10.01.2015

GESTORBENULRICH BECK, 70

Er gehörte wie sonst vielleicht nur noch Jürgen Habermas zu einem im deutschen Geistesleben seltenen Typus: dem öffentlichen Intellektuellen. Beck blieb dabei ein der Wissenschaft verpflichteter analytischer Geist, nicht ein behänder Thesenschmied in der kurzfristigen politischen Debatte. Seine Offenheit und seine Dialogbereitschaft machten ihn zugänglich für Gegenargumente. Mit dieser Haltung wurde er international zu einem der am meisten beachteten deutschen Soziologen der Gegenwart. Seine Aufsätze wurden in Großbritannien und in Frankreich womöglich noch aufmerksamer gelesen als zu Hause. Zu dieser Rolle passte sein Versuch, eine kosmopolitische Soziologie zu entwerfen, die den nationalen Rahmen des politischen und gesellschaftlichen Denkens systematisch überwinden sollte. Beck untersuchte die Globalisierung als von außen kommenden Wandel im Inneren. Er machte sie empirisch sichtbar in der Veränderung der Familie, der Berufe, der Religionsgemeinschaften, der sozialen Klassen, der Bildungswege, ja sogar der privaten Liebesbeziehungen. In Zusammenarbeit mit seiner Frau, der Familiensoziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, veröffentlichte er dazu viele Bücher ("Das ganz normale Chaos der Liebe", "Fernliebe"). Das moderne Individuum, das keine vorgegebene Ordnung mehr antrifft, braucht statt Emanzipation und Befreiung Kreativität und Selbsterfindung.
Der Begriff, mit dem Beck diese Entwicklung moderner Gesellschaften zur prekären Weltgesellschaft am anschaulichsten charakterisierte, war sein zum Schlagwort gewordener Terminus der "Risikogesellschaft" (so der Titel seines bekanntesten Werks, eines in 35 Sprachen übersetzten Bestsellers). Das Risiko ist laut Beck nicht die Katastrophe, die eintritt und die wir erleiden, sondern deren Vermeidung. Das Mittel dafür ist die vorausschauende, auch berechnende Antizipation künftiger Gefahren. Als Theoretiker des Kosmopolitischen und Übernationalen war Beck ein überzeugter Europäer.
Die Finanzkrise, die den Euro und damit den europäischen Zusammenhalt bedrohte, verfestigte dieses Engagement. In zahlreichen Aufsätzen, auch im SPIEGEL, entwarf er Rettungs- und Zukunftsszenarien für die weitere Entwicklung und den demokratischen Ausbau der EU. Das Risiko des Auseinanderfallens der EU, das er erkannte, machte ihn zu einem ätzenden Kritiker der unentschlossenen Europapolitik von Kanzlerin Angela Merkel. Beck warf ihr Machiavellismus vor: Statt das vor Augen liegende Risiko anzupacken, ziehe sie eine Strategie des "gezielten Zögerns" vor und benutze ihr Zögern als "Zähmungstaktik" gegenüber den Schuldnerländern. "Modell Merkiavelli" nannte er dieses Merkel-typische Vorgehen. Er unterrichtete, außer an seiner Heimatuniversität München, in Paris und an der London School of Economics. Ulrich Beck starb am 1. Januar in München an den Folgen eines Herzinfarkts.
Von Lck

DER SPIEGEL 3/2015
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