07.02.2015

AltlastenGift bleibt Gift

Der Kohlekonzern RAG leitet verseuchtes Grubenwasser in die Flüsse. Um Grenzwerte nicht zu überschreiten, wird es einfach verdünnt.
Die Formeln, mit denen die RAG die Gemüter zu beruhigen versucht, klingen auf eine Art beschwichtigend, die nervös machen muss. Man nehme "das Problem sehr ernst". Alles werde "sorgfältig untersucht". Die Messwerte lägen jedoch "unter der Nachweisgrenze".
Die Stimmung im Kohlerevier NRW ist aufgeheizt, seit der SPIEGEL (3/2015) berichtet hat, dass 10 000 Tonnen hochgiftige Polychlorierte Biphenyle (PCB) unter Tage lagern und bei der Flutung stillgelegter Bergwerke ins Grundwasser gespült werden könnten. Umweltschützer, Politiker und Mitarbeiter verlangen Erklärungen.
Das Problem, das die RAG jetzt mickrigzureden versucht, ist tatsächlich riesig. Untersuchungsämter fanden die krebserregende Chemikalie PCB nicht nur hier und da - sondern fast überall, wo sie die Grubenwässer überprüften, die der Konzern aus vielen Hundert Metern Tiefe in Flüsse einleitet. Selten konnte gar kein PCB nachgewiesen werden, meist lag die Konzentration über dem Grenzwert von 20 Mikrogramm pro Kilogramm.
Dem SPIEGEL liegen Analysen aus zwölf Jahren vor. Anders als in den Beschwichtigungsversuchen der RAG behauptet, sind die Ergebnisse besorgniserregend. Betroffen sind vor allem Flüsse wie die Ruhr und die Emscher in NRW. Dort fanden die Behörden an den Einleitstellen der Bergwerke PCB, die eindeutig auf Hydrauliköle zurückzuführen waren. Teilweise war die PCB-Gesamtbelastung so groß, dass die EU-Qualitätsziele für Flüsse nicht eingehalten werden konnten.
Regelrecht dramatisch war die Situation an einigen kleineren Bächen. Dort mussten sogar die Ordnungsbehörden eingreifen, um die Gesundheit von Mensch und Tier zu schützen. So lagen die PCB-Konzentrationen im Katernberger Bach, in den die Zeche Zollverein ihre Grubenwässer einleitete, im Jahr 2003 teilweise bei 840 Mikrogramm und damit 42-mal höher als der zulässige Grenzwert. In der Fossa Eugeniana, einem kleinen Kanal, der durch das NRW-Städtchen Kamp-Lintfort fließt, schossen die Werte im Mai 2004 auf 1600 Mikrogramm hoch.
"Das sind Konzentrationen, wie sie nicht einmal aus den dreckigsten Flüssen der Welt bekannt sind", sagt PCB-Experte Hans Gerhard Varbelow, der auch für die Bundesregierung tätig ist. Doch die RAG wiegelt ab. Die Werte, heißt es dort, seien nicht mehr aktuell. In den vergangenen Jahren seien die PCB-Belastungen in nahezu allen Flüssen zurückgegangen.
Das ist richtig. Allerdings liegt das nicht daran, dass die RAG plötzlich verantwortungsvoll mit den giftigen Chemikalien umgehen würde. Messmethoden wurden verändert, Vergleiche sind dadurch schwer.
Vor allem aber sind die niedrigeren Konzentrationen das Ergebnis einer Aktion, die normalerweise die Ordnungsbehörden auf den Plan rufen würde. Denn die Giftstoffe werden zunächst verdünnt und dann in die Flüsse geleitet. Auf diese Weise hofft der Konzern wohl, die Sanierung der kontaminierten Schächte und die teure Entsorgung in Spezialanlagen zu sparen.
Doch an die RAG wurden nie normale Maßstäbe angelegt. Im Gegensatz zu anderen Konzernen unterliegt sie dem Bergrecht und damit nicht allen strengen Vorschriften des Umweltrechts. Als Aufsichtsbehörden dienen die Bergämter, seit Jahrzehnten sind die darauf getrimmt, einen reibungslosen Abbau zu garantieren.
Die Behörde genehmigte bei der Stilllegung alter Bergwerke ohne großes Aufheben eine Zusammenlegung der Wasserhaltung unter Tage. Das klingt harmlos, ist es aber beileibe nicht. Denn nun wird das Grubenwasser nicht mehr wie früher direkt in den Zechen abgepumpt. Es wird durch unterirdische Schächte über viele Kilometer zu wenigen zentralen Sammelstellen im Ruhrgebiet geleitet. Erst dort wird es hochgepumpt und in möglichst große Flüsse - etwa den Rhein - eingeleitet.
Der praktische Nebeneffekt für die RAG: Das Gift wird bereits unter Tage mit Millionen Kubikmetern Wasser verdünnt. Die Konzentrationen bei entsprechenden Proben wird geringer, obwohl die ausgespülte Giftmenge nicht kleiner wird.
Im Gegenteil: Durch ansteigendes Wasser in den Bergwerken, fürchten Umweltexperten wie der frühere Abteilungsleiter im NRW-Umweltministerium Harald Friedrich, werden selbst solche Mengen ausgespült, die in den vergangenen Jahren in hektischen Notoperationen abgeschirmt wurden - an der Fossa Eugeniana etwa.
Als die PCB-Werte dort im Jahr 2004 auf den Rekordwert von 1600 Mikrogramm hochschnellten, verdonnerte die zuständige Bezirksregierung die RAG, die Quelle für die Vergiftung umgehend zu suchen und auszuschalten. Doch eine komplette Sanierung der verseuchten Schächte war dem Konzern offenbar zu aufwendig. Stattdessen, heißt es in Unterlagen der Bezirksregierung, wurden "besonders hoch PCB-belastete Grubenwasserströme" einfach umgelenkt, in alten Schächten gesammelt und nicht mehr hochgepumpt. In der Fossa Eugeniana gingen die PCB-Werte zurück.
Heute hat sich die Situation verändert. Die Zechen im Umkreis von Kamp-Lintfort sind geschlossen, die Pumpen abgestellt. Das Wasser steigt kontinuierlich und überflutet alle Bereiche der Bergwerke - auch die mit hoher PCB-Belastung.
In einigen Schächten hat die RAG deshalb Baumaterialien und Beton auf den Boden geschüttet. Er soll das PCB sicher einschließen. Für Experten wie Friedrich sind das "konzeptionslose Versuche, eine drohende Umweltkatastrophe zu verhindern." Wie die Umweltorganisation BUND fordert Friedrich, Wasser vor der Einleitung in Flüsse zu filtern.
Die RAG und ihre Aufsichtsbehörde wollen davon nichts wissen. Dort sieht man keine Gefahr. Im Gegenteil: Schon 2017, verkündet das Bergamt stolz, werde das Wasser aus Kamp-Lintfort so hoch gestiegen sein, dass es mit anderem Grubenwasser direkt in den Rhein abfließen könne. Sollte es so kommen, hätte die RAG ihr Ziel erreicht. Spätestens dann lägen wohl alle PCB-Werte "unter der Nachweisgrenze".
Von Frank Dohmen und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 7/2015
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