14.02.2015

Splitter

Im Hotelzimmer wartet Brian Wilson, 72, Kopf der Beach Boys und verantwortlich für "Pet Sounds", eines der besten Alben der Popgeschichte. Wilson ist in Berlin, weil "Love and Mercy" gezeigt wird, ein bewegender Film über sein Leben mit Paul Dano in der Rolle des jungen Wilson und John Cusack als altem Wilson. Der echte Wilson aber ist nur noch eine Ruine seiner selbst. Die meisten Fragen versteht er nicht richtig, seine Frau Melinda sitzt neben ihm und souffliert, wenn es nicht weitergeht. "Love and Mercy" erzählt, wie Brian Wilson, traumatisiert durch einen sadistischen Vater, über der Arbeit an "Smile" verrückt wird, dem geplanten Nachfolger von "Pet Sounds". Und wie seine jetzige Frau ihn später aus den Fängen eines machthungrigen Therapeuten befreit. Zehn Minuten Interview sind um, eine letzte Frage: "Ihr Leben war voller Schmerz, der Film erzählt, wie die Liebe Sie gerettet hat. Sind Sie heute ein glücklicher Mann?" "Das kann ich nicht beantworten", sagt Wilson. Er schaut seine Frau an. "Die Medikamente heutzutage sind sehr viel besser als früher", sagt Melinda.
In der Vorstellung, in der Wim Wenders vor sechs Jahren "Avatar" gesehen hat, saßen wir auch. Seitdem ist es ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er die Möglichkeiten von 3-D erkundet. Mit der geschickt komponierten Charakterstudie "Every Thing Will Be Fine" besetzt er nun das Terrain zwischen seinen Kollegen James Cameron und Jean-Luc Godard.
Der Verein "Pro Quote Regie" kämpfte auch bei der Berlinale gegen die Benachteiligung von Frauen im Regiefach. Nur elf Prozent aller deutschen Fernsehfilme werden von Frauen inszeniert, kritisiert der Verband und fordert strikte Quotenregeln bei der Auftragsvergabe. Ausnahmsweise sind aber mal nicht nur die Männer schuld: Die für die Personalauswahl verantwortlichen Fernsehspielredaktionen des ZDF, bei fast allen ARD-Sendern (einzige Ausnahme: der NDR) sowie die Degeto werden von Frauen geleitet.
Warum nur stottere ich so herum, während ich vor einer Kamera über einen toten Freund rede? Das sind Fragen, die man sich als Kulturjournalist normalerweise nicht stellen muss, im Fall von "Was heißt hier Ende?" aber doch. So heißt der Film, den Regisseur Dominik Graf über den Filmkritiker Michael Althen gedreht hat. Althen, der für die "Süddeutsche" und die "FAZ" schrieb, ist 2011 im Alter von 48 Jahren gestorben. Graf zeigt auf sehr kluge und anrührende Art, was Althen ihm bedeutet hat. Er liest aus dessen Texten, versammelt Fotografien und Videoaufnahmen aus Althens Leben und lässt Filmemacher wie Tom Tykwer und Althens Familie zu Wort kommen. Daneben berichten Freunde des Kritikers Althen, darunter auch ich. Und während man noch nachdenkt, wie verstörend und traurig es ist, als quasi dokumentarischer Zeuge in einem Film über einen toten nahen Menschen aufzutreten, erinnert Graf in seinem lässig warmherzigen Film an den Satz, mit dem sich mein Freund Althen stets am Telefon verabschiedete: "Wir bleiben in losem Kontakt!"
Von Rap Pil Mwo Höb

DER SPIEGEL 8/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Splitter