihrem mörderischen Vorgehen so gut wie nie die Rede ist. Wie kann eine Jahrhundertkatastrophe von dieser Größenordnung in Vergessenheit geraten sein?
Die Aktualität des Taiping-Aufstands liegt auf der Hand. Die Parallelen zum Dschihad des "Islamischen Staates", der sich heute zwischen dem Mittelmeer und Pakistan ein gewaltbereites Imperium zu errichten sucht, sind unübersehbar. Es fällt nicht schwer, auch die Unterschiede zu nennen. Der wichtigste liegt darin, dass Hong Xiuquan, der König des himmlischen Friedens, sich nicht wie Abu Bakr al-Baghdadi auf den Koran, sondern auf die Bibel berief und dass es in China nicht ein selbst ernannter Kalif war, der versuchte, eine Weltreligion zu kapern. Nicht eine islamische, sondern eine christliche Sekte war es, die damals zu den Waffen rief, sich das Schwert auf ihre Fahnen heftete und die Ungläubigen köpfen wollte.
Von Hans Magnus Enzensberger

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