17.01.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteJa, ich will

Wie eine Kfz-Meisterin aus Magdeburg die erste deutsche Frau im All werden sollte
Vielleicht war es das bisschen Ruhm nicht wert, denkt Heike Düsterhöft manchmal. Aber sie wollte es ja unbedingt: einmal in den Weltraum fliegen. Sie, Heike Düsterhöft, 50 Jahre alt, Kfz-Meisterin aus Magdeburg - die erste Deutsche im All. Der Gedanke gefiel ihr. Es war eine große Verlockung.
Es sei ein großer Mist, sagt sie heute.
Düsterhöft - blondiertes Haar, schwarze Pumps - sitzt in ihrer Autowerkstatt, die nicht aussieht wie eine Autowerkstatt: Neben einem Stapel Autofelgen stehen Blumenkübel aus Terrakotta und ein Regal mit Handtaschen, für 30 Euro das Stück.
Düsterhöft sagt, vielleicht hätte sie lieber bei der Wahrheit bleiben sollen.
Es gibt zwei Versionen über diese Geschichte, laut ihrer Version begann alles im April 2013, als der Autohändler Bilal Mazbouh anrief.
"Heike, willst du zum Mond fliegen?", habe Mazbouh gesagt, mit aufgeregter Stimme.
"Was hast du denn geraucht?", sei ihre Antwort gewesen, darauf er: "Heike, hör mir zu! Ich meine es ernst. Ich habe bei einem Preisausschreiben gewonnen."
Zwei Tage später, sagt sie, sei er in ihre Werkstatt gekommen. Er ist ein Mann, der sehr charmant sein kann, 42 Jahre alt, geboren im Libanon; sie kennt ihn, weil er ab und an Schrottwagen aus ihrer Werkstatt abholt. Er habe ihr einen Coupon gezeigt, kaum größer als eine Briefmarke, mit einem Erdball darauf und der Aufschrift: "1 Weltraumflug". Der Coupon habe an seinem Cola-Becher geklebt, als er bei McDonald's essen war.
Sie habe auf der Website von McDonald's nachgeschaut, sagt Heike Düsterhof, und es stimmte: Xcor Aerospace, eine Firma aus Kalifornien, würde den Flug organisieren, 103 Kilometer hoch, ins All. Mit dreieinhalbfacher Schallgeschwindigkeit. Die Reise sollte eine Stunde dauern und hätte einen Wert von 100 000 Dollar. Sie habe gedacht: Ich? Ich ins Weltall? Ja, das will ich.
Eine Reise ins Weltall ist für die meisten ein unerreichbarer Traum. Bislang waren sieben Weltraumtouristen im All, der erste war der US-Milliardär Dennis Tito im Jahr 2001, er zahlte 20 Millionen Dollar, um mit einem russischen Raumschiff zur Internationalen Raumstation zu fliegen. Seitdem versuchen mehrere private Firmen, Raumfähren zu entwickeln, mit denen sie Touristen ins All fliegen können. Bislang hat es nicht geklappt. Zuletzt stürzte ein Raumflugzeug der Firma Virgin Galatic bei einem Testflug ab, ein Pilot starb.
Mazbouh, sagt Düsterhof, wollte nicht ins All, er wollte Düsterhöfts Geld. Nach vielem Feilschen habe sie den Coupon bekommen und er ihren Mercedes ML 500 im Wert von 25 000 Euro. Nach ihrer Darstellung schlossen sie keinen Kaufvertrag, weil Mazbouh keinen wollte, wegen der Steuer. Sie hätten sich dann noch eine Geschichte überlegt, die sie allen erzählen könnten.
Einen Monat später fuhr Heike Düsterhöft zu McDonald's, Werner-von-Siemens-Ring 13, in Magdeburg. Sie war zur Preisübergabe eingeladen. Viele Journalisten waren da, von der "Bild", von RTL, Sat.1, ProSieben. Sie musste einen silbernen Astronautenanzug anziehen und so tun, als würde sie sich einen Helm aufsetzen. Sie machte ihre Sache gut.
Den Journalisten erzählte sie, ein Geschäftspartner habe sie zum Essen eingeladen, dann habe sie den Coupon von ihrem Cola-Becher gezogen. Aus Dankbarkeit habe sie dem Geschäftspartner ihren Mercedes geschenkt. Niemand fragte nach.
Am nächsten Tag stand in der "Bild"-Zeitung: "Hurra, ich fliege ins All!" Darunter das Bild von ihr als Astronautin. Sie war jetzt berühmt.
Das Sat.1-Frühstücksfernsehen begleitete sie in die Niederlande, wo sie zur Vorbereitung in einem Jet flog. In der "Bild"-Zeitung gab Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, Tipps für den Flug. Frank Elstner und Markus Lanz luden sie in ihre Talkshows ein. Eine Journalistin von RTL erzählte ihr, sie hätten Großes mit ihr vor. Sie wolle nicht zu viel verraten, sie sage nur: Dschungelcamp. Es lief gut für Heike Düsterhöft.
Bis eines Tages, so erzählt sie es, Bilal Mazbouh wieder am Telefon gewesen sei. Er hatte sie im Fernsehen gesehen und sei neidisch geworden. Er habe sie gebeten, sagt Heike Düsterhöft, ihm 10 000 Euro zu leihen. Sie habe ihm das Geld gegeben, sagt sie, und er zahlte es nicht zurück. Er habe mehr Geld gewollt, sonst werde er allen verraten, dass sie gelogen habe.
Da, sagt sie, habe sie sich gegen den Ruhm entschieden. Und für die Wahrheit.
Sie rief bei der "Bild"-Zeitung an. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: "Ich habe gelogen und werde erpresst!"
Elstner und Lanz luden sie aus. Die Journalistin von RTL meldete sich nie wieder. Düsterhöft war erleichtert: Sie hatte den Ruhm genossen, ja. Aber Ruhm ist eine dieser Versuchungen, die man nur so lange begehrt, bis man sie hat. Sie wünschte sich ihr altes Leben zurück.
Doch Bilal Mazbouh nahm sich einen Anwalt und verklagte sie. Er sagt, Düsterhof sei eine Lügnerin: "Sie hat mich betrogen." Seine Version der Geschichte geht so: Er habe ihr den Coupon geschickt, weil er von ihr wissen wollte, ob er wirklich einen Weltraumflug gewonnen habe. Sie habe den Coupon behalten und ihm dann, so sagte er vor Gericht, drei Autos im Wert von 80 000 Euro dafür geboten. Es steht Aussage gegen Aussage, Zeugen wurden gehört. Am 10. Februar wird das Landgericht Magdeburg ein Urteil fällen.
Aber selbst wenn sie gewinnt, wird Heike Düsterhöft überhaupt fliegen? Eigentlich sollte es Ende 2014 losgehen; jetzt heißt es, sie werde im Mai einen Parabelflug in Bordeaux absolvieren. Sie glaubt, wenn überhaupt, wird sie frühstens in zwei Jahren da oben sein.
Vielleicht kommt sie ja dann wieder in die Zeitung.
Von Björn Stephan

DER SPIEGEL 4/2015
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