07.02.2015

KinoVier Frauen und ein Film

Die Regisseurin Sam Taylor-Johnson wurde von Hollywood damit betraut, den Erotikbestseller „Fifty Shades of Grey“ zu verfilmen. Sie ahnte nicht, dass sie damit auch das Verhältnis der Geschlechter neu definieren würde. Von Philipp Oehmke
So sieht es aus, wenn Hollywood es ernst meint, wenn nichts schiefgehen darf und der vielleicht wichtigste Film des Jahres angekündigt wird: das Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard, dort die Suite mit der Dachterrasse, in ihre Handgelenke sprechende Sicherheitsmänner im Flur, Verschwiegenheitserklärungen, die unterschrieben werden müssen, schließlich eine lange Wartezeit.
Nur der Gegenstand, der hier beworben wird, die Verfilmung des Weltbestsellers "Fifty Shades of Grey", soll eher eine untergeordnete Rolle spielen. Universal, das Studio, das den Film in die Kinos bringt, zeigt ihn nicht, weder einem Testpublikum, wie bei solchen Filmen üblich, noch den hier versammelten Journalisten, die zu diesem Film gleich Interviews führen sollen.
Natürlich provoziert das Vermutungen, dass irgendetwas schiefgegangen ist bei dem Film, der kommende Woche auf der Berlinale seine Weltpremiere feiert.
"Ich weiß nicht, was das für eine Strategie ist", sagt die Regisseurin des Films, die englische Künstlerin Sam Taylor-Johnson, als man ihr schließlich im Ankleidezimmer der Suite gegenübersitzt.
"Buchstäblich niemand hat den Film gesehen. Ich hatte keine Testscreenings, weder für Freunde noch Familie: 'Not allowed', hieß es immer vom Studio. Für einen Regisseur ist das schwierig."
Ist vielleicht etwas nicht in Ordnung mit dem Film? Ist er misslungen?
"Ich glaube nicht", sagt Taylor-Johnson, "ich bin zufrieden, aber es gab keine Sekunde, in der es nicht schwierig war, diesen Film zu drehen. Es war ein langer Weg, und ich bin froh, dass er vorbei ist."
Das nun kommt relativ selten vor: dass ein Regisseur mehr oder weniger ungefragt über Probleme beim Dreh eines Films spricht, über Machtkämpfe, Meinungsverschiedenheiten, Deutungshoheiten. Der Film handelt von einem schwierigen Thema, vom schwierigsten vielleicht: Es geht um Sex und darum, was er anrichten kann zwischen Mann und Frau.
Sam Taylor-Johnson ist 47 Jahre alt und sieht aus wie eine Frau, die so schnell nichts umwirft, sie trägt weiß-grüne Stan-Smith-Tennisschuhe und hat einen klaren Blick. Trotzdem wirkt sie erschöpft und hat wenig Lust, das zu verbergen. Sie sei naiv gewesen, sagt sie, als sie vor zwei Jahren die Regie für diesen Film angenommen habe. Sie hatte länger nicht gearbeitet, gerade noch einmal zwei Kinder bekommen, ihr fiel es schwer, wieder Fuß zu fassen im Filmgeschäft.
Ihr war zunächst nicht klar, dass es um nichts weniger ging als um einen Weltbestseller, den mittlerweile an die hundert Millionen Menschen gekauft haben, der Fanklubs hervorgebracht hat, der Debatten über Sexualität, Gleichstellung und Feminismus ausgelöst und schließlich einen ganzen Lebensstil begründet hat: den "Fifty Shades of Grey"-Way of Life mit "Fifty Shades of Grey"-Wein, "Fifty Shades of Grey"-Unterwäsche, "Fifty Shades of Grey"-Spielzeugen und "Fifty Shades of Grey"-Sexkursen.
"Dieses Buch ist für Frauen", hat seine Verfasserin erklärt, die Autorin Erika Leonard, die sich E. L. James nennt. "Denn ich habe es für mich geschrieben."
Und nun sind es auch vier Frauen, vier Britinnen über vierzig, die für den Film verantwortlich sind: die Bestsellerautorin E. L. James mit ihren Millionen Fans im Rücken, die Universal-Chefin Donna Langley mit ihrem Hollywood-Studio hinter sich, die Drehbuchautorin Kelly Marcel und Sam Taylor-Johnson, die erst einen Kinofilm gemacht hatte und eher aus den Neunzigerjahren als Foto- und Videokünstlerin aus dem Umkreis von Damien Hirst und Tracey Emin bekannt war: was für eine eigenartige Mischung.
Verantwortlich dafür ist die Autorin E. L. James. Sie hat Donna Langley mit derem Studio ausgesucht, das ihr nicht nur kolportierte fünf Millionen Dollar und fünf Prozent an den Filmeinnahmen, sondern auch komplettes Mitspracherecht über Drehbuch, Besetzung, Regisseur, Ausstattung, Kostüme garantiert haben soll.
Sam Taylor-Johnson sagt, so einen Vertrag habe es in Hollywood wohl noch nie gegeben (und wenn die Studiobosse noch bei Sinnen sind, wird es den in Zukunft auch nie wieder geben), einen Vertrag, der einer Buchautorin so viel Kontrolle bei der Verfilmung einräumt.
Als die Drehbuchrechte 2012 auf den Markt kamen, haben mindestens sechs Studios mitgeboten. Hollywood hat einen chronischen Mangel an guten Stoffen, und "Fifty Shades of Grey", die Coming-of-Age-Geschichte eines Aschenputtels, angereichert mit abgesichertem Sadomaso-Sex, war ein super Stoff. Entscheidend aber ist, wie dieser Stoff gedeutet wird und was er eigentlich behauptet über das ewig komplizierte Verhältnis zwischen Mann und Frau. An Interpretationen von "Fifty Shades of Grey" haben sich in den vergangenen Jahren Soziologen, Psychologen, Sexualforscher und Feministinnen in ganzen Büchern versucht.
E. L. James hat klare Vorstellungen über die Bedeutung ihres Plots: Die schüchterne, sexuell unerfahrene Studentin namens Anastasia (im Film verkörpert von Dakota Johnson) trifft auf den jungen, formvollendeten Milliardär Christian Grey (Jamie Dornan), der anscheinend aus einer guten Familie stammt. Sie verliebt sich, er begehrt sie scheinbar bloß sexuell. Er entwirft einen Vertrag. Sie soll seine "Sub" werden, seine sexuell Untergebene, und ihm dienen. Er hat einen Raum dafür in seinem Penthouse in Seattle, in dem er Ketten und Peitschen und diverse Aufhängevorrichtungen bereithält. Sie entdeckt ihre Sexualität - und er dummerweise seine Gefühle. Es stellt sich heraus, dass dieser strahlende, erfolgreiche Mann emotional stark beschädigt ist. Seine Mutter war cracksüchtig, und eine ältere Frau machte ihn zu ihrem Sexsklaven, als er 15 war. Er ist eine Lost Soul, eine verlorene Seele.
Es sehe doch nur so aus, als würde sie sich ihm unterwerfen, meint Taylor-Johnson. Männer müssen gerettet werden, erfolgreiche besonders. Wir leben im Zeitalter von "The End of Men", vom Ende der Männer, wie es die Autorin Hanna Rosin vor gut zwei Jahren in einem Buch nannte: Die moderne Ökonomie, der Vormarsch der sogenannten Soft Skills, all das dränge die Männer aus ihrer Vormachtstellung. E. L. James wollte eine Regisseurin, die das Buch in diesem Sinne verfilmt.
Doch natürlich gab es andere Lesarten. Eine besteht darin, in dem Roman nicht in erster Linie das Happy End, also die Rettung einer verlorenen Männerseele zu sehen, sondern zunächst die Tatsache interessant zu finden, dass zwei Menschen hier Sadomaso-Sex haben. Denn natürlich bliebe von dem Roman nicht viel ohne das Spiel zwischen Dominanz und Unterwerfung. Dieses Spiel, so meinten die Verfechter dieser Lesart, sei bedeutsam in einer Zeit, in der die Machtbalance zwischen den Geschlechtern neu austariert werde und Frauen sich Domänen erschlössen, die lange Männern vorbehalten gewesen seien, während die Männer überhaupt nicht mehr zu wissen schienen, was eine Domäne überhaupt ist. Pornografie, lange vornehmlich ein Rückzugsort für Männer, wird von jungen Frauen inzwischen genauso konsumiert. Smartphone-Apps, die ursprünglich aus der Schwulenszene stammen, mit denen sich ermitteln lässt, wer im Umkreis von ein paar Kilometern gerade zu einem Date oder gar Sex bereit wäre, werden auch unter Frauen immer beliebter.
Da passt es, wenn eine Frau für andere Frauen einen SM-Roman schreibt, in dem Sex per Vertrag geregelt werden soll. Wie oft und wie lange muss die "Sub" dem "Dom" zur Verfügung stehen (jedes Wochenende), wie gut muss sie mit Sport ihren Körper in Schuss halten (eine Stunde, drei Tage die Woche), welche Sicherheiten muss der Dominante ihr geben? In anderen Worten: Es gibt keine Überraschungen in einer SM-Beziehung, im Gegenteil, sie verleihe Stabilität, schrieb die Soziologin Eva Illouz in einem Essay über James' Romantrilogie.
Einer, der eine eher ketzerische Deutung des Romans vehement vertritt, ist der Schriftsteller Bret Easton Ellis. Ihm schwebt kein Erotikmärchen, sondern ein harter Sexfilm vor. Er kennt sich aus mit expliziten Darstellungen. Sein Weltbestseller "American Psycho" von 1991 ist wahrscheinlich bis heute unübertroffen in seiner detaillierten Auskunft über Sex und Gewalt.
Ellis wohnt nur ein paar Kilometer vom Hotel Chateau Marmont entfernt, im elften Stock eines Apartmenthauses. Er war am Abend zuvor noch mit Taylor-Johnson und ihrem Mann essen. Er hatte den Roman gelesen, und als die Filmrechte auf den Markt kamen, wollte er das Drehbuch schreiben. In mehr als hundert Tweets machte er sich auf Twitter seine Gedanken über Ton, Stimmung, sexuelle Message und Besetzung eines solchen Films. Er fand, E. L. James hatte eine gute Story. Die Art und Weise, wie jede Sexszene die Handlung dramatisch nach vorn treibe, sei exzellent und der Roman hinreichend wenig literarisch, dass er für einen guten Film tauge.
Die beiden Hauptfiguren im Roman "Fifty Shades of Grey", sagt Bret Easton Ellis, wirkten allerdings, als seien sie von einer 50-jährigen Britin geschrieben worden. Die müsse man umschreiben. Sie müssten sprechen wie junge Amerikaner Mitte zwanzig, Anastasia dürfte also zum Beispiel nicht jedes Mal, wenn sie sich einem Höhepunkt nähert, "Holy shit" oder "Holy crap" ausrufen, und Grey müsste sich ein bisschen weniger benehmen wie einer der Adligen aus der Fernsehserie "Downton Abbey".
Die Produzenten luden Ellis ein.
Er sagt, sie seien begeistert gewesen von seinem Konzept - und meldeten sich nie wieder. Später traf Ellis E. L. James auf einer Party in Hollywood. In Ellis' Darstellung ist Erika, wie er sie nennt, eine britische Hausfrau (sie war Fernsehproduzentin), die viel Weißwein trinkt und sehr unterhaltsam ist. Er sagt, sie seien beide angetrunken gewesen, als James ihm eröffnete, dass er nie eine Chance gehabt habe, den Drehbuchjob für den Film zu bekommen. Sie sei doch nicht bescheuert und lasse den Autor von "American Psycho" an ihren Roman. Sie habe es bloß so unterhaltsam gefunden, was Ellis da ständig an Ideen für den Film auf Twitter schrieb.
Den Auftrag, das Drehbuch zu schreiben, bekam Kelly Marcel, sie war die dritte Britin im Bunde. Als der "Guardian" sie nach Fertigstellung des Drehbuchs einmal befragt hat, wie es geworden sei, wand Marcel sich lange und gestand schließlich, dass ihr verboten sei, über das Drehbuch auch nur ein Wort zu sagen. Ellis sagt, dass Marcel heute mit keiner der anderen drei Frauen noch ein Wort wechsle. Man sei sich nicht einig geworden über die Richtung, die der Film einschlagen sollte.
Sam Taylor-Johnson kam als letzte der vier Britinnen an Bord, erst nachdem andere Regisseure abgesagt hatten. Taylor-Johnson kannte das Buch nicht, las es schnell in drei Tagen vor dem ersten Treffen mit E. L. James. Es sei ihr vorgekommen, sagt sie jetzt im Chateau Marmont, wie eine Geschichte aus Grimms Märchen. So wolle sie es inszenieren: als ein modernes Märchen. Das gefiel den Produzenten, das gefiel E. L. James. Die Regisseurin hoffte, dass die Märchenidee ihr ein bisschen Freiraum geben würde.
Doch bei den Dreharbeiten in Vancouver wohnte James mit den Produzenten in einem Hotel und fuhr morgens mit ihnen zum Set. Sie hatte genaue Vorstellungen davon, wie Taylor-Johnson ihre Einstellungen zu drehen habe. Hatte sie das nicht alles entworfen? Waren es nicht ihre Szenen? Sie hatte sogar Skizzen angefertigt. Wieso sollte diese Regisseurin, die früher merkwürdige Kunstfilme für Biennalen hergestellt hat, das besser wissen als sie, die Mutter von alledem?
"Es ist schwierig", sagt Taylor-Johnson jetzt, "einen Film mit jemandem zu machen, der selbst kein Filmemacher ist, aber Macht besitzt und genau zu wissen meint, wie der Film auszusehen hat. Aber ich bin ein empathischer Mensch. Ich konnte verstehen, warum sie das brauchte."
Warum?
"Sie hat diese Figuren geschaffen. Sie liebt sie. Sie konnte nicht loslassen."
Außerdem fühlte James sich ihren Millionen Fans verpflichtet und dem ganzen Vermarktungstamtam, den sie drum herum gebaut hat, diesem ganzen "theme park of bullshit", wie Ellis es formulierte. E. L. James brauchte eine Regisseurin, die das alles verstand.
War Sam Taylor-Johnson das? Immerhin war sie Engländerin, immerhin war sie eine Frau - und sie war nicht mächtig genug, um Bedingungen zu formulieren. In England, und sogar in Hollywood-Kreisen, hatte sie ein paar Jahre zuvor für Aufsehen gesorgt, als sie mit damals 42 eine Beziehung mit dem 19-jährigen Schauspieler Aaron Johnson anfing. Johnson war der Hauptdarsteller ihres ersten Kinofilms gewesen, "Nowhere Boy", in dem er den jungen John Lennon gespielt hatte. Die Regisseurin verliebte sich in den Jungen, und als sie später heirateten, nahmen sie gegenseitig ihren Namen an (er ihren, "Taylor", sie seinen, "Johnson"). Da hatten sie schon zwei gemeinsame Kinder, für Taylor-Johnson das dritte und das vierte. Sie hatte bereits zwei aus ihrer ersten Ehe mit Jay Jopling, Englands mächtigstem Kunsthändler, von dem sie sich hatte scheiden lassen.
Eine zweite Ehe mit jemandem einzugehen, der mehr als zwei Jahrzehnte jünger ist, ist ein Verhalten, das in westlichen Zivilisationen vor allem mächtigen, wohlhabenden Männern vorbehalten war. Die Boulevardpresse nannte Taylor-Johnson einen "Cougar", was übersetzt Puma heißt und ältere Frauen bezeichnet, die ihre Macht und ihr Geld nutzen, um jüngere Männer in eine Beziehung oder auch nur ins Bett zu locken.
E. L. James' Narrativ aber basiert auf konventionellen Rollenzuschreibungen, die aus einem Roman des 19. Jahrhunderts stammen könnten. Und möglicherweise hätte James darauf kommen können, dass Taylor-Johnson mit diesen Rollen nicht mehr besonders viel anfangen kann.
Sam Taylor-Wood, wie sie bis zur Hochzeit mit Aaron Johnson hieß, ist mehr oder weniger ohne Eltern aufgewachsen, geboren im Süden von London, in Croydon, wo auch Kate Moss herkommt. Ihr Vater verließ die Familie, als Sam neun war, um Schatzmeister eines Rockerklubs zu werden. Ein paar Jahre später verabschiedete sich auch die Mutter nach Indien, wo sie Yoga machen wollte. Sam Taylor-Wood war 15 und hatte de facto keine Eltern mehr (bis sie später durch Zufall feststellte, dass die Mutter gar nicht nach Indien, sondern nur eine Straße weiter gezogen war).
Das meiste aus dieser Zeit habe sie verdrängt, sagt Taylor-Johnson heute, sie fühle nur Taubheit, wenn sie an ihre Kindheit denke. Und E. L. James hat mit ihrem männlichen Protagonisten Christian Grey eine Figur erfunden, die in Taylor-Johnson alle Saiten zum Schwingen bringt. "Dieses Kindheitstrauma, der Schmerz und die Anstrengung, ihn zu verstecken: Damit kann ich viel anfangen."
In den Neunzigerjahren beginnt sie zu fotografieren. Es ist die Zeit von Oasis, Blur und der Young British Artists, in deren Zentrum ein junger Künstler namens Damien Hirst steht, der gerade einen Hai in Formaldehyd eingelegt hat. Taylor-Wood ließ sich mit heruntergelassenen Hosen fotografieren und nannte das Werk "Fuck, Suck, Spank, Wank" (1993), ficken, saugen, verhauen, wichsen. Sie ließ in Fraktur das Wort "Cunt" - Fotze - auf weißem Grund drucken, und auf der Fotografie "Slut" (Schlampe) sieht man, wie ihr Hals übersät ist mit dunklen Blutergüssen.
"Es hat mich interessiert", sagte Taylor-Wood damals, "mich in eine scheinbar verletzliche Position zu bringen und diese dann mit Humor und anderen einfachen Mitteln auf den Kopf zu stellen. In 'Slut' habe ich diese Knutschflecken, aber mein Gesichtsausdruck zeigt, dass ich glücklich bin. Glücklich, dass ich in der Nacht zuvor wilden Sex hatte. Anstatt verletzt, dass ich Opfer von irgendwas bin."
Zusammen mit der Kollegin Tracey Emin stellte sich Taylor-Wood gegen feministische Künstlerinnen der Siebzigerjahre, die in Frauen Opfer sahen und in Sexualität eher eine männliche Bedrohung.
Ihr erster Ehemann Jay Jopling war der Sohn eines Tory-Abgeordneten, ist auf Englands beste Schule gegangen und trug Anzüge von den Schneidern in der Savile Row. Diese Ehe war insofern, so sagt es Taylor-Johnson heute, wenn man so will, das Gegenteil der heutigen, zweiten Ehe. Und ja, sie hatte in ihrer Dynamik durchaus etwas mit "Fifty Shades of Grey" zu tun. "Vielleicht verstehe ich das Verhältnis des mächtigen Grey mit der kleinen Anastasia deswegen so gut."
Schon früher gab Taylor-Johnson als Hauptmotivation ihrer Kunst ihr "konstantes Interesse an männlicher Verletzlichkeit" an, und das hat sich bis heute nicht geändert. Ihre populärsten Arbeiten stammen aus den Nullerjahren, ein Video des schlafenden David Beckham, Porträts von weinenden männlichen Stars, Robin Williams, Dustin Hoffman, Daniel Craig, Paul Newman und anderen.
Nimmt man dies alles zusammen, müsste Sam Taylor-Johnson einen radikalen Film gemacht haben, mit expliziten Sexszenen, über eine nur scheinbar schwache Position der Frau und die wahre Verletzlichkeit des Mannes und die Angst vorm Verlassenwerden. All das gibt "Fifty Shades of Grey" her.
Aber Sam Taylor-Johnson sagt, sie habe keinen radikalen Film gedreht.
Die Sexszenen seien geschmackvoll, nicht explizit ausgefilmt. Sie ist heute eben Sam Taylor-Johnson und nicht mehr Sam Taylor-Wood. Eine Feministin zu sein bedeute heute nicht mehr, immer "on top" sein zu müssen. Andererseits hat sie vier Töchter. Sie spüre eine Verantwortung, die Geschichte in ihrem Film richtig zu erzählen, und richtig heißt in diesem Fall als eine Befreiung, als eine Stärkung, als eine Ermächtigung der Frau.
Ist es ihr gelungen?
Sam Taylor-Johnson steht auf. Draußen wartet ihr Ehemann, Aaron, 24 Jahre alt. Er passt auf die beiden kleinen Kinder auf. Sie sind alle zusammen von London nach Hollywood gezogen. Dann sagt Taylor-Johnson: "Jeder, der Filme macht, will mehr Freiheit. Aber das ist schwierig. Da wird immer jemand sein, der mehr Geld hat und dich bezahlt."
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 7/2015
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