31.01.2015

SPIEGEL-Gespräch„Aber so was von stinkfalsch“

40 Jahre lang versorgte der Basler Antikenhändler Christoph Leon die Museen mit archäologischer Kunst. Ein Gespräch über Fälschungen, Plünderungen durch den „Islamischen Staat“ und die Praktiken der Auktionshäuser.
Leon ist einer dieser Menschen, die man eher in einem Roman als im richtigen Leben erwartet: 75 Jahre alt, humanistisch gebildet, graues, volles Haar, makellose Manieren, mehrsprachig, dazu eine Vorliebe für klassische, nicht billige Garderobe.
Der promovierte Archäologe hat in Paris, Bern, Fribourg und Athen studiert, war bei Ausgrabungen in Theben und Kalamata. Nach seiner wissenschaftlichen Laufbahn begann Leon eine Karriere als Kunsthändler für antike Objekte. Rund 40 Jahre lang hat er fast ausschließlich an Museen verkauft; kein Direktor, kein Kurator, der sich mit klassischer Archäologie beschäftigt, der seinen Namen nicht kennt. Leon hatte nie viel im Angebot - was er anbot, war stets exklusiv und teuer. Mitte der Achtzigerjahre verkaufte er 21 apulische Vasen an die Antikensammlung in Westberlin, die heute zu den Prunkstücken des Museums gehören.
Leon sitzt in seinem Büro in Riehen bei Basel, umgeben von Hunderten Büchern und Auktionskatalogen. Er hat sich entschlossen, etwas für einen Kunsthändler Ungewöhnliches zu tun: Er möchte ein Interview geben, in dem er auch die Fragen beantwortet, die Kunsthändler normalerweise nicht beantworten.
SPIEGEL: Herr Leon, gerade wird viel über die Raubgrabungen der IS-Terrormilizen in Syrien und im Irak berichtet. Berühmte archäologische Stätten wie Mari oder Dura Europos, die in dem vom IS kontrollierten Gebiet liegen, wurden geplündert: Wertvolle Antiken, also archäologische Kunst, sollen in großer Zahl nach Europa gelangt sein. Mit dem Geld, das Kunsthändler für diese Objekte bezahlen, finanziert der IS angeblich seinen Feldzug.
Leon: Das deckt sich mit meinen Informationen.
SPIEGEL: Es gibt Satellitenbilder, die zeigen, dass ganze Landstriche auf der Suche nach Antiken im Wortsinne durchsiebt wurden. Dennoch sind in den vergangenen Monaten erstaunlich wenige Objekte bei Antikenmessen oder in den Katalogen der großen Auktionshäuser aufgetaucht.
Leon: Na ja, auch die Händler lesen Zeitung. An diesen Stücken hängt Blut, das Zeug ist im Schwarzmarkt verschwunden.
SPIEGEL: Man kann es also kaufen?
Leon: Natürlich.
SPIEGEL: Wurde Ihnen etwas angeboten?
Leon: Mir wird ständig irgendetwas angeboten, und da ich gern einen Überblick über die Marktlage habe und ein neugieriger Mensch bin, schaue ich mir auch vieles an. Es läuft wie immer: Die Ware wird ins Land geschleust, dann kriegst du einen Anruf. Wir sind da und da und haben das und das, interessiert? Ich kann mich an ein paar Türken erinnern, die mit Koffern voller Bronzen ankamen und sagten: Hallo. Ich Bronze haben. Du wollen?
SPIEGEL: Ist wirklich so viel Geld in diesem Geschäft, dass sich eine Terrorgruppe dafür interessiert?
Leon: Dazu sollten Sie wissen, dass die Finanzwelt vor einigen Jahren gemerkt hat, dass man mit Antiken spekulieren kann. Bis vor einigen Jahren waren bedeutende, geradezu monumentale Objekte für verhältnismäßig wenig Geld zu haben. Mit dem neuen Geld stiegen die Preise. Die Artemis der Albright-Knox Art Gallery in Buffalo hat 29 Millionen Dollar gebracht. Eine nur acht Zentimeter große mesopotamische Löwinnenfigur brachte 57 Millionen Dollar. Die meisten Objekte bringen nicht so viel, aber wenn Sie kontinuierlich Rollsiegel und Terrakotten auf den Markt werfen, dann macht es auf Dauer natürlich die Masse.
SPIEGEL: Von welchen Preisen sprechen wir?
Leon: Das geht von 500 bis 30 000 Euro, manchmal aber auch in die Hunderttausende. Millionen Euro erreichen Sie nur für Objekte, die eine fantastische Provenienz haben, man zahlt für die zweifelsfreie Herkunft. Wenn das nachweislich aus einer alten Sammlung stammt, macht das 75 Prozent des Preises aus.
SPIEGEL: Muss man sich das so vorstellen, dass da fanatisierte IS-Wirrköpfe ahnungslos im irakischen Sand rumbuddeln?
Leon: Nein. Das sind oft ehemalige Offiziere Saddam Husseins, gut ausgebildete Leute. Glauben Sie ja nicht, dass das verschleierte Beduinen sind, die auf Kamelen rumreiten und mit Vorderladern in der Gegend rumschießen.
SPIEGEL: Die meisten Kunsthändler sagen: "Keine Ahnung, woher das Zeug kommt."
Leon: Sie müssen davon ausgehen, dass jeder Kunsthändler, der halbwegs im Geschäft überlebt, genau weiß, woher die Stücke kommen. Und er kennt den Weg. Es gibt nicht so viele Zwischenhändler, für Objekte aus dem Irak und aus Syrien sind das vielleicht 15 oder 20 Leute. Das funktioniert wie Drogenschmuggel, die haben Organigramme von großer Präzision, vom Ausgräber bis hin zur Einlieferung. Wenn einer was anderes erzählt, muss ich sagen: Tut mir leid, das ist nicht die Wahrheit.
SPIEGEL: Kaufen auch offizielle Institutionen? Museen beispielsweise?
Leon: Das denke ich nicht. Das verhindert die Gesetzgebung in vielen Ländern.
SPIEGEL: Wer kauft?
Leon: Oft die Händler selbst. Das läuft so: Man hält das Stück ein Jahr lang, bis sich die Aufregung gelegt hat, und bringt es dann über einen Auktionator auf den Markt. Dann kauft man es anonym selbst. Damit schafft man eine Provenienz: Beim Auktionshaus für 100 000 Dollar verkauft. Ach - dann muss es echt sein.
SPIEGEL: Es wird also gewaschen.
Leon: So könnte man es ausdrücken.
SPIEGEL: Wer sind die Sammler? Naive Laien?
Leon: Das sind keine Laien, sondern Leute, die Rollsiegel, Zylinder oder Tontafeln sammeln und sich auch auskennen. Das ist eine faszinierende Welt. Man sieht in die antike Geschichte hinein. Das hat eine Faszination für einen ganz großen Kreis von Leuten. In der letzten Zeit kam viel Geld aus der islamischen Welt - Katar, Dubai, Abu Dhabi - da war sehr viel Kaufaktivität, die Prinzen haben den Stolz gehabt, Sammlungen aufzubauen. Katar ist ein gutes Beispiel. Die haben zum Teil zu irren Preisen gekauft. Da steht jetzt eines der schönsten Islammuseen der Welt.
SPIEGEL: Sammler wissen, was sie kaufen, wenn sie derzeit mesopotamische Kunst erwerben?
Leon: Natürlich. Ein Sammler weiß, was los ist.
SPIEGEL: Kann es den Sammlern egal sein, was mit dem Geld geschieht?
Leon: Eine Tragödie. Wir wissen, dass mit diesen vorderasiatischen Objekten Waffen bezahlt werden. Und gleichzeitig wird die vorderasiatische Archäologie gerade ausgelöscht. Stätten wie Palmyra werden beschossen, ruiniert, Reliefs die Köpfe herausgeschlagen und verschickt. Alles, was bewegt werden kann, wird weggeschafft. Das hat unvorstellbare Dimensionen. Einige Sammler sagen sich: Durch den Kauf bewahre ich es vor der Zerstörung. Das ist Abwägungssache. Aber ich habe keine Hoffnung mehr. Alles weg.
SPIEGEL: Und ein Moratorium, um die Schätze zu schützen?
Leon: Der Antikenhandel ist wie fließendes Wasser: Er findet immer seinen Weg. Dann gibt es eben einen Schwarzmarkt. Das ist nicht zu unterbinden.
SPIEGEL: Woher haben Sie Ihre Informationen?
Leon: Ich habe Händlerfreunde im Libanon und bin seit vielen Jahren im Geschäft. Außerdem sind das wirklich keine Geheimnisse, die ich Ihnen erzähle. Ich lasse ja die Namen weg. Jeder halbwegs ernsthafte Kunsthändler wird das bestätigen.
SPIEGEL: Die reden aber nicht.
Leon: Das ist ein sehr diskretes Geschäft.
SPIEGEL: Warum reden Sie?
Leon: Der Kunsthandel war immer ein spezielles Geschäft. Da wurde immer mal wieder ein Gegner übervorteilt, da wurde von vielen getrickst, oft auch schlichtweg betrogen. Aber wir reden hier von Massenmord. Von Tausenden Toten, das ist eine andere Dimension.
SPIEGEL: Sie beobachten seit 40 Jahren den Antikenhandel, wie hat er sich verändert?
Leon: Als ich anfing, so 1974, 1975, war das eine Zeit des Umbruchs. Davor war nicht alles besser, aber es war wenigstens legal. Na ja, meistens. Die früheren Stücke aus Grabungen jedenfalls waren legal. Da gab es Verträge. Denken Sie an Siemens, die haben im Gegenzug für Antiken Teile der Türkei elektrifiziert. Das Zeug steht heute im Pergamonmuseum.
SPIEGEL: Es heißt, dass man auch früher oft nicht so genau wissen wollte, woher die Stücke kamen.
Leon: Mitte der Siebzigerjahre wurde der Kunsthandel zu einem großen Business, betrieben von Leuten, die keine wissenschaftliche Ausbildung hatten. Ich war als promovierter Archäologe eine Ausnahme. Es entstand ein Nachfragesog. Die Museen, gerade in den USA, bekamen Manager an die Spitze gesetzt, nicht mehr Archäologen. Die neuen Manager wollten Events, wollten das Haus vollbekommen, tolle Bronzen, tolle Statuen, da musste es knallen. Jedes Mal, wenn ich ankam, war die Frage: Was hast du Neues? Ich antwortete mit dem Archäologen Ernst Curtius: Ja, kennen Sie denn das Alte schon?
SPIEGEL: Es heißt, wo eine Nachfrage ist, findet sich immer ein Angebot. Schwierig bei antiken Objekten.
Leon: Da kommen wir in einen Graubereich. Bei einigen Händlern fielen die Hemmschwellen, und dann gingen auch mal dubiose Sachen über den Tresen.
SPIEGEL: Antikenhändler wie Giacomo Medici oder Robin Symes wurden verurteilt, weil sie in den Neunzigerjahren Raubkunst aus Italien und Griechenland an Museen und Sammler verkauft hatten.
Leon: Ich bin praktisch der Letzte aus dieser Zeit, der noch lebt und nicht im Knast sitzt.
SPIEGEL: Weil Sie als Einziger sauber sind?
Leon: Ich bin kein Heiliger, musste mich aber immer an die Unesco-Konvention halten, weil ich nur an Museen verkauft habe.
SPIEGEL: Die berühmten apulischen Vasen, die Sie 1984 nach Berlin verkauft haben, sollen aus Raubgrabungen stammen.
Leon: Das stimmt, alles stammte irgendwann aus Raubgrabungen. Die entscheidende Frage aber ist, ob die Vasen bereits 1970 Italien verlassen hatten.
SPIEGEL: Auf Objekte, die vor 1970 das Land verlassen haben, haben die Ursprungsländer keinen Rückübertragungsanspruch.
Leon: Die Vasen stammen aus einer sehr alten Sammlung. Ich habe schriftlich, dass sie schon lange vor 1970 in der Schweiz waren. Ich selbst habe die Vasen 1965 gesehen, als ich in die Schweiz kam. Wie gesagt, ich bin kein Heiliger, aber ich habe nie den Wahnsinn gemacht, den diese Leute getrieben haben. Symes hatte mehr als 20 Lager. Das war Massenexport.
SPIEGEL: Seit die italienische Polizei den Raubhandelsring um Medici zerschlagen hat, ist das Geschäft mit Antiken aus dem Mittelmeerraum praktisch tot. Woher kommt das neue Angebot?
Leon: Schlagen Sie irgendeinen Auktionskatalog auf. Was da präsentiert wird, ist ein Witz.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Leon: Massenweise Fälschungen, überall.
SPIEGEL: Haben Sie Beispiele?
Leon: Aber natürlich. (Er steht auf, holt Unterlagen.) Nehmen Sie dieses Bronzeköpfchen, Kaiser Augustus, handgroß.
SPIEGEL: Was ist mit dem Kopf?
Leon: Er wird gerade in Genf über einen Händler angeboten.
SPIEGEL: Kostet?
Leon: Geschätzt um die 40 000 Euro.
SPIEGEL: Und der Kopf ist falsch?
Leon: Aber so was von stinkfalsch.
SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
Leon: Bildnisse des Kaisers Augustus sind wertvoll, er war ein ganz berühmter, wichtiger Kaiser. Diese kleinen Bildnisse gab es in besonders kaisertreuen Häusern. Auf deren Hausaltären standen Figuren von Göttern, zum Teil aber auch solche kleinen Kaiserbronzen: von Caligula, Claudius und anderen. Von Augustus wäre diese hier die einzige qualitätsvolle, ein kleiner Hohlguss aus Bronze. Aber sie ist falsch.
SPIEGEL: Wie erkennen Sie das?
Leon: Fangen wir mit dem angestrengten Ausdruck an. In der archäologischen Fachliteratur gibt es verschiedene Augustus-Typen, sie alle zeigen einen majestätischen, einen gelassenen Kaiser. Ein Römer wäre nie auf die Idee gekommen, den Kaiser in einer angestrengten Pose darzustellen, weil er damit ja auf die Ebene der Bürger treten würde. Der Kaiser ist dem Bürgerlichen, ja dem Irdischen enthoben. Und schauen Sie sich die Details an: Die Stirnfalten sind schlampig, die Frisur hinten stimmt nicht. Das ist der Anfangsverdacht. Man müsste das alles noch naturwissenschaftlich nachweisen, aber hier schrillen die Alarmglocken.
SPIEGEL: So einfach ist das zu erkennen?
Leon: Schlechte Fälschungen, ja.
SPIEGEL: Wie kann es sein, dass ein Fälscher so danebenlangt?
Leon: Er kann es nicht. Er konnte keinen Kopf erschaffen, der ein antikes Antlitz hat. Das waren in der Antike teilweise künstlerisch herausragende Arbeiten.
SPIEGEL: Wie alt ist diese Bronze?
Leon: Die ist neu, ich schätze, zehn Jahre.
SPIEGEL: Haben Sie noch ein Beispiel?
Leon: Aber natürlich. (Er nimmt den Katalog eines renommierten internationalen Auktionshauses aus dem Jahr 2012.) Diese skythischen Goldbleche, das waren Gewanddekorationen, damit hat man Mäntel verziert. Ganz sicher falsch. Hier ist etwas dargestellt, was es in der skythischen Kunst nicht gibt. Der Körper des Tieres ist verdreht, da gehen die Hufe nach oben. Das hat es typologisch nie gegeben. Das kommt aus dem Schwarzmeergebiet, Asowsches Meer, Krim und Südrussland, da waren die Skythen zu Hause. Vom 8. Jahrhundert bis in die klassische Zeit. "Gold der Skythen", berühmte Ausstellung, haben Sie vielleicht schon mal gehört. Und mir fällt gerade auf, dass die Fälscher in der Eile sogar die Löcher vergessen haben, durch die das Goldblech an ein Gewand genäht werden sollte.
SPIEGEL: Was sollten sie kosten?
Leon: 70 000 Dollar wurden aufgerufen. Da lohnt sich der Aufwand. Es werden aber auch viel höhere Summen erzielt. Sehen Sie (blättert im aktuellen Katalog eines anderen renommierten Auktionshauses), dieser Alexander-Kopf aus Marmor, äußerst zweifelhaft. Hat gerade zwei Millionen Dollar gebracht. Es ist viel Geld im Spiel.
SPIEGEL: Könnte eine naturwissenschaftliche Untersuchung Gewissheit bringen?
Leon: Na ja, das ist schwieriger als bei der Bronze. Marmor und Gold sind Huren. Sie können das Gold nur analysieren, und wenn das Gold grobe Verunreinigungen hat, dann ist das ein Hinweis auf eine antike Entstehung. Es gab Zeiten, da wurden im Handel angebotene Objekte wissenschaftlich besprochen. Falls es Diskussionen um die Echtheit eines Stücks gab, schaltete sich die Wissenschaft ein und sprach ein Urteil. Das aber ist vorbei. Das gibt es nicht mehr.
SPIEGEL: Warum nicht?
Leon: Das Deutsche Archäologische Institut oder das entsprechende Institut in Österreich besprechen schon seit gut 15 Jahren keine Objekte mehr aus dem Kunsthandel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Die Wissenschaft will mit dem Handel nichts mehr zu tun haben. Aber nur sie ist durch ihr Wissen und ihre Erfahrungen imstande, die Dinge zu beurteilen und im Zweifel naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden. Jetzt kann jeder behaupten und anbieten, was er will. Die Fälschungsindustrie hat Hochblüte.
SPIEGEL: Bei Messen gibt es doch Juroren, Experten, die dafür Sorge tragen sollten, dass nur Originale zugelassen werden.
Leon: Ja. Juroren sind dafür da, auf einer Messe den Händlern zu sagen, das können wir nicht durchgehen lassen, das ist zweifelhaft, ich möchte, dass Sie es zurückstellen. Aber es gibt Seilschaften von Juroren und Händlern, da werden solche Objekte durchgewinkt.
SPIEGEL: Und was ist mit Auktionshäusern, haben die auch Juroren?
Leon: Aber nein, das wäre Selbstmord. Juroren würden den Umsatz ruinieren. Auktionshäuser funktionieren anders. Da geht alles über den Tresen. Die würden sogar ihre Großmutter verkaufen, wenn die Geld bringen würde. So einfach ist das.
SPIEGEL: Und wenn ein Sammler ein Objekt später überprüft und sich herausstellt, es ist falsch?
Leon: Das sind kommunizierende Gefäße, was bei mir reingeht, geht bei einem anderen raus. Wenn ich eine Fälschung verkaufe und der andere die nach zwei Jahren verkaufen will, ist er ein armer Mann. Oder hat zumindest einen Schaden.
SPIEGEL: Ein Sammler also hat nach einem Kauf gar kein Interesse mehr herauszufinden, ob das Objekt echt ist? Gewissheit könnte einen viel Geld kosten. Ein Markt ohne Kontrolle.
Leon: Das BKA in Wiesbaden hat nicht einmal zwei volle Planstellen für den gesamten Bereich. Die verantwortliche Beamtin sagt, dass ein deutsches Ei genauer kontrolliert werde als eine Antike im Kunsthandel.
SPIEGEL: Was ist das Einfallstor für Fälschungen? Auktionen oder Messen?
Leon: Eindeutig die Auktionen.
SPIEGEL: Wie viele der angebotenen Objekte sind falsch?
Leon: Sehr viele. Im aktuellen Katalog eines großen Auktionshauses halte ich 70 Prozent für zumindest zweifelhaft.
SPIEGEL: Bitte was?
Leon: Die Nachfrage durch das Geld aus der Finanzwelt ist groß, das Angebot knapp. Und wie gesagt, es werden heute viel höhere Summen bezahlt. Wir hatten unlängst eine Konferenz in Halle über Fälschungen, da haben wir gesehen, wie viele falsche Römerköpfe aus Bronze auf dem Markt sind.
SPIEGEL: Was heißt das für den Markt?
Leon: Ich gehe davon aus, dass der Antikenmarkt in seiner jetzigen Form in einigen Jahren nicht mehr existiert. Das muss kollabieren.
SPIEGEL: Und Geld ist immer das Motiv.
Leon: Nein. Sehr viel Geld.
SPIEGEL: Herr Leon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Redakteur Juan Moreno und SPIEGEL-Mitarbeiterin Sönje Storm.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 6/2015
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