14.02.2015

UkraineDer rote Platz

Mit dem Sieg der Maidan-Demonstranten kehrte der Krieg nach Europa zurück. Denn Moskau unterstellte dem Westen einen Staatsstreich - und reagierte mit der Annexion der Krim. Was ist wirklich geschehen? Die Geschichte der letzten, schicksalhaften Tage des Aufstands.
Die große Krise, die Europa heute heimsucht, begann auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum Kiews. 13 Wochen lang protestierten hier Tausende Ukrainer, seit dem schicksalhaften 21. November 2013, an dem Präsident Wiktor Janukowytsch in letzter Minute verkündete, er werde das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen.
Die 96 Stunden zwischen dem 18. und 21. Februar 2014 waren der Höhepunkt des Aufstands. Danach flüchtete der Präsident - und nach Europa kehrte der Krieg zurück. Ein Krieg, in dem schon mehr als 5000 Menschen getötet wurden und dessen Ende nicht abzusehen ist. Selbst wenn der in Minsk vereinbarte Waffenstillstand im Donbass diesmal halten sollte, der neue kalte Krieg, das Zerwürfnis zwischen Ost und West, könnte Jahre andauern.
Im Kern des Konflikts stehen auch die unterschiedlichen Blickweisen in Russland und im Westen, die empfundenen Verletzungen, die im Maidan-Aufstand gründen.
Aus westlicher Sicht war der Maidan ein Ort der Freiheit, an dem das Volk gegen einen brutalen Tyrannen rebellierte, der am Ende seine erbeuteten Reichtümer zusammenraffte und floh. Eine Geschichte, in der das Gute über das Böse siegt.
Aus russischer Sicht war der Maidan ein Ort der verlorenen Machtprobe und des gekränkten Stolzes. Da stürzten angebliche Faschisten einen gewählten Präsidenten, angestiftet und unterstützt von westlichen Politikern und Medien. Und das ohne Rücksicht auf Russland, das sich durch die gemeinsame Geschichte eng mit der Ukraine verbunden fühlt.
Diese radikal unterschiedliche Deutung ist die Grundlage für den aktuellen Konflikt, für die Annexion der Krim und die militärische Übernahme der Ostukraine durch von Moskau mit Waffen und Truppen unterstützte Separatisten.
Viel ist geschrieben worden über diese vier Tage, die die Welt veränderten. Und doch hilft ein Jahr später der Blick zurück, um mit Abstand das ganze dramatische Ausmaß der Ereignisse zu verstehen.
Redakteure und Mitarbeiter des SPIEGEL haben mit drei Dutzend Beteiligten gesprochen, um diese Tage zu rekonstruieren. Vor allem sieben Personen spielten eine wichtige Rolle, es sind Politiker, Maidan-Aktivisten und Diplomaten.
Da ist auf der Seite der Demonstranten Arsenij Jazenjuk, Abgeordneter und Oppositionsführer, nach dem Aufstand wird er Premierminister. Auf ihn setzen Europa und die USA. Da ist zudem der nationalistische Maidan-Kommandeur Andrij Parubi, der heute stellvertretender Vorsitzender des Parlaments ist, wo er bereits früher durch Prügeleien aufgefallen war. Auch der populäre Hundertschaft-Anführer Wolodymyr Parasjuk ist ins Parlament eingezogen, nachdem er im Sommer in der Ostukraine gegen die prorussischen Separatisten gekämpft hatte und schwer verwundet wurde.
Auf der anderen Seite versuchte Putins Diplomat Wladimir Lukin, das Abdriften der Ukraine ins westliche Lager zu verhindern; Innenminister Witalij Sachartschenko sollte den Aufstand niederschlagen. Sie beide sprachen hier erstmals mit westlichen Journalisten über die Ereignisse.
Lukin war Putins Menschenrechtsbeauftragter, inzwischen steht er dem Paralympischen Komitee vor. Sachartschenko hat sich nach Moskau abgesetzt. Er ist nun "Oberkonsultant" des Staatskonzerns Rostech und betreibt eine Stiftung, die geflüchteten ukrainischen Polizisten hilft. Janukowytsch hat er seither mehrmals getroffen. Sachartschenko, begleitet von einem halben Dutzend Gehilfen und Leibwächtern, empfängt in einem Moskauer Restaurant, das für das vierstündige Treffen geschlossen wurde.
Sachartschenkos Mann auf dem Maidan war Oberst Timur Zoj von der Spezialeinheit "Tiger". Er kehrte nach dem Umsturz auf die Krim zurück - nur dass er jetzt die blaue Uniform der Offiziere des russischen Innenministeriums trägt.
Zwischen den beiden Seiten vermittelte Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zusammen mit seinen Kollegen Radoslaw Sikorski aus Polen und Laurent Fabius aus Frankreich - in der Hoffnung, eine weitere Eskalation verhindern zu können.
Die Gespräche mit ihnen ergeben kein völlig neues, aber doch ein sehr viel detaillierteres Bild der Ereignisse - vor allem aber helfen sie bei der Beantwortung zentraler Fragen: Haben wirklich allein die Truppen von Präsident Janukowytsch auf dem Maidan geschossen? Waren die Europäer, die zu Verhandlungen nach Kiew eilten, willige Helfershelfer eines "Staatsstreichs", wie Moskau behauptet? Und war das Leben von Präsident Janukowytsch tatsächlich so bedroht, dass seine Flucht am Ende unausweichlich war?

Dienstag, 18. Februar 2014

Maidan, 9 Uhr. Am 90. Tag der Proteste sieht der Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew aus wie ein Kriegsgebiet. Nachdem der Platz im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, wurde er im Sowjetstil aufgebaut. Hier stehen das Hotel Ukrajina, das Konservatorium, ein Einkaufszentrum, das Haus der Gewerkschaften und das Hauptpostamt. Ein monumentales Denkmal für die Oktoberrevolution wurde nach 1991 abgetragen, dafür ragt jetzt hier die Unabhängigkeitssäule 63 Meter hoch auf. Sie ragt aus Barrikaden heraus, aus Müll, neben ihr liegen Schlafende unter Decken. Vom Platz geht die Instytutska-Straße ab. Und auf ihr marschieren jetzt Tausende Demonstranten, viele mit Knüppeln.
An der Spitze läuft der Maidan-Kommandeur Andrij Parubi, ein Mittvierziger mit Halbglatze, ein Nationalist, seit November Kommandeur der "Samooborona". So heißen die bewaffneten Selbstverteidigungseinheiten. Sie wollen das Regierungsviertel blockieren - und damit werden sie die Eskalation starten, die Janukowytsch am Ende fliehen lässt.
Innenministerium, am Vormittag. Im zweiten Stock des Gebäudes, nicht weit vom Sitz des Präsidenten, verfolgt Innenminister Witalij Sachartschenko, 51, was passiert. Er muss dafür sein Ministerium nicht verlassen, denn Kameras liefern ihm Bilder von allen neuralgischen Punkten im Stadtzentrum; die Anlage wurde zur Fußball-Europameisterschaft 2012 installiert. Er kann die Revolte auf seinen Monitoren beobachten, und er sieht, dass die Demonstranten losmarschieren.
Der Minister meint, dass der Protest sich von Anfang an auf radikale Kräfte gestützt hat. Jetzt ist er vollends überzeugt, dass der Maidan den Oppositionspolitikern entglitten ist. Bei ihrem letzten Treffen habe ihm Jazenjuk gesagt: "Wir haben die Radikalen nicht im Griff."
Sachartschenko sieht auch, dass viele Aktivisten maskiert sind. Seine Mitarbeiter haben ihm berichtet, dass radikale Demonstranten im besetzten Gewerkschaftshaus Molotowcocktails basteln und ein kleines Arsenal von Schusswaffen lagern.
Der Innenminister schickt seine Spezialeinheit Berkut los, die "Steinadler", Profis in der Niederschlagung von Protesten.
Instytutska-Straße, später Vormittag. Tränengas liegt in der Luft, ohrenbetäubend explodieren die Blendgranaten, mit denen die Berkut-Polizisten gegen die Demonstranten vorgehen. Parubi wird am Bein verletzt, er atmet Tränengas ein, übergibt sich und verliert das Bewusstsein. Sein Assistent fährt ihn ins Krankenhaus, wo ihn ein den Demonstranten wohlgesinnter Arzt unter falschem Namen registriert. Niemand darf erfahren, dass Parubi hier liegt - denn immer wieder werden Aktivisten von der Polizei aus dem Krankenhaus entführt. Parubi weiß aus sicherer Quelle, dass er auf der Liste ganz oben steht.
Konservatorium am Maidan, 13.45 Uhr. Ein junger Mann betritt den weißen Bau an der Südseite des Platzes. Er will das Konservatorium übernehmen, denn die Maidan-Aktivisten brauchen Räume zum Übernachten, einen Platz für die Verletzten und eine Verpflegungsstelle. Der Mann heißt Wolodymyr Parasjuk, er ist 26 Jahre alt, geboren in einem Dorf in der Westukraine. Parasjuk ist ein nicht sonderlich duldsamer junger Mann, er hat ein abgebrochenes Elektronikstudium hinter sich und betreibt in Lwiw ein Studio für Videoaufnahmen. Er ist Nationalist, gehört aber nicht zum berüchtigten "Rechten Sektor". In den vergangenen Jahren hat er mindestens vier Militärlager durchlaufen, hat Nahkampf und Schießen gelernt. Seit dem 28. November ist er auf dem Maidan.
Parasjuk ist erfolgreich, die Aktivisten dürfen das Gebäude nutzen. Dann geht er mit seinem Vater auf den Platz und hilft beim Barrikadenbau.
Maidan, ab 20 Uhr. Die Polizei stürmt den Platz von allen Seiten, die Räumung beginnt. Die Demonstranten verteidigen sich, aber die Polizisten kämpfen sich zur Mitte des Platzes vor. Ein Panzerwagen wird beim Versuch, eine Barrikade zu durchbrechen, mit Molotowcocktails in Brand gesetzt, die Besatzung flieht aus dem Fahrzeug.
Oberst Timur Zoj ist mit seiner Spezialeinheit "Tiger" seit dem 1. Dezember auf dem Maidan. An diesem Tag verliert er
zwei Männer, einem zieht er noch den Helm ab, dann stirbt er. "Der Schuss traf in den Hals zwischen Helm und schusssicherer Weste", erzählt der Offizier rückblickend. Die 16-Millimeter-Patrone stammt aus einem Jagdgewehr. Solche Schusswaffen benutzen manche Maidan-Kämpfer, das belegen Videoaufnahmen.
"Die Maidan-Aktivisten haben ausschließlich aus Jagdwaffen geschossen, die registriert waren, meist vom Kaliber 12 - und das auch nur, um sich gegen das Feuer der Sicherheitskräfte zu wehren", sagt dagegen Parasjuk. Sie folgten damit einem Aufruf von Abgeordneten, registrierte Waffen zur Selbstverteidigung zu nutzen.
Gewerkschaftshaus am Maidan, 23 Uhr. 238 Kämpfer der Eliteeinheit "Alpha" des Inlandsgeheimdienstes gelangen über das Dach eines angrenzenden Hotels in das Gewerkschaftshaus. Die Aktivisten werfen Molotowcocktails auf die Eindringlinge, Feuer bricht aus. Schnell steht das Gebäude in Flammen. Die Demonstranten spannen ein Sprungtuch aus Zeltplanen auf, damit sich die Menschen aus den vom Feuer abgeschnittenen Etagen retten können.
Berlin, am späten Abend. Als das Gewerkschaftshaus in Kiew Feuer fängt, ist Außenminister Steinmeier mit dem "Kältebus" unterwegs. Helfer sammeln damit Obdachlose auf. Als er von der Eskalation hört, telefoniert der Deutsche mit seinem polnischen Kollegen Sikorski, der gerade in den Alpen Ski läuft.
Bei den deutsch-französischen Regierungskonsultationen am nächsten Morgen wird Steinmeier den Franzosen Laurent Fabius ins Boot holen. Mit einer Mission des "Weimarer Dreiecks" aus Deutschland, Frankreich und Polen wollen die Europäer in letzter Minute versuchen, die Eskalation zu stoppen. Steinmeier lässt an diesem Abend eine Erklärung verbreiten, in der er all denen in Kiew mit "persönlichen Sanktionen" droht, die "Entscheidungen zu verantworten haben, die zu weiterem Blutvergießen führen".
Konservatorium, kurz vor Mitternacht. Kommandeur Parasjuk hat alle Türen verbarrikadieren lassen, seine Leute haben Schläuche und Löschsand bereitgelegt. Berkut-Spezialeinheiten feuern Blendgranaten und Tränengaskartuschen, Wasserwerfer sind aufgefahren, auch Schüsse sind zu hören. Parasjuk lässt die Scheinwerfer aus dem Konzertsaal zusammentragen - er will die Angreifer blenden. Doch diese nehmen die Scheinwerfer unter Feuer. Es fliegen Molotowcocktails, auch Parasjuk wirft mit. Neben ihm schlägt eine Kugel ein, er stürzt und bricht sich einen Finger. Doch sie können das Konservatorium halten.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Maidan, Nacht und frühe Morgenstunden. Kommandeur Parubi hat es im Krankenhaus nicht ausgehalten, er hat sich die Infusion aus dem Arm gezogen und ist zum Maidan geeilt. Die Auseinandersetzungen werden heftiger, 20 000 Demonstranten und 3000 Ordnungskräfte stehen sich gegenüber. Der Kommandant befiehlt seinen Leuten, die 50 Meter breite Verteidigungslinie in Brand zu setzen. Der giftige Rauch der brennenden Gummireifen legt sich über den Platz.
Auch der Oppositionsführer Arsenij Jazenjuk ist da, seine Augen sind rot von zu wenig Schlaf. Er ist erst 39, aber schon ein Politikveteran. Nach der Orange Revolution vom Winter 2004/05 war er Außen- und Wirtschaftsminister. "Die Entscheidung, den Maidan zu räumen, hat der russische Geheimdienst mit seinen Leuten in Kiew orchestriert", sagt er heute. "Wir kämpften nicht gegen Janukowytsch, wir kämpften gegen Putins Russland."
Als die Sonne über dem Maidan aufgeht, sind mindestens 20 Aktivisten und 5 Polizisten tot. Es herrscht Anarchie, viele befürchten nun ein Blutbad mit Hunderten, vielleicht Tausenden Toten.
Der Platz, auf dem über Wochen Borschtsch und Tee gekocht wurde, ist über Nacht zum Schlachtfeld geworden. Von der Bühne erklingen Gebete von Priestern und verzweifelte Aufrufe zur Verteidigung. Neben der Bühne flackert im Gewerkschaftshaus immer wieder das Feuer auf, die meisten Etagen sind völlig ausgebrannt. Kiewer Bürger hacken Steine aus dem Pflaster und bringen sie in langen Schlangen an die Frontlinie. Es herrscht ein nicht erklärter Ausnahmezustand. Vor dem Hotel Ukrajina ruhen sich rußgeschwärzte Polizisten aus, sie liegen auf Pappen und Styroporplatten.
Präsidentenpalast, am Morgen. Der Kreml meldet sich bei Janukowytsch. Putin droht, er werde die nächste Tranche des versprochenen Kredits von 15 Milliarden Dollar nicht auszahlen, wenn Janukowytsch nicht für Ordnung sorge. Putin hält noch an dem Präsidenten fest, obwohl er ihn als unzuverlässigen Schwächling sieht. Später droht der französische Präsident François Hollande Janukowytsch öffentlich mit Sanktionen, der US-Botschafter in Kiew sagt kurz darauf das Gleiche.
Janukowytsch schwankt zwischen den Forderungen, die an diesem Tag auf ihn einstürzen: Moskau will hartes Durchgreifen, der Westen Zurückhaltung.
Präsidentenpalast, am Nachmittag. Der Innenminister wird zu einer Krisensitzung beim Präsidenten gerufen. Anwesend sind auch der Generalstaatsanwalt, der Verteidigungsminister und der Geheimdienstchef. Sachartschenko erklärt, dass die Kräfte nicht ausreichten, das Regierungsviertel zu sichern und zugleich die Situation auf dem Maidan zu kontrollieren. Sie brauchten die Verstärkung des Militärs. Aber es kommt zu keinem Beschluss des Präsidenten. Janukowytsch wirkt auf seine Vertrauten angeschlagen und unentschlossen.
Es ist ansonsten ein ruhiger Tag. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Donnerstag, 20. Februar 2014

Maidan, am Morgen. Oberst Zoj befiehlt seinen "Tigern", in voller Montur auf dem Asphalt zu schlafen, sie waren 30 Stunden im Einsatz. Ihre Schutzschilde dienen als Unterlage. Die Barrikaden aus Autoreifen und Holz brennen noch immer. Die Front auf dem Platz hat sich nicht bewegt seit Dienstagabend. Von der Bühne erklingt die ukrainische Nationalhymne, einige Hundert Menschen stimmen ein: "Noch ist die Ukraine nicht gestorben."
Nichts deutet darauf hin, dass am Rande des Platzes an diesem Morgen ein Massaker stattfinden wird. Denn unbemerkt von den meisten Demonstranten wird seit Sonnenaufgang vom Konservatorium aus auf die Polizisten auf dem Platz geschossen.
Stadtzentrum und Flughafen, ab 7 Uhr. Ein Mitarbeiter des polnischen Außenministers hat Andrij Parubi um sechs Uhr angerufen, Radoslaw Sikorski möchte in einer Stunde den Maidan besuchen. Mit Mühe redet Parubi ihm die Idee aus, viel zu gefährlich. Daher trifft er den Außenminister nun im Sankt-Michaels-Kloster, das zur Ukrainisch-Orthodoxen Kirche gehört. Deren Patriarch Filaret unterstützt den Volksaufstand. Das Kloster dient Aktivisten als Unterschlupf, ein Gebäude ist zum Feldlazarett umgebaut, auf Pritschen liegen Verletzte. Sikorski übergibt den Ärzten ein kleines EKG-Gerät.
Gegen acht Uhr landet Steinmeier in Kiew, der deutsche Botschafter holt ihn ab und fährt mit ihm ins Stadtzentrum.
Irgendwann in diesen Minuten klingelt bei dem Oppositionsabgeordneten Andrij Schewtschenko das Telefon. Es ist Andrij Tkaschenko, der Kommandeur der Berkut-Einheit aus Dnipropetrowsk: Maidan-Aktivisten würden vom zweiten Stock des Konservatoriums auf die Polizisten schießen, sagt er wütend. Wenn sie nicht aufhörten, werde er zurückfeuern lassen. Schewtschenko wendet sich an Parubi.
Maidan, 8 Uhr. Als Parubi auf den Platz zurückkehrt, hört er Schüsse. Um 8.18 Uhr erhält er eine SMS von Schewtschenko: "Berkut hat elf Verletzte. Sie drohen, ihre eigenen Scharfschützen zu holen." Im Konservatorium macht der Kiewer Fotograf Jewgenij Maloletka in diesen Minuten Aufnahmen, zu sehen ist ein Mann mit Gasmaske und Jagdflinte. Ein Foto von 8.05 Uhr zeigt einen Kämpfer mit Kalaschnikow.
Maidan-Anführer Parubi schickt seine besten Leute. "Keine Schützen, wir haben das Konservatorium abgesucht", schreibt er danach per SMS an den Abgeordneten.
Aber da ist es schon zu spät.
Maidan und Instytutska-Straße, kurz vor 9 Uhr. Die Berkut-Kommandeure entscheiden, ihre Truppen vom Platz abzuziehen. Völlig chaotisch fahren Wasserwerfer und Mannschaftsbusse im Rückwärtsgang das steile Pflaster der Instytutska-Straße zwischen dem Hotel Ukrajina und dem Oktoberpalast hinauf, Polizisten rennen hinterher. Hunderte Aktivisten jagen sie, sie haben Knüppel, aber auch Gewehre. "Dazu gab es von mir keinen Befehl, das passierte spontan", sagt Parubi heute.
Dann rückt die Sondereinheit der Kiewer Berkut mit den gelben Armbinden vor, sie soll den Abzug sichern - schließlich sind im Oktoberpalast noch Timur Zoj und seine Einsatzkräfte. Sie drängen die Maidan-Aktivisten mit Schüssen für einige Minuten zurück. Im Kugelhagel gibt es erste Tote. Dann ziehen sich die Berkut-Männer hinter eine Barrikade aus Betonklötzen auf der Instytutska-Straße zurück. Von hier aus feuern sie mit scharfer Munition auf die Anstürmenden. Regierungsgegner stürzen, bleiben reglos liegen. Die Kugeln schlagen durch ihre Holz- und Metallschilde. Dutzende Demonstranten sterben, ihr Blut rinnt über den Gehsteig. Auch ein Berkut-Mann wird von zwei Schüssen getroffen. Eine Gasgranate, deren Zünder er bereits gezogen hatte, explodiert in der Hand des Toten. 50 Demonstranten und 3 Polizisten sterben in diesen Morgenstunden. Hunderte sind oftmals schwer verletzt.
Seither halten sich Gerüchte, Scharfschützen einer ominösen "dritten Kraft", russische Agenten oder von den Maidan-Aktivisten angeheuerte Killer hätten auf beide Seiten gefeuert, um die Lage eskalieren zu lassen. Doch Beweise dafür gibt es nicht, und der Verlauf dieser Tage deutet darauf hin, dass das Blutbad vielmehr eine Folge der Schusswechsel von Regierungstruppen und Demonstranten war.
Als die Maidan-Aktivisten den Oktoberpalast stürmen, haben sich die meisten Berkut-Leute zurückgezogen. Zoj und mit ihm 50 Polizisten, die nicht fliehen konnten, werden gefangen genommen. Sie werden in ein Gebäude beim Bürgermeisteramt gebracht. Sie sehen müde aus, einige tragen Verbände. Die Demonstranten stellen ihnen Kisten mit Äpfeln und Speckbroten hin.
Deutsche Botschaft, nach 9 Uhr. Die drei Außenminister beraten sich mit den Oppositionsführern, von dem Blutbad in ihrer Nähe bekommen sie nichts mit. Die Außenminister sollen gleich Janukowytsch treffen, es beginnt eine Irrfahrt zum Präsidentenpalast, der nur anderthalb Kilometer entfernt ist. Erst heißt es, sie würden für die Verhandlungen zu einer Kaserne gebracht, Janukowytsch halte seinen Amtssitz nicht mehr für sicher.
Präsidentenpalast, 13.25 Uhr. Steinmeier und seine Kollegen gehen durch ein Spalier von Sicherheitskräften. Der deutsche Außenminister hört Schüsse, er sieht, wie Munition aus den Bussen geladen wird. Der Präsidentenpalast ist eine Festung im
Belagerungszustand. "Das war der spannungsgeladenste Moment meiner Karriere", sagt Steinmeier heute. "Wir schauten in die übermüdeten und rußgeschwärzten Gesichter der Ordnungskräfte."
Im Palast wartet Janukowytsch. Die Europäer dringen noch immer auf eine gewaltfreie Lösung, Janukowytsch beteuert, keinen Schießbefehl erteilt zu haben. Es sieht so aus, als würde er nicht einlenken, als wäre ein noch größeres Blutbad unvermeidlich. Die Minister wollen zu einer Sitzung in Brüssel aufbrechen, als Janukowytsch Steinmeier beiseitenimmt. Ob es nicht Möglichkeiten für einen Kompromiss gebe?
Es ist kurz nach 14 Uhr, als Steinmeier eine SMS an seinen Büroleiter Jens Plötner schickt, der in einem zugigen Vorbau warten muss. "Jens, hier bewegt sich was! Janukowytsch will verhandeln. Schreib einen Entwurf für eine gemeinsame Erklärung. Wahlen. Regierung der Nationalen Einheit. Aufklärung Maidan-Ereignisse. Verfassungsreform." Plötner und Steinmeiers Pressesprecher legen los.
Immer wieder unterbricht Janukowytsch die Verhandlungen. Er lässt sich über die sich zuspitzende Lage in der Stadt und im ganzen Land informieren. Mindestens zweimal telefoniert er mit Wladimir Putin, auch Angela Merkel ruft den Ukrainer an.
Deutsche Botschaft, kurz nach 15 Uhr. Der US-Botschafter ruft auf dem Mobiltelefon von Maidan-Kommandeur Parubi an und bittet um eine eilige Zusammenkunft mit den westlichen Botschaftern. Parubi zieht sich eine Maske über das Gesicht, damit er nicht erkannt wird. Mit zwei Autos und mehreren Leibwächtern rast er vom Maidan zur Botschaft. An der Fassade des Neubaus hängt ein gewaltiges Plakat mit der Aufschrift "Zusammen nach Europa". Drinnen warten sieben Botschafter auf ihn, sie haben nur eine Frage: "Was ist mit den Waffen aus dem Westen?"
Die Botschafter beunruhigen Meldungen, dass Hunderte Schusswaffen, darunter Maschinenpistolen, von Maidan-Unterstützern nach Kiew gebracht werden sollen. In der Nacht zum Mittwoch hatten Regierungsgegner mehrere Kasernen im Westen des Landes gestürmt, und der oppositionelle Ex-Innenminister hatte auf dem Maidan verkündet: "Bald werden wir bekommen, was wir zu unserer Verteidigung brauchen. Wir sind keine Hammel, die sich ohne Waffen niederschießen lassen."
Parubi sagt den Botschaftern: "Wenn die Waffen mit dem Auto gebracht werden, können sie gegen 19 Uhr in Kiew sein. Und wenn Ihre Regierungen nicht sofort ernsthaftere Schritte gegen Janukowytsch unternehmen, kann die Lage krassere Formen annehmen."
Parubi weiß, dass die Waffen in Wirklichkeit in den Arsenalen in der Westukraine geblieben sind. "Aber ich unternahm keine Anstrengung, die westlichen Diplomaten und das Umfeld von Janukowytsch von ihrer Überzeugung abzubringen", sagt er heute. Er hoffte, die Drohung werde den Druck erhöhen. Tatsächlich hat die Angst vor einer umfassenden Bewaffnung das Janukowytsch-Lager demoralisiert, die Berkut-Einheiten fürchteten um ihr Leben. Danach verlässt Parubi die deutsche Botschaft und rast auf den Maidan zurück. Er hat nun seit fast 48 Stunden nicht geschlafen.
Moskau, am Nachmittag. Putin fürchtet offenbar, dass Janukowytsch einknickt, er ruft daher Wladimir Lukin in seinem Büro in der alten Fleischergasse von Moskau an - und bittet ihn, als sein Sonderbeauftragter nach Kiew zu fliegen. In den Neunzigerjahren war Lukin Botschafter in den USA, seit zehn Jahren ist er Menschenrechtsbeauftragter. Der damals 76-jährige Ex-Diplomat ist im Westen angesehen, gleichzeitig traut Putin ihm - damit ist Lukin genau der Mann, den Putin in dieser heiklen Situation braucht.
Bevor ihn die Präsidentenmaschine nach Kiew bringt, trifft Lukin sich mit Putin. Als er dessen Arbeitszimmer betritt, telefoniert der russische Präsident gerade mit Angela Merkel. Dann legt er auf und gibt seinem Sonderbeauftragten letzte Anweisungen. Lukin solle den schwankenden Janukowytsch im Amt halten - und den Oppositionsführern und den Europäern Moskaus Position klarmachen. Diese Position lautet: Janukowytsch ist der legitime Präsident, er ist durch freie und faire Wahlen an die Macht gekommen. Er darf nicht gewaltsam gestürzt werden. Ihr Gespräch dauert eine halbe Stunde.
"Für Russland war es wichtig, die Beziehung zwischen legitimer Regierung und Opposition zu klären, damit das ungesetzliche Chaos auf der Straße aufhört", sagt Lukin. Die Propaganda der Kreml-Medien, dass der Maidan von westlichen Geheimdiensten gesteuert worden sei, macht sich Lukin nicht zu eigen. "In der Ukraine war eine revolutionäre Situation entstanden", sagt er. "Die Menschen waren vor allem unzufrieden mit ihrem Leben und der bodenlosen Korruption."
Parlament, 22 Uhr. Die Abgeordneten beschließen den Abzug der Sicherheitskräfte aus Kiew. Als Parubi von der Entscheidung in den Fernsehnachrichten hört, wird ihm klar: "Wir haben gesiegt." Neben einer Toilette im Rathaus von Kiew lässt er sich auf ein paar Säcke fallen und schläft ein.
Präsidentenpalast, in der Nacht. Ununterbrochen reden Steinmeier und Sikorski auf Janukowytsch ein, diesmal sind auch die drei Oppositionsführer dabei. Sie sagen, Janukowytsch müsse nun entscheiden, wie er in die Geschichte eingehen wolle: als Mörder, der das Blut seiner Landsleute vergieße - oder als Herrscher, der aus Rücksicht auf das Wohl seines Volkes einen Kompromiss schließe.
"Janukowytsch war während der Verhandlung nicht mehr der gleiche Mensch wie früher", sagt Steinmeier heute. "Das war kein selbstbewusster Präsident mehr."
Der Kompromiss, den sie schmieden, lautet: Janukowytsch ist zu vorgezogenen Präsidentenwahlen bereit, allerdings erst im Dezember, also zu einem späteren Zeitpunkt als von den Oppositionsführern angestrebt. Dafür aber soll innerhalb von zehn Tagen eine Regierung der Nationalen Einheit gebildet werden, an der auch Vertreter des Maidan beteiligt sein sollen.
Janukowytsch ruft seinen Innenminister an: "Wir verhandeln ernsthaft, haben Sie bestimmte Wünsche?" Sachartschenko antwortet: "Stellen Sie allen nur eine einzige Frage - wie sollen die Radikalen auf dem Maidan entwaffnet werden?"
Das ist der Knackpunkt der Verhandlungen. Janukowytsch und sein Innenminister wollen, dass die Demonstranten den Maidan räumen und ihre Waffen abgeben. Doch die Oppositionsführer weigern sich, für sie ist der Platz zugleich Symbol und Faustpfand ihres Kampfes. Sie fürchten, als Verlierer dazustehen, wenn sie ihn räumen.
Es sieht so aus, als könnten die Verhandlungen doch noch scheitern.

Freitag, 21. Februar 2014

Präsidentenpalast, nach Mitternacht. Als der Putin-Mann Lukin zu den Verhandlungen stößt, spürt er bei Janukowytsch und seinen Leuten "nur mühsam unterdrückte Panik". Er ist es, der eine Lösung für die Blockade findet: "Lasst uns 'Entsperren von Straßen und Plätzen' schreiben statt Maidan." So wird es gemacht. Im Abschlussdokument heißt es: "Beide Parteien werden ernsthafte Anstrengungen zur Normalisierung des Lebens in den Städten und Dörfern (...) durch Entsperren von Straßen, Parkanlagen und Plätzen unternehmen."
Gegen sieben Uhr morgens steht die Vereinbarung. Alle Beteiligten paraphieren sie, dann gehen sie, um sich für ein paar Stunden auszuruhen. Die endgültige Unterschrift soll um zwölf Uhr erfolgen. Lukin fährt in die russische Botschaft und schickt den Text an Präsident Putin und Außenminister Lawrow.
Präsidentenpalast, 12 Uhr. Die Außenminister sind pünktlich zurück. Doch Putin will nicht, dass Lukin unterschreibt. "Als Privatmann Lukin unterschreibe ich gern, aber das hilft euch ja nicht weiter", ruft er Steinmeier und Sikorski zu. Danach drängt der russische Botschafter ihn zum Gehen. Das sei eine Revolution, und die habe ihre eigenen Gesetze, begründet der Botschafter die Eile. Moskau hat da schon erfahren, durch seine Kontakte und Agenten, dass Janukowytschs Poker verloren ist.
Putin will keine Verantwortung für den Kompromiss übernehmen, weil er ihn nicht für tragfähig hält. Und er muss vertuschen, dass er zu lange auf Janukowytsch gesetzt und damit die Ukraine verloren hat. Denn der Kreml weiß, was zu diesem Zeitpunkt noch kaum einer in Kiew ahnt: dass die Männer von Berkut und vom Innenministerium ihrem Präsidenten nicht mehr trauen. Schnell hat sich herumgesprochen, dass einer der sechs Punkte in der Abmachung die "gemeinsame Untersuchung der Gewaltakte" vorsieht. Die Einsatzkräfte mussten fürchten, vor Gericht gestellt zu werden. "Allerdings hätte dann auch geklärt werden müssen, wer meine zwei Männer erschossen hat", sagt Oberst Zoj. "Daran hat die neue Regierung aber auch ein Jahr danach kein Interesse."
"Schon am Tag darauf verstand ich, dass Putins Entscheidung für Russland der einzig richtige Weg war", sagt Lukin heute. "In Kiew war zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Vereinbarung schon ein Machtvakuum entstanden, und meine Verhandlungspartner aus dem Westen standen blamiert da. So als hätte man ihnen ins Gesicht gespuckt."
Und zum anderen weiß Putin, dass Janukowytsch schon eifrig seine Flucht vorbereitet. Während der Präsident verhandelt, lässt er teure Gemälde, Ikonen und Vasen aus seiner Residenz in Lastwagen und Hubschraubern verstauen.
Anders als die Russen wissen Steinmeier und Sikorski nicht, was hinter den Kulissen passiert. Sie warten immer noch auf die Führer der Opposition. Da ruft Vitali Klitschko auf Steinmeiers Handy an: Der Maidan-Rat sperre sich gegen die Vereinbarung. Hektik bricht aus, die Minister stürzen zu ihren Limousinen und fahren zum Hotel Kiew, wo der Rat tagt.
Büro des Vizepremiers, am Vormittag. Zweimal ruft Innenminister Sachartschenko seinen Präsidenten an, er benutzt eine abhörsichere Telefonverbindung im Büro des Vizepremiers. Er berichtet dem Präsidenten, dass sich rund zehntausend Menschen auf dem Maidan versammelt hätten und die Opposition das Regierungsgebäude stürmen wolle.
"Was denken Sie darüber?", fragt Janukowytsch. "Wenn die wirklich stürmen, könnten wir laut Gesetz scharf schießen", antwortet Sachartschenko. Er fügt an: "Aber Sie haben all die Tage keinen Schießbefehl erteilt, dann macht es jetzt schon gar keinen Sinn mehr. Das wird die Krise nicht lösen."
Kaum verhüllt gibt der Innenminister seinem Präsidenten zu verstehen, dass dieser zu lange gezögert hat. Und wohl auch, dass er sich nicht länger auf die nach drei Monaten erschöpften und vom Wankelkurs der Staatsführung verunsicherten Polizeikräfte verlassen kann.
"Gib mir 40 Minuten", entgegnet Janukowytsch daraufhin. Er zögert und laviert, so wie er das schon oft getan hat, das Sowohl-als-auch ist seine Überlebensstrategie. Als es um die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens ging, schwankte er hin und her, flirtete mit Moskau wie mit Brüssel, in der Hoffnung, maximale finanzielle Unterstützung herauszuschlagen. Sein Lavieren hat die Massenproteste heraufbeschworen, nun bricht es ihm das Genick.
Sachartschenko verlässt das Zimmer des Vizepremiers, aber schon auf dem Flur ruft ihm sein Referent zu, sie müssten fliehen, die Lage draußen sei gefährlich. Die Demonstranten könnten jeden Moment mit dem Sturm auf das Gebäude beginnen.
Sachartschenko ruft Janukowytsch noch einmal an. Wieder fragt ihn der Präsident: "Was halten Sie für nötig?" Der Innenminister antwortet: "Wenn wir schießen, wird jede Menge Blut fließen. Ich schlage vor, den Befehl zu erteilen, dass unsere Einheiten die Stadt verlassen."
Janukowytsch antwortet: "Ich bin einverstanden. Es gibt keine Alternative."
Sachartschenko verabschiedet sich mit den Worten: "Wir treffen uns in Donezk."

Hotel Kiew, am frühen Nachmittag. Die Außenminister kommen beim Maidan-Rat an. Ein Delegierter nach dem anderen spricht sich gegen die Unterzeichnung aus, alle mit dem gleichen Argument: "Mit denen, die unser Blut an den Händen haben, wollen wir keine gemeinsame Sache machen."
Da ergreift Sikorski das Wort. Die Situation, sagt der Pole, erinnere ihn an das Jahr 1981, als die Solidarność ebenfalls den Aufstand versucht und geglaubt habe, dicht davor zu stehen, die Machthaber zu vertreiben. Daraufhin verhängte der Regierungschef das Kriegsrecht, die Anführer wurden verhaftet - und bis zur Befreiung dauerte es noch acht Jahre. Es ist eine Warnung an die Aktivisten. "Wenn ihr nicht unterzeichnet, werdet ihr alle sterben", ruft Sikorski, als er den Tagungssaal verlässt. Ein Journalist fragt, ob er den Rat überzeugt habe. "Weiß ich doch nicht", faucht Sikorski und geht.
Doch die Delegierten des Maidan diskutieren - und sie ändern ihre Meinung. Die überwiegende Mehrheit der 40 Aktivisten ist für eine Unterzeichnung. Der Maidan hat in letzter Sekunde zugestimmt.
Die drei Oppositionsführer eilen ins Parlament, in den folgenden Stunden peitschen sie im Eilverfahren ein Gesetz durch, das die Befugnisse des Präsidenten beschneidet. Auch zahlreiche Abgeordnete von Janukowytschs Partei stimmen zu. Der Präsident hat seine Machtbasis verloren.

Präsidentenpalast, 15.58 Uhr. Endlich unterzeichnet auch Janukowytsch die Vereinbarung mit der Opposition. Doch in diesem Moment ist er schon ein König ohne Land, und er weiß das. Zwar erlaubt ihm Punkt 5 der Abmachung, seine Ordnungskräfte "für den physischen Schutz von öffentlichen Gebäuden zu nutzen". Doch er macht davon keinen Gebrauch mehr.
Denn Janukowytsch ahnt, dass seine Berkut-Leute ihm womöglich nicht mehr folgen werden. Vielleicht fürchtet er nun tatsächlich um sein Leben. Vielleicht kalkuliert er aber auch kühl - und hofft, dass ein strategischer Rückzug ihn retten kann.
Auf dem Maidan, gegen 22 Uhr. Auf der Bühne stehen die Oppositionsführer, davor sind Opfer der Kämpfe aufgebahrt. Vom Balkon des Konservatoriums verfolgt Wolodymyr Parasjuk das Geschehen. Klitschko und Jazenjuk verkünden den Kompromiss mit Janukowytsch, doch sie werden ausgebuht, weil sie Janukowytsch die Hand gegeben haben. "Het", brüllt die Menge im Chor: "Raus!"
Auch Parasjuk ist fassungslos. Ein Freund von ihm ist gerade getötet worden, und nun soll Janukowytsch noch zehn Monate regieren? Er rennt die Treppe hinunter und stürzt zur Bühne. Ein Wachmann hält ihn erst auf, dann lässt er ihn durch - und Parasjuk steht plötzlich oben. Er hat keine Rede vorbereitet, was er in den nächsten fünf Minuten sagen wird, kommt direkt aus seinem Bauch.
"Wir gehören zu keiner Organisation, wir sind das einfache ukrainische Volk. Kein Janukowytsch - kein einziger - wird noch ein ganzes Jahr Präsident der Ukraine sein. Bis morgen soll er verschwinden. Ich sage es im Namen meiner Hundertschaft, zu der auch mein Vater gehört: Wenn ihr bis morgen um zehn Uhr nicht erklärt, dass Janukowytsch zurückgetreten ist, beginnen wir mit unseren Waffen den Sturm. Das schwöre ich euch!"
Die Menschen auf dem Maidan sind verblüfft: Es ist eine Rede, die sich direkt gegen die Oppositionsführer wendet. Doch dann jubeln sie laut. Parasjuks emotionaler Auftritt bestärkt bei den Maidan-Aktivisten die Ablehnung eines Kompromisses - und beschleunigt Janukowytschs Abgang.
Das Abkommen ist da längst tot, Oberst Zoj ist bereits in einen von fünf Bussen gestiegen, die die Truppen des Innenministeriums auf die Krim zurückbringen.
Als die Ersten merken, dass die Sicherheitskräfte abziehen, wollen sie die Regierungsgebäude stürmen. Doch Parubi greift sich ein Megafon, er ruft in die Menge, sie sollten sich zurückhalten. Die Hundertschaften des Maidan umstellen die Gebäude, um sie vor einem Sturm zu schützen.
Kiew, in der Nacht. Irgendwann in diesen Stunden verlässt Janukowytsch die Stadt, vermutlich mit einem Hubschrauber. Eigentlich wollte er seine Flucht in den Osten wie einen geordneten Rückzug erscheinen lassen. Doch im Donbass will ihn niemand treffen. Er fliegt nach Charkiw, dann fährt er mit dem Auto auf die Krim. Von dort gelangt er mithilfe des russischen Geheimdienstes nach Moskau.
Die Erste, die in Janukowytschs Amtssitz eindringt, ist die Aktivistin Bogdana Babytsch. Sie klettert über den Zaun, kein Wachposten ist da, der sie aufhielte. Sie filmt ein gespenstisch leeres, stilles Gebäude. Babytsch bringt das Material ins Studio des Internetsenders Spilno.TV, es wird am folgenden Tag in alle Welt gesendet. Der verlassene Präsidentenpalast wird für die Ukrainer und die ganze Welt zum Symbol, dass die Revolutionäre vom Maidan gesiegt haben, dass der Konflikt beendet ist.
Sie können nicht ahnen, wie falsch sie liegen. Dass dies nicht das Ende, sondern erst der Anfang eines brutalen, das Land zerreißenden Krieges ist.
* Rechts: am 20. Februar 2014 im Konservatorium.
* Rechts: am 20. Februar 2014 am Maidan.
Von Moritz Gathmann, Christian Neef, Jan Puhl, Matthias Schepp, Christoph Schult und Holger Stark

DER SPIEGEL 8/2015
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