07.02.2015

Journalisten„Ich habe es einfach satt“

Christoph Maria Fröhder ist einer der profiliertesten Reporter der ARD. Er hat jahrzehntelang aus Kriegen berichtet und Skandale enthüllt. 72-jährig legt er sich nun mit „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ an. Es ist eine Abrechnung.
Auf der Kaffeetasse vor ihm auf dem Tisch steht der Satz: "Trust me ... I'm a reporter" ("Vertrau mir ... Ich bin Reporter"). Christoph Maria Fröhder zeigt darauf und lacht. "Das ist ein bisschen wie: Ich bin Arzt, lassen Sie mich durch. Oder?"
Fröhder ist 72 Jahre alt. Seit Jahrzehnten berichtet er aus den Krisengebieten der Welt, er ist eines der wichtigsten journalistischen Aushängeschilder der ARD. Er hat aufsehenerregende Filme gemacht, wichtige Preise gewonnen. Demnächst will er wieder in den Nahen Osten reisen, für eine Recherche über den "Islamischen Staat" (IS).
Weder das Alter noch die Strapazen des Jobs sieht man ihm besonders an. Was ihn in seinem Auftreten jedoch beinahe Hollywood-reif für die Rolle des Reporters macht, ist seine direkte, raubeinige Art zu reden. Er führt einen gern durch sein Haus im Frankfurter Holzhausenviertel und durch sein Leben als Reporter. Im Keller hat er in einem Bilderrahmen Visa und Akkreditierungen gesammelt. Der Platz reicht schon seit Jahren kaum noch aus.
Doch Fröhder will nicht über die Vergangenheit reden, sondern über die Gegenwart. In einem Alter, in dem andere längst die Pension des öffentlich-rechtlichen Rundfunks genießen, legt er sich noch einmal mit diesem Apparat an. Fröhder ist nicht Teil der Struktur. Er ist freier Autor, produziert seine Filme selbst. Seine Kritik an der "Tagesschau" und an den "Tagesthemen", die er in der folgenden Stunde formulieren wird, ist hart. Sie ist konkret, und sie gipfelt in seinem - eher symbolischen - Entschluss, sich journalistisch von "Tagesschau" und "Tagesthemen" zu verabschieden, so wie die Sendungen derzeit geführt werden.
Fröhder steht mit seinen Vorwürfen nicht allein. Das Image der "Tagesschau" als unumstrittener 20-Uhr-Leuchtturm der Nation hat Kratzer bekommen, die "Tagesthemen" tun sich schwer als Pflichtprogramm der politisch Interessierten. Die Sendungen werden massiv hinterfragt, von Bloggern, von Zuschauern, von Interessengruppen. Ihre fraglose Autorität haben sie - wie andere journalistische Institutionen auch - verloren.
Fröhder ist ein manchmal störrischer Charakter, aber er ist ein Mann der ARD durch und durch. Es kann sein, dass seine Kritik aus dem Inneren des öffentlich-rechtlichen Kosmos bloß den üblichen Abwehrreflex auslöst. Vielleicht ist sie auch geeignet, eine Debatte anzustoßen über das journalistische Selbstverständnis der Öffentlich-Rechtlichen. Fällig wäre sie.
SPIEGEL: Herr Fröhder, Sie greifen "Tagesschau" und "Tagesthemen" heftig an. Was stört Sie?
Fröhder: Ich bin durch mit der "Tagesschau". Ich bin durch mit den "Tagesthemen". Das ist kein journalistisches Umfeld mehr für mich. Ich stoße da auf Leute, denen die Administration wichtiger ist als guter Journalismus. Diese Strukturagenten ersticken den Journalismus.
SPIEGEL: Sie haben jahrelang nichts mehr für diese Sendungen gemacht. Kommt Ihr Entschluss nicht etwas spät?
Fröhder: Vermissen werden die mich nicht. Die sind vermutlich froh, wenn der olle Fröhder nie wieder bei ihnen aufschlägt. Aber ich formuliere die Kritik nicht für mich. Ich will, dass sich etwas ändert, damit die jungen Kollegen in Zukunft wieder den Journalismus machen können, den die ARD braucht. Mein Entschluss ist auch ein symbolischer Abschied.
SPIEGEL: Sie haben Ihre gesamte Karriere lang vom System ARD profitiert.
Fröhder: Ich habe in diesem System jahrzehntelang immer wieder mit guten Kollegen zusammengearbeitet, aber schlechte Erfahrungen mit dem System, der Kleinstaaterei der einzelnen Anstalten, gemacht. Ich habe den Redaktionen Vorschläge gemacht, und die haben sie gnadenlos kopiert und mich rausgehalten. Oft genug musste ich den Korrespondenten vor Ort um Zustimmung fragen, ob ich sein Gebiet im Namen der ARD überhaupt betreten darf - und oft genug wurde mir die Zustimmung verweigert.
SPIEGEL: Sie waren in Phnom Penh bei den Roten Khmer, Sie waren als einziger europäischer Reporter 1991 im umkämpften Bagdad. Sie waren ständig in den Krisengebieten der Welt. Immer für die ARD.
Fröhder: Und es war immer auch ein Kampf gegen das System, dorthin zu kommen. Es war ein Kampf gegen die einzelnen Anstalten, gegen die Redaktionen, gegen die ewigen Besitzstandswahrer.
Man muss ein wenig ausholen, um das System zu erklären, mit dem die ARD im Ausland arbeitet. Der Senderverbund hat die Welt in Berichterstattungsgebiete aufgeteilt, für die jeweils eine Landesrundfunkanstalt allein zuständig ist. Der SWR berichtet aus Kairo über die arabische Welt. Der BR aus Tel Aviv. Der WDR aus Moskau. Und so weiter. Washington ist zweigeteilt. Hier sind WDR und NDR gemeinsam verantwortlich.
Jeder Korrespondent, jede Landesrundfunkanstalt wacht mehr oder weniger eifersüchtig darüber, dass niemand die Kreise ihrer Berichterstattung stört. Mit seinem Ärger über dieses System ist Fröhder nicht allein. Andere Journalisten, die frei für die ARD arbeiten und zu den Besten ihrer Zunft gehören, berichten über ähnliche Erfahrungen. Auch sie klagen über die öffentlich-rechtliche Kleinstaaterei der "Platzhirsche", "Vorgärten", "Erbhöfe" - bloß nicht öffentlich. Mancher sagt, er fühle sich manches Mal rausgedrängt, regelrecht gemobbt von den ARD-Statthaltern vor Ort. In der Not greifen die Filmemacher gelegentlich zu absurden Tricks. Es gibt Auslandsreportagen, die zu Inlandsreportagen umdeklariert werden, indem für den Film mühselig ein Bezug zu Deutschland hergestellt wird. Mit solchen Hilfskonstruktionen wird dann der Konflikt mit einer anderen Redaktion oder einem Korrespondenten vor Ort umgangen.
SPIEGEL: Was wäre so schlimm daran, wenn Sie etwa "Tagesschau"-Berichte aus dem Irak mit dem SWR absprechen müssten?
Fröhder: Ich habe es einfach satt. Wie oft bin ich mit Filmmaterial dort angekommen, mit wirklich gutem, exklusivem Material. Und dann kamen die Redakteure mit irgendwelchen Resten aus ihrem ARD-Studio in Kairo und verlangten, dass ich davon Passagen reinschneide. Es geht da meistens nicht um Journalismus oder Qualität, es geht bloß um Macht. Die Karrierestrukturen und die verbitterte Konkurrenz der ARD-Anstalten untereinander verhindern eine sinnvolle Aufteilung der Arbeit zwischen Korrespondent und Reporter.
In der aktuellen Kritik vieler Beobachter an "Tagesschau" und "Tagesthemen" geht es nicht mehr bloß um eine falsch kolorierte Landesflagge oder andere ebenso peinliche wie verzeihliche Pannen. Es scheint, als gelänge der ARD-Redaktion vor allem der Umgang mit Bildmaterial nicht mehr besonders souverän.
Beim G-20-Gipfel wurde der russische Präsident Wladimir Putin gezeigt, wie er angeblich allein am Tisch sitzt - als optischer Beweis, wie isoliert er bei der Veranstaltung gewesen sei. "Einsam und verlassen", so der Text. Das passte nicht 100-prozentig dazu, dass der Kellner, der vorn im Bild zu sehen war, die brasilianische Präsidentin verdeckte, die mit Putin am Tisch saß.
Beim Pariser Gedenkmarsch nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" erweckten "Tagesschau"-Bilder den Eindruck, die Staats- und Regierungschefs seien direkt an der Spitze der Trauerdemonstration gegangen. Tatsächlich waren die Mächtigen in einem getrennten Block gelaufen. Aus Sicherheitsgründen.
Ein Bericht aus der Ukraine, der sich auf Fremdmaterial stützte, wies Schützen als angeblich prorussisch aus. Nach Kritik nahm die "Tagesthemen" die Behauptung zurück und bezeichnete die Kämpfer nun als ukrainische. Ein anderes Mal wurden Bilder eines abstürzenden Hubschraubers gezeigt - angeblich in der Ukraine gefilmt. Tatsächlich stammten die Bilder aus Syrien und waren ein Jahr alt.
SPIEGEL: Teilen Sie die Kritik, dass die "Tagesschau" ihr Bildmaterial nicht kritisch genug prüfe?
Fröhder: Ich sehe ein Grundrisiko bei der Übernahme von Fremdmaterial, das kaum zu beseitigen ist. Mich ärgert schon dieser regelmäßige, phrasenhafte Satz: "Wir können die Echtheit des Videos nicht vor Ort kontrollieren." Warum lassen wir es dann nicht weg? Viele diese Pseudobebilderungen sagen überhaupt nichts Neues.
SPIEGEL: Es gibt ein eigenes "Tagesschau"-Team, das Bildmaterial prüfen soll.
Fröhder: Ich bin immer misstrauisch gegenüber fremden Filmmaterial gewesen. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man es letztlich nicht nachprüfen kann. Bei diesem sinnlosen Herausnehmen von Material läuft man ständig Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen.
SPIEGEL: Ein harter Vorwurf.
Fröhder: Ich weiß. Aber denken Sie nur an dieses Video, das der von mir persönlich geschätzte Kollege Volker Schwenck gemacht hat.
SPIEGEL: Schwenck hat IS-Kämpfer interviewt, die ihm gefesselt mit verbundenen Augen von einer Miliz vorgeführt wurden.
Fröhder: Das war ein Schock. Die Menschenwürde gilt auch außerhalb Deutschlands. Aber so etwas kann einem Reporter, der stolz auf seinen Scoop ist, durchaus passieren. Der Job der Redaktion ist es, ihn zu bremsen. Hier hat sie versagt. Sie versagt im Übrigen auch, wenn sie ständig diese Videos zeigt, die der IS ins Internet stellt. So besorgt man bloß das Propagandageschäft von Terroristen.
Die "Tagesschau" hat einen Blog, in dem meist der zuständige Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, auf Kritik an der Sendung reagiert. Er gibt dort manchmal Fehler zu, manchmal wirbt er um Verständnis für die Arbeitsabläufe. Manchmal prügelt der von Kritikern Angegriffene auch bloß genervt zurück. "Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt's", schrieb er zum Vorwurf, die Inszenierung der Regierungschefs als Teil der Pariser Demo nicht transparent gemacht zu haben. Das sei "kompletter Unfug", wetterte Gniffke. Schließlich handle es sich "immer" um Inszenierung, wenn Politiker vor Kameras träten.
SPIEGEL: Die "Tagesschau" pflegt in ihrem Blog ein wenig Transparenz.
Fröhder: Meistens wird da aber nur eine Abwehrhaltung spürbar. Kritik ist nicht erwünscht. "Ich bekomme wieder auf die Fresse!" Was ist das für eine Ausdrucksweise für einen Chefredakteur. Mich nervt diese sprachliche Verlotterung! In den Beiträgen wimmelt es vor Grammatikfehlern. Da ist die Anmoderation des Sprechers identisch mit den ersten zwei Sätzen des Films. Und dann dieses ständige Geduze! Jeder Korrespondent wird mit Vornamen aufgerufen. Es ist dem Zuschauer gegenüber unhöflich, es ist ärgerlich. Hajo Friedrichs hat mich intern geduzt, auf dem Schirm immer gesiezt. Ulrich Wickert genauso. Darüber haben wir gar nicht geredet, das war klar. Heute ist da bloß noch aufdringliche Kumpanei.
SPIEGEL: Wäre es Ihnen staatstragend lieber?
Fröhder: Der pseudolockere Ton sagt ja noch nichts über die Haltung. Inhaltlich sind "Tagesschau" und "Tagesthemen" ja weiterhin staatstragend. Der Journalismus
dieser Sendungen ist nur noch additiv. Es werden bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen. Da beginnt doch die eigentliche Arbeit. Warum hat sich etwas so entwickelt? Kann es auch anders sein? Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg.
Routine hat Fröhder nie gemocht. Er hat sie auch nie gesucht. Das macht sein Reporterleben interessant - und seine Kritik an Journalisten, die ihre Karriere hauptsächlich innerhalb von Funkhäusern verbracht haben, so harsch. Er findet seinen Beruf, seine Arbeit, sein Lebenswerk wichtig, und er verbirgt das nicht. Fröhder kann stundenlang erzählen. Wie er im Gipskorsett Filmmaterial aus Phnom Penh schmuggelte, wie er mit Entführern verhandelte, wie er Interviews mit Potentaten ablehnte, weil er sich nicht zensieren lassen wollte. Er liebt seinen Beruf, und am meisten liebt er daran das Überraschende.
SPIEGEL: Was vermissen Sie?
Fröhder: Mir fehlen in der "Tagesschau" und in den "Tagesthemen" recherchierte und investigative Beiträge. Also solche, in denen Reporter vor Ort sind und kritisch nachfragen. Nur dadurch kann man Inszenierungen entlarven, wie beispielsweise beim Trauermarsch in Paris.
SPIEGEL: Können Sie eigentlich auch loben?
Fröhder: Markus Preiß hat die "Brennpunkte" zu Paris exzellent moderiert. Es gibt wieder ein paar junge Leute, die mir Hoffnung machen. Das sind wieder Journalisten und nicht nur Karrieristen. Die Korrespondentin Golineh Atai ist auch so ein seltener Lichtblick. Sonia Seymour Mikich, die neue WDR-Chefredakteurin, scheint mir die richtigen jungen Leute zu fördern. In den Jahren zuvor wurde ja bloß die Alterspyramide nach oben geschoben.
Fröhder erzählt vom Besuch des Chefredakteurs Gniffke vor ein paar Jahren. Der habe zwar seine Arbeit gelobt, aber als es konkret wurde, sei es zum Konflikt gekommen. Fröhder wollte seine Beiträge aus Krisengebieten direkt für "Tagesschau" und "Tagesthemen" anbieten. Das habe er früher auch getan. Gniffke bestand darauf, dass Fröhder seine Filme mit der jeweils zuständigen ARD-Landesrundfunkanstalt abspreche. Gniffke findet die Konstruktion vorteilhaft. Er ist aus Erfahrung vorsichtig gegenüber Freelancern. Nachdem ein freier Autor einen Film über Kuba gemacht hatte, bekam die ARD ein Jahrzehnt lang keine Akkreditierung. Erst seit ein paar Wochen kann sie wieder von der Insel berichten.
SPIEGEL: Sie kennen dieses System doch schon lange. Woher kommt jetzt der Frust?
Fröhder: Es gab früher immer Chefredakteure, die selbst Lust hatten, dem System ein Schnippchen zu schlagen. Da war ein Nikolaus Brender, damals beim WDR. Er hat mich in den Irak fahren lassen, obwohl eigentlich der damalige SDR zuständig war, und hat sich um den administrativen Ärger selbst gekümmert. Da war ein ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann, der sich bei Krisen immer wieder für Sonderreporter eingesetzt hat, der aktiv wurde, um die Egoismen der Korrespondenten und ihrer Heimatsender zu brechen.
SPIEGEL: Vielleicht hatten Sie früher bloß mehr Freunde unter den Chefredakteuren.
Fröhder: Freunde waren das auch nicht. Ich habe mit vielen fürchterlich gestritten. Aber denen ging es noch um Journalismus - nicht bloß um Management.
SPIEGEL: Früher war alles besser?
Fröhder: Was ich sage, ist nicht bloß die Kritik eines alten, verbitterten Mannes. Ich stehe noch voll im Leben. Ich reise demnächst wieder ins Ausland. Auch jetzt bin wieder für die ARD auf Recherche, aber ich werde mein Material nicht mehr "Tagesschau" und "Tagesthemen" anbieten. Ich bin bloß einer, der klare Kriterien hat - und wenn diese Kriterien heute nicht mehr eingehalten werden, spricht das ja nicht gegen den Kritiker. ■
"Ich formuliere die Kritik nicht für mich. Ich will, dass sich etwas ändert - für die jungen Kollegen."
"Es werden nur noch scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen."
* Markus Brauck in Fröhders Wohnung in Frankfurt am Main.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 7/2015
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