31.01.2015

LiteraturkritikTrauer, Sex und das ganze Zeug

Der Österreicher Arno Geiger erzählt in seinem Roman von den Verwirrungen eines jungen Mannes.
Das Morden der islamistischen Terroristen ist zweieinhalbtausend Kilometer entfernt und doch selbst in den Gärten der Wiener Vorstadt bedrückend nah. Der Student Julian Birk, von dessen Liebesunglück und Geistesverfassung im Sommer 2004 dieses Buch berichtet, ist mit Sorgen wie der, dass er im Bett womöglich ein Langweiler ist, eigentlich hinreichend beschäftigt. Als er aber im Fernsehen die Berichte über die Geiselnahme im nordossetischen Beslan sieht, formuliert er hilflos: "Man würde annehmen, dass während so schöner Spätsommertage alle etwas Besseres zu tun haben, als Kinder umzubringen." Mehr als 300 Menschen starben Anfang September 2004 in Beslan, als Terroristen eine Schule überfielen. Julian nennt die Angreifer "Blutsäufer".
Und dann überlegt der Held in einer Mischung aus Naivität und Poesie: "Vielleicht kamen die Menschen, die dieses Unheil verschuldet haben, auf dem Weg nach Beslan an einem Teich vorbei. Der 1. September war ein sonniger Tag. Diese Menschen hätten stehen bleiben, sich ausziehen und schwimmen gehen sollen. Alles vergessen. Drei Dutzend Terroristen und Terroristinnen an einem Teich."
"Selbstporträt mit Flusspferd" heißt der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Es ist eine Sommer- und Selbstfindungsgeschichte. Geiger ist berühmt geworden durch den Familienroman "Es geht uns gut", der ihm 2005 den Deutschen Buchpreis einbrachte, und durch das Porträt seines dementen alten Vaters im Buch "Der alte König in seinem Exil", das im Jahr 2011 erschien. Nun erzählt er von einem jungen Mann, der eine Geliebte verliert und eine neue gewinnt. Der mit seinen Freunden in Badeseen planscht, mit ihnen feiert, herumalbert und sich einmal auch prügelt.
Julian Birk ist 22 Jahre alt in diesem Sommer und ein später Wiedergänger von Jerome D. Salingers Romanheld Holden Caulfield. Julian stammt aus einer Vorarlberger Bauernfamilie (ähnlich wie der Autor Geiger), und er studiert Tiermedizin in Wien. Er lebt in der Wohnung seiner Freundin Judith, die ihm eines Tages das Ende ihrer Beziehung verkündet. Erst ist Julian erleichtert, dann stürzt er - zur eigenen Überraschung - in ein Loch aus Trauer und Eifersucht. Julian hat Schulden, kommt in einer Wohngemeinschaft unweit des Naschmarkts unter und verdingt sich als Tierpfleger im Garten der Vorstadtvilla eines emeritierten Professors. Für den todkranken Mann soll er ein Zwergflusspferd pflegen, das in und um den Gartenteich haust.
Als Julian das Tier sieht, muss er lachen, "so erregte mich der Anblick". Er staunt über die Größe des vom Professor aus einem Zirkus geretteten Tiers und über "die Schönheit dieses rundlichen, schwarzgrünen Geisterwesens". Es komme ihm vor, bekennt er, "wie ein Priester im dunstigen Wald".
Irritierend unbekümmert wird in diesem Buch mit Vergleichen, lyrischen Anflügen und großen Worten hantiert. Es ist die Sprache eines von kleinen und großen Ängsten geplagten 22-jährigen Helden, der nicht weiß, wohin mit seiner Begierde und mit seinem Weltschmerz. "Das Schwankende und Armselige der menschlichen Zustände" bekümmert den jungen Mann, der einerseits seiner Exfreundin hinterhertrauert und andererseits mit einer fünf Jahre älteren Frau - der Tochter des Professors - ein neues Liebesglück beginnt. Er habe, gesteht Julian dem Leser, "Freude am Gehen, Freude am Atmen, Freude an dem, was ich wahrnehme". Er leide aber auch häufig unter dem "Gefühl, nicht wirklich zu verstehen, was vorgeht".
All das Durcheinander aus Liebe, Sex, Zukunftsfurcht und dem ganzen Zeug fügt sich aber zu einem hinreißenden Roman. Geiger schildert die Weltverzweiflung eines Mannes, der nicht weiß, ob er noch Kind oder schon Erwachsener ist, den es aber vor beidem graust. "Dieses Gefasel von der tollen Kindheit kotzte mich schon als Kind an", behauptet Julian, und: "Es klingt tatsächlich blöd, wenn einer sagt: Ich will erwachsen werden. Oder: Ich glaube, jetzt bin ich erwachsen."
"Selbstporträt mit Flusspferd" ist ein Buch, das vom Jungsein in oft trostloser Zeit erzählt. Zu Beginn will der Held uns weismachen, er berichte aus dem Abstand von zehn Jahren über den Sommer der Entscheidungen in seinem Leben. Die Kraft dieses Romans aber entsteht gerade aus der Unmittelbarkeit, in der Julian seine Not mit dem Terror in der Ferne und mit den Wirren der neuen Liebe bekennt. Einmal jubelt er: "Die Zeit ist jetzt, der Ort ist hier."
Das schmatzende, schnarchende und sich im Wasser suhlende Zwergflusspferd wird am Ende übrigens in einen Zoo nach Basel verbracht und schwankt in einer Holzkiste aus Julians Leben. "Es kam mir immer sonderbar vor, dass auch ein Zwergflusspferd sich zuweilen aufregte: wie ich", erkennt der Held in einem Moment animalischer Überidentifikation. Der alte Professor aber darf in diesem Roman, der auf meisterhafte Weise die Weltsicht eines 22-Jährigen, seine poetischen Flausen und seine Entscheidungsnot in tollen Erzählstoff verwandelt, auf den Boden zurückholen mit dem Satz: "Es ist ein Zwergflusspferd und weiter nichts."
Hanser Verlag, München; 288 Seiten; 19,90 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 6/2015
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