07.02.2015

SPIEGEL-Gespräch„90 Millionen brauchen Brot“

Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi über seine gepeinigte Heimat, den gewaltsamen Sturz seines Vorgängers Morsi und die Bedrohung durch IS und Muslimbrüder
SPIEGEL: Herr Präsident, in dem Palast, in dem wir sitzen, haben schon der Autokrat Hosni Mubarak und der Islamist Mohamed Morsi residiert. Beiden dienten Sie als Offizier. Hätten Sie es einst für möglich gehalten, hier jemals einzuziehen?
Sisi: Ehrlich gesagt, nein. Unter normalen Umständen hätte ich im Militär die höchsten Ehren erreicht, wenn ich ein guter Soldat gewesen wäre.
SPIEGEL: Als Sie nach dem Sturz Präsident Morsis am 3. Juli 2013 die Kontrolle übernahmen, muss Ihnen aber doch klar gewesen sein, dass nun wieder die Zeit des Militärs kommen würde. Und damit auch Ihre Zeit im Palast.
Sisi: Kein weiser und rationaler Mensch, der diesen gewaltigen Berg an Problemen kennt, vor dem unser Land steht, würde in eine solche Position drängen.
SPIEGEL: Sie haben sich also geopfert?
Sisi: Ihre Frage mag auf der Kenntnis anderer Staatsmänner und Präsidenten gründen, die Sie bisher getroffen haben. Ich beschloss, dieses Amt anzunehmen, als ich entdeckte, dass die Chance, das Land zu retten, sehr klein war. Ja, ich war bereit, mich für das Wohl des Landes und seiner beinahe 90 Millionen Menschen zu opfern. Sie alle sehnen sich nach Lebensmitteln, Benzin, Elektrizität und einem würdevollen Leben. Jeder Präsident, der auf solche Details nicht achtet und nicht ein Minimum an Stabilität gewährleistet, sollte zurücktreten.
SPIEGEL: Angesichts dieser Sorgen - gibt es auch Momente im neuen Amt, die Sie erfreuen?
Sisi: Wenn ich sehe, dass die Menschen mir zuhören, und wenn ich fühle, dass sie sich für die Ziele einsetzen, für die ich stehe, dann bin ich sehr glücklich. Diese Liebe der Menschen ist eine neue Erfahrung für mich. Das kannte ich nicht aus meinem ersten Leben in der Armee, wo es darum geht, Befehle zu erteilen oder auszuführen.
SPIEGEL: Nach 40 Jahren als Militär müssen Sie nun auf Gegner zugehen, Kompromisse suchen, endlose Verhandlungen führen. Fällt Ihnen das schwer?
Sisi: In jedem Menschen ruhen die verschiedensten Fähigkeiten. Man muss seinem Gefühl vertrauen, spontan bleiben.
SPIEGEL: Und was ist der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Rollen?
Sisi: Beim Militär ist die Chance auf Erfolg größer. Das liegt an der Klarheit der militärischen Struktur, alles ist vorgezeichnet. In der Politik gibt es viel mehr Überraschungen und Umwege, sie ist vergleichsweise unberechenbar.
SPIEGEL: Mubarak blieb auch als Präsident stets Offizier. Er gab den Ägyptern Befehle und verlangte Gehorsam.
Sisi: Er stammt aus einer anderen Generation, Mubarak ist unter ganz anderen Umständen an die Macht gekommen.
SPIEGEL: Sie sind durch einen Staatsstreich in dieses Amt gekommen. So nennen wir das, wenn ein demokratisch gewählter Präsident, selbst ein miserabler, gewaltsam gestürzt wird.
Sisi: Ihre Beschreibung der Situation ist nicht korrekt, Ihre Analyse nicht akkurat. Sie kommen aus einer ganz anderen Kultur, Sie haben völlig andere Erfahrungen. Und davon können Sie sich nicht lösen. Sie müssen die Ereignisse in Ägypten im Licht der ägyptischen Herausforderungen und Bedrohungen sehen.
SPIEGEL: Sie meinen die zunehmende Islamisierung des Landes durch die Muslimbruderschaft und den einstigen Präsidenten Morsi?
Sisi: Was Sie einen Staatsstreich nennen, war unsere zweite Revolution. Wenn die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens auf die Straße ginge, um den Sturz der Regierung zu fordern. Wenn diese Regierung den Einsatz von Gewalt planen würde und wenn es dann keine Intervention gäbe ...
SPIEGEL: ... Sie meinen durch das Militär ...
Sisi: ... dann würden selbst diese Länder in einen Bürgerkrieg abrutschen. Wenn wir nicht eingegriffen hätten, wären wir unserer historischen sowie moralischen Verantwortung nicht gerecht geworden.
SPIEGEL: Sie fühlten sich vom Volk berufen?
Sisi: Wenn auch nur eine Million Menschen gegen einen Herrscher auf die Straße gehen, dann sollte er zurücktreten. Aber in unserer Region ist das noch nicht im Bewusstsein der Herrscher angekommen.
SPIEGEL: Durch die Absetzung Morsis haben Sie keinen Bürgerkrieg verhindert, sondern einen heraufbeschworen. Hunderte mussten sterben, noch viel mehr wurden verhaftet.
Sisi: Nein. Und nein, es mussten auch nicht Hunderte sterben. Mich bedrückt schon der Tod eines einzelnen Menschen, aber Sie müssen die Relationen wahren. Schauen Sie doch, wie viele Menschen im Irak, in Syrien, Libyen und im Jemen in den vergangenen zehn Jahren gestorben sind. Ägyptens Bevölkerung ist fast so groß wie jene dieser vier Länder zusammen. Wenn Sie die Opferzahlen vergleichen, werden Sie verstehen, dass unsere Armee das ägyptische Volk beschützt hat.
SPIEGEL: Ohne die Intervention des Mili-tärs hätten Sie syrische oder irakische Zustände?
Sisi: Wenn die Armee nicht eingegriffen hätte, wären Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen gestorben.
SPIEGEL: Was auf dem Raba'a-Platz passiert ist, war ein Massaker, bei dem mindestens 650 Morsi-Anhänger durch Sicherheitskräfte getötet wurden. Damit sind Sie auf die dunkle Seite der Macht hinübergewechselt.
Sisi: Sie beurteilen uns schon wieder nach Ihren Maßstäben. Auch die Opferzahlen von Raba'a hätten zehnmal höher sein können, wenn das Volk den Platz gestürmt hätte. Dazu waren die Ägypter bereit. 45 Tage lang haben wir mitangesehen, wie ein zentraler Platz unserer Hauptstadt lahmgelegt wurde, immer wieder haben wir die Demonstranten aufgefordert, ihn friedlich zu räumen. Wäre so etwas bei Ihnen erlaubt?
SPIEGEL: Unsere Polizei würde nicht scharf schießen, sondern womöglich Tränengas oder Wasserwerfer einsetzen. Und bei uns müsste nach so einem Massaker der Innenminister zurücktreten.
Sisi: Es beschämt mich nicht zuzugeben, dass es zwischen unseren beiden Ländern eine zivilisatorische Lücke gibt. Bei Ihnen haben die Menschen, Polizisten wie Demonstranten, ein Verantwortungsgefühl. Außerdem ist die deutsche Polizei modern ausgerüstet und bestens trainiert. Und bei Ihnen haben die Demonstranten keine Waffen gehortet, die sie dann auf die Polizei richten.
SPIEGEL: Geschah das denn grundlos?
Sisi: Sie müssen diese Demonstrationen der Muslimbrüder in Verbindung bringen mit dem Terrorismus, der von fundamentalistischen Ideen gelenkt wird. Diese Leute sehen sich als Märtyrer, die ins Paradies kommen, wenn sie sterben.
SPIEGEL: Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die Unterdrückung in Ihrer Amtszeit schlimmer sei als unter Mubarak.
Sisi: Man darf die Menschenrechte nicht so eng fassen, wie Sie es tun. Wenn die Muslimbrüder das Bewusstsein der Menschen manipulieren oder den Glauben der Menschen in die Irre führen, ist auch das eine Verletzung der Menschenrechte. Wenn Sie keine Schulbildung erhalten, kein Dach über dem Kopf haben, wenn Sie keinen Job finden, keine Hoffnung auf eine Zukunft haben, dann werden Ihre Menschenrechte verletzt. Menschenrechte dürfen nicht auf freie Meinungsäußerung reduziert werden, und selbst wenn man das tun würde: Bei uns darf jeder sagen, was er denkt.
SPIEGEL: Das sehen nur Sie so.
Sisi: Die Muslimbrüder hatten zwei Optionen, mit uns umzugehen, und wir hatten zwei Alternativen, wie wir mit ihnen umgehen. Sie konnten uns entweder beherrschen oder umbringen. Und wir konnten sie entweder umbringen oder vor Gericht stellen. Wir haben sie vor Gericht gestellt. Das ist die schwierigere Option.
SPIEGEL: Ohne Aktivisten wie Ahmed Maher, Mohamed Adel und Ahmed Duma wären Sie heute nicht Präsident. Die drei Revolutionäre sitzen nun im Gefängnis, weil sie gegen das verschärfte Demonstrationsrecht verstoßen haben.
Sisi: Unser Demonstrationsrecht orientiert sich an französischen, deutschen und Schweizer Gesetzen. Demnach müssen Demonstrationen angemeldet werden. Den Aktivisten ging es darum, dieses Gesetz demonstrativ zu verletzen. 9o Millionen Ägypter brauchen Wasser und Brot. Würde Ihr Land bei uns investieren, wenn die Proteste Tag und Nacht weitergingen?
SPIEGEL: Ihre Verfassung garantiert die Versammlungsfreiheit. Und wir sehen drei junge Revolutionäre zu unverhältnismäßig harten Strafen verurteilt. Das ist genauso schwer nachvollziehbar wie die 183 Todesurteile, die vor wenigen Tagen gegen Muslimbrüder verhängt wurden.
Sisi: Wenn die Angeklagten nicht anwesend sind, verlangt das ägyptische Recht die Höchststrafe. Außerdem war es ein Urteil der ersten Instanz. Sobald die Angeklagten gefasst sind, wird ein Wiederaufnahmeverfahren angesetzt. Ich versichere Ihnen: Wenn sich unser Land so entwickeln will wie Ihres, muss die Unabhängigkeit der Justiz respektiert werden.
SPIEGEL: Wir haben Zweifel an der Unabhängigkeit Ihrer Justiz. Drei Journalisten des TV-Senders Al Jazeera wurden inhaftiert, weil sie angeblich falsch über Ägypten berichtet hatten.
Sisi: Erstens: Wenn ich damals im Amt gewesen wäre, hätte ich keine weiteren Probleme gewollt und die drei gebeten, das Land zu verlassen. Zweitens: Unsere Justiz ist unabhängig. Es ist wichtig, dass die westliche Welt sich nicht als die einzige mit einer unabhängigen Justiz versteht.
SPIEGEL: Erwägen Sie doch eine Generalamnestie.
Sisi: Ich habe mir alle diese Probleme nicht gewünscht, weil sie dem Ruf Ägyptens schaden. Aber wir waren damals in einer Situation politischer Konfusion.
SPIEGEL: Und denken Sie nun über eine Generalamnestie nach?
Sisi: Absolut. Menschlichkeit bedeutet für mich Mitgefühl und Frieden. Beides sind für mich persönlich wichtige Werte.
SPIEGEL: Waren sie das auch schon zu Ihrer Militärzeit?
Sisi: Ich habe mich nicht verändert. Ich habe schon immer versucht, ein besserer Mensch zu werden. In all meinem Handeln versuche ich, ein wahrer Muslim zu sein.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich vom Westen missverstanden?
Sisi: Ich versuche, Ihnen die Wirklichkeit zu erklären. Sie werden die Geschehnisse in Ägypten immer mit den Augen eines Ausländers betrachten. Sie werden niemals Schaden nehmen durch das, was hier geschieht. Wenn die Dinge rau werden, packen Sie nämlich Ihre Koffer und verlassen das Land.
SPIEGEL: Dass Sie ein tiefgläubiger Muslim sind, soll den Muslimbruder Morsi dazu bewegt haben, Sie 2013 zum Chef des Generalstabs zu ernennen.
Sisi: Ich weiß wirklich nicht, warum Morsis Wahl auf mich gefallen ist. Ich habe nie vorgegeben, ein anderer zu sein, als ich bin: ein einfacher Mensch, der aber viel liest, schon immer viel nachgedacht hat. Besonders hat mich der religiöse Diskurs beschäftigt. Wir müssen diesen Diskurs überdenken und dabei die Rückwärtsentwicklung in der Region miteinbeziehen. Ich spreche dieses Thema an, auch wenn ich damit meine Hand in ein Wespennest stecke.
SPIEGEL: Sie haben kürzlich vor Gelehrten der berühmten Azhar-Universität eine religiöse Erneuerung gefordert.
Sisi: Dieser religiöse Diskurs wird seine Zeit brauchen. Es beginnt mit der Erkenntnis, dass wir ein Problem haben. Wir reden hier über die wichtigste Angelegenheit der arabischen und muslimischen Länder, denn unsere Religion ist in unsere Herzen und Hirne eingebrannt.
SPIEGEL: Bedeutet das für Sie eine Neuinterpretation des Koran oder der Scharia, der islamischen Rechts- und Lebensordnung?
Sisi: Seit 1400 Jahren steht der Koran für die absolute Wahrheit. Aber es gibt verschiedene Interpretationen. Meine Idee ist es, den religiösen Diskurs von falschen und verqueren Vorstellungen zu befreien. Vor zwei Tagen habe ich an einer Tagung teilgenommen, auf der nicht nur die höchsten Autoritäten der Azhar waren, sondern auch der Papst der Kopten, Intellektuelle und Politiker. Unser Thema war die "Freiheit der Wahl" und das große Geschenk, das diese Freiheit darstellt. Sie ist ein Bestandteil unserer Religion: Der Mensch kann selbst entscheiden, ob er Christ, Jude oder Muslim sein will.
SPIEGEL: Sollten die Muslime also gegen jene vorgehen, die ihre Religion falsch interpretieren?
Sisi: Selbstverständlich, denn diese Extremisten beleidigen nicht nur den Islam, sondern auch Gott, den Allmächtigen. Ihre falschen Vorstellungen führen dazu, dass viele Menschen sich fragen: Was ist das nur für eine Religion, dieser Islam?
SPIEGEL: Um die Extremisten des "Islamischen Staates", des IS, zu bekämpfen, hat US-Präsident Barack Obama eine internationale Koalition geschmiedet. Ägypten aber ist nur ein symbolischer Partner dieses Bündnisses.
Sisi: Wir sind Partner in diesem Kampf, aber wir führen ihn hier in Ägypten. Schon eineinhalb Jahre bevor das Bündnis geschlossen wurde, haben wir unseren Kampf begonnen. Wenn wir diesen Krieg gegen den Terror verlieren, dann wird die gesamte Region für die nächsten 50 Jahre in Aufruhr sein. Dann droht auch Europa der Angriff der Extremisten. Das habe ich meinen europäischen Freunden schon vor eineinhalb Jahren gesagt.
SPIEGEL: Und wie haben die reagiert?
Sisi: Sie wollten mir nicht glauben, sie meinten wohl, ich suche eine Rechtfertigung für die Ereignisse hier ...
SPIEGEL: ... für die Absetzung von Präsident Morsi. Nun haben Sie selbst einen Ableger des IS im Sinai, der die Einheit Ihres Landes gefährdet.
Sisi: Auf dem gesamten Sinai leben etwa 600 000 Menschen, von denen die Terroristen nur einen Bruchteil ausmachen. Sie können die Einheit Ägyptens nicht gefährden. Beachtung finden sie nur, weil ihre Taten so teuflisch sind. Wir sind entschlossen, die Terroristen zu bekämpfen.
SPIEGEL: Wer ist die größere Bedrohung: der "Islamische Staat" oder die Muslimbruderschaft?
Sisi: Sie verfolgen beide die gleiche Ideologie. Der Ursprung des Ganzen aber sind die Muslimbrüder. Aus ihnen sind alle anderen Extremisten hervorgegan-gen.
SPIEGEL: Sie klingen so, als würde ohne Sie der Terror Ägypten beherrschen. Haben die Ägypter überhaupt eine Wahl, eine Alternative zu Ihnen?
Sisi: Ich würde niemals gegen den Willen des Volkes im Amt bleiben. Das erlauben mir meine Werte und meine Vaterlandsliebe nicht.
SPIEGEL: Dass Sie im Mai 2014 bei der Wahl 96 Prozent der Stimmen erhalten haben, belegt doch, dass die Ägypter keine andere Wahl hatten.
Sisi: Ich habe der Bevölkerung von Anfang an gesagt, ich will euch nicht beherrschen. Ich bin einer von euch. Ich bin nur derjenige, der die Verantwortung übernommen hat, das Land zu retten und dessen Willen umzusetzen.
SPIEGEL: Das kann ja lange dauern.
Sisi: Ich wurde vom Volk berufen. Ich will meine Mission so schnell wie möglich erfüllen. Die Verfassung sieht nur zwei Amtszeiten vor. Ich hoffe, ich kann meine Aufgaben schon in den ersten vier Jahren erledigen.
SPIEGEL: Die für März angesetzten Parlamentswahlen sind für Sie der letzte Schritt auf dem Weg zur Demokratie?
Sisi: In der Tat. Damit haben wir unseren Fahrplan erfüllt. Dann verfügt auch Ägypten über seine drei staatlichen Gewalten. Doch um die Demokratie zu festigen, muss jede Seite, Volk wie Herrscher, den Willen und die Wahl des anderen respektieren.
SPIEGEL: Aber das künftige Parlament wird ein schwaches Parlament sein. Die Volksvertreter sollen den Etat des Militärs nicht im Detail kontrollieren dürfen.
Sisi: Wer behauptet das? Es wird besondere Ausschüsse geben, die das Budget dann diskutieren. Mal ganz nebenbei: Von allen Ländern in der Region haben wir einen der kleinsten Militäretats.
SPIEGEL: Was erwarten Sie denn bei Ihrer Aufbauarbeit von Deutschland?
Sisi: Lassen Sie mich zuerst einmal sagen, wie sehr wir die Deutschen bewundern für ihre Perfektion, für ihre Disziplin. In unserer Sympathie für Deutschland verstehen wir sogar, dass Sie die Ereignisse hier falsch gedeutet haben, denn Sie wurden von den Muslimbrüdern beeinflusst. Die Bruderschaft hat es geschafft, die öffentliche Meinung zu manipulieren.
SPIEGEL: Sie können doch nicht alle Kritik auf Manipulation zurückführen.
Sisi: Ich sitze heute mit Ihnen zusammen, damit die Deutschen besser verstehen, was hier wirklich passiert ist. Ich möchte, dass Deutschland und der gesamte Westen an unserer Seite stehen. Meine Botschaft lautet: Wenn Ägypten stabil ist, dann ist auch Europa stabil.
SPIEGEL: Erhoffen Sie sich besondere Wirtschaftshilfe von Berlin?
Sisi: Wir hoffen auf Ihre Unterstützung im Bereich Bildung und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Ich habe Bundeskanzlerin Angela Merkel zu unserer internationalen Wirtschaftskonferenz in Scharm al-Scheich eingeladen. Ich lade auch alle Ihre großen Firmen dazu ein. Und natürlich wünschen wir uns, dass wieder mehr Touristen kommen.
SPIEGEL: Die Beziehungen wären deutlich besser, wenn die Stiftungen unserer Parteien nicht so viel Ärger im Land hätten. Die FDP-Stiftung wird von der Schließung bedroht; der Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo wurde in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Sisi: Wir arbeiten sehr ernsthaft daran, diese Probleme zu lösen, damit sie unser Verhältnis nicht belasten.
SPIEGEL: Dann gibt es da auch noch Ihren Wunsch nach Radpanzern, obwohl in Berlin Bedenken bestehen, weil diese Fahrzeuge gegen Demonstranten eingesetzt werden könnten.
Sisi: Niemals ist unsere Armee gegen Demonstranten vorgegangen. Am Tag unserer Revolution, dem 25. Januar 2011, standen Panzer zum Schutz des Landes in den Straßen. Einige wurden angegriffen, brannten aus. Dennoch hat kein einziger Panzer geschossen.
SPIEGEL: Auf dem Weltwirtschaftsforum vor zwei Wochen in Davos haben Sie sich das erste Mal mit Angela Merkel zusammengesetzt. Die Kanzlerin hatte Sie bereits vor einiger Zeit eingeladen. Freuen Sie sich auf Deutschland?
Sisi: Ja, ich freue mich auf den Besuch. Als junger Offizier war ich mehrmals in Deutschland. Ich weiß, was für ein schönes Land Ihre Heimat ist.
SPIEGEL: Stimmt es übrigens, dass die Kanzlerin Sie in Davos als Anker der Stabilität gewürdigt hat?
Sisi: Ja. Aber, um genau zu sein: Sie hat nicht von mir gesprochen, sondern von Ägypten - als Anker der Stabilität in der Region.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Dieter Bednarz und Klaus Brinkbäumer.
Von Dieter Bednarz und Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 7/2015
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