07.02.2015

IslamismusDie Töchter des Dschihad

Neben kampfbereiten Männern ziehen inzwischen auch viele Frauen aus Deutschland nach Syrien. Die Behörden fürchten sie als Terrorhelferinnen, ihre Familien sind traumatisiert.
Ihre Reise in den Dschihad begann Fatma B. dort, wo früher die Juden zu Hause waren. Im Bismarckviertel, nahe der Altstadt von Augsburg, lebten sie in repräsentativen Gründerzeithäusern - bis sie von den Nazis vertrieben wurden.
Die Altbauten gibt es noch immer, ihre Fassaden sind restauriert, doch die Wohnungen sind längst nicht mehr dem Bürgertum vorbehalten. Klein- und Mittelklassewagen parken heute an den Bordsteinen. Familien und Studenten schätzen die Gegend.
Fatma B. war hier zu Hause. Die 17-Jährige mit den Rehaugen und dem schwarzen Haar wohnte mit den Eltern und drei Geschwistern in einem Neubau mit Balkonen aus Stahl an der Außenwand. Wenn der Aufzug funktioniert, rumpelt er hinauf in den vierten Stock.
Im Flur hat die Familie ihre Winterschuhe der Größe nach aufgereiht, aus dem Treppenhaus zieht der Geruch von Schweinebraten herauf. Fatmas Vater Hamdi B. steht in der geöffneten Wohnungstür. "Was wollen Sie? Sie ist weg", sagt er barsch.
Er neigt den Kopf mit dem akkurat gebürsteten Haar zur Seite, seine Haut erscheint sonnengebräunt. Wahrscheinlich ist der 48-Jährige ein im Grunde freundlicher Mann, vielleicht war er sogar einmal fröhlich. Doch jetzt wirken seine Augen traurig. "Sie ist weg", wiederholt er.
Die Polizei war schon da und hat ihn über Fatmas Verschwinden ausgefragt. Demnächst soll er vor Gericht als Zeuge erscheinen. "Ich habe alles gesagt", betont Hamdi B., als könne er sich damit vor weiteren Fragen schützen.
Fragen, auf die er selbst keine Antworten weiß. Weil sie Unfassbares erklären müssten: dass seine Tochter eine jener jungen Musliminnen ist, die sich von der westlichen Welt abgewandt haben, um in den Bürgerkriegsländern Syrien oder Irak ein voll verschleiertes Leben zu führen - ohne Frauenrechte, fließend Wasser und Krankenversicherung. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden haben bisher rund hundert Frauen aus Deutschland den Weg in die Kampfzone angetreten; mehr als die Hälfte von ihnen verließ die Bundesrepublik im Sommer 2014.
Viele gehen als mitreisende Ehegattinnen, etliche als ledige Frauen auf der Suche nach einem Mann. Und einige wollen gar selbst ins Kriegsgeschehen eingreifen.
Hamdi B. mag von alldem nichts wissen. Er sagt, seine Tochter sei "in der Türkei". Hinter solchen Schutzbehauptungen verstecken sich viele Eltern der verschwundenen Kinder. Für die Nachbarn oder die Polizei ist der Nachwuchs im Urlaub, in einem anderen Land, irgendwo für irgendwas. Aber nicht in Syrien.
In Fatmas Fall sind sich die Ermittler jedoch sicher: Sie befindet sich in Syrien, bei den Kämpfern im Namen Allahs. Insofern gilt sie den Sicherheitsbehörden als typischer Fall. Die meisten der ausgereisten Frauen sind jung, zwischen 16 und 27 Jahre alt, sie stammen aus allen Winkeln der Republik, vom Bodensee und aus dem Allgäu, vom Niederrhein und aus dem Ruhrgebiet, aus Bremen, aus Hamburg und eben aus Augsburg.
Zwar gilt die salafistische Szene in der Fuggerstadt als klein und nicht gewaltbereit. Doch gibt es auch hier Menschen, die ein Leben nach den Regeln der Scharia predigen. Und so geriet eine ganze Gruppe Frauen aus Augsburg in den Bann einer Werberin für den radikalen Islamismus.
Auch Fatma B. und ihre ältere Schwester Amine hatten sich dieser Gruppe angeschlossen. Dass sich seine Töchter veränderten, war Hamdi B. nicht verborgen geblieben; spätestens als sie begannen, ihr Gesicht zu verhüllen. Doch was, wirft der Vater ein, hätte er tun können? "Es ist nicht verboten, einen Schleier zu tragen." Was soll ein Vater auch sagen, wenn seine Töchter sich für ein tugendhaftes Leben interessieren anstatt für Kerle und Alcopops.
Den Zeitpunkt zum Eingreifen sah Hamdi B. erst, als Fatma im Internet einen Marokkaner kennenlernte. Mit gerade 16 Jahren wollte sie sich mit ihm verloben. Die Eltern stellten sich quer - doch da war es schon zu spät.
"Natürlich hätte ich früher Druck machen können", sinniert Hamdi B. in seinem holprigen Deutsch, "aber was bringt das, Druck? Die Kinder machen in dem Alter, was sie wollen." Er zuckt mit den Schultern.
Fatma verschwand im Dezember 2013. Ihr Vater ging zur Polizei und meldete sie als vermisst. Doch helfen konnten die Ordnungshüter ihm nicht. Heute findet Hamdi B., dass die Behörden eine Mitschuld am Schicksal seiner Tochter trügen: "Was ist das für ein Land, in dem ein minderjähriges Mädchen ohne Erlaubnis ausreisen darf?"
Einen Monat nach Fatmas Abtauchen zog der Vater zusammen mit Tochter Amine los, in die Türkei und von dort nach Syrien. Die beiden fanden Fatma in einem Bergdorf in der Nähe der Stadt Latakia. Dort steht das "Deutsche Haus", wie es die Ermittler nennen. Es ist eine wichtige Anlaufstelle für Dschihadisten aus der Bundesrepublik in der Region.
Vater Hamdi und Schwester Amine überzeugten Fatma, nach Augsburg heimzukehren. Bei der Polizei meldeten sie ihre Ankunft vorher an, um an der deutschen Grenze keine Schwierigkeiten zu bekommen. Gegenüber den Ermittlern schwiegen sie jedoch über die Reise. Familie B. hätte nun wieder vereint im Bismarckviertel leben können. Die Töchter hätten sich vom Islamismus abwenden können. Doch es sollte anders kommen.
Die Dschihadpläne von jungen Frauen, sie münden fast immer auch in Geschichten verzweifelter Eltern. So wie die des Vaters zweier Töchter aus dem Ruhrgebiet, damals 15 und 19 Jahre. Als er das Abdriften der beiden bemerkte, wandte er sich an die Polizei - er ahnte, dass sie sich ins Kriegsgebiet aufmachen wollten.
Im November rissen die Töchter schließlich aus. Sie schafften es bis in die Abflughalle des Düsseldorfer Flughafens. Dort griff die Bundespolizei sie auf und brachte sie in ein Vernehmungszimmer. Als die Eltern kamen, um die Geschwister in die Arme zu schließen, schlug ihnen jedoch nur Wut entgegen. Die Mädchen trommelten auf Vater und Mutter ein. "Ich schlage dir den Kopf ab!", schrie eine. Und: "Ich bring dich im Schlaf um!"
Seither kämpft der Vater um seine Töchter und gegen das Gift des Salafismus. Und er versucht, alles zu vertuschen. In der Schule der Geschwister darf keiner etwas wissen, die Freunde nicht, überhaupt niemand. "Sonst haben die beiden doch gar keine Chance mehr", sagt der Vater.
Die Radikalisierung junger Frauen findet in der Regel außerhalb des Elternhauses statt. Das war bei der 17-jährigen Jenny S. so, die es erst in die Bremer Masjidu-I-Furqan-Moschee zog und dann im Ganzkörperschleier nach Syrien. Die 15-jährige Sarah O. aus Konstanz besuchte eine islamische Schule in Algerien, bevor sie auf einem Foto mit einer Kalaschnikow posierte und aus Syrien via WhatsApp mitteilte: "Bin jetzt übrigens bei al-Qaida." Im Fall von Samra Kesinovic, 16, und Sabina Selimovic, 15, soll es der Wiener Prediger Mirsad O. gewesen sein, der die beiden auf den Dschihad einschwor.
Doch wieso können Seelenfänger im Namen Allahs so viel Macht ausüben?
Das Phänomen lasse sich wohl am ehesten emotional erklären, sagt der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College: "Die jungen Mädchen fallen auf eine uralte romantische Idee herein: hier der strahlende Ritter, dort die erwählte Prinzessin an seiner Seite."
Von vielen Teenagern würden die Kämpfer "inzwischen verehrt wie Popstars", erklärt Terrorismusforscher Neumann. "Um sie wollen sich die Mädchen kümmern, mit ihnen wollen sie zusammen sein." Hinzu komme vielleicht auch eine alterstypische Lust an der Provokation: "Der Salafismus ist die provokanteste Form des Aufbegehrens in den sehr toleranten westlichen Gesellschaften", sagt Neumann, "etwas Extremeres kann man eigentlich nicht machen."
Angelockt werden die Dschihadbräute nicht nur in den einschlägigen Moscheen, sondern auch mittels Propaganda im Internet. Als Beispiel gilt den Behörden der Blog einer Deutschen, die sich "Muhajira" ("Auswanderin") nennt.
Unter dem Titel "Eine wahrhafte Heldin" berichtet sie von ihrem Leben "auf dem Boden des Dschihad, auf dem Boden der Ehre". Ihre Reise nach Syrien komme ihr vor wie "eine Geschichte aus einem Bilderbuch". Das Gefühl sei unbeschreiblich, schwärmt sie. "Endlich darf ich frei sein, meinen Nikab tragen, so wie ich will, ohne Spott zu sehen und zu hören." Offen schildert die Bloggerin, wie sie Kämpfern Mädchen zuführte: "Da es hier sehr viele unverheiratete Mudschahidin gibt, fanden wir einen passenden Bruder." Eine von ihr vermittelte Braut sei besonders glücklich, brüstet sich "Muhajira": "Ihre leiblichen Schwestern warten sehnsüchtig darauf, ebenfalls einen Mudschahid zu heiraten und hierher zu kommen."
Online-Heiratsmärkte für junge Salafisten gibt es im Netz in reicher Zahl. Auf Kontaktseiten wie ask.fm heißt es: "Mutiger Löwe, standhaft und unbeirrbar, sucht ..." Ein Frauen-Blog mit dem Titel "Mein Leben in Syrien" lockte mit Videosequenzen und harmlosen Tagebucheinträgen übers Wäschewaschen, Einkaufen und Kochen. "Ich habe Sehnsucht nach den Bergen, den Steinen, den Plätzen des Dschihad", schrieb die Autorin auf der inzwischen gelöschten Seite.
In der Dschihad-Werbung für Frauen gibt es keine abgeschlagenen Köpfe, sondern Berge, Blumen und die Botschaft, wie schön die Rolle der Frau im Salafismus sei. "Das Ganze erinnert mich eher an Heimatfilmchen", sagt ein Geheimdienstmann.
Damit der Trip ins angebliche Idyll gelingt, gibt es in WhatsApp-Gruppen Tipps für unterwegs: Zu reisen sei in westlicher Kleidung, ohne Kopftuch und Schleier; vor allem nicht in Begleitung bärtiger Männer.
Den deutschen Sicherheitsbehörden macht der Zug der Mädchen ins Dschihadgebiet ernste Sorgen. Das gesellschaftliche Bild von Frauen mache aus ihnen "die perfekten Terroristen", sagt ein Nachrichtendienstmann. Sie würden weniger kontrolliert als Männer - und könnten so besser als Logistikerinnen arbeiten, bei der Finanzierung des heiligen Krieges helfen oder als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt werden. Zur Vorbereitung von Anschlägen seien sie geradezu ideal, heißt es in Sicherheitskreisen: "Frauen tragen durch ihre weitgehend unbeachtete Basisarbeit zur Umsetzung von Terrorakten bei."
Eine dieser mutmaßlichen Terrorhelferinnen heißt Karolina R., nach Ansicht der Ermittler hat die Bonnerin die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) unterstützt: Anfang Mai 2013 reiste sie mit ihrem Bruder, ihrem Mann und dem gemeinsamen, sieben Monate alten Sohn Luqmaan nach Syrien. Auf einem Computer in ihrem Elternhaus fand die Polizei einen Text, in dem sie davon schwärmt, "unter der Herrschaft der schwarzen Flaggen zu leben - unter der Flagge des Islam".
In Syrien lebte sie in einem Dorf, in dem immer wieder Raketen und Bomben einschlugen. Tagsüber, so schrieb Karolina R., seien die Männer zu Kampfeinsätzen losgezogen und abends heimgekommen. In der Zwischenzeit hätten die Frauen gekocht, geputzt und sich um die Kinder gekümmert. Obschon sie nie angegriffen worden seien, rate sie jeder Schwester: "Lerne schießen und lerne die Waffe an sich kennen! Denn wenn es darauf ankommt, musst du sie bedienen können!"
Karolina R. drehte in Syrien offenbar auch Videos, die ihren Mann Fared Saal und den Säugling zeigen. In einem der sichergestellten Filme sagt Saal: "Baby, wenn ich jetzt draufgehe, haben wir noch ein Video von uns beiden." In einem anderen Streifen hält er sein Kind auf dem Schoß, während in seiner Brusttasche eine Handgranate steckt.
Nachdem es in ihrem Haus gebrannt hatte, reiste Karolina R. zurück nach Deutschland, wo sie festgenommen wurde. Seit zwei Wochen muss sich die 25-Jährige vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, ihren für den IS kämpfenden Gatten mit rund 11 000 Euro und einer Filmausrüstung versorgt zu haben. "Meine Mandantin hat allenfalls für ihren Mann gesorgt", erklärt ihr Verteidiger, der Bonner Rechtsanwalt Carsten Rubarth. "Ihr ging es nicht darum, den IS zu alimentieren."
Bislang fiel es der deutschen Justiz schwer, den salafistisch aufgeladenen Musliminnen strafrechtlich beizukommen. Weil sich die Frauen ihrer Taten nicht so rühmen wie die Männer und weil sie auch seltener die Ausbildungslager der Terrormilizen durchlaufen. Im Gesetzentwurf, der diese Woche das Bundeskabinett passierte, steht nun ein Passus, der auch für die Dschihadistinnen das Risiko einer Haftstrafe birgt: Künftig soll jegliche Art der Terrorfinanzierung unter Strafe stehen.
Dass hiesige Staatsanwaltschaften die Ausreisen Richtung Syrien mit allen Möglichkeiten des Rechtsstaats beantworten wollen, steht inzwischen auch im Fall von Allahs Groupies außer Frage. Erst am Mittwoch gab die Münchner Staatsanwaltschaft bekannt, dass sie gegen eine deutsche Islamistin Anklage erhoben hat - "wegen Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg".
Andrea B. aus Immenstadt im Allgäu konvertierte 2012 zum Islam und verließ danach ihren Lebensgefährten, mit dem sie zwei Kinder hat. Anfang 2014 siedelte sie mit ihren Töchtern Filiz und Melisa, damals drei und sieben Jahre alt, nach Syrien über. Dort wurde sie die "Zweitfrau" eines Mannes, der für den Qaida-Ableger Nusra-Front kämpft.
Im Auf und Ab des Krieges zog die neue Familie häufig um. Andrea B. ließ sich den Umgang mit einer Waffe beibringen, in ihrem Haus gab es den Ermittlungen zufolge Schusswaffen und Handgranaten. Bekannten schickte die gelernte Einzelhandelskauffrau Bilder ihrer beiden Mädchen - sie erschienen zunehmend verwahrlost.
Als Andrea B. Ende Mai 2014 aus Syrien zurückkam, wurde sie am Flughafen festgenommen. Der Vater ihrer Töchter hatte sie wegen Kindesentzugs angezeigt. Das Sorgerecht für die Mädchen verlor die heute 30-Jährige. Nun drohen B. wegen der "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" bis zu zehn Jahre Haft.
Worauf sie sich in Syrien einlassen, ist den Töchtern des Dschihad wohl kaum bewusst. Die Bremer Soziologin Berna Kurnaz betreut unter anderem Angehörige ausgereister Islamisten, sie kennt deren familiäre Probleme, die bisweilen prekären Verhältnisse: "Die Mädchen revoltieren oft gegen ein Zuhause, in dem sie sich nicht verstanden, oder eine Gesellschaft, in der sie sich nicht wertgeschätzt fühlen." Die salafistischen Prediger böten für alle Probleme eine einfache Lösung: Es gehe einzig darum, "eine gute Muslima" zu sein. Einmal in der Kampfzone angekommen, lebten die Mädchen zum Teil so abgeschottet, "dass sie gar nicht begreifen, in welche gefährliche Lage sie sich begeben haben", urteilt Kurnaz.
Vor Ort hingen die Frauen "vollständig vom Wohlwollen der Männer ab", sagt Hans-Joachim von Wachter, der Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz in Bremen. Westliche Geheimdienste berichten zudem, dass unter den Dschihadisten auch sogenannte Ehen auf Zeit praktiziert würden. Im Klartext heißt das meistens: Die Ehe besteht für die Zeit des Beischlafs - egal, ob sie von der Frau freiwillig oder unfreiwillig geschlossen sei.
Als religiöse Legitimation halten dafür umstrittene Koranauslegungen her, wonach die Befriedigung sexuell unterversorgter Gotteskrieger im Sinne Allahs sein soll. Aus diesem Grund seien "Frauen bereits mehrere Dutzend Male zwangsverheiratet und zum Sex gezwungen worden", heißt es in einer vertraulichen Analyse der Sicherheitsbehörden.
Auch für die Ehegattinnen kann sich das Schicksal sehr schnell drehen - wenn zum Beispiel ihr Mann im Krieg fällt. "Die Frauen werden dann einfach an den nächsten Kämpfer durchgereicht", sagt ein hochrangiger Nachrichtendienstler. Oder, fast noch schlimmer, sie bleiben allein zurück. Dieser Situation zu entkommen, so der Verfassungsschützer Wachter, hätten die Frauen "kaum eine Chance".
Sarah K. aus Nordrhein-Westfalen könnte so ein Fall sein. Sie hatte einst Mustafa K. geheiratet, einen ehemaligen Paketzusteller aus Dinslaken. Als sich der Gatte im Jahr 2013 auf den Weg in den Krieg machte, folgte sie ihm, das gemeinsame Kind kam mit. Vor Ort brachte es Mustafa K. schnell zu zweifelhaftem Ruhm: Er ließ sich fotografieren, als er einen abgehackten Kopf hochhielt. Das Bild ging um die Welt.
Im vergangenen Jahr versuchten Sarahs Eltern, ihre Tochter zurückzuholen. Von ihrer Doppelhaushälfte am Niederrhein schafften sie es bis in eine Region, die fest in der Hand der Islamisten ist. Sie sahen Männer mit Waffen unter der Flagge des IS, sie sahen verschleierte Frauen - und sie fanden Sarah. Doch die schickte ihre Eltern wieder weg. "Es ist zu gefährlich hier für euch", soll sie gesagt haben.
Das ist Monate her. Zu Hause am Briefkasten des Elternhauses mit der roten Klinkerfassade klebt neben dem Familiennamen auch der neue Nachname der Tochter. Doch Sarah ist nicht da. Sie hat in Syrien ihr zweites Kind geboren; und ihr Mustafa ist im Dezember ums Leben gekommen. Was läge näher, als in die Heimat zurückzukehren? Ihre Mutter hofft, bangt, sie würde wahrscheinlich alles tun, um Sarah und die beiden Enkelkinder wiederzusehen. In den Behörden heißt es, Sarah wolle auch zurück. Aber sie schaffe es nicht.
Burkhard Freier, der Chef des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen, berichtet von mehreren Frauen, die in Syrien feststecken und nicht wissen, wie sie wieder nach Hause kommen sollen. Für Freiers Bremer Kollegen Wachter grenzt es gar an ein Wunder, wenn einer Frau die Rückkehr nach Deutschland gelingt.
Hamdi B. aus Augsburg hatte ein solches Wunder für seine Tochter Fatma vollbracht. Doch das Glück, das Kind aus Syrien zurückgeholt zu haben und vollzählig wieder unter einem Dach im Bismarckviertel zu leben, währte nur kurz.
Amine B., die ältere der beiden Schwestern, heiratete einen jungen Mann und zog mit ihm nach Ostwestfalen. Das Bubengesicht des Gatten ziert ein dünnes Bärtchen, die Beine stecken in Pluderhosen, in der Hand hält er ein Gebetsbuch. Seine Frau treffen? "Das ist unmöglich, wenn ich nicht dabei bin", sagt er. Die Reise nach Syrien? "Davon hab ich noch nie gehört."
Unvermittelt setzt er zu einem Vortrag über die Diskriminierung von Muslimen an: Die Scharia würde im Westen falsch verstanden, verzerrend sei von Gräueltaten wie Steinigungen und dem Abhacken von Händen die Rede. Aus seiner Sicht ist allerdings die Steinigung einer untreuen Frau gerechtfertigt - zumindest als Abschreckung. "Eine Frau, die weiß, dass ihr eine solche Strafe droht, wird so etwas nie tun", ist Amines Ehemann überzeugt.
Daheim in Augsburg will Hamdi B. mit dem Salafismus nichts zu tun haben und nichts mit dem Dschihad. Er verharrt im Leugnen, vielleicht auch vor sich selbst. "Ich habe vier Kinder. Natürlich schmerzt das Herz, wenn eines davon Probleme macht", seufzt er schließlich.
Seine Tochter Fatma ist inzwischen wieder in Syrien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie, die Polizei hat sie als Gefährderin eingestuft.
Nach ihren Erkenntnissen hat es Fatma B. nicht nur wieder ins Kampfgebiet geschafft. Sie hat auch endlich ihrem Wunsch entsprechend geheiratet. Einen Dschihadisten, natürlich.
Von Jörg Diehl, Hubert Gude, Barbara Schmid und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 7/2015
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