07.02.2015

ÄgyptenDer Generalstaatschef

War es der Wille des Volkes oder ein Staatsstreich? Im Juni 2014 wurde der einstige Offizier Abdel Fattah el-Sisi Präsident. Ist das das Ende des Arabischen Frühlings, oder bringt Sisi Stabilität? Ein Besuch im Präsidentenpalast.
Manche Städte und manche Länder wirken, als hätten sie sich schlicht zu lange mit Selbstzerstörung beschäftigt. Als hätten sie die entscheidenden Momente verpasst, jene Momente und dann all die Jahre, in denen Entwicklung und Moderne möglich gewesen wären. Und als sei es nun zu spät.
Wie kann irgendjemand heute noch Kairo regieren? Und wie Ägypten?
Jahrzehnte der Diktatur, Jahre der Konflikte und des Terrors haben die Hauptstadt und den Staat der rund 90 Millionen Ägypter leiden und verwahrlosen lassen. Kinder hungern und gehen nicht zur Schule, Frauen sterben an Diabetes, weil ihnen niemand gesagt hat, dass ein Arzt sie heilen könnte, Männer lungern auf den staubigen Straßen und wissen nicht mehr, wo sie noch nach Arbeit suchen sollen.
Kairo ist wüst und gnadenlos wie Lagos oder Kalkutta, eine verlorene Stadt, scheinbar. Und Ägypten, dieses von Islamisten verwandelte und einst vergleichsweise säkulare Reiseland, wie soll Ägypten sich jemals wieder emporschwingen?
Auch im Jahr vier nach der Revolution ist das Land nicht zur Ruhe gekommen, das zeigte der 25. Januar, der Jahrestag des Umsturzes. Der Tahrir-Platz, auf dem Millionen Ägypter für Freiheit und Demokratie demonstriert hatten, war abgeriegelt. Dass Shaima al-Sabbagh, 34, dennoch versuchte, mit einer kleinen Gruppe ihrer Sozialistischen Volksallianz auf den Platz vorzudringen, kostete die Mutter eines fünfjährigen Jungen das Leben; vermutlich von Kugeln der Sicherheitskräfte getroffen, sank Sabbagh zu Boden.
"Wie sollen wir erwarten, dass Wahlen fair verlaufen", sagt die liberale Politikerin Hala Shukrallah von der "Verfassungspartei", "wenn sie von dem gleichen Innenminister organisiert werden, der für den Tod unserer Kinder verantwortlich ist?" In diesem "Klima der Angst" sei eine Teilnahme an den im März und April angesetzten Parlamentswahlen zumindest "schwierig".
Für Abdel Fattah el-Sisi soll die Wahl die Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft bringen. Wenn die Parlamentswahlen nicht halbwegs sauber verlaufen, dürfte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn kaum empfangen; ein Berlin-Besuch aber wäre jene Auszeichnung, die der Ägypter braucht.
Wenig ist bekannt über den Mann, der aus dem Schattenreich des Militärs emporstieg. Im sogenannten Präsidentenwahlkampf inszenierte er sich im Staatsfernsehen als geduldiger und warmherziger Gesprächspartner. Wenn er von seiner Kindheit in Gamalija erzählte, einem der ältesten Viertel Kairos, senkte er den Blick. Er sei ein "devoter Muslim", aber mit der Offenheit für andere Kulturen groß geworden, sagte er dann. Sein Elternhaus habe nahe der "Judengasse" gestanden, und das Läuten der Kirchenglocken zur Messe am Sonntag habe er noch immer im Ohr.
Wie so viele Ägypter aus ärmeren Schichten versuchte Sisi, durch eine Militärlaufbahn Wohlstand und Ansehen zu erlangen. Denn die ägyptische Armee ist mit fast einer halben Million Mann nicht nur die größte der arabischen Welt, sie ist auch eine Wirtschaftsmacht. Wer in einem Supermarkt in Kairo oder in einem Krämerladen auf dem Land einkauft, der bekommt ein Produkt aus der Produktion der "Armed Forces" zu fassen: Die Armee ist der größte Hersteller von Konsumgütern, in nahezu jeder Branche vertreten. Manche Experten schätzen, dass die Armee mit über hundert Milliarden Dollar die halbe Volkswirtschaft stemme, und sehen im Verteidigungsminister eher den Vorstandsvorsitzenden einer Ägypten GmbH & Co. KG als den Herrn über Krieg und Frieden.
In Uniform diente sich Sisi schnell hoch. 1977, zwei Jahre vor dem Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten, verließ er die Militärakademie. 1992 wurde er zur Fortbildung nach Großbritannien und 2005 in die USA geschickt. 2006 machte er seinen Abschluss in Strategischen Studien am US War College in Pennsylvania. Fleißig sei er gewesen, heißt es; ein Student von 52 Jahren, der seine Aufgaben ernst nahm, obgleich seine Arbeit für den "Master in Strategic Studies" nur elf Seiten umfasst.
Nach einer Station als Militärattaché an der ägyptischen Botschaft in Saudi-Arabien und der Führung diverser Infanterieeinheiten brachte es Sisi 2008 zum Kommandeur des Armeebereichs Nord. Damit hatte er seinen Sitz in Alexandria, wo zwei Jahre später die Revolution gegen Mubarak begann. In der Hafenstadt löste der gewaltsame Tod des Bloggers Khalid Mohammed Sa'id die ersten Massenproteste aus, die später auf den Tahrir-Platz in Kairo übersprangen.
Und kurz nach Mubaraks Sturz gelang Sisi der entscheidende Karriereschritt: Mit der Berufung zum Geheimdienstchef der Armee wurde er einer der mächtigsten Männer im Land; zugleich rückte er in den Obersten Militärrat ein, der sich als Notstandsregierung versuchte.
Beinahe wäre Sisis Aufstieg gleich mit seinem ersten Auftritt als Machthaber beendet gewesen: Durchaus plump hatte er versucht, "Jungfräulichkeitstests" zu rechtfertigen, welche Armeeärzte an Tahrir-Demonstrantinnen durchführten. Sisi hatte die Schikane als Reaktion auf Vergewaltigungsvorwürfe bezeichnet, die gegen Soldaten erhoben worden seien. Nach Protesten stellte die Armee die Tests ein, und Sisi verschwand wieder hinter den Kulissen.
Doch kaum hatte der Muslimbruder Mohammed Morsi die ersten freien Präsidentenwahlen in der Geschichte Ägyptens gewonnen, ernannte er Sisi zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, wenig später zum Verteidigungsminister. Die Ernennung löste Spekulationen über Sisis Gesinnung aus. Viele unterstellten dem strenggläubigen Militär damals, ein verkappter Muslimbruder zu sein. Und sie verwiesen auf Sisis Frau, die jenen Gesichtsschleier trage, der nur die Augen frei gibt. Damals hätte niemand für möglich gehalten, dass Sisi kaum ein Jahr später Morsi stürzen würde.
Nach der "zweiten Revolution", wie Sisi den Umsturz nennt, hielt sich der General zunächst im Hintergrund. Die offiziellen Geschäfte führte eine Übergangsregierung, und Sisi wies den Gedanken an eine Bewerbung um das Präsidentenamt von sich. Aber wie so manches im bisherigen Leben des Abdel Fattah el-Sisi lief dann auch die Präsidentenwahl auf ihn zu - als hätte der Stratege den Aufstieg ins höchste Amt wie einen Feldzug geplant. Der einzige Gegenkandidat war ein Feigenblatt: Der linke Populist Hamdin Sabahi kam mit rund 736 000 Stimmen auf knappe drei Prozent.
Das SPIEGEL-Gespräch findet im sandfarbenen Präsidentenpalast statt, der im Stadtteil Heliopolis liegt, wo die Straßen ein wenig breiter sind und die Luft nicht ganz so verschmutzt ist wie in den meisten anderen Vierteln des Zwölf-Millionen-Molochs Kairo. Das weitläufige Gelände ist von einer gut fünf Meter hohen Mauer umgeben. Obwohl Sisi auf den Todeslisten der Islamisten steht, führen Hauptverkehrsstraßen dicht an der Residenz vorbei. Die Kontrollen sind streng, Mobiltelefone und Diktiergeräte müssen draußen bleiben. Hinter den Mauern erstreckt sich eine Gartenlandschaft, die Lärm und Dreck Kairos vergessen lassen.
Für Reisende wollte der belgische Architekt Ernest Jaspar vor gut hundert Jahren hier ein kleines Paradies erschaffen, mit dem luxuriösesten Hotel der Welt oder zumindest des Nahen Ostens. Es entstand ein 500-Zimmer-Bau mit Ball- und Speisesälen, für dessen Bewirtschaftung eine Schmalspurbahn angelegt wurde. Jaspar setzte über das Foyer eine 55 Meter hohe Kuppel, die an den Petersdom in Rom erinnert. Und es wurde vieles herangeschafft, was Luxus symbolisiert: Marmor, Mahagoni, Kristallleuchter, Perserteppiche.
Sisi hat bisher so gut wie keine Interviews gegeben, nun möchte er sich erklären. Er weiß, dass schon seine Machtübernahme unterschiedlich betrachtet wird. Die meisten Ägypter und natürlich Sisi selbst glauben, dass er den Willen des Volkes erfüllt habe und dass der dilettantische Islamist Morsi den Staat unrettbar ruiniert hätte. Im Westen ist eher die Ansicht verbreitet, dass Wahlergebnisse zu respektieren seien, auch wenn die Falschen gewinnen.
Gemälde historischer Schiffe hängen an der Wand seines Büros, ein Aktenkoffer steht da. Sisi, 60 Jahre alt und 1,66 Meter groß, sitzt auf einem Stuhl mit güldener Lehne. Seine Beine ruhen zwei Stunden und 20 Minuten lang unbeweglich nebeneinander, Wasser und Tee rührt er nicht an. Gelassen und geduldig redet er, angstfrei wirkt er - wie ein Mann, der allen Ernstes glaubt, Kairo und Ägypten retten zu können.
Von Dieter Bednarz und Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 7/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ägypten:
Der Generalstaatschef

  • Massenprotest in Hongkong: Demonstranten schießen mit Pfeilen und Benzinbomben
  • Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen