17.01.2015

FilmkritikHeilige mit Hackmesser

Strindbergs Theaterklassiker „Fräulein Julie“ als moderner Geschlechterkrieg
Es gibt eine böse Magie der Farben in diesem Film. Leuchtend grün ist das Gras in der irischen Landeinsamkeit des Jahres 1890, in dem Liv Ullmanns "Fräulein Julie" spielt. Grau ragt ein stolzes Schloss in der Einöde auf. Braun glitzern die Augen des einzigen Mannes, der zusammen mit zwei Frauen in einer gewittrigen Mittsommernacht im Haus zurückgeblieben ist. Und rot sind die Haare der jungen Schlossherrentochter Julie, die ihre Dienerschaft anweist, im Küchenkeller des Schlosses eine stinkende Brühe anzurühren, die einmal als "Hexengebräu" bezeichnet wird - wobei die Brühe nicht dem von ihr begehrten Mann verabreicht wird, sondern ihrem Hund.
Die Schauspielerin Jessica Chastain ist die Titelheldin in Ullmanns Film und dessen Kraftzentrum. Die blasse, mit roten Haaren gesegnete Künstlerin Chastain, 37, erfreut sich großer Wertschätzung im US-amerikanischen Filmgeschäft. Sie ist in Christopher Nolans Zukunftsmärchen "Interstellar" als Tochter eines Astronauten zu sehen, der das Überleben der Menschheit durch eine Reise in entfernte Galaxien retten will; sie geistert in dem Beziehungsdrama "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" durch das New York der Gegenwart in der Rolle einer Mutter, die der Tod ihres Babys aus der Bahn geworfen hat; und sie wird in einigen Wochen im Achtziger-Jahre-Gangsterepos "A Most Violent Year" zu bestaunen sein. Keiner dieser drei auch von vielen Kritikern hochgelobten Filme scheint Chastain allerdings so am Herzen zu liegen wie "Fräulein Julie". "Die Arbeit mit Liv Ullmann hat mich so beeindruckt wie kaum eine in meinem Leben", sagt Chastain. "Es war eine echte Partnerschaft. Im Grunde waren es wir beide gemeinsam, die Julie gespielt haben."
Chastain ist in dieser irischen Version des Theaterklassikers von August Strindberg eine Liebesverrückte, die mit ihrer Verführungskunst auftrumpft und im gleichen Moment über ihre eigene Wirkung jäh erschrickt. Eine Frau, über die der Mann, den sie sich als ihren Spielgefährten und Peiniger ausgesucht hat - er wird von Colin Farrell dargestellt -, voller Lust und voller Verachtung sagt: "Sie glaubt, dass sie über jeden herrschen könnte."
Natürlich spielt Strindbergs 1889 uraufgeführtes Stück in einer untergegangenen Welt. Es erzählt die Geschichte einer Sommernacht, in der die junge Schlossherrin Julie und der ein paar Jahre ältere Diener Jean ein Spiel um Macht und Unterwerfung beginnen, einen Reigen aus Anziehung und Abstoßung, der zugleich ein Klassenkampf und ein Gerangel der Geschlechter ist. Die Affäre geht für einen von beiden tödlich aus, was der Dramatiker Strindberg unter anderem mit der "falschen Erziehung des Mädchens durch den Vater", ihrem "schwach degenerierten Hirn" und der "aufregenden Zudringlichkeit des Mannes" begründete.
Die Norwegerin Liv Ullmann, 76, sieht das anders. Sie ist einst berühmt geworden als Darstellerin in "Szenen einer Ehe" und in anderen Filmen des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman (1918 bis 2007) und hat erst spät mit dem Filmemachen begonnen. Ihr "Fräulein Julie" sieht auf den ersten Blick aus wie ein Historiendrama über die Adels- und Dienergesellschaft des 19. Jahrhunderts, in dem Kaminfeuer lodern, Kleider raschelnd zu Boden gleiten und gewienerte Reitstiefel geküsst werden. In dieser Kulisse aber schildert Ullmann einen heutigen Krieg zwischen Mann und Frau, in dem die Darsteller einander küssend und schlagend um den Hals fallen - stets nicht bloß ihre Worte als Waffen einsetzend, sondern auch ihren Körper.
"Sie ist keine Sünderin, die bestraft werden muss", sagt Ullmann über die Titelfigur ihres Films. Nicht der Mann, nicht die Erziehung und nicht die Klassenzugehörigkeit seien Julies Verhängnis. "Sie ist für diese Welt nicht geschaffen."
Jessica Chastain und Colin Farrell machen aus diesem Showdown zweier Liebender, die unmöglich zueinanderkommen können, ein hinreißendes, düsteres Spektakel. Das Paar läuft zunächst immer dann zu besonders grausamer Form auf, wenn es die Dritte im verlassenen Schloss, die Dienerin Kathleen (Samantha Morton), die mit Julie um denselben Mann buhlt, demütigen kann. Irgendwann aber sind Julie und ihr Kerl allein - und die gerade noch sanft verheulte Schlossherrin geht mit einem Hackmesser auf den Domestiken los. "Ich habe gelernt, Männer zu verachten und zu hassen", heißt die Schlachtlosung auf ihren Lippen.
In Hollywood ist Darstellerin Chastain mehrmals mit der Forderung aufgefallen, die Studiobosse sollten ihr und ihren Kolleginnen endlich mehr Macht und bessere Drehbücher verschaffen. "Es ist eine Schande, dass es so wenige gute Frauenrollen gibt", behauptet sie. Der Schauspieler Russell Crowe riet ihr jüngst zur Freude der Klatschpresse, sie solle sich abregen.
Die Hackmesserattacke in "Fräulein Julie" steht so nicht bei Strindberg. Manchmal, sagt Jessica Chastain über den Messerangriff, "wissen die Figuren eines Stücks mehr als ihr Autor".
Kinostart: 22. Januar
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 4/2015
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