14.02.2015

FernsehkritikDer Blick des Vaters

Ein Berliner Muslim hat den ersten deutschen Film über das jüdische Mädchen Anne Frank produziert.
Walid Nakschbandi steht etwas hilflos im Vorführraum seiner Berliner Produktionsfirma AVE. Er will ihn endlich zeigen, seinen Film, nach Monaten harter Arbeit, aber nun kriegt er den DVD-Player nicht in Gang.
Eine Mitarbeiterin löst das Problem, der Vorspann erscheint auf dem Bildschirm, und Nakschbandi strahlt. Für ihn sind die kommenden 90 Fernsehminuten ein kleiner Triumph, für die Deutschen wohl eher eine Ironie der Geschichte: In einer Zeit, die von Islamismus und neuem Antisemitismus geprägt ist, hat ausgerechnet er, der aus Afghanistan stammende Muslim, den ersten großen deutschen Film über das jüdische Mädchen Anne Frank produziert, 70 Jahre nach ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Und Nakschbandi, 46, hat so ziemlich alles richtig gemacht. Er hat mit Raymond Ley, 56, einen Regisseur gefunden, der schon einige gute Dokudramen ("Die Kinder von Blankenese", "Eichmanns Ende") drehte. Er hat Mala Emde ausgewählt, eine 18-jährige Schauspielerin, die die Rolle der Anne mit großer Leidenschaft spielt. Und er hat die Geschichte nicht einfach chronologisch erzählt, sondern in Rückblenden aus der Sicht des Vaters Otto Frank: Nakschbandis Film trägt also den Titel "Meine Tochter Anne Frank"; die ARD wird ihn am kommenden Mittwoch im Hauptabendprogramm zeigen.
Der Film beginnt im Sommer 1945 mit der Rückkehr Otto Franks aus Auschwitz nach Amsterdam. Frank, gespielt von Götz Schubert, hat als Einziger das Konzentrationslager überlebt; seine Frau, seine beiden Töchter Anne und Margot sowie die übrigen vier Versteckten aus dem Hinterhaus in der Prinsengracht sind von den Nazis ermordet worden. Miep Gies, die treue Verbündete der Familie, hat Annes Notizen aufbewahrt und händigt sie nun dem Vater aus.
Otto macht sich an die Lektüre und taucht in die Vergangenheit ein, nur kurz in die Zeit der unbeschwerten Kindheit Annes, dann, im Sommer 1942, in das Leben im Versteck. Aus dem 13-jährigen Mädchen wird bald ein pubertierender Teenager, der seine Schwester mit allerlei kuriosen Beobachtungen überrascht. "Ein Junge", so notiert sie einmal, "ist von unten, glaube ich, nicht so kompliziert gestaltet wie ein Mädchen." Schließlich verliebt sie sich - wohl mangels Alternativen - in Peter van Pels, den einzigen Jungen im Hinterhaus.
Der Film überträgt Teile ihres Tagebuchs in Dialoge mit ihrer Schwester und ihren Eltern. Mit ihrem Temperament, ihrer Offenheit schockiert Anne die übrigen Eingesperrten. Sie vergöttert ihren Vater, sie verachtet die Biederkeit ihrer Mutter. Das Versteck wird zu einer Art Adoleszenzlabor, in dem die zeithistorischen Umstände kaum noch eine Rolle spielen. Auch der Verrat durch einen Unbekannten im August 1944 sowie die Deportation Annes nach Auschwitz und Bergen-Belsen werden nur in wenigen Bildern angedeutet.
Mala Emde spielt das Mädchen Anne, das einmal Schriftstellerin werden wollte, als junge Künstlerin, mit all ihrer Sensibilität und Egomanie. Und sie spielt sich damit so in den Vordergrund, dass die Rahmenhandlung des Films, die Erzählung des Vaters, in Vergessenheit gerät. Anne erscheint nicht mehr nur als Objekt widriger Umstände, sie wird in den zwei Jahren im Versteck zu einer selbstbewussten jungen Frau. Das Dokudrama folgt damit der literarischen Vorlage. Schließlich beruht der Welterfolg des Tagebuchs darauf, dass es gleich zwei Geschichten auf einmal erzählt: das Coming-of-Age-Drama eines Mädchens und den Leidensweg eines Holocaust-Opfers.
Für Otto Frank, auch das zeigt der Film, wurde die erste Geschichte schon bald zum Problem. Vor allem die Passagen über Annes sexuelle Selbsterkundung sowie die harte Kritik an ihrer Mutter, seiner Frau, schienen ihm für eine Veröffentlichung ungeeignet. Frank habe mit den entsprechenden Streichungen das Tagebuch schwer beschädigt, urteilten Kritiker später. Walid Nakschbandi hingegen - er kam als 13-jähriger Junge 1980 ohne seine Eltern nach Deutschland - versteht den Vater gut: "Der Mann hat seine ganze Familie verloren. Dass er kein hässliches Wort über seine Frau gedruckt sehen wollte, ist doch normal!"
Nakschbandis Film beruht auf der ungekürzten, neuen Ausgabe des Tagebuchs. Um seinem Projekt noch mehr Authentizität zu verschaffen, ließ der Produzent frühe Freunde Anne Franks in Israel und Amerika aufspüren. Ihre Aussagen ergänzen die Spielhandlung. Zuweilen sind diese Zeugnisse etwas tautologisch, dann erzählen sie nur das, was das Drama ohnehin beschreibt. Zwei Freundinnen allerdings berichten von kurzen Treffen mit Anne in Bergen-Belsen, von erschütternden Szenen, als sie schon krank und fast verhungert war.
Hätte Anne diesen Film überhaupt gewollt? Nakschbandi und Ley stellen eine ähnliche Frage gleich am Anfang ihres Dokudramas. Als Miep Gies, die Unterstützerin, erfährt, dass Annes Vater ihre Notizen veröffentlichen will, wendet sie ein: "Ich weiß nicht, ob das Anne recht wäre, es ist doch ihr Tagebuch." Und Otto entgegnet: "Aber es ist ein Dokument."
Die literarisch ambitionierte Anne Frank hätte dem wohl zugestimmt. Aber der Film geht noch weiter. Am Schluss zeigt er eine dokumentarische Sequenz mit Schockwirkung: Uniformierte Deutsche werfen Frauenleichen in eine Grube, die abgemagerten Körper, ihre Scham, ihre Brüste, sind im Detail sichtbar. Zwangsläufig sieht der Betrachter in diesen Frauen Anne Frank und ihre ebenfalls in Bergen-Belsen umgekommene Schwester Margot.
Doch mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es keine Bilder der toten Mädchen. Der Film benutzt nur die namenlosen Opfer zur Illustration. Heiligt der Zweck dieses Mittel?
Ist sich Walid Nakschbandi da sicher? Er schweigt.
Sendetermin: 18. Februar, 20.15 Uhr, ARD
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 8/2015
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