07.02.2015

KommentarTierquäler oder Menschenretter?

Vergangene Woche schleppten Mitarbeiter der Tübinger Staatsanwaltschaft und Polizeibeamte stapelweise Dokumente aus dem ortsansässigen Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. Aufgrund mehrerer Strafanzeigen prüfen die Ermittler, ob die Neurowissenschaftler gegen das Tierschutzgesetz verstoßen haben. Aktivisten von der "Soko Tierschutz" oder "Ärzte gegen Tierversuche" feiern die Durchsuchung der Labors als Erfolg.
Sind in dem Tübinger Max-Planck-Institut also wirklich skrupellose Tierquäler am Werk, die aus purer Neugierde wehrlosen Affen Titanimplantate in die Schädeldecke setzen? So einfach ist es nicht.
Kaum etwas entfacht die Wut von Tierrechtlern so sehr wie neurowissenschaftliche Versuche an Affen. Dabei machen Primaten hierzulande gerade mal 0,07 Prozent aller Wirbeltiere in Tierversuchen aus. Und von diesen Experimenten dienen die meisten der Erforschung von Krankheiten, oder es geht um toxikologische Fragestellungen. Doch Fakten verblassen nun einmal angesichts der Wucht der Bilder von Affen, im sogenannten Primatenstuhl fixiert, deren Hirnströme über Drähte gemessen werden, die ihnen aus dem Kopf ragen.
Was dabei vergessen wird: Die Forscher stecken in einem Dilemma, das die ganze Gesellschaft betrifft. Die Tücken von Krankheitserregern lassen sich häufig nur im intakten Organismus erforschen, die Funktionen des Gehirns nur am arbeitenden Denkorgan. Längst werden Tierversuche nur dann genehmigt, wenn die Forscher nachweisen können, dass ihre Fragen nicht mit alternativen Methoden zu beantworten sind.
Wer gänzlich auf Tierversuche verzichten will, lehnt damit unter Umständen auch neue Therapien ab gegen Parkinson, Epilepsie oder Krankheiten wie Ebola. Und wer die Würde der Kreatur über die der vermeintlichen Tierquäler stellt, indem er diese verunglimpft oder gar mit Mord bedroht - wie in Tübingen geschehen -, dem sind die Maßstäbe ethischen Handelns vollends verrutscht.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 7/2015
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