14.02.2015

Künstliche BefruchtungDie genetische Sehnsucht

Wendy Kramer hilft Kindern aus Eizell- oder Samenspenden, ihre biologischen Eltern zu finden. Jahrelang suchte sie selbst nach dem anonymen Vater ihres Sohns.
Wendy Kramer und ihr Sohn haben telefoniert, Mails verschickt, Briefe geschrieben und Geburtenregister gewälzt. Sie haben Radiointerviews gegeben, sind in Fernsehshows aufgetreten, haben eine Website programmieren lassen und am Ende auch einen Gentest in Auftrag gegeben. 13 Jahre lang haben sie nach Ryans biologischem Vater gesucht. Sie wollten wissen, wer der Mann ist, der den Samen gespendet hatte, aus dem der Junge entstanden ist.
Mutter und Sohn gaben ihm viele Namen: Sie nannten ihn "Mike", "Superman", "den Alien" oder einfach nur "Spender 1058" - unter dieser Nummer ist er in einer Samenbank in Kalifornien registriert. Als anonymer Spender.
Als sie eines Tages tatsächlich seine Identität gelüftet haben und eine Mailadresse in der Hand halten, wissen sie nicht weiter. Wie schreibt man jemandem, der nicht gefunden werden will, dass man sein Kind ist? Spätabends sagt Wendy Kramer zu ihrem Sohn: "Lass uns ins Bett gehen. Wir überlegen morgen weiter." Sie legt sich schlafen.
Ryan ist 15. Er bleibt wach. Er setzt sich an seinen Computer. Er tippt einen Brief und drückt die Enter-Taste. Er rennt ins Schlafzimmer seiner Mutter und ruft: "Ich hab ihm eben eine Mail geschickt."
Spender 1058 heißt Lance. Als die Kramers ihn enttarnen, ist er Ende dreißig. Er lebt in Kalifornien und ist kinderlos.
Später erzählt Lance in einem Radiointerview von dem Augenblick, als er Ryans Mail öffnete. Sie blinkt in seinem Posteingang, in der Betreffzeile steht: "Interessante Information".
Die ersten Zeilen lauten: "Lance, wo soll ich anfangen? Mein Name ist Ryan Kramer. Ich bin 15 Jahre alt, und ich lebe in Nederland, Colorado. Vor 15 Jahren wurde meine Mutter mit einer Spermaspende der kalifornischen Cryobank von Spender 1058 befruchtet. Vielleicht möchtest du dich hinsetzen, bei dem, was gleich kommt."
"Das war wie in einem Science-Fiction-Film", sagt Lance. "Wer schreibt dir einfach so aus dem Nichts heraus, dass du sein Vater bist?"
In Colorado warten Ryan und seine Mutter auf eine Antwort, zwei Tage später trifft sie ein. Lance schreibt: "Ich bin begeistert, dein genetischer Vater zu sein." Heute, fast zehn Jahre danach, sagt Wendy Kramer: "Mir war nicht wichtig, was er schreibt. Ich wollte nur, dass er nett zu meinem Jungen ist."
Kramer, 56, steht in ihrem Haus in den Bergen von Nederland. Ein großer renovierter Heuschuppen, blau angestrichen, auf der Veranda baumeln Vogelhäuschen. Sie ist zierlich, trägt helle Jeans und einen grauen Sweater. Am Kühlschrank in der Küche hängen Dutzende Bilder. Schnappschüsse von Lance, von Ryan. Als Kinder, als Studenten. Auf manchen stehen sie zusammen. "Das gleiche Kinn, das gleiche Lachen, oder?", sagt Kramer.
Das Ende der Suche war der Anfang ihrer Freundschaft mit Lance. Außerdem begann sie, nun auch anderen Spenderkindern auf der Suche nach ihrem biologischen Vater zu helfen.
Kramers Haus ist ihr Arbeitsplatz. Um Spender 1058 zu finden, richteten Ryan und sie eine Website ein, die sie das "Donor Sibling Registry" (DSR) nannten. Die Plattform stellt eine Datenbank zur Verfügung, über die man genetisch verwandte Halbgeschwister finden kann, vor allem aber die leiblichen Eltern - sei es den Vater, der Samen, oder die Mutter, die Eizellen anonym zur Verfügung gestellt hat.
Wer sich registriert, kann alles, was er über seinen Spender weiß, angeben. Aus welcher Klinik stammt die Samen- oder Eizellspende? Wie lautet die Spendernummer? Das Geburtsdatum? Selbst die eigene Größe, Haar- und Augenfarbe können bei der Suche helfen.
Landet man in der Datenbank einen Treffer, lautet der Ratschlag auf der Website: "Zuallererst: tief durchatmen."
Wendy Kramer und ihr Sohn, der heute 24 ist, kämpfen um das Recht von Spenderkindern zu erfahren, woher sie kommen. Sie wollen aber auch beweisen, dass es möglich ist, dieses Recht durchzusetzen, ohne das Leben der Spender auf den Kopf zu stellen.
Väter, Mütter, Halbgeschwister können sich auf der Seite kennenlernen, müssen es aber nicht. "Kontakte finden nur im gegenseitigen Einverständnis statt", sagt Kramer. Wer dort registriert ist, kann sich anonym in der Datenbank umsehen, über die Website Nachrichten verschicken und später entscheiden, ob er Mailadressen oder Telefonnummern austauscht.
Mittlerweile hat das Spenderregister über 45 000 Mitglieder auf der ganzen Welt, darunter sind laut Kramer mehr als 2200 Spender. Fast 12 000 Menschen haben über die Website Kontakt zu ihrer genetischen Verwandtschaft gefunden.
Das Donor Sibling Registry gilt als die größte Datenbank für Kinder aus künstlicher Befruchtung und ihre Spender. In Deutschland gibt es im Moment 90 Mitglieder. Knapp 50 davon haben mithilfe des DSR Halbgeschwister gefunden, etwa 10 ihren Spendervater.
Was sie alle antreibt, ist das, was Wendy Kramer die "genetische Sehnsucht" nennt. Sie kennt das von ihrem Sohn.
Ihre Geschichte begann damit, dass ihr damaliger Mann keine Kinder zeugen konnte, weshalb sich das Paar 1989 zur künstlichen Befruchtung entschloss. Ein Jahr nach Ryans Geburt zerbrach die Ehe. Wendy blieb allein und Ryan ohne Vater. Schon als Kleinkind fing Ryan an, Fragen zu stellen. Sie hätte nicht anders gekonnt, als seine Sehnsucht ernst zu nehmen.
Ende Januar hat in Deutschland der Bundesgerichtshof ein wichtiges Grundsatzurteil gesprochen und in einem Fall bestätigt, dass zwei mit einer Samenspende gezeugte Mädchen das Recht haben, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren. Obwohl dieser anonym bleiben wollte.
Im Regelfall, so der Bundesgerichtshof, könnten die betroffenen Kinder von den Kliniken Auskunft über die Identität ihres Spendervaters erhalten. Den großen unbekannten Erzeuger soll es in Deutschland künftig nicht mehr geben.
Erst seit 2007 sind die Samenbanken aber verpflichtet, Informationen über ihre Spender 30 Jahre lang aufzubewahren. Davor war dieser Zeitraum deutlich kürzer. Die Suche nach ihrem biologischen Ursprung dürfte für viele Spenderkinder schon deshalb schwierig bleiben.
Es gibt heute viele Möglichkeiten, wie unfruchtbare Paare, homosexuelle Paare oder Singles Eltern werden können. Vor der Geburt präsentieren Samenbanken die Vorzüge der Spender, werben mit deren Gesundheit, Intelligenz und Fähigkeiten. Die Qualität des genetischen Materials ist den Eltern wichtig.
Nach der Geburt aber wollen viele die Genetik schnell wieder vergessen. Zuwendung und Liebe sollen die Familie zusammenhalten. "Das tun sie auch", sagt Kramer. Doch das reicht den Kindern nicht. Es gibt ein zutiefst menschliches Bedürfnis, die biologische Herkunft zu kennen.
In Kramers Arbeitszimmer in Nederland blinken zwei Internetrouter, auf dem Schreibtisch surrt ein Rechner, ein paar Meter daneben steht ein Laptop auf dem Wohnzimmertisch.
Jeden Morgen um fünf stellt Kramer hier ihre Kaffeetasse ab und beginnt mit der Arbeit. Fast jeden Tag wird sie am Telefon um Rat gebeten. Was, wenn der Sohn herausgefunden hat, dass er aus einer Samenspende stammt? Wenn die Halbgeschwister sich nicht mehr melden?
Kramer öffnet eine Anfrage. Jennifer, Mitte zwanzig, sucht ihren biologischen Vater. Sie kennt seine Spendernummer nicht, gibt lediglich ihre eigene Größe, Haar- und Augenfarbe an. Kramer schaltet ihre Daten frei und schreibt: "Viel Glück."
Mails wie die von Jennifer kommen mehrmals am Tag. Die junge Frau hat sich für 75 Dollar pro Jahr in der Datenbank registriert; eine lebenslange Mitgliedschaft kostet 175 Dollar. Jahrelang hat Kramer das DSR in ihrer Freizeit betrieben, die Kosten dafür aus eigener Tasche bezahlt.
Aber die Seite wuchs, irgendwann hat Kramer es neben ihren Jobs als Buchhalterin nicht mehr geschafft. Sie hat das DSR als Wohltätigkeitsorganisation angemeldet, verlangt einen Mitgliedsbeitrag und zahlt sich selbst ein Gehalt.
"Wow", sagt Kramer. "Gerade hat sich ein Spender gemeldet. Das ist ein besonderes Ereignis." Seine Spendernummer kam in der Datenbank bereits vor, er kann daher nach möglichen Kindern suchen. Aber outen will er sich vorerst nicht.
Kramer sieht sich seine Spendernummer an: Zehn Kinder sind darunter registriert. "Wahrscheinlich ist ihm jetzt ein bisschen mulmig", sagt sie. Kramer wird ihm vorschlagen, miteinander zu telefonieren. Sie glaubt zu wissen, was er sagen wird: "Ich bin nicht ihr Daddy." Und vielleicht auch: "Geld bekommen sie keines von mir."
Kramer wird versuchen, ihn zu beruhigen. Sie wird ihm sagen, dass sie noch nie erlebt hat, dass es einem Spenderkind ums Geld ging. Und dass vermutlich auch keines in absehbarer Zeit unangemeldet vor seiner Tür stehen wird.
Kramer arbeitet seit ein paar Jahren mit Universitäten wie Cambridge zusammen, verfasst als Co-Autorin wissenschaftliche Beiträge. Ihre Datenbank ist längst ein Schatz für Reproduktionsforscher, Psychologen und Soziologen aus aller Welt.
In Umfragen unter den Mitgliedern des DSR wollten die Wissenschaftler wissen, warum die Kinder nach ihren leiblichen Eltern suchen. Kramer weiß: "Die Antworten lauten, nach der Reihenfolge der Wichtigkeit, erstens: um zu sehen, wie der Spender aussieht. Zweitens: um etwas über sich selbst zu erfahren. Drittens: um mehr über die eigenen Vorfahren zu erfahren. Viertens: um seine medizinische Vorgeschichte kennenzulernen. Fünftens: damit der Spender weiß, dass es einen gibt. Und an letzter Stelle: um eine Beziehung zu ihm aufzubauen."
Kramer schiebt ihren Laptop zur Seite. Die Antworten zeigten, dass die Kinder vor allem ihre Neugier stillen wollten. "Das ist nichts, was die Basis einer bestehenden Familie erschüttern könnte."
Hat sie das Interesse ihres Sohnes an einem fremden Mann nie gekränkt?
"Nein, nie. Wirklich nicht."
Aber es gibt Eltern, denen so viel Offenheit schwerfällt. Was, wenn das Kind sie danach weniger liebt?
"Kinder kommen am besten mit der Wahrheit zurecht", sagt Kramer. "Wer sich schämt, weil er kein Kind zeugen konnte, muss versuchen, dieses Problem selbst in den Griff zu bekommen." Das seien die Probleme der Eltern, nicht die der Kinder. Sie ist auch dafür, den betroffenen Kindern möglichst früh zu erzählen, dass sie aus einer Eizell- oder Samenspende stammten.
Kramer steht auf und geht ans Fenster, es hat geschneit. Sie sagt: "Hier in der Einfahrt stand Ryan, er war erst zwei Jahre alt. Er hat gefragt: Was ist denn jetzt mit meinem Vater? Ist der tot oder was?"
Sie wusste nicht, was sie antworten sollte; ihn anlügen wollte sie nicht. Sie habe Ryan gesagt: "Mama hatte ein Ei, aber kein Sperma. Ein Arzt hat mir geholfen, Sperma zu bekommen. Und dann kamst du."
Zunächst gab er sich mit der Antwort zufrieden. Doch je älter Ryan wurde, desto stärker war der Wunsch, den großen Unbekannten kennenzulernen. Seine Mutter rief in der Klinik an, doch dort verweigerte man weitere Auskünfte. Was ihr blieb, war lediglich die Selbstauskunft des Spenders. Kramer hebt sie in einer gelben Pappmappe auf. Auf der ersten Seite steht: "California Cryobank, Spender 1058". Dann folgen Geburtsdatum, Geburtsort, Größe, Gewicht, Haarfarbe. Auch heißt es dort, dass der Spender Ingenieurwesen studiert hat. Auf der nächsten Seite steht: "Warum spenden Sie?" Die Antwort: "Wegen des Geldes."
Ryan entwickelt sich außergewöhnlich schnell. Mit sechs verlangt er Bücher über elektrische Schaltkreise, seine Grundschullehrerin schickt ihn zum IQ-Test. Das Ergebnis liegt bei 181, der Wert eines extrem hochbegabten Kindes.
Mit 14 schließt er die Highschool ab, mit 19 beendet er sein Studium und fängt bei der Nasa als Raumfahrtingenieur an. Natürlich fragte sich seine Mutter: Woher kommt das? Warum steckt das in ihm drin? Kramer ist Buchhalterin. Sie sagt: "Von meiner Seite hat der Junge das nicht."
Als Wunderkind wird Ryan in Colorado zu einer Berühmtheit. Zeitungen schreiben über ihn, er kommt ins Fernsehen. Mutter und Sohn machen die Suche jetzt öffentlich. Ein Gedanke lässt sie nicht los: Was, wenn der Spender über die Jahre wirklich seine Meinung geändert hat? Wenn er nichts dagegen hätte, Ryan kennenzulernen? "Doch die Samenbank war nicht bereit, einen Kontakt zu vermitteln", sagt Kramer. Also haben sie auf eigene Faust angefangen, nach dem Vater zu suchen.
Als Ryan zehn Jahre alt ist, richten sie eine Yahoo-Gruppe ein, in der sie andere Spenderkinder einladen, Informationen zu teilen. Wenig später ruft die Redaktion der Fernsehshow "Oprah" an. Oprah Winfrey ist eine der berühmtesten Moderatorinnen der USA. Ryan tritt in ihrer Sendung auf.
Am Abend der Ausstrahlung melden sich über 500 neue Mitglieder in ihrer Gruppe an. Eine Frau schreibt, dass sie zwei Töchter von Spender 1058 habe. Ryan ist außer sich vor Freude, schmiedet schon Pläne, sie zu besuchen.
In der Nacht schickt die Unbekannte eine weitere Mail: Die Mädchen dürften nichts von ihrem Halbbruder wissen. Sie habe ihnen bisher nicht gesagt, dass sie aus einer Samenspende stammten. Und ihr Mann wolle, dass dies auch so bleibt.
Ryan ist wütend. Seine Mutter sagt, man müsse die Entscheidung respektieren. Statt seine Verwandten kennenzulernen, versuchen sie jetzt, die Menschen in ihrer Yahoo-Gruppe zusammenzubringen. Bald darauf gründen sie die Datenbank.
Doch Ryan will nicht aufgeben. Er lässt einen speziellen Gentest durchführen. In den USA ist das Interesse an Ahnenforschung groß. Viele Menschen wollen mehr über ihre Vorfahren erfahren. Über Genmarker lassen sich bestimmte Grade von Verwandtschaft ermitteln, die in einer Datenbank gespeichert werden.
Zwei Männer stimmen mit Ryan auf dem "37. Marker" überein. Dies deutet zumindest auf gemeinsame Vorfahren hin. Beide Männer tragen den gleichen Nachnamen. Ryan glaubt nun zu wissen, wie sein Spendervater mit Nachnamen heißt.
In ihrem Arbeitszimmer breitet Wendy Kramer zwei große Seiten Papier auf dem Fußboden aus. Es sind Schaubilder, die Ryan und sie während ihrer Suche gemacht haben. Auf der linken Seite trugen sie ein, was sie über Spender 1058 wussten. Auf der rechten, was sie vermuteten. "Wenn wir eine Information verifizieren konnten, haben wir sie gelb markiert", sagt Kramer. Sie gehen wie Detektive vor.
Aufgrund der Selbstauskunft wissen sie, an welchem Tag und in welcher Stadt der Spender geboren wurde. Sie lassen sich einen Auszug aus dem Geburtenregister schicken. Genau ein Junge wurde an dem betreffenden Tag mit dem vermuteten Nachnamen geboren.
Sie googeln den Namen, sie finden eine Mailadresse, auch Fotos. Nach und nach wird ihre rechte Seite immer gelber. Irgendwann sind sie sich sicher: Sie haben Spender 1058 gefunden.
Wendy Kramer faltet die Seiten vor sich zusammen. Sie sagt: "Wenn die Samenbanken ihren Spendern wirklich sagen würden, was diese Spende für ein Kind bedeutet, dann hätten wir Spender, die offener für einen späteren Kontakt wären."
Wer um jeden Preis unentdeckt bleiben wolle, so Kramer, der sollte besser nicht spenden. Genau das aber ist die Befürchtung der Samenbanken: dass kaum noch einer spendet, wenn die Anonymität nicht gesichert bleibt.
Nachdem Lance auf Ryans Mail geantwortet hat, schreiben sie eine Weile hin und her. Ryan will wissen: Welche Musik magst du? Was machst du in deinem Job? Irgendwann schlägt Lance vor: Willst du mich und deine Großeltern treffen?
Sie verabreden sich in einer Hotellobby. Wendy Kramer beschreibt das Treffen als schön, aber die beiden Männer sind auch ein bisschen unbeholfen. Als Erstes legen Lance und Ryan ihre Hände aufeinander und messen, wie lang ihre Finger sind.
Danach halten sie regelmäßig Kontakt, die Großeltern sind begeistert von ihrem neuen Enkel. Lance aber bleibt immer auch ein wenig skeptisch. Einmal, erzählt Wendy, habe er Ryan gefragt: "Was will deine Mutter eigentlich von mir?" Ryan habe geantwortet: "Nichts. Es geht nicht um meine Mutter, es geht um mich."
Vor wenigen Monaten ist Ryan nach San Francisco gezogen, er arbeitet jetzt für Apple. Auch Lance wohnt dort: Er arbeitet für Google.
Was sind sie nun? Eine Familie? Ja, irgendwie schon, meint Wendy Kramer. Eine neue Art von Familie. Und was empfindet sie für Lance?
"Ich bin ihm sehr dankbar", sagt sie. Aber sie sei auch vorsichtig. Sie wolle nicht, dass er denkt, es gehe ihr um etwas anderes als um Ryan: "Wir haben nur Kontakt, wenn es um organisatorische Fragen geht."
Mit viel Geduld hätten sie und Ryan beweisen müssen, dass sie keine versteckten Motive hatten, als sie Lance suchten. Nur Neugierde.
Anfang des Jahres sind sie zu dritt ausgegangen, in eine Bar in San Francisco. Es war das erste Mal, dass Lance öffentlich zu seinem Sohn stand. Viele Arbeitskollegen waren dort, rasch wurden sie gefragt, woher sie sich kennen.
Wendy Kramer hatte sich vorher einen Satz zurechtgelegt. Er lautete: "Ryan ist mein Sohn, und Lance ist mein anonymer Samenspender, der jetzt nicht mehr anonym ist." Der Satz kam gut an, sagt Kramer, jeder, der die Geschichte dazu hörte, sei begeistert gewesen.
Gegen Ende des Abends kam Lance noch einmal zu ihr. Er sagte: "Wendy, der Junge hat sich toll entwickelt. Das ist alles dein Verdienst."
Sie widersprach: "Nein, das warst auch du. Das, was du über deine Gene an ihn weitergegeben hast."
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 8/2015
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