10.01.2015

LiteraturkritikFeinhandwerker des Gefühls

Ohne Lebenslügen geht es nicht: „Gegenspiel“, Stephan Thomes neuer Roman.
Fast 20 Jahre lang hat Maria ihrem Mann, einem Philosophieprofessor mit dem Schwerpunkt Sprechakttheorie, dabei zugeschaut, wie er seine Karriere pflegt. Sie hat ihre eigenen Ambitionen zurückgestellt, ist mit ihm von Berlin nach Bonn gezogen, und sie hat sich um die gemeinsame Tochter gekümmert. Doch die ist jetzt aus dem Haus. Und so macht es Maria nun auch. Sie geht zurück nach Berlin, um dort zu arbeiten. Ohne Scheidung allerdings. Maria möchte mit ihrem Mann zusammenbleiben. Nur nicht ständig.
Die Verhältnisse sind kompliziert in Stephan Thomes neuem Roman "Gegenspiel". Eine Versorgerehe lässt sich eben nicht ohne Weiteres in eine Wochenendbeziehung verwandeln. Und Maria ist eine widersprüchliche Figur. Schon als Studentin hätte sie gern etwas Eigenes gemacht, wusste nur nicht so recht, was das denn sein könnte - so wurde sie die Freundin und Muse eines egomanen Theaterregisseurs. Für diesen Mann arbeitet sie nun wieder, Emanzipation sieht anders aus. Aber will Maria so etwas überhaupt, oder ist sie aus anderen Gründen zu Hause ausgezogen?
"Gegenspiel" ist ein Experiment. Für sich genommen erzählt es die Geschichte einer weiblichen Selbstfindung. Tatsächlich ist es aber der zweite Teil eines Doppelromans, wie es lange keinen gab. "Fliehkräfte", Thomes letzter Roman, mit dem er 2012 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis landete, ist der erste Teil.
Das neue Buch ist Marias Geschichte, "Fliehkräfte" war der Roman von Marias Mann. Dem Professor mit dem scheinbar geraden Karriereweg, dessen Leben durch eine verspätete Midlife-Crisis ins Schleudern gerät, der sich in seinem Job nicht mehr zurechtfindet, seine Ehe in Gefahr sieht und nicht begreift, warum. Der für seine Familie ein Haus gekauft hat und darin nicht allein leben kann.
Nun ist es nicht ohne Risiko, die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen, in zwei aufeinanderfolgenden Büchern. Leicht läuft man dem Geschlechterklischee in die Falle: Klar, so sind Männer, so sind Frauen, schau doch mal, wie unterschiedlich sie dasselbe sehen! Zumal "Fliehkräfte" und "Gegenspiel" zusammen fast tausend Seiten ergeben. Eine Menge Text für eine ziemlich durchschnittliche Ehe der deutschen Mittelschicht.
Aber wahrscheinlich hat seit dem jungen Martin Walser niemand mehr so genau über das Gefühlsleben der westdeutschen Mittelschicht geschrieben wie Thome in diesen beiden Büchern. Darüber, wie schwierig sich der Übergang von der alten Kleinfamilie zu dem neuen Nebeneinander der Lebensstile gestaltet. Wie gut sich der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben anfühlt und wie schmerzhaft es sein kann, ihn umzusetzen. Wie kompliziert es in einem Land, das wenig so sehr liebt wie das gute Gespräch, immer noch ist, die wirklich wichtigen Dinge in Worte zu fassen.
Stephan Thome, 42, ist ein interessanter Mann. Er hat Philosophie studiert und lange in Taiwan gelebt, wo er an der Universität von Taipeh unterrichtete. Mittlerweile ist er nach Lissabon übergesiedelt. Das ist ein anderes Leben als das der meisten Autoren seiner Generation mit ihrer Stipendienwirtschaft und dem ewigen Nebeneinander von großstädtischen Boheme-Jahren und Stadtschreiber-Monaten in der Provinz.
Vielleicht steht die deutsche Mittelschicht in ihrer ganzen Schönheit und Komplexität ja auch deshalb so deutlich vor ihm, weil er sie in der Ferne erst erfinden oder aus der Erinnerung ziehen musste. Weil ihm als Kontrastmittel die aufstrebenden asiatischen Gesellschaften vor Augen standen und die Art, wie das Individuum dort sein Leben organisiert.
Auch bemerkenswert: Thome schreibt über Menschen, die älter sind als er. Und zwar nicht eine Generation älter, sondern nur einige Jahre. Seine Bücher sind keine Abrechnung mit den Eltern. Er schreibt eher über die älteren Brüder und ihre Frauen. Die, die schon Dozent waren, als er gerade anfing zu studieren. Die, deren Leben schon auf den Gleisen stand, als seins noch keine ausgemachte Sache war.
Ganz ähnlich wie Michael Kleeberg in seinen beiden Hamburg-Romanen "Karlmann" und "Vaterjahre" speist sich Thomes Realismus nicht so sehr aus den Geschichten, die er erzählt, sondern aus der Liebe zu den Figuren, die er beschreibt. Thome dringt in die feinsten Kapillaren ihres Gefühlslebens ein, in die Mikrostruktur ihrer Beziehungen, um daraus dann ein Gesellschaftspanorama zu erschaffen. Aus dem Gesagten und dem Ungesagten, aus Streit und Kompromissen, Täuschung und Selbsttäuschung.
"Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrunde liegende Prinzip ist simpel", schreibt Thome an einer Stelle. "Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut." Und so groß die Probleme sind, die sich aus ihnen ergeben, ließe sich hinzufügen, ohne Lebenslügen geht es eben nicht.
Wer in der Wahrheit leben will, muss dies allein tun. Alle Paare richten sich irgendwie ein.
Suhrkamp Verlag, Berlin; 464 Seiten; 22,95 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 3/2015
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